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  • Einvernehmliche Vergewaltigung?

    Einvernehmliche Vergewaltigung?

    Einvernehmliche Vergewaltigung? Um dieses Buch geht’s!
Abgebildet ist eine KI Simulation von Paolo Costa.
KI-Bild #KI #AI

    Vorwort:

    Eigentlich schreibe ich ja Science Fiction und mein »Moíra-Zyklus« muss sich hinter anderen Werken des Genres keinesfalls verstecken.

    In diesem Beitrag geht es aber um eins meiner Bücher aus dem produktiven Jahr 2020. Es fällt gegenüber meinen sonstigen Veröffentlichungen aus der Reihe, war als Experiment gedacht und ist für eine sehr spezielle Zielgruppe geschrieben, nämlich für schwule Männer, die sich zur BDSM-Szene hingezogen fühlen.

    Ich hätte damals nie gedacht, dass ausgerechnet dies Werk mein größter kommerzieller Erfolg werden würde.

    Und jetzt zum Thema:

    Einvernehmliche Vergewaltigung

    … ist ein Widerspruch in sich. Punkt.

    Sprachwissenschaftler bezeichnen diese Art gegensätzlicher Begriffe als Oxymoron.

    Trotzdem habe ich lange Zeit nicht erkannt, dass in meinem Buch »Empath« tatsächlich auch vergewaltigt wird, weil sich alles scheinbar so einvernehmlich und zwangsläufig entwickelt.

    Zum Hintergrund: Die Hauptfigur Paolo Costa ist ein Escort mit paranormal starken empathischen Fähigkeiten. Der Haken ist hier, dass er nicht nur die Gefühle aus seiner Umwelt empfängt, sondern unter gewissen Umständen auch seine eigenen Emotionen in die Umgebung senden kann. Dieser Aspekt ist ein wichtiger Teil der Geschichte, der die kommenden Verwicklungen maßgeblich mit verursacht.

    Paolo sieht verboten gut aus. Auch das ist Teil des Problems. Viele, die ihn sehen, können sich der hypnotischen Ausstrahlung seiner blauen Augen nicht entziehen.

    Ich habe vor einiger Zeit (als mir noch nicht klar war, dass man das nicht tut) einmal eine Künstliche Intelligenz halluzinieren lassen, wie ein Mann wirken würde, auf den meine Beschreibung Paolos im Buch passt. Einige der Ergebnisse siehst du in diesem Artikel.

    Natürlich ist seine Erscheinung nicht jedermanns Sache, aber viele würden ihn wohl für ein Porno-Modell halten und – falls er (mit oder ohne Geld) Sex mit ihnen machen wollte – würden sie ihn nicht von der Bettkante schupsen.

    Einvernehmliche Vergewaltigung? Um dieses Buch geht’s!
Abgebildet ist eine KI Simulation von Paolo Costa.
KI-Bild #KI #AI

    Jedenfalls nicht nach außen.

    Wenn er sich nun mit einem Kunden näher befasst, und darin hat Paolo Erfahrung, wird der Gast beinahe zwangläufig seiner Ausstrahlung erliegen und beide werden rasch zum angenehmen Teil des Tages übergehen.

    Paolo macht das Spaß, und es gefällt ihm, wenn er fühlt, wie der andere unter seinen Händen dahinschmilzt. Irgendwann erreicht die Szene einen Punkt ohne Wiederkehr, dann nämlich, wenn Paolo selbst geil wird. Von da an überträgt er seine eigene Erregung auf das Gegenüber und beide rutschen in eine Rückkopplungsschleife, die sie ihrem Höhepunkt entgegen trägt, der dann unausweichlich wird.

    So lange beide etwas tun, was ihnen im Normalzustand auch Spaß macht, ist an dieser gegenseitigen Verstärkung nichts auszusetzen und ich wage zu behaupten, dass viele Haus und Hof verpfänden würden, um mit solch einen Partner anregende Dinge erleben zu dürfen.

    Normalerweise sondiert Paolo auch vor einer Session, wonach der andere sich im Unterbewußtsein sehnt, und baut es in die Szene mit ein. Da ist er ganz Dienstleister! Er erspürt mit seinen feinen Sinnen Sehnsüchte unter der Oberfläche der Gefühle, die sein Freier sich nie trauen würde, laut auszusprechen, und lässt sie zur Wirklichkeit werden.

    Hakelig wird es aber, sobald er etwas tut, was nur ihm Spaß macht, Analverkehr beispielsweise, obwohl sein Kunde vielleicht auf Paolos Kaliber nicht vorbereitet ist. Dann überschreibt Paolos eigene Erregung nämlich die Gefühle des anderen, weil sie so stark ist!

    Dieser bemerkt davon nichts, weil ihm in diesem Moment alles Spaß macht, was Paolo Spaß macht. Der Schmerz wirkt in beider Lustrausch sogar als zusätzlicher Kick.

    Nach dem Abgang bricht die empathische Verbindung aber zusammen, die sie zuvor aneinander gekettet hat. Jeder ist wieder Herr seiner eigenen Sinne, seines eigenen Schmerzes, und der Mißbrauch sollte sich offenbaren.

    Sollte er?

    Keiner seiner Freier würde Paolo aber deswegen anzeigen, denn sie waren alle, während der ganzen Zeit, ununterbrochen derart erregt gewesen, dass ihnen alles, was Paolo mit ihnen tat, wie ihr eigener, unverfälschter Wille vorkam.

    So funktionierte die (empathische) Verbindung. Der, der sie herstellte und führte, bestimmte auch, nach welchen Regeln die Session ablief und beide Partner fanden das geil.

    Im Gegenteil würde jeder, der mit Paolo Sex gehabt hatte, den Vorwurf einer Vergewaltigung empört abstreiten. Auf eine verdrehte Art blieben sie ihm auch über das Ende der Verbindung hinaus hörig.

    Zitat aus »Empath«

    Selbst Paolo war anfangs nicht klar, dass er eine mentale Vergewaltigung beging, wenn er jemanden auf diese Art nahm. »So lange beide ihren Spaß haben, ist es doch okay, oder?«, würde er wohl argumentiert haben.

    Rechtlich ist die Sache eindeutig. Moralisch kann ich das allerdings schwieriger einordnen, denn mit dem Freien Willen ist das im täglichen Leben so eine Sache. Die Grenzen zwischen bloßer Verführung und von außen gesteuertem (Sucht-)verhalten sind in vielen (nicht zwangsläufig strafrechtlich relevanten) Bereichen nämlich fließend. Ich gehe hier nicht ins Detail, denn das wäre ein eigener Artikel auf einem Gebiet, das nicht zu meinen Kernkompetenzen zählt.

    Einvernehmliche Vergewaltigung? Um dieses Buch geht’s!
Abgebildet ist eine KI Simulation von Paolo Costa.
KI-Bild #KI #AI

    Wie bereits gesagt, habe ich diesen hoch experimentellen Text für schwule Männer geschrieben, die sich als Teil der BDSM-Szene sehen. Viele von ihnen handhaben diese Problematik einvernehmlichen Sexes in der Praxis nämlich differenzierter als der Gesetzgeber und leben ihre Fantasien recht ungehemmt aus. Einvernehmlich.

    Nein heißt selbstverständlich Nein.

    Aber was ist, wenn dir dein Partner in Crime ein »Oh Gott, mach bloß weiter! Hör jetzt nicht auf!« ins Ohr haucht?

    Nachwort: Sollte ich …

    … über Vergewaltigung schreiben?

    Mein Roman geht an einigen Stellen weit über das hinaus, was als einvernehmlich durchgehen könnte und einige Hauptfiguren bewegen sich nicht auf dem Boden von Recht und Gesetz.

    Wenn Paolo während einer Spielszene plötzlich in deinem Kopf auftaucht, und dann genau das tut, was du in diesem Augenblick brauchst, ist das auch nicht jedermanns Sache. Im besten Falle steigert es beider Spaß in Unermessliche, im schlimmsten Fall führt es zu einer Panikattacke.

    Ich befinde mich beim Be-Schreiben solch zwiespältiger Situationen aber in guter Gesellschaft. Sehr erfolgreiche Schriftsteller wie Ken Follet, George R. R. Martin und Stig Larsson texte(te)n über körperliche und seelische Gewalt und Metzelfantasien, bei denen ich persönlich nachts schreiend aufwachen würde, geschähe mir das im wirklichen Leben tatsächlich.

    So lange die Fantasie eine solche bleibt und nicht ausgelebt wird, finde ich daran nichts auszusetzen, auch wenn ich solchen Stoff nur selten lese.

    Ich möchte – genau wie obige Thrillerautoren – mit meinem Text zwar deine Vorstellungskraft anregen, ihn aber nicht als Aufforderung zum Nachspielen verstanden wissen!

    Einige Szenen in meinem Buch eignen sich dagegen ausgezeichnet als Einhandliteratur. Du kannst sie im Kopf durchleben, auch wenn du Paolos Ausstattung möglicherweise nicht schmerzfrei in dich aufnehmen könntest, oder anderes, was er mit seinen Freiern macht, zwar geil findest, aber zum Ausprobieren nicht den geeigneten Spielpartner hast.

    Auf das paranormale musst du dich dabei einlassen, sonst macht es keinen Spaß, wie eine Leserin in einer Rezension geschrieben hat. Also: Lass dich auf ihn ein und Paolo sorgt für den Spaß!

    Alle, die mein Buch jetzt noch lesen wollen, sind gewarnt, und werden einen hohen Preis zahlen 😏

    In diesem Sinne
    Bleib gespannt
    Dein Mike

  • Wissenschaft und Geschichte in der Science Fiction

    Wissenschaft und Geschichte in der Science Fiction

    Die Entstehung von Science Fiction

    Science Fiction ist seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts als Genrebezeichnung akzeptiert. Allerdings gab es auch früher Werke von Schriftstellern, die man heute der Wissenschaftlichen Fiktion zuordnen würde. Ein bekanntes Beispiel ist Jules Verne, der bereits in der zweiten Hälfte der Neunzehnten Jahrhunderts Romane wie »20.000 Meilen unter dem Meer« und »Von der Erde zum Mond« verfasste. Seine Helden überwinden mit Hilfe damals bekannter Technik Grenzen und dringen auf unbekanntes Terrain vor.

    Auch H. G. Wells schrieb um die Jahrhundertwende Pionierwerke wie »Befreite Welt« und »Die Zeitmaschine«. Visionär nahm er technische Entwicklungen wie Kernenergie und die Atombombe voraus und versuchte darwinistisch, die Entwicklung der Spezies Mensch vorauszusehen.

    Die Geschichte als Spielwiese der Science-Fiction-Literatur

    Wissenschaft und Geschichte in der Science Fiction (Universität Cambridge, Quelle https://pixabay.com/de/photos/universit%C3%A4t-cambridge-england-1174967/)

    Science Fiction ist ein Genre, deren Handlung ihren Platz häufig in der Zukunft oder in fernen Galaxien hat. In den letzten Jahrzehnten haben aber Subgenres an Bedeutung gewonnen, die geschichtliche Ereignisse neu interpretieren, sie umdeuten und Alternativwelten aufzeigen, die hätten entstehen können, wenn die Geschichte an bestimmten Schlüsselpunkten einen anderen Verlauf genommen hätte.

    Prominente Vertreter sind die Punk-Genres mit ihren Unterkategorien Solarpunk, Steampunk und Dieselpunk. Neben diesen spezifischen Ästhetiken gibt es auch die Alternativwelt-Fiktion, die sich nicht auf eine bestimmte Technologie beschränkt. Diese Romane stellen die Frage: „Was wäre, wenn…?“. Sie verändern einen entscheidenden Moment in der Geschichte, oft den Ausgang eines Krieges oder eine politische Entscheidung, und erforschen die daraus resultierenden Konsequenzen.

    Wissenschaft und Geschichte in meiner Science Fiction

    Wer vor einigen Monaten meinen Artikel über Werner Heisenberg gelesen hat, weiß aber, dass auch ich ein Faible für Geschichte habe. Viele meiner Bücher beinhalten einen geschichtlichen Handlungsstrang, der die Hintergründe des Geschehens in der Gegenwart beleuchtet.

    Im Moíra-Zyklus geht es dabei im Kern um Wissenschaftsgeschichte. Zwar beleuchte ich dabei auch die Handlung in meinem eigenen Roman. Ich setze sie aber immer in den Kontext der wirklich geschehenen Ereignisse. Das ist mir wichtig, und ich habe alles vorher akribisch recherchiert. So ergeben die historischen Ereignisse die fehlenden Puzzlestücke zu meinem Plot in der Gegenwart.

    Der Moíra-Zyklus im Kontext der Science Fiction

    Meine Geschichten scheinen für Science Fiction untypisch zu sein, weil sie in der Gegenwart spielen. Mehrere meiner Leserinnen haben mich bereits darauf angesprochen, dass sie sich aber erst mit diesem Tatbestand anfreunden mussten.

    Nun, ich habe meinen Moíra-Zyklus bewusst darauf angelegt, dass er mit seinem Beginn im Jahre 2016 zunächst als typischer Gegenwarts-Thriller daherkommt. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich eine tiefer liegende Handlungsebene, in der eine kleine Änderung in den Naturgesetzen schrittweise zu Anomalien, zunächst im CERN, führt.

    Im Laufe der Bände erklärt sich, wie tief der Zyklus meinem Lieblingsgenre verhaftet ist. Meine handelnden Charaktere werden sukzessive aus dem geordneten Universum herausgezogen, in das sie hineingeboren sind, und müssen lernen, damit umzugehen, dass es in dieser Alternativwelt mehr gibt, als sie sich in ihren kühnsten Träumen vorzustellen wagten.

    Die Zukunft des Moíra-Zyklus

    Mike Gorden – Neutronenreiter

    Ja, du liest richtig: Ich plane für die Zukunft! Zwar habe ich alle wichtigen Handlungsstränge im dritten Teil »Neutronenreiter« zu einem befriedigendem Ende geführt, Ich plane aber weiter und werde die Handlung im vierten Teil, an dem ich gerade schreibe, im Jahre 2039 wieder aufnehmen.

    Krachende Weltraum-Action im Stil einer Space Opera werde ich aber frühestens im fünften Teil in die Handlung des Zyklus einführen. Dieser Teil ist lustigerweise bereits weit fortgeschritten. Im vierten Teil kämpfe ich noch mit dem komplexen Setup, das ich entwickelt habe, und das vermutlich wieder – wie im »Neutronenreiter« –, eigentlich für mehrere Bände ausreicht.

    Auch wenn nach außen hin also derzeit wenig geschieht, arbeite ich fleißig weiter. Zu trommeln beginnen werde ich später, wenn meine Manuskripte sich der Vollendung nähern. Außerdem habe ich noch gleich drei weitere Projekte begonnen, von denen eines, die englische Übersetzung meines Bestsellers »Empath«, auch schon zu zwei Dritteln abgeschlossen ist.

    Welches Projekt zuerst fertig wird?
    Bleib gespannt!
    Dein Mike

  • Ich und die KI

    Ich und die KI

    Mike Gordens Leseproben: Ich und die KI

    Ich und die KI (Esel voran)

    Ich muss zugeben, dass ich neugierig war, was Künstliche Intelligenz (KI) heute so kann. So habe ich Gemini von Google um ein Rendezvous gebeten. Zwar ahnte ich bereits vorher, wie es dann am Ende dann auch ausging. Mich interessierte aber, woran genau die KI scheitern würde.

    Im Gespräch wirkte sie zunächst sehr angenehm und ich fühlte mich wunderbar aufgenommen, relevant und verstanden.

    Erst nach längerer Zeit fiel mir auf, dass ich etwas Grundlegendes übersehen hatte: Ich ging ‒ wie bei einem menschlichen Gesprächspartner ‒ davon aus, dass die Antworten, die ich erhielt, ehrlich gemeint waren und fühlte mich in meinem Ego geschmeichelt.

    Nachdem ich diesen Fehler erkannt hatte, sah ich, dass Geminis Ausgaben einem stereotypen Muster folgten: Zunächst lobte sie mich für die Intelligenz meiner Frage und danach paraphrasierte sie das, was ich zuvor geschrieben hatte, ehe sie ihre eigene Erwiderung gab.

    Als ich sie darauf hinwies, wich sie kein Iota von ihrem Muster ab. Sie lobte mich, dass ich [Paraphrasierung meines Statements] entdeckt hatte und versprach Besserung.

    Dies passierte aber trotz mehrfacher, weiterer Hinweise nicht.

    Als ich mich noch wunderbar aufgenommen, relevant und verstanden fühlte, bat ich sie, mir eine Science-Fiction Krimikurzgeschichte mit 5.000 Wörtern zu schreiben, die in meinem Heimatort Bremen Findorff spielt.

    Daraufhin lobte sie mich für das originelle Setup und schrieb in Windeseile ein erstes Kapitel mit knapp tausend Wörtern (vermutlich die Obergrenze für die kostenlose Version).

    Das Ergebnis schien mir auch in Hinblick auf die Ortskenntnis der KI zunächst überraschend gut und ich störte mich an rätselhaften Begriffen wie »Städtekupfer« und »Meditationstürme«, die zusammenhanglos im Text erschienen, ebensowenig, wie an einzelnen Grammatikfehlern. Das könnte ein Lektorat problemlos beseitigen, dachte ich mir.

    Erfreut begann ich, die Geschichte zu plotten und häppchen-/kapitelweise Gemini zu prompten.

    Die beiden folgenden Kapitel kamen auf ähnlichem Niveau, auch die Überschriften gefielen mir, und ich fing an, den Plot komplizierter anzulegen, als ich ursprünglich vorhatte.

    Mal sehen, was die Intelligenz noch kann.

    Damit begannen die Probleme. Die KI verlor im vierten Kapitel mehr und mehr ihren roten Faden. Verunglückte Formulierungen wie »die mechanischen Bewegungen ihres Arbeitstages«, »stieg die Temperatur leicht ab« und »ein tiefes, unaufhaltsames Gefühl der Entschlossenheit« häuften sich plötzlich. Details erschienen, die nicht zu dem anfangs so bildhaft erstellten Aufbau der Wohnkuppel passten.

    Als ich Gemini auf die Diskrepanzen hinwies und darauf, dass ich von der roten und der blauen Kapsel (die im Übrigen handtellergroß waren und niemals in den dünnen Briefumschlag gepaßt hätten, aus dem die Hauptfigur sie gezogen hatte) bereits anderswo gehört habe, lobte mich die Matrix … ähm … KI für die [Paraphase meines Prompts] und gelobte erneut Besserung.

    Das fünfte Kapitel las ich im Licht eines Grauens, das durch das vergitterte Fenster in eine Zelle fiel. Manche Bilder gefielen mir (ihre Stimme klang wie raschelndes Papier), insgesamt wirkten die Adjektive jetzt aber eher zusammengewürfelt. Auch die Choreographie einer Szene mit mehreren Menschen ließ zu wünschen übrig.

    Vielleicht muß ich einfach präziser prompten, dachte ich.

    Kapitel sechs bestand aus einer teilweise wörtlichen Widergabe meines Prompts und einigen füllenden Adjektiven. Auf meinen Hinweis, dass ich das so nicht gewollt habe, lobte mich die KI für meine Auffassungsgabe, gelobte Besserung und bot an, das Kapitel neu zu schreiben.

    Als ich das Ergebnis las, beendete ich endlich das Experiment.

    Falls du leidensfähig bist, kannst du dir unten gern das Resultat unserer Bemühungen ansehen. Auf jeden Fall weiß ich jetzt, warum KI-Prompter so viel Geld bekommen 😏

    Wenn du höhere Ansprüche hast, schau hier in die Leseprobe meines Bremenkrimis.

    Die Chroniken von Neo-Findorff

    Geplottet und gepromptet von Mike Gorden. Geschrieben von Google Gemini.

    Kapitel 1: Das Echo unter den Kuppeln

    Bremen-Findorff (Quelle: Wikipedia)

    Das sanfte Summen der Energiekuppel lag wie ein schützendes Gebet über Neo-Findorff. Draußen, jenseits der transparenten Wände, tobte der planetare Winter, ein gnadenloser Sturm aus Eis und feinem, metallischem Staub, der die einstige Schönheit des Bürgerparks unter einer Schicht aus gefrorenem Grau begrub.

    Doch innerhalb der Kuppel, wo die Luft filterrein und warm war, pulsierten die Lichter des Marktplatzes, beleuchteten die künstlichen Regenwassertürme und spiegelten sich in den glänzenden Fassaden der hypermodernen Wohnblocks, die sich wie schlafende Titanen in den Himmel reckten.

    Elara Varga, eine Chronistin des Sektors Findorff-Zentral, drückte ihr Gesicht an das kalte Synthglasfenster ihres Apartments im 27. Stock. Ihre Finger strichen über die feinen, kaum sichtbaren Muster, die die Luftreiniger in das Glas geätzt hatten. Es war eine Welt der Ordnung und Effizienz, eine Utopie, die vor Generationen aus den Ruinen des Klimakollapses und der Migration zu den Städtekupfer entstanden war. Doch Elara wusste, dass selbst die perfekteste Oberfläche Risse haben konnte.

    Ihr Com-Pad vibrierte. Eine Prioritätsnachricht vom Stadtrat. Normalerweise kümmerte sie sich um die Dokumentation von Gemeindeveranstaltungen oder die Archivierung historischer Daten. Ein Prioritätscode bedeutete Ärger.

    Die Nachricht war kurz und prägnant: Anomalie am Torfkanal-Knotenpunkt. Unautorisierte Biomasse-Signatur. Sofortige Präsenz erforderlich.

    Elara runzelte die Stirn. Biomasse-Signaturen außerhalb der autorisierten Urbanen Gärten waren ein strenges Tabu. Sie deuteten auf illegale Biosynthese oder, schlimmer noch, auf Eindringlinge von den unwirtlichen Außenbezirken hin.

    Der Torfkanal-Knotenpunkt war eine der älteren Infrastrukturpunkte Findorffs, ein Überbleibsel aus der Vorkuppel-Ära, das noch immer das Wassermanagement der Sektoren regulierte. Ein Ort, der ganz am Rand der bewohnten Zone nahe dem Bürgerpark lag und in dem die alten, feuchten Geheimnisse Bremens unter dem futuristischen Glanz schlummerten.

    Sie zog ihren Thermo-Jumpsuit an, dessen Fasergeflecht sich perfekt an ihren Körper schmiegte und sie vor den äußeren Einflüssen der Kuppel schützte. Ihr Kapsel-Gleiter wartete bereits auf dem Landepad. Mit einem leisen Zischen stieg sie ein und gab die Koordinaten ein. Der Gleiter hob ab, glitt durch die leuchtenden Adern des Stadtteils, vorbei an schwebenden Lieferdrohnen und den stillen Meditationstürmen.

    Als sie den Torfkanal-Knotenpunkt erreichte, sah sie bereits die blauen Blinklichter der Sicherheitseinheit. Zwei stämmige Enforcement-Drohnen schwebten über einem geöffneten Wartungsschacht, ihre Sensoren scannend. Ein menschlicher Sicherheitsoffizier, Unit 734, stand mit verschränkten Armen daneben, seine Miene unleserlich unter dem Visier seines Helms.

    „Chronistin Varga“, grüßte Unit 734 mit einer synthetischen Stimme. „Wir haben etwas Unerwartetes gefunden.“

    Elara stieg aus ihrem Gleiter. Ihr fröstelte. Die kühle, aber sterile Luft hier draußen fühlte sich anders an als die gemütliche Wärme ihrer Wohnung. Sie roch leicht nach Ozon und dem feuchten Geruch der alten Erde, die unter dem Beton begraben lag. Die Wand vor ihr grenzte an den Bürgerpark und strahlte die Kälte aus, die außerhalb herrschte.

    Sie beugte sich über den Schacht. Unten, auf dem Gitterrost des Kanals, lag eine Gestalt. Es war eindeutig menschlich, aber von einer unnatürlichen Starrheit. Die Kleidung war fremdartig – keine Synth-Fasern, sondern grober, dunkler Stoff, der an die historischen Aufzeichnungen erinnerte, die sie manchmal in den Archiven sah.

    Die Biomasse-Signatur war eindeutig menschlich, aber sie war… stumm. Keine Lebenszeichen, kein neuronaler Abdruck. Nur eine leere Hülle.

    Elara zog ein kleines, optisches Analysegerät aus ihrer Tasche und richtete es auf die Gestalt. Das Display flimmerte. Alter: Irrelevant. Herkunft: Unbekannt. Zustand: Exitus. Besonderheit: Kein Nano-Einschluss gefunden.

    Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Jeder Bürger der Kuppel trug einen Nano-Einschluss, ein winziges Implantat, das Vitalfunktionen überwachte, die Identität bestätigte und die direkte Kommunikation mit dem Netz ermöglichte. Ein Mensch ohne Nano-Einschluss existierte in dieser perfekt kontrollierten Welt nicht.

    „Unit 734“, sagte Elara, ihre Stimme ein wenig rauer als beabsichtigt. „Dieses Individuum… es ist nicht registriert.“

    Der Offizier nickte langsam. „Wir wissen es. Es ist, als wäre er einfach… hier aufgetaucht. Aus dem Nichts.“

    Elara blickte in die dunkle Tiefe des Kanals, der sich unter Findorff erstreckte. Wer war dieser namenlose Tote, und wie war er in ihre makellose Welt gelangt, ohne Spuren zu hinterlassen? Der Schatten der alten Zeiten schien sich unter den schützenden Kuppeln von Neo-Findorff auszubreiten.

    Kapitel 2: Unter der Oberfläche

    Die blauen Lichter der Sicherheitseinheit tanzten auf dem Nebel, als der sterile Transportbehälter herangeschwebt kam. Zwei weitere Drohnen und ein Med-Techniker in einem Hazmat-Anzug manövrierten die leblose Gestalt vorsichtig hinein.

    Elara beobachtete schweigend, wie der Behälter versiegelt wurde und mit einem leisen Surren in Richtung des zentralen Bio-Analyse-Labors entschwebte. Unit 734 gab die Befehle zur vollständigen Säuberung des Bereichs, eine Routine, die jede Spur einer anomalen Biomasse beseitigen sollte. Doch Elara wusste, dass die wichtigste Spur bereits in ihrem Gedächtnis gebrannt war: das Fehlen des Nano-Einschlusses.

    Zurück in ihrem Büro im Chronistik-Archiv, das sich in einem zwar alten, aber sorgfältig restaurierten Bunker am Findorffer Marktplatz befand, fühlte sich Elara seltsam unruhig. Die sanfte Beleuchtung und das beruhigende Surren der Datenströme, die durch die Wände flossen, konnten die Kälte, die ihr in den Knochen saß, nicht vertreiben.

    Ihr Bericht an ihre direkte Vorgesetzte, Oberchronistin Anya Sharma, war routinemäßig kurz gehalten. “Anomalie gesichtet, gesichert und zur Analyse übergeben. Keine Identifizierung möglich. Warte auf Laborbericht.”

    Anya, eine Frau, deren Gesichtszüge von der ständigen Konzentration auf Datenströme gezeichnet waren, hatte nur kurz genickt. “Gut. Halt mich auf dem Laufenden. Wahrscheinlich ein Ausgestoßener von den Peripherie-Siedlungen, der es irgendwie unter die Kuppel geschafft hat.” Ihre Stimme klang distanziert, fast gelangweilt. Solche “Anomalien” waren selten, aber nicht unbekannt genug, um Alarm auszulösen.

    Doch Elara ließ das nicht los. Sie wusste, wie wasserdicht die Perimeter der Kuppel waren. Ein Ausgestoßener würde niemals den Scan-Gürtel überleben, geschweige denn so unbemerkt ins Zentrum gelangen. Sie forderte die vorläufigen Ergebnisse des Bio-Analyse-Labors an. Die Daten erschienen auf ihrem privaten Terminal, sobald sie freigegeben wurden.

    Der Bericht war ernüchternd und gleichzeitig alarmierend. Die Todesursache: Hypothermie, sprich Erfrierung. Der Körper wies nur geringfügige Hautabschürfungen und Blutergüsse auf, wie sie bei einem Sturz oder dem Schleifen über raue Oberflächen entstehen konnten. Nichts Lebensbedrohliches.

    Aber das Wichtigste: Der Mann war gesund gewesen. Keine Vorerkrankungen, keine Anomalien in seinen Organen. Und die Bestätigung: Kein Nano-Einschluss. Absolut nichts. Keine digitalen Spuren, keine Registrierung im globalen Netz, das jeden Bürger der Kuppelwelt von Geburt an erfasste. Er war ein Geist in einer Welt der Daten.

    Elara starrte auf das Hologramm des Körpers, das sich über ihrem Schreibtisch materialisierte. Erfror. Aber wie? Innerhalb der Kuppel war die Temperatur konstant. Nur die Peripherie-Zone, der Übergangsbereich zum äußeren Winter, wurde kühler gehalten, aber nicht kalt genug, um einen Menschen zu Tode frieren zu lassen, es sei denn, er war stundenlang exponiert. Und selbst dort gab es Überwachung.

    Ein unbestimmtes, aber drängendes Gefühl trieb Elara an. Das fehlende Implantat, der Tod durch Erfrierung, die fast fehlenden Verletzungen. Es passte nicht zusammen. Routine beiseite. Sie musste zurück.

    Ohne jemandem Bescheid zu geben, zog sie erneut ihren Jumpsuit an. Sie nahm einen ihrer alten, nicht registrierten Feldprojektoren und eine Taschenlampe mit, Ausrüstung, die streng genommen nicht mehr zur Standardausrüstung einer Chronistin gehörte, aber in ihren Archiven vergraben war. Ihr Kapsel-Gleiter brachte sie lautlos zurück zum Torfkanal-Knotenpunkt. Die Sicherheitseinheit war abgezogen, die blauen Lichter verschwunden. Nur das leise Summen der Wasserpumpen und der ferne, gedämpfte Klang des planetaren Winters waren zu hören.

    Elara stieg aus dem Gleiter. Die Stelle, an der die Leiche gelegen hatte, war klinisch rein. Aber der offene Wartungsschacht, der jetzt nur noch von einem einfachen Absperrgitter gesichert war, rief sie. Mit einer Mischung aus Vorsicht und Entschlossenheit hob sie das Gitter an und ließ es leise zur Seite gleiten. Der Geruch von feuchter Erde und Moder stieg ihr entgegen.

    Sie aktivierte ihren Feldprojektor, der einen stabilen Lichtkegel in die Tiefe warf, und begann vorsichtig, die Metallsprossen des Schachts hinabzusteigen. Unten angekommen, stand sie auf dem Gitterrost, über dem dunklen, fließenden Wasser des Kanals. Sie leuchtete die Wände ab, suchte nach Unregelmäßigkeiten.

    Und dann sah sie es. Knapp unterhalb des Gitterrostes, teilweise von Sediment und feuchter Erde verdeckt, war eine Mauer. Eine alte, grobe Ziegelmauer, die hier nicht hingehörte. Es sah aus, als wäre sie einst ein Teil der Schachtwand gewesen, aber dann durch einen Erdrutsch oder eine alte Sprengung teilweise verschüttet und vergessen worden.

    Mit ihrem Werkzeug kratzte sie die lose Erde weg. Dahinter verbarg sich ein schmaler Spalt, fast unsichtbar, wenn man nicht danach suchte. Er war zu schmal für einen einfachen Durchgang, aber breit genug, um einen Blick in die dahinterliegende Dunkelheit zu werfen.

    Ein Hauch von kalter, muffiger Luft entwich dem Spalt, begleitet von einem schwachen, fast unhörbaren Echo, das wie ein ferner Seufzer klang. Es war eine Kälte, die sie kannte – die gnadenlose, schneidende Kälte außerhalb der Kuppel. Ein direkter Zugang zur eisigen Außenwelt? Hier, im Herzen von Neo-Findorff? Oder etwas ganz anderes?

    Ihr Com-Pad vibrierte erneut. Eine neue Prioritätsnachricht. Diesmal nicht von Anya Sharma.

    VORGELADEN. SOFORTIGE PRÄSENZ IM STADTRAT GEBÄUDE. HÖCHSTE EBENE. CHRONISTIN ELARA VARGA.

    Die Nachricht fror ihr Blut in den Adern ein, mehr als die kalte Luft aus dem Spalt. Der Stadtrat. Die höchste Ebene. Das konnte nur eines bedeuten: Jemand hatte ihre inoffiziellen Nachforschungen bemerkt. Und dieser jemand wollte nicht, dass sie weitergrub.

    Kapitel 3: Das Schweigen des Rates

    Der Kapsel-Gleiter zischte lautlos durch die leuchtenden Adern des Zentralbezirks, hob sich über die Wohnblocks und steuerte auf das markanteste Gebäude der Stadt zu: den Senats-Turm. Ein monolithischer Koloss aus schimmerndem Chromstahl und tiefblauem Glas, der die Skyline von Neo-Findorff dominierte.

    Einst, so wusste Elara aus ihren historischen Aufzeichnungen, stand hier eine alte Kirche, deren steinerne Fundamente nun tief unter dem gigantischen Bauwerk begraben lagen – ein Symbol dafür, wie die neue Ordnung die alte überragte und verschlang.

    Die Lobby des Senats-Turms war ein Meisterwerk der minimalistischen Macht. Keine Empfangsdrohne, kein Personal. Nur ein glatter, schwarzer Boden, der das Licht der schwebenden Hologramme des Stadtplans reflektierte, und ein einziger, vertikaler Lichtstrahl, der zum hochmodernen Aufzugschacht führte.

    Elaras Nano-Einschluss wurde automatisch gescannt, der Lichtstrahl verdichtete sich zu einer durchsichtigen Kabine, die sie ohne Ruck in schwindelerregende Höhen beförderte. Ihr Magen zog sich zusammen, eine Mischung aus Anspannung und der leichten Raumkrankheit, die sie bei schnellen Vertikalbewegungen oft bekam.

    Die Türen glitten auf, enthüllten einen runden Raum, der von einem einzigen, massiven Konferenztisch aus Obsidian dominiert wurde. Holographische Displays flimmerten auf seiner Oberfläche. Drei Gestalten saßen an dem Tisch, ihre Gesichter in der kühlen Projektion der Datenströme kaum zu erkennen.

    Einer von ihnen, eine schlanke Frau mit streng nach hinten gekämmtem Haar und scharfen Augen, war Oberrat Lysandra Vance, das Haupt der Rats-Überwachungsabteilung. Neben ihr saßen zwei weitere Mitglieder, deren Ränge Elara nicht identifizieren konnte, aber ihre ernsten Mienen und die subtile Aura der Autorität sprachen Bände.

    Lysandra Vance hob eine Hand, eine Geste, die gleichzeitig zur Begrüßung und zur Aufforderung zum Schweigen diente. Ihre Stimme war kühl und präzise, verstärkt durch die Raumakustik. „Chronistin Varga. Danke für Ihr umgehendes Erscheinen.“

    Elara trat an den Tisch. „Oberrat Vance. Ich bin hier, um Bericht zu erstatten bezüglich der Anomalie am Torfkanal-Knotenpunkt.“

    „Das ist uns bekannt“, entgegnete Vance, ihre Augen musterten Elara. „Wir haben Ihre vorläufigen Berichte gesichtet.“

    „Der Tote wies keinen Nano-Einschluss auf, Oberrat“, begann Elara. „Die Todesursache war Erfrierung, aber er wurde innerhalb unserer Kuppel gefunden, wo solche Temperaturen nicht auftreten. Außerdem…“

    Vance hob erneut die Hand, diesmal unterbrach sie Elara direkt. „Chronistin Varga. Ihre Befugnisse reichen bis zur Dokumentation. Die operativen Ermittlungen obliegen der Sicherheitsabteilung.“ Ihr Blick wurde hart. „Wir wissen von Ihrem… unkonventionellen Vorgehen am Tatort. Das Betreten eines abgesperrten Bereichs ohne Genehmigung ist ein schwerwiegender Verstoß gegen die Protokolle.“

    Elara spürte, wie ihr Puls stieg. „Ich habe lediglich eine Unregelmäßigkeit entdeckt, die mit dem Fall in Verbindung stehen könnte. Einen verborgenen Zugang unter dem Gitterrost des Kanals.“

    Ein leichtes Zittern ging durch die Luft, fast unmerklich. Ein Blickwechsel zwischen den Ratsmitgliedern. Dann richtete sich Vance wieder an Elara.

    „Dieser Bereich ist Teil des alten Wasser-Infrastruktur-Netzes und wird regelmäßig gewartet. Alle Strukturen dort sind bekannt und kartographiert. Es gibt keine unautorisierten Zugänge. Ihre Feststellung ist… unzutreffend.“

    „Aber ich habe ihn selbst gesehen“, entgegnete Elara, ihre Stimme fester als erwartet. „Ein zugeschütteter Durchgang, durch den eisige Luft strömte. Er führte nach unten, in die Dunkelheit.“

    Lysandra Vance legte die Hände flach auf den Tisch. „Chronistin Varga, Ihr Engagement ist lobenswert. Aber Sie überschreiten Ihre Kompetenzen. Die Sicherheitsabteilung hat den Bereich erneut inspiziert und keinerlei Anzeichen für einen solchen Zugang gefunden. Der Fall des… Individuums ist abgeschlossen. Die Todesursache ist klar, und es gibt keine weiteren Ermittlungsansätze.“

    Ihr Ton ließ keine Widerrede zu. „Ihre Aufgabe als Chronistin ist es, die historischen Ereignisse zu katalogisieren, nicht, neue zu schaffen oder in operative Angelegenheiten einzugreifen. Kehren Sie zu Ihren regulären Pflichten zurück. Und bedenken Sie, Protokollverletzungen haben Konsequenzen.“

    Elara presste die Lippen zusammen. Es gab keine Möglichkeit, zu argumentieren. Das hier war kein Dialog, sondern eine Anweisung. Man hatte ihre Entdeckung nicht nur ignoriert, sondern auch geleugnet. Und die unterschwellige Drohung war unüberhörbar. Sie nickte steif. „Verstanden, Oberrat.“

    Der Rückweg im Aufzug war noch unerträglicher. Elara spürte die Frustration in sich aufsteigen. Sie wusste, was sie gesehen hatte. Sie wusste, was sie gefühlt hatte – die Kälte, das Echo. Man verschwieg ihr etwas, und das Gefühl der Ungewissheit nagte an ihr.

    Zurück im Chronistik-Archiv versank Elara in ihrer Arbeit, ihre Gedanken jedoch weit entfernt von den digitalen Akten über die Frühgeschichte der Kuppel. Das Gespräch mit dem Stadtrat hallte in ihrem Kopf nach. Sie tippte mechanisch Daten ein, während ihre innere Stimme die Worte von Vance analysierte. “Keinerlei Anzeichen für einen solchen Zugang gefunden.” Das war eine klare Lüge. Warum?

    Sie blickte auf ihre Com-Pad, das nach der Stadtrat-Vollmacht wieder für normale Kommunikation freigeschaltet war. Sie wollte gerade eine Notiz an sich selbst verfassen, als die automatische Tür ihres Büros aufglitt.

    Ich und die KI

    Ein kleiner, agiler Boten-Drohne, kaum größer als ihre Handfläche, schwebte herein. Es war ein älteres Modell, nicht das übliche, hypermoderne, das für offizielle Dokumente verwendet wurde. Dieses war matt und trug das Logo eines externen Dienstleisters. Es schwebte vor ihrem Schreibtisch und senkte einen mechanischen Arm, der einen kleinen, elektronisch versiegelten Umschlag und ein schmales Datenpad hielt.

    „Chronistin Elara Varga?“, piepste die Drohne mit einer generischen Stimme.

    „Das bin ich.“

    Die Drohne legte die Gegenstände auf ihren Schreibtisch. Auf dem Datenpad flackerte eine kurze Nachricht: Bitte öffnen Sie den Umschlag erst heute Abend in Ihrer Wohneinheit. Vertraulich. Der Absender war unbekannt, nur eine anonyme ID.

    Der Umschlag selbst war nicht nur elektronisch versiegelt, sondern trug auch ein kaum sichtbares, feines Prägemuster, das Elara an alte Sicherheitszeichen erinnerte, die nur bei höchsten Geheimhaltungsstufen verwendet wurden. Sie erkannte das Symbol nicht, aber es war eindeutig eine haptische Verschlüsselung, die über die reine Datenversiegelung hinausging.

    Bevor Elara die Drohne fragen konnte, woher die Sendung kam, drehte sich das Gerät bereits um und schwebte lautlos aus dem Büro.

    Kaum war die Tür geschlossen, öffnete sie sich erneut. Kael, ein junger Chronist, der in der angrenzenden Abteilung für meteorologische Muster arbeitete, steckte den Kopf herein. Kael war bekannt für seine Neugier und sein Talent, selbst die kleinsten Informationsschnipsel aufzuschnappen.

    „Elara! Alles in Ordnung? Ich hab gehört, du wurdest zur höchsten Ebene des Rates zitiert. Das passiert doch sonst nie, außer… naja, du weißt schon.“ Er grinste leicht, aber seine Augen musterten den Umschlag auf ihrem Schreibtisch.

    Elara legte eine Hand schützend auf den Umschlag. „Alles bestens, Kael. Routineangelegenheit. Eine kleine Unstimmigkeit im Bericht über die aktuelle atmosphärische Stratifizierung. Nichts Besonderes.“ Sie wusste, dass Kael wusste, dass es eine Lüge war. Stratifizierung war Kaels Spezialgebiet, nicht ihres.

    „Ach so?“, sagte Kael, sein Grinsen verschwand nicht ganz. „Sah nach was Wichtigem aus, die Boten-Drohne. Ich dachte, das ist der Typ vom Torfkanal. Habe gehört, das war ein ganz schräger Fall. Kein Nano-Einschluss, oder?“

    „Nur Gerüchte, Kael“, sagte Elara ruhig, aber bestimmt. „Du weißt, wie das ist. Bleib bei deinen Wolken. Ich muss jetzt ein paar alte Daten sichten.“

    Kael zuckte die Achseln, seine Neugier war zwar nicht gestillt, aber er zog sich zurück. „Na gut. Wenn du meinst. Aber wenn du mal eine zweite Meinung brauchst, du weißt ja, wo du mich findest.“ Die Tür glitt zu.

    Elara ließ ihre Hand von dem Umschlag sinken. Kael war clever, vielleicht zu clever. Sie musste vorsichtig sein. Wer hatte ihr diese Lieferung geschickt? Und was war so wichtig, dass es außerhalb des Netzes übermittelt und mit solchen Sicherheitsvorkehrungen versehen werden musste?

    Das Gefühl, dass sie nur an der Oberfläche eines viel größeren Geheimnisses kratzte, wurde immer stärker. Der namenlose Tote am Torfkanal, der verborgene Tunnel und jetzt diese mysteriöse Nachricht – all das waren Fäden, die sich zu einem gefährlichen Netz verknüpften. Sie musste warten. Bis die Dunkelheit der Nacht die Kuppel von Neo-Findorff einhüllte.


    Kapitel 4: Der lange Weg nach draußen

    Elara konnte die mechanischen Bewegungen ihres Arbeitstages kaum spüren, während sie die letzten Daten der Frühgeschichte von Neo-Findorff archivierte. Ihr Kopf war bei der mysteriösen Lieferung und dem unerklärlichen, eisigen Gefühl, das von dem Brief ausging. Sie klappte das Terminal zu, die Oberfläche spiegelte ihr angespanntes Gesicht. Es war Zeit zu gehen.

    Als sie das Archiv verließ, glitt die schwere Sicherheitstür des Bunkers mit einem leisen Zischen hinter ihr ins Schloss. Sie trat in die sanfte Dämmerung, die die Beleuchtung der Stadt imitierte. Der Wind blies kühl, und sie vergrub ihre Hände tiefer in den Taschen ihres Jumpsuits. Ein Schatten löste sich aus der Nische eines Wartungsroboters. Es war Kael, der sie mit einem Grinsen erwartete.

    „Ich dachte mir schon, dass du nicht einfach in den Feierabend entschwebst“, sagte er, seine Stimme hatte einen unangenehm aufdringlichen Unterton. „Ich hab’ noch ein paar alte meteorologische Daten gecheckt. Weißt du, wie die Kuppel von außen aussieht? Mit all dem Eis und dem Dreck? Sieht aus wie eine schmutzige Schneekugel. Erinnert mich an so alte Filme. Haben die dich da oben auch mit alten Dingen gelangweilt? Der Typ ohne Nano-Einschluss, das ist doch ein echter historischer Fund.“

    Elara spürte eine Welle der Irritation in sich aufsteigen. Sie mochte Kaels forsche Art nicht, aber mehr noch die Art, wie er die Information über den Toten aufgeschnappt hatte. Sie versuchte ruhig zu bleiben. „Ich habe bereits alles gesagt, was zu sagen ist. Wenn du wissen willst, wie die Kuppel von außen aussieht, versuch’s mit der historischen Datenbank. Ich muss jetzt gehen.“

    Kael trat einen Schritt näher, seine Augen fixierten sie. „Nur eine Sache, Elara. Ich habe diese Boten-Drohne gesehen, die zu dir kam. Habe das Modell identifiziert. Die werden nur für streng vertrauliche, nicht verfolgbare Korrespondenz verwendet. Absender ist oft die Untergrundbewegung. Die, die der Rat nicht kennt.“

    Er zwinkerte, ein Ausdruck, der Elara mit Misstrauen erfüllte. „Ich würde ja sagen, sei vorsichtig. Aber du bist ja nicht die Art Mensch, die so etwas tun würde.“ Er überflog sie mit einem Blick, der nicht so beiläufig war, wie er tat. Elara nickte kurz und ging schnell, ihr Puls raste. Kael schaute ihr noch eine Weile nach, bevor er sich wieder im Halbdunkel des Archivs auflöste.

    Zurück in der relativen Sicherheit ihres Apartments im 27. Stock, schob Elara den Umschlag auf den elektronischen Scanner. Ein leises Klicken, die Siegel gaben nach, und der Umschlag sprang auf. Heraus fielen ein gefalteter Bogen aus dickerem, pergamentähnlichem Papier und zwei handtellergroße, metallene Kapseln.

    Sie nahm das Papier in die Hand, eine seltsame, fast organische Textur unter ihren Fingerspitzen. Sie atmete ein, roch eine Spur von trockenem Staub und etwas, das sie als den Geruch von alter Erde identifizierte, etwas, das sie in ihrem Leben bisher nur in den Archiven und im Torfkanal gerochen hatte.

    Der handgeschriebene Brief war kurz und prägnant:

    Lassen Sie die blaue Kapsel hier. Aktivieren Sie sie. Sie sendet ein getarntes Signal, das Ihr Implantat imitiert. Die rote Kapsel gehört in Ihre Innentasche. Aktivieren Sie sie kurz vor dem Ausgang. Sie blockt kurzzeitig das zentrale Tracking-Netzwerk, das auch Sie auslesen könnte. Wir treffen uns am Rand von Sektor Nord, an der alten Schleuse 2. Kommen Sie zu Fuß. Alleine. Warten Sie dort, aber gehen Sie nicht in die Kuppel. Kommen Sie nicht in Ihr Fahrzeug. Seien Sie vorsichtig.“

    Kein Absender. Kein Gruß. Elara blickte auf die Kapseln. Die blaue, glatt und kühl, die rote mit einer rauen Oberfläche. Ihr Verstand schrie, dass dies der falsche Weg war. Es widersprach allem, was sie als Chronistin gelernt hatte: Alles festhalten, alles dokumentieren, niemals selbst zur Quelle der Geschichte werden.

    Aber das Echo aus dem Torfkanal und die Lügen des Rates waren stärker. Sie aktivierte die blaue Kapsel und stellte sie auf den Tisch. Ein winziges, grünes Licht begann rhythmisch zu blinken. Sie steckte die rote Kapsel in ihre Jacke. Ein tiefes, unaufhaltsames Gefühl der Entschlossenheit überkam sie.

    Sie verließ ihre Wohnung und wählte nicht den Aufzug zur Landezone der Kapselgleiter, sondern den öffentlichen Treppenzugang. Es war eine seltene Sache, dass jemand die Treppe nahm. Ihr Körper passte sich an die ungewohnte Bewegung an. Auf jeder Ebene stieg die Temperatur leicht ab, die Luft wurde frischer, nicht mehr so rein und gefiltert. Es gab hier unten in den unteren Sektoren der Kuppel auch Leben.

    Auf der Straße angekommen, aktivierte sie die rote Kapsel. Sie spürte ein leichtes Kribbeln in ihrem Arm, wie ein statischer Schlag, aber es hielt nur einen Moment an. Das Gefühl des Beobachtetwerdens war plötzlich weg, aber ein anderes trat an seine Stelle. Einige Gestalten im Schatten, die sich an beleuchteten Wasserautomaten drängten, warfen ihr Blicke zu.

    Keine Blicke der Freundlichkeit, sondern Blicke der Erkenntnis. Blicke, die verrieten, dass sie spürten, dass sie anders war. Dass sie nicht die saubere, effiziente Chronistin des zentralen Sektors war, sondern eine, die zu ihnen gehörte, eine von den Vergessenen. Sie senkte den Blick und beschleunigte ihren Schritt.

    Der Weg zum nördlichen Rand war lang und führte sie durch schmale, überdachte Gassen, in denen künstliches Moos von den Wänden wuchs, und über breite Fußgängerbrücken, die die Kanäle überspannten. Die beleuchteten Hologramme des Stadtplans am Rand der Kuppel wiesen auf die unbewohnte Wildnis jenseits der Kuppel hin.

    Die Schleuse 2 war ein dunkles, niedriges Gebäude, das fast vollständig von der breiten Wasserstraße verdeckt wurde. Als sie sich der Schleuse näherte, wurde das Gefühl, beobachtet zu werden, intensiver. Es war keine Einbildung mehr. Sie drehte sich um, suchte nach einem Licht, einem Schatten. Aber sie sah niemanden. Dennoch fühlte sie es. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Jemand war da.

    Sie erreichte die Schleuse. Der Beton war kalt und feucht. Das Licht der nahen Straßenbeleuchtung war nur schwach und warf lange Schatten. Eine alte Metallplatte an der Schleuse war locker. Sie hob sie vorsichtig an. Dahinter war ein kleiner, verborgener Raum, in dem man sich verstecken konnte.

    Der Treffpunkt war menschenleer. Niemand war da. War sie zu spät? Wurde sie reingelegt? Sie sah sich erneut um. Sie war allein, aber das Gefühl des beobachtet Werdens verschwand nicht. Ganz im Gegenteil. Es fühlte sich an, als würde sie die Luft beobachten.

    Sie hielt inne und bemerkte plötzlich ein kaum hörbares Geräusch, das im monotonen Rauschen der Stadt verborgen lag. Es war ein Klicken, gefolgt von einem leisen Zischen. Sie sah auf. In der Ferne, hoch oben in den Gängen und auf den Dächern der Wohneinheiten, sah sie ein winziges, rotes Blinken. Nicht das blaue der Sicherheitskräfte. Etwas anderes. Sie hatte nicht erwartet, dass man sie so schnell finden würde.

    Hatte Kael sie verraten? Hatte man sie die ganze Zeit über getrackt? Sie wusste es nicht, aber sie spürte die Gefahr. Sie war nicht länger die Chronistin. Sie war die Beute. Sie schob die Metallplatte zurück und schlüpfte in den Hohlraum. Sie musste aus dem Licht. Sie musste sich verstecken. Die Geschichte hatte sie eingeholt, und sie war mittendrin.

    Kapitel 5: Jenseits der Kuppel

    Das Klicken und Zischen verschwamm zu einem einzigen, dumpfen Geräusch, als Elara spürte, wie ein scharfer Stich ihren Nacken traf. Eine Welle der Schläfrigkeit überrollte sie, warm und beruhigend, und ihr Widerstand brach in sich zusammen. Sie taumelte, spürte das kalte, feuchte Gitter der Schleuse unter ihren Händen und ein letzter, flüchtiger Gedanke durchzuckte ihr Bewusstsein: Sie war zu langsam. Ein neuer Schatten fiel über sie, die Schleuse öffnete sich von der anderen Seite, und dann wurde alles schwarz.

    Sie wachte mit einem dumpfen Pochen im Kopf auf. Das Licht war grau, nicht das saubere, weiße Licht der Kuppel, sondern ein schmutziges, staubiges Grauen, das durch ein vergittertes Fenster in den Raum fiel. Die Wände waren aus rohem Beton, kalt und feucht. Ein Bett aus hartem Holz und ein rostiger Metallstuhl waren die einzigen Möbelstücke. Sie kroch auf allen Vieren zum Fenster, schob das Gitter zur Seite und blickte nach draußen.

    Ein scharfer Schrei entwich ihrer Kehle. Sie war außerhalb der Kuppel. Der planetare Winter tobte, aber er war nicht die undurchdringliche, schmutzige Schneekugel, die man ihr in den Lehrbüchern gezeigt hatte. Es war eine Welt in Graustufen. Der Himmel war von einem grauen Dunst verhüllt. Die Erde war ein Meer aus Eis und gefrorenem, feinem Staub.

    In der Ferne ragten die Konturen der Kuppel wie ein unnatürliches, glänzendes Gebirge in den Himmel, aber die Luft war gefüllt mit dem Geruch von Ozon und Metall, und einem Hauch von etwas, das verbrannte Erde war. Es war die Welt, von der man ihr immer erzählt hatte, dass sie tot sei. Und sie war die einzige lebende Kreatur, die sie sehen konnte.

    Eine Tür öffnete sich. Ein großer Mann in einem einfachen, grauen Anzug trat ein. Er trug eine lange, glänzende Waffe in seinen Händen. Eine Waffe. Sie hatte so etwas noch nie in ihrem Leben gesehen, außer in den historischen Archiven der Kriege, die Generationen vor ihr stattgefunden hatten. In der Kuppel gab es keine Waffen.

    Elara zuckte zusammen, als er mit einem unpersönlichen Blick an ihr vorbeischritt. Er gab ein Zeichen mit dem Kopf, und Elara gehorchte. Er führte sie einen schmalen Gang hinunter, die Wände waren voll von flackernden Kabeln und rostigen Rohren.

    Sie betrat einen großen Raum, der eher wie eine Höhle anmutete. Auf der einen Seite stapelten sich Ersatzteile und Geräte, auf der anderen Seite stand ein Tisch mit einer flackernden Lampe. An dem Tisch saß eine Frau. Sie war alt. Ihre Haut war schrumpelig wie Pergament, ihr Gesicht mit tiefen Falten durchzogen, die ein langes, hartes Leben verrieten. Ihr graues Haar war in einem einfachen Zopf gebunden.

    Niemand in der Kuppel wurde jemals so alt. Sie waren alle jung, effizient, sauber. Die alten Leute waren in einer ewigen Ruhe, wenn sie das Alter von etwa 80 Jahren erreichten. Diese Frau sah aus, als wäre sie uralt.

    Die Frau musterte Elara mit gütigen Augen und winkte sie heran. Die Wache stellte sich stumm hinter Elara.

    „Ich bin Aeliana“, sagte die Alte, ihre Stimme klang wie raschelndes Papier. „Keine Sorge. Du bist in Sicherheit. Du bist jetzt bei uns.“

    „Wer ist ‚wir‘?“, fragte Elara.

    „Wir sind der Widerstand. Wir sind diejenigen, die nicht in der Kuppel leben. Wir sind die, die versuchen, das Überleben der Menschheit außerhalb der Kuppel zu sichern, aber wir arbeiten auch unter ihr.“

    Elara nickte, ihr Kopf war noch immer benommen. „Ihr habt mich hierhergebracht. Warum?“

    „Wir brauchten deine Hilfe“, sagte Aeliana. „Der Tote, den du am Torfkanal gefunden hast, war einer von uns. Wir wissen nicht, wie er gestorben ist oder warum seine Leiche in der Kuppel abgelegt wurde. Er war ein tapferer Mann.“

    Aeliana seufzte. „Er sollte eigentlich eine Lieferung für die Untergrundbewegung in die Kuppel bringen. Er sollte bei einem unserer Kontakte etwas abholen. Aber er kam nie am Treffpunkt an. Als wir seine Überreste in der Kuppel sahen, haben wir uns sofort auf die Suche nach ihm begeben. Wir konnten nichts finden. Er war spurlos verschwunden. Wir haben gehofft, dass derjenige, der ihn gefunden hat, auch nach ihm suchen würde, und das hast du getan.“

    Elara starrte Aeliana an. Sie war aus ihrer sicheren, sauberen Welt gerissen worden und stand nun einer Frau gegenüber, die so alt aussah, als hätte sie ein Jahrtausend gelebt. Ihre Gedanken rasten. Der Stadtrat, der sich weigerte, zu untersuchen. Der Tote, der ein Widerstandskämpfer war. Die mysteriösen, verschlüsselten Nachrichten, die auf einmal einen Sinn ergaben. Sie hatte immer gedacht, dass sie alles dokumentieren würde, aber sie war nun in der Geschichte.

    „Ich habe noch nie in meinem Leben eine Waffe gesehen“, sagte sie leise. „Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so alt ist.“ Sie schaute die alte Frau an und eine Welle der Angst, aber auch eine Welle der Neugier überrollte sie.

    Aeliana lächelte. „Die Wahrheit ist nicht immer schön, Elara. Aber sie ist wichtig. Bist du bereit, uns zu helfen?“

    Elara zögerte. Ihr ganzes Leben lang hatte sie im Hintergrund gearbeitet, Daten gesammelt, Fakten katalogisiert. Aber jetzt war sie diejenige, die gesammelt und untersucht wurde. Es war nicht die Angst vor den Leuten, die sie hierher gebracht hatten, sondern die Angst vor dem Unbekannten, die sie zögern ließ. Aber die Lügen des Rates und das Wissen um das Verborgene, um die Wahrheit über die tote Welt jenseits der Kuppel, waren stärker.

    Nach einem Moment tiefen Nachdenkens nickte sie. „Ja“, sagte sie leise. „Ich werde euch helfen.“


    Kapitel 6: Die wahre Geschichte

    Elara saß an dem rauen Holztisch, das schwache Licht der Lampe warf tanzende Schatten auf die zerfurchten Züge Aelianas. Die Anführerin hatte ihr eine Tasse mit einer warmen, bitteren Flüssigkeit gereicht. Es war Tee. Elara konnte sich nicht erinnern, jemals Tee getrunken zu haben. Sie nippte daran. Der Geschmack war fremd, aber wohltuend. Der Wachmann hatte sich in den Schatten zurückgezogen und bewachte die einzige Tür.

    „Du bist eine Chronistin“, begann Aeliana. „Du weißt, was nach dem Klimakollaps geschah. Von der neuen Eiszeit, vom steigenden Meeresspiegel.“

    Elara nickte. „Das sind grundlegende historische Fakten. Grönland schmolz, der Golfstrom versiegte, die Nordsee hat große Teile von Bremen verschlungen. Die Stadt wurde auf einer Anhöhe neu errichtet, auf einer Landaufschüttung. Der Stadtwald ist jetzt Wümme-See. Und die Eisenbahntrasse markiert die Grenze, an der das Wasser bereits steht. Die Gründung der Kuppel war die Rettung vor dem Untergang. Die Geburtsstunde einer neuen Ära, eine Utopie.“

    Aeliana lächelte, doch das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. „Eine Utopie, die auf einer Lüge aufgebaut ist. Die Geschichte, die du kennst, ist die Geschichte der Sieger. Sie haben alles umgeschrieben, was in den Archiven war. Die Gründung der Kuppel war nicht die Rettung. Sie war eine gewaltsame Eroberung.“

    Elara stutzte. „Das ist… das ist absurd. Die Aufzeichnungen sind eindeutig.“

    „Die Aufzeichnungen wurden gefälscht. Von den Menschen, die die Kuppel gebaut haben. Eine steinreiche Familie namens von Hagestolz hat sie finanziert. Sie war es, die entschied, wer überleben durfte und wer nicht. Sie haben Söldner angeheuert, um die alte Bevölkerung zu vertreiben, sie aus ihren Häusern zu jagen und in die eisige Kälte zu schicken. Die Kuppel wurde gegen den Willen des Volkes errichtet. Die öffentliche Ordnung war seinerzeit bereits weitgehend zusammengebrochen, so dass sich kein organisierter Widerstand bildete.“

    Elara schüttelte ungläubig den Kopf. „Das ist unmöglich. Die von Hagestolz-Familie, das ist eine Legende. Ein Märchen für Kinder, um ihnen Angst zu machen.“

    „Sie waren sehr real, Elara. Sie wollten nicht die gesamte Bevölkerung retten, sondern nur ihre Macht und ihren Reichtum sichern. Sie haben die besten Ingenieure, die besten Wissenschaftler für sich arbeiten lassen und dann die Bevölkerung in Sektoren eingeteilt. Der Stadtrat, dem du gedient hast, ist der direkte Nachfolger ihrer Herrschaft. Ein Erbe der von Hagestolz-Familie.“

    Aeliana zeigte auf die Decke. „Außerhalb der Kuppel leben immer noch versprengte Gruppen von Menschen. Die Nachfahren derjenigen, die vertrieben wurden. Sie mussten sich nicht nur gegen die neue Eiszeit wehren, sondern auch gegen den radioaktiven Fallout, den die alten Kriege hinterlassen haben.“ Sie schaute Elara direkt an. „Ihr habt saubere Luft, sauberes Wasser und genug Essen. Wir kämpfen jeden Tag ums nackte Überleben. Das Wasser steigt immer noch, und der radioaktive Fallout macht unser Leben noch schwerer.“

    Elara stand auf, ihre Hände zitterten leicht. Sie fühlte sich, als würde ihr die Luft abgeschnitten. Es war, als würde die ganze Welt, an die sie geglaubt hatte, wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. „Das… das kann nicht wahr sein. Meine ganzen Aufzeichnungen… das ist alles eine Lüge?“

    „Ja“, sagte Aeliana, ihre Stimme sanft, aber fest. „Es ist eine Lüge. Eine Lüge, die dich daran hindert, die Wahrheit zu sehen. Der Tote war ein Bote. Er sollte uns mit dem Kontakt in der Kuppel verbinden, den wir hatten. Irgendjemand hat ihn verraten und getötet. Aber wir wissen nicht, wer. Und das ist der Grund, warum wir dich brauchen.“

    Elara lief nervös auf und ab. Ihre Gefühle waren ein reines Chaos: Unglaube, Angst und eine wachsende Wut auf den Rat und alles, wofür er stand. „Ich… ich habe einen Eid auf das Archiv und die Wahrheit geschworen.“

    „Du kannst dich der Wahrheit stellen, indem du uns hilfst. Dein Wissen über die Kuppel, über die Datenströme, die Protokolle, die Sicherheitslücken – all das kann uns helfen. Du musst herausfinden, wer ihn getötet hat.“

    Elara zögerte, die Anspannung in ihrem Gesicht war deutlich zu sehen. Schließlich atmete sie tief durch. „Ich werde euch helfen. Aber nur unter einer Bedingung. Ich werde nicht an einem Kampf oder einem Krieg teilnehmen. Ich bin eine Chronistin. Ich werde nur die Fakten finden. Und ich will die Antwort darauf finden, wer ihn getötet hat.“

    Aeliana nickte. „Das ist alles, was wir von dir verlangen. Wir vertrauen darauf, dass du das Richtige tun wirst.“

    Nach der Besprechung verließ Aeliana den Raum. Elara wartete, bis der Wachmann sie abholte und aus dem Gebäude begleitete. Sie waren in den Ruinen einer alten Freilichtbühne, die in ihren historischen Dokumenten „Waldbühne“ genannt wurde. Sie schritt über gefrorene Reste der alten Stufen und sah sich um. Eine überwucherte Struktur, die nur noch an ihren Konturen zu erkennen war.

    Die Rückkehr zur Kuppel war still. Sie wurde von einem unscheinbaren, alten Gleiter zurückgebracht, der durch die dunkle Außenwelt glitt. In einiger Entfernung von der Kuppel hielt der Gleiter an. Elara und der Wachmann stiegen in die eisige Luft. Der Mann ging zu einem Felsvorsprung, zog eine alte Abdeckung beiseite und legte einen verborgenen Eingang zu einem Tunnel frei.

    Ihre Lampen beleuchteten einen schmalen Schacht. Der Tunnel war nicht in Beton gegossen, sondern nur notdürftig mit alten Balken abgestützt. Der Geruch von feuchter Erde und Moder stieg ihr entgegen, ein Geruch, den sie schon am Torfkanal wahrgenommen hatte. Sie stiegen hinab, und Elara wusste, dass der Widerstand diesen Tunnel gegraben hatte.

    Der Wachmann war wortkarg und sagte nur, dass dieser Tunnel einmal unter der Kuppel hindurchführe. Nach einer Weile führte der Tunnel ein Stück aufwärts und endete an einer alten Haustür. Dahinter lagen Räume, die einst bewohnt gewesen sein müssen. Ein halbfertiges Puzzle auf einem Tisch, eine zurückgelassene Puppe in einer Ecke – es schien, als wären die Menschen in größter Eile geflohen.

    Als sie das Haus durchquerten, führte der Tunnel wieder nach unten. Doch der Boden war jetzt anders. Er bestand aus Kopfsteinpflaster und Asphalt. Elara erinnerte sich an die alten Aufzeichnungen, die diese Materialien als Baustoffe nannten, und es dämmerte ihr: Sie gingen durch die Überreste des alten Stadtteils, den man bei der Landaufschüttung für die Kuppel einfach überbaut hatte.

    Sie durchquerten mehrere weitere Häuser. Einige waren noch liebevoll eingerichtet, doch überall gab es Spuren der überstürzten Flucht. Im letzten Haus stiegen sie eine Treppe hinauf ins Obergeschoss. Eine Luke führte aufs Dach, wo ein senkrechtes Tunnelstück mit einer Leiter lag. Ihr Begleiter erklärte, dass sie nun allein weitergehen müsse.

    Er drückte ihr eine kleine, handliche Kiste in die Hand, die aufleuchtete. “Sobald du dein Apartment erreicht hast, musst du beide Kapseln abschalten”, sagte er. Elara nickte. Sie kletterte auf die Leiter und stieg nach oben, wo sie das Gefühl hatte, der Geschichte von Neo-Findorff mit jedem Zentimeter näherzukommen, den sie sich ihrem Zuhause näherte.

    Not to be continued!

  • Verkauf Dich nicht unter Wert!

    Verkauf Dich nicht unter Wert!

    Verkauf Dich nicht unter Wert!

    Fünf Fallen bei der Eigenwerbung, in die Du nicht treten solltest.
    Verkauf Dich nicht unter Wert!
    Photo by Collis on Pexels.com

    Du schreibst tolle Bücher und willst, dass möglichst viele sie lesen? Das ist die natürlichste Sache der Welt. Allerdings gibt es bei der Wahl deiner (Werbe-)mittel Fallstricke, über die du nicht stolpern und Fettnäpfchen, in die du nicht treten mußt:

    1) Für Fans von [prominenter Autor]

    Du vergleichst Dich mit einer Koryphäe oder einem Bestsellerautor?

    Meist sind die Fußstapfen, in die du da trittst, ziemlich groß. Ob das deine Leser wirklich als Hilfestellung sehen, weiß ich nicht.

    Beschreibe lieber, was genau deine Bücher einzigartig macht! Du bist so nahe an deinen Figuren, dass man beim Lesen mit ihnen ins Schwitzen kommt? Dann wirb damit! Dein Stil ist so temporeich, dass deine Leserinnen Atemnot bekommen? Rede darüber! Manche Szenen sind so brutal, dass Blut aus den Seiten tropft? Sag es und mache dich unverwechselbar!

    Ich finde auch, dass ich schreibe wie eine Mischung aus Dan Brown, Douglas Adams und Edward E. Smith. Letztlich ist das aber nur meine Meinung 😏

    2) kostenlos mit KU

    Es ist verständlich, wenn du nur beim großen »A« veröffentlicht. Du mußt nur einen Anbieter verwalten und sparst dir Arbeit und Einarbeitungszeit in die anderen Plattformen.

    Die meisten fahren besser, wenn sie auch die Tolino-Allianz und andere Anbieter mitbedienen. Ich persönlich verkaufe etwa zwei Drittel meiner Bücher über Tolino & Co. und käme nie auf den Gedanken, meine Werke exklusiv bei Amazon anzubieten.

    Willst du das dennoch tun, vermeide den Werbespruch »kostenlos mit KU«.

    Der Slogan mag naheliegend sein und viele Mitbewerber benutzen ihn auch. Wo liegt also das Problem?

    Nun: Er stimmt nicht.

    Zwar ist der reine Download kostenlos. KU-Nutzer zahlen an Amazon aber eine feste Jahresgebühr. Für derzeit 89,90 Euronen kannst du viele Bücher lesen. Man kann sich das zwar schönrechnen (Ich schaue doch auch Filme über Prime!), das ändert aber nichts daran, daß Kindle Unlimited eben nicht kostenlos ist.

    Mir persönlich ist auch eine Leserschaft suspekt, die ihre Leseliste dadurch definiert, daß die Bücher (scheinbar) kostenlos sein müssen.

    Man kann sich das schönreden und für manche Genres funktioniert es offenbar auch. Ich fühle mich aber mit Fans besser, die bereit sind, Geld in die Hand zu nehmen, um meine Bücher zu lesen.

    Letztlich verkaufst du deine Leser mit diesem Slogan für dumm. Bestimmt merkt das nicht jeder, aber wer es merkt, wird deine Werke künftig vielleicht meiden. Willst du das? Bleib lieber ehrlich.

    3) Verwende keine ausdrücke, die nur Autorinnen kennen

    Was meinst Du, wie viele Deiner Leserinnen wissen, was Tropes sind? Ich musste das Wort googeln, als ich zum ersten Mal in einem Artikel darauf stieß. Den Lektor oder die Lektorin mögen viele kennen, ein Korrektorat gehört aber nicht mehr zum allgemeinen Wortschatz.

    Du benutzt gerne Abkürzungen wie POV, SP und WIP? Tu’s nicht!

    Von fachimmanenten Vokabeln wie “Heldenreise” und “Weltenbau” würde ich ebenso die Finger lassen wie von Anglizismen wie “Show, don’t tell”. Begriffe, die du vielen Leserinnen erst erklären musst, stören den Lesefluss. Meide sie besser.

    Warum schreibst Du anstatt “Anthologie” nicht einfach “Kurzgeschichtensammlung” und “Handlungsablauf” anstatt “Plot”? Deutsche Sprache kann sehr sexy sein, wenn du sie bewusst einsetzt.

    4) Ein interessantes Buch für die ganze Familie

    Die Botschaft, die du mit dieser uralten Worthülse aussendest, lautet in Wirklichkeit: In dem Bemühen, wirklich jedem zu gefallen, habe ich meine Identität als Schriftsteller auf dem Altar der Beliebigkeit geopfert.

    Überleg dir lieber, für wen du hauptsächlich schreibst, und sprich diese, deine, Zielgruppe direkt an. Das ist authentisch!

    Du veröffentlichst Kinderbücher? Dann sage deren Eltern, dass ihre Kinder beim (Vor-)lesen gleichzeitig etwas lernen können. Ist es Coming-of-Age? Sprich Teenager und Twens an. Die meisten wissen, wie die erste Liebe sich anfühlt, aber sie werden es gern noch einmal lesen. Sind Deine Bücher Cosy-Krimis? Das ist eher was für die Eltern. Rede offen mit ihnen und versteck dich nicht hinter einer Phrase.

    Mike Gorden – Das Universum im Tautropfen

Fällt es Dir leicht einen Charakter zu töten?

Gay Romance einmal anders!
    Gay Romance einmal anders!
    5) »RomanCe« im gleichen Satz mit »originell« benutzen

    Denk vorher nach, ob du damit glaubwürdig rüberkommst. Schaffst du es wirklich, aus dem ältesten aller Stereotype noch neue Nuancen herauszukitzeln, auf die vor dir noch niemand gekommen ist?

    Ich kann mir das nur schwer vorstellen und – wichtiger – deine Leserinnen erwarten es auch gar nicht! Sie wollen einen berechenbaren Plot mit Happy-End Garantie. Fast Food für die Seele, bei dessen Lektüre sie prima abschalten können.

    Warum sagst du ihnen das nicht einfach? Es wird deine Verkaufszahlen nicht mindern, im Gegenteil!

    In diesem Sinne: bleib gespannt.
    Dein Mike

  • Die Erstellung eines eBooks

    Die Erstellung eines eBooks

    Die Erstellung eines eBooks

    Mike Gorden working on a novel
Die Erstellung eines eBooks

    … ist nicht ohne Tücken, jedenfalls, wenn man es gut machen will. Zwar bietet heute jedes Schreibprogramm, das etwas auf sich hält, auch eine Umwandlung des Textes in ein eBook an. Deren Ergebnisse lassen aber oft zu wünschen übrig, denn unnötige Formatierungsanweisungen verschandeln dein Produkt zwar meist nicht, sie blähen es aber bis auf die doppelte Größe auf.

    Gerade Produkte der Firma WinzigWeich glänzen hier mit seitenlangen Formatvorlagen in unintuitivem und vermutlich nicht einmal für die Programmierer der Anwendung mehr nachvollziehbarem Quellcode.

    Amazon lässt sich die Dateigröße übrigens mittlerweile in Form einer Downloadgebühr bezahlen, die von deiner Provision abgeht.

    Durch unnötige Formatierungsanweisungen aufgeblähter Quelltext eines eBooks
    Durch unnötige Formatierungen aufgeblähter Quelltext eines eBooks

    Aber auch, wenn du nicht dort veröffentlichst, freuen sich deine Leserinnen, wenn ihr Buch schneller lädt.

    Nebenan siehst du ein aus LibreOffice konvertiertes Beispiel, das zwar bereits deutlich schlanker ist als das Produkt aus einer Word-Datei, aber immer noch viele und größtenteils unnötige Formatierungsanweisungen enthält. Dafür fehlen im Header wichtige Angaben, beispielsweise zur verwendeten Sprache und anderen Optionen, die für einen barrierefreien Zugang wichtig sind.

    Mein Ziel ist es, dir in diesem Artikel zu zeigen, dass die Erstellung eines standardkonformen eBooks kein Hexenwerk ist, wenn du bereit bist, deine Angst vor Quellcode in HTML für einen Moment beiseite zu schieben. Mehr ist ein eBook nämlich nicht: Ein gepacktes Archiv Deines Textes mit einigen, wenigen Formatierungsanweisungen!

    Bildschirmfoto vom 2025 06 22 13 45 46
    Aufbau eines eBooks im Editor

    Wie ist ein eBook aufgebaut?

    Ein Elektrobuch besteht im Wesentlichen aus einem gepackten Archiv von HTML-Dateien, das beim Lesen entpackt wird. Schaust du mit einem eBook-Editor, beispielsweise dem des kostenlosen Programms Calibre, hinein, so siehst du in der linken Spalte eine Liste von Dateien, bei denen es sich um die Kapitel deiner Geschichte handelt. Sie sind zu Anfang weniger übersichtlich benamst. Wenn du es hübsch möchtest, kannst du sie umbenennen, so wie ich das hier getan habe. Im mittleren Bereich siehst du eines der Kapitel im Editor geöffnet und rechts erkennst du das Druckbild, wie es sich auf dem Endgerät deiner Leserin darstellt.

    Zusätzlich findest du links in der Dateiliste noch eine Reihe anderer Dateien, u.a. die Titelseite mit Cover, das Impressum, ein Inhaltsverzeichnis und eine Datei, in der die verwendeten Schriftformate abgelegt und definiert sind (das Stylesheet). All diese Dateien befinden sich einzeln und bearbeitbar in Deinem eBook.

    Wie stellt ein eBook-Reader dein Buch dar und warum tut er das?

    Die meisten Reader benutzen ihre eigenen Schriftarten. Der Benutzer kann sich zusätzlich die Schriftgröße und das Layout so einstellen, wie er das wünscht.

    Das bedeutet im günstigsten Fall: Alles, was du an Schriftarten, Größen etc. in deinem eBook vorgegeben hast, wird ignoriert!

    Im ungünstigsten Fall zerhacken deine Anweisungen das Schriftbild, das deine Leserin erwartet.

    Dass dein Text exakt so dargestellt wird, wie du es geplant hast, wird nicht passieren! Es gibt viel zu viele Endgeräte, Reader aller Couleur, Smartphones und Tablets. Mancher liest dein Buch sogar im Browser auf seinem Computerbildschirm (so wie ich).

    Das ePub-Format, in dem dein Buch üblicherweise veröffentlicht wird (Ausnahme: Amazon), ist dafür gedacht, auf all diesen verschiedenen Medien einigermaßen gut auszusehen. Dazu braucht es Kompromisse, die du berücksichtigen musst, wenn du dein eBook erstellst.

    Willst Du, dass das Layout genau so aussieht wie im gedruckten Buch, solltest Du davon ein PDF abspeichern und dieses separat anbieten. Die Zielgruppe für PDFs ist aber nach meiner Erfahrung wegen fehlender Skalierbarkeit nicht sehr groß.

    Wie sollte ein eBook formatiert sein?

    Ganz einfach: So, dass es mit minimalem Aufwand gelesen werden kann und der Konsumentin keine Stolpersteine in den Weg legt.

    Dazu braucht es ein klitzekleines bisschen Theorie:

    Wie funktioniert HTML?

    HTML ist keine Programmiersprache. Sie beschreibt nur, wie ein Text dargestellt wird; hier auf deinem Bildschirm oder eben auch in einem eBook.

    Hierzu benutzt sie sogenannte Tags, die in spitze Klammern gesetzt werden und immer paarweise auftreten: zum Öffnen und Schließen der Anweisung. Für dein eBook benötigst du nur eine Handvoll:

    • <h1>Hierzwischen steht eine Überschrift</h1>
    • <p>Hier steht ein Absatz, also Dein Fließtext.</p>
    • <b>Dieser Text ist fett gedruckt.</b>
    • <i>Dieser Text wird kursiv dargestellt.</i>
    • <u>Dieser Text ist unterstrichen.</u>
    • <sup>Dieser Text ist hochgestellt.</sup>

    Viel mehr braucht es nicht. Wenn du den Rat deiner Lektorin beherzigt hast und mit Formatierungen und vor allem Bildchen, Initialen und Ornamenten sparsam umgegangen bist, wird dein Text hauptsächlich aus Kapitelüberschriften und Absätzen bestenen (siehe Bild oben) und deiner Zielgruppe ein komfortables und barrierefreies Leseerlebnis bieten.

    Wie setze ich das in meinem eBook um?

    Vorab: Du benötigst dafür einen Rechner oder wenigstens ein Tablet. Auf kleineren Bildschirmen verliert man schnell den Überblick.

    Einige Distributoren (Tolino, BookRix, …) bieten die direkte Einbindung Deiner Datei u.a. aus den Formaten .doc, .docx und .odt an, Die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen. Willst du alle Anbieter über diesen einen Distributor beliefern, musst du nichts weiter tun.

    Alle anderen sollten sich mit der Erstellung und Bearbeitung eines ePubs beschäftigen, denn weitere Distributoren wie Amazon, Google Play und Apple Books etc. akzeptieren nur fertige eBooks.

    Theoretisch kannst Du das oben erstellte Buch auch bei einem anderen Distributor hochladen. Dann steht allerdings drin, wo und wie es erstellt wurde.

    Wenn Du das in Kauf nimmst, kannst Du hier aufhören, zu lesen.

    Für alle anderen, und vor allem diejenigen, die ihr Werk in Microsoft, Libre- oder Open Office verfasst haben, empfehle ich einen Zwischenschritt:

    1. Speichere dein Dokument mit “speichern unter” als HTML-Datei.
    2. Öffne diese mit einem Texteditor (mein Tipp: Notepad++ oder Notepad Next für die Linux-Welt).
    3. Ersetze den einleitenden <html> Tag durch folgenden Codeblock:
      <?xml version='1.0' encoding='utf-8'?>
      <html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xmlns:epub="http://www.idpf.org/2007/ops" lang="de" xml:lang="de">
    4. Lösche den Textblock zwischen den Tags <style> und </style> inklusive der Tags.
    5. Lösche die Attribute link=”irgendwas” und vlink=”irgendwas” aus dem <Body> Tag. Links sind in einem eBook nämlich unerwünscht.
    6. Vereinfache mit der Funktion “suchen-ersetzen” alle Tags, die aussehen wie <h1 irgendein unverständliches Zeugs>, <h2 irgendein unverständliches Zeugs>, <p irgendein unverständliches Zeugs>, <i irgendein unverständliches Zeugs>, <b irgendein unverständliches Zeugs> etc. zu <h1>. <h2>, <p>, <i>, <b> etc.
    7. Arbeite so den ganzen Text durch. Das dauert ein wenig, aber du erwischt auch irreguläre Tags wie <span irgendein unverständliches Zeugs> oder <div irgendein unverständliches Zeugs>, die du in den meisten Fällen inklusive ihrer Endtags </span> und </div> einfach löschen kannst. Bist du dir irgendwo nicht sicher, lass die fragliche Anweisung einfach stehen, ebenso die Endtags </body> und </html>.
    8. Speichern nicht vergessen!

    Das Endprodukt kannst du bei sorgfältiger Arbeit direkt in deine eBook-Software importieren, konvertieren und die Daten auf Stichhaltigkeit kontrollieren. Vergiss nicht, hinterher ein Inhaltsverzeichnis zu erstellen.

    Jetzt kommt die Kür: das Prüfen auf Fehler. Dein eBook-Editor bietet dir dazu bestimmt eine automatische Prüfung an. Unbedingt machen! Lass dich von einer eventuellen langen Liste nicht entmutigen. Die meisten Fehler folgen einem System und man kann sie en bloc abarbeiten. Bei mir ist es beispielsweise Groß- und Kleinschreibung von Tags, erlaubt ist nämlich nur Kleinschreibung.

    Nächster Schritt: Lade dein Buch auf einer der zahlreichen Plattformen zur Validierung von eBooks hoch, z.B. dieser hier. Doppelt hält besser und keine Prüfung findet wirklich alle Fehler.

    Letzter Schritt: Die Prüfung auf Barrierefreiheit. Der Börsenverein hat hierzu einen Leitfaden herausgegeben. Die Erläuterungen zum Thema finde ich ziemlich komplex, zumal wir mit meiner Arbeitsvorschrift oben bereits fast alle Punkte abgearbeitet haben, einfach dadurch, daß wir den Quellcode entschlackt haben.

    Mein Tipp: installiere dir das Tool »Ace by Daisy« und lass es dein eBook beurteilen. Es gibt noch eine Handvoll Parameter, die man in die Datei content.opf einfügen muss. Es ist aber alles gut erklärt und da es das Tool auch auf Deutsch gibt, fand ich es vergleichsweise einfach zu bedienen.

    Du hast alle Punkte abgearbeitet? Dann hast du jetzt ein schlankes und barrierefreies Buch, das du problemlos überall einreichen kannst.

    Das heisst nicht, dass Google oder Apple nicht manchmal doch noch etwas zu meckern finden, aber irgendwas ist ja immer.

    In diesem Sinne: Bleib gespannt,
    Dein Mike

  • Schwul? Na und?!

    Schwul? Na und?!

    Schwul? Na und?!
    Schwul? Na und?! von Thomas Grossmann

    Schwul? Na und?!

    Kaum war mein erstes Buch »Gefahr von der anderen Seite« als eBook veröffentlicht, so fand ich es bei Amazon in der Rubrik »homosexuelle Fantasy« wieder. Das möchte ich nicht unkommentiert im Raum stehenlassen.

    Ich bin schwul. Das ist wahr. Das nebenstehende Buch von Thomas Grossmann löste Anfang der Achtziger mein eigenes Coming-Out aus und ich halte es auch heute noch in Ehren.

    Einige meiner Figuren sind ebenfalls schwul oder lesbisch. Die meisten anderen sind es nicht. Alle leben ihr Leben, so wie ich es tue.

    Deswegen greift das Label schwul für mein schriftstellerisches Werk zu kurz, denn ich mache es nicht zum Thema. Warum sollte ich das auch tun? Die Sexualität der Figuren spielt doch keine Rolle bei der Beantwortung der Frage, ob eine Geschichte gut ist!

    Ich schreibe über einen Reporter, der im wissenschaftlichen Umfeld recherchiert und dabei eine unglaubliche Entdeckung macht. Ich schreibe über Morde im Marais (Ja, ich war selbst in Paris und ich liebe diese Stadt!). Ich schreibe über einen Polizisten mit ungewöhnlichen Fähigkeiten und Intuitionen. Ich schreibe über einen Redaktionspraktikanten, der sich im Verlauf der Geschichte unentbehrlich macht. Ich schreibe über eine alte Geheimgesellschaft, deren Aufgabe es ist … aber das würde jetzt zu weit führen. Ich schreibe über das Universum und die Art, wie es aussehen könnte. Im Großen (kosmischer Mikrowellenhintergrund) wie im Kleinen (ein schwerer Unfall im CERN, der vertuscht werden soll). Ich schreibe über den Wissenschaftler, der all das entdeckt und an seiner Erkenntnis fast zerbricht.

    Wie sich das alles zusammenfügt, wird Dir im Verlauf der Geschichten, die Du bestimmt mit Spaß lesen wirst, klar werden. Schwulsein und Sex kommen auch vor, aber sie sind nicht tragender Teil der Handlung. Sie sind einfach selbstverständlicher Teil dessen, wie meine Personen miteinander interagieren.

    Mike Gorden – Empath – Gay Hardcore

    Wer auf viele saftige Pornoszenen hofft, den muß ich enttäuschen. Ihm empfehle ich mein Buch »Empath«. Wer eine spannende Handlung mit unerwarteten Wendungen und interessanten, vielschichtigen Charakteren erwartet, der wird im »Moíra-Zyklus« bestens bedient.

    Anmerkung des Autors: Dieser Artikel hat seit seiner Erstveröffentlichung im Jahre 2020 nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Auch wenn ich mittlerweile das Genre #QueerScienceFiction für mich okkupiert habe, ist das einzige Buch, das die Bezeichnung »schwul« wirklich verdient, der oben stehende harte Porno-Thriller.

  • Sinn und Unsinn von Triggerwarnungen

    Sinn und Unsinn von Triggerwarnungen

    Triggerwarnungen
(erstellt mit Hilfe künstlicher Intelligenz)

    Sinn und Unsinn von Triggerwarnungen

    Trigger ist ein Begriff, mit dem ich erst in Berührung gekommen bin, seit ich meine Bücher selbst schreibe. Eine Triggerwarnung ist eine Art Spoiler für Leute, die auf bestimmte Inhalte übersensibel reagieren.

    Das kann man machen. An manchen Stellen ergibt eine Warnung auch Sinn. So hätte ich Ken Folletts »Säulen der Erde« vermutlich nicht gelesen, hätte ich von der ausführlichen Beschreibung einer Mehrfachvergewaltigung darin gewußt. Ich bin halt ein Sensibelchen. Deswegen konsumiere ich auch keine Horrorgeschichten. Andererseits fand ich es im Nachhinein auch nicht wirklich schlimm, denn ich habe viel aus dem Buch gelernt, das mir sonst entgangen wäre.

    Anders liegen die Dinge bei Personen mit Phobien oder Traumata. Da kann eine überraschende Wendung im Buch richtig Schaden anrichten. Das ist etwas, das ich nicht möchte, außer vielleicht bei Personen mit einer Homo-Phobie. Die lasse ich mit Freuden in meinen Texten auflaufen und kassiere dafür auch gern einmal eine schlechte Bewertung.

    Mike Gorden: Triggerwarnung - Empath (Cover)

    Als Leser finde ich Triggerwarnungen – ebenso wie Playlists – aber generell unnötig. Mir verraten sie zu viel über das Buch und wie die entsprechende Autorin tickt. Ich will beim Lesen meine Fantasie schweifen lassen können.

    Als Autor habe ich von dieser Devise bisher nur ein einziges Mal eine Ausnahme gemacht (siehe unten).

    Das hilft natürlich den Personen nicht, die wirklich ein Trauma mit sich herumschleppen. Da mich selbst auch einiges triggert, meide ich einfach die entsprechenden (Sub-)genres bzw. weiche beispielsweise von Metzelkrimi auf Cosy-Krimi aus. Damit vergebe ich mir ja nichts.

    Im Allgemeinen wünsche ich mir aber, dass du an meinen Texten Freude hast und dass sie dir schöne Stunden bereiten. Daher werde ich dich vor der Lektüre warnen, falls ich über expliziten Sex und/oder Gewalt schreibe. Allerdings begrenze ich die Anzahl der Triggerwarnungen. Ich möchte nämlich nicht, dass sich ihre Liste liest wie der Beipackzettel eines Krebsmedikamentes.

    Das oben stehende Buch »Empath« erfüllt gleich mehrere Trigger. Es gibt expliziten Sex zwischen Männern, Drogenmißbrauch, Gewalt, Vergewaltigung und Tote. Es geht auch um die Frage, ab wann ein gewaltsamer Tod als Mord einzustufen ist. Unter bestimmten Umständen liegen die Dinge da nämlich gar nicht so einfach. Wer es jetzt noch lesen will, sei gewarnt und wird einen hohen Preis zahlen 😎

    Bleib gespannt,
    Dein Mike

  • Gendern – ja oder nein?

    Gendern – ja oder nein?

    Gendern - Illustration mit KI generiert.

    Gendern in der Belletristik – ja oder nein?

    Seit mir vor einigen Jahren von Teilnehmerinnen einer Leserunde zu »Der gefrorene Urknall« vorgeworfen wurde, unter anderem nicht von ‘Studierenden’ anstelle von ‘Studenten’ zu schreiben, mußte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit ich meinen Schreibstil gendern will.

    Seit meinem ersten Lektorat ist mir klar geworden, wie wichtig präzises Formulieren ist. Zusätzlich soll der fertige Text möglichst wenige Hürden aufstellen, die den Lesefluß behindern.

    Gerade bei der oben gezeigten Gendermethode, dem substantivierten Partizip, hadere ich aber damit, daß das Partizip durch seinen Gegenwartsbezug etwas anderes bedeutet als der ersetzte Ausdruck. Würde ich meine belletristischen Texte gendern, reiße ich damit ein neues Loch auf, um ein gefühltes anderes zu schließen:

    Mike Gorden: Der gefrorene Urknall (Cover)

    Beispiel: Wenn ich mir die Verwendung von ‘Forschende’ – angeblich gleichbedeutend zu ‘Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler’ –, ansehe, klappen mir jedes Mal die Fußnägel hoch. Bei ‘Forschende’ denke ich allenfalls an eine Oberstufe im Chemiepraktikum, aber keineswegs an einen seriösen Beruf.

    Auch ‘Autofahrende’, ‘Lehrende’, ‘Mauernde’ und ‘Richtende’ und viele andere dieser substantivierten Partizipien stehen auch für andere Tätigkeiten, als die Personen meinen, die sie verwenden. Lese ich solch einen Text, bleibe ich an dieser Stelle hängen und frage mich, was mir der Verfasser damit sagen will. Passiert das zu oft, vergeht mir die Lust, ihn zu Ende zu lesen.

    Diese Art des Genderns geht mir in zu vielen Fällen zu Lasten der Präzision, von der Ästhetik ganz zu schweigen.

    Mike Gorden: Das Universum im Tautropfen (Cover)

    Nichtsdestotrotz bleibt ein Rest schlechtes Gewissen und das Gefühl, zwar das Richtige zu tun, ohne es aber vernünftig vor mir selbst und vor anderen begründen zu können.

    Ich habe alternativ versucht, mir meine Geschichten mit Sternchen, Schrägstrichen und Binnen-I’s vorzustellen und schnell erkannt, daß ich das in meinen Texten auch nicht lesen will.

    Glücklicherweise gibt es elegante Alternativen zu den obigen Formen. Einige davon verwende ich in diesem Beitrag. Schon gefunden?

    Mein Anspruch an meine Berufung ist es, mit der Sprache zu arbeiten und aus ihr etwas Schönes zu erschaffen, das andere mit Genuß lesen können. Deshalb gendere ich nicht, setze aber dennoch maßvoll inklusive Sprache ein.

    Das ist der schwerere Weg, aber genau deshalb bin ich Schriftsteller geworden. Die deutsche Sprache ist ein so vielfältiges Werkzeug, daß wir für inklusives Schreiben keine neuen Regeln benötigen, wie ich finde.

    Mike Gorden - Neutronenreiter (Cover)

    Zu diesem schweren Weg gehört auch das grammatische (generische) Geschlecht (Kasus). Hier sind nämlich auch nicht binäre Personen mitgemeint.

    Der Kasus hat mit dem wirklichen Geschlecht (Sexus) nichts zu tun, ein Punkt, der gern unterschlagen wird, wenn es um die Ächtung des generischen Maskulinums geht. Man kann natürlich einen Zusammenhang konstruieren; ich bezweifle aber, daß dieser Weg seriös sein kann.

    Ich wehre mich dagegen, daß in dem Bemühen, es allen und jedem recht zu machen und bloß niemandem auf die Füße zu treten, unsere schöne Sprache zu einem unpräzisen, neutralen Einheitsbrei gemacht wird, den man vielleicht mit Mühe lesen und deuten, aber nur mit sprachlichen Verrenkungen vorlesen kann.

    Das war nie die Aufgabe der Literatur. Belletristische Texte bringen die Meinung der Person am hinteren Ende des Füllers scharf und kompromißlos auf den Punkt. Sie lassen Bilder in unserem Geist entstehen, die je nach ihrer Intention verzaubern, verstören oder einfach nur unterhalten.

    Die Gefahr, daß ein Text mißgedeutet wird, besteht dabei immer, aber soll ich deswegen aufhören zu schreiben?

    Nein!

    Der richtige Weg zu einer inklusiven Sprache führt meiner Überzeugung nach, neben der Benutzung obiger Alternativen (Nennung beider Geschlechter, Umschreibung, generisches Femininum etc.) über die Änderung der Wortbedeutung im täglichen Sprachgebrauch und wir sind ihn bereits ein gutes Stück gegangen.

    Als bewegter Schwuler hätte ich das wissen können. Das Wort ‘schwul’ gilt heutzutage nämlich nur noch unter manchen Jugendlichen als Schimpfwort. Warum? Weil wir Schwulen das Wort für uns vereinnahmt und es so während der letzten Jahrzehnte als Schimpfwort entwertet haben.

    Genau so wird es im Laufe der Zeit auch dem generischen Maskulinum vieler Berufsbezeichnungen ergehen. Gendern beschleunigt diesen Vorgang nicht. Es schafft nur neue Blockaden. Meine Meinung.

    Dein Mike

  • Fast Food in der Literatur

    Fast Food in der Literatur

    Fast Food in der Literatur

    Fast Food in der Literatur
    Photo by Caleb Oquendo on Pexels.com

    Es gibt Bücher, die behältst Du Dein Leben lang im Gedächtnis. »Der Krieg der Träume« von Robert Silverberg ist in meinem Leben solch ein Roman. Der Herr der Ringe, die Romane von Frank Herbert und Frank Schätzing gehören auch dazu. »Das Lied von Eis und Feuer« ebenfalls, auch wenn ich mich darüber mittlerweile ärgere, weil der Autor die Reihe nicht zu Ende geschrieben hat, sondern beschloß, es sei lukrativer, sie auf Netflix zu vermarkten.

    Diese Romane sind gut geschrieben. Für mich bedeutet das: Sie besitzen ein komplexes Setup mit vielen handelnden Personen und eine vielschichtige Handlung, in deren Verlauf sich die Figuren weiter entwickeln und an ihren Herausforderungen reifen.

    Das kann eine schlichte »Heldenreise« sein. Meist geht es aber darüber hinaus. Gut und Böse sind nicht immer klar voneinander abgegrenzt. So ist es ja auch in unserem Leben nicht. Ein Mafiaboß kann gleichzeitig ein liebevoller Familienvater sein; ein harter Cop schreibt in seiner Freizeit vielleicht Liebesgedichte.

    Diese Widersprüche machen für mich die Figuren interessant und ich folge ihnen gern, wenn der Schriftsteller es schafft, sie in meinem Kopf zum Leben zu erwecken. Vielleicht verliebe ich mich sogar in sie und lese auch die folgenden Bände einer Reihe oder andere Romane dieses Schriftstellers.

    Du verstehst, was ich sagen will? Ein gut geschriebener Roman befriedigt alle Sinne ebenso wie es ein gutes Essen tut. Selbst wenn Du ihn zu Ende gelesen hast, beschäftigt er Dich weiter und hält – wie eine ausgewogene Mahlzeit – lange vor.

    Anna Wagner: Die Schuld des Anton Eschlinger (Cover)
    Manchmal muß es eine Stulle zwischendurch auch tun…

    Nun essen wir nicht jeden Tag richtig gutes Essen. Manchmal muß es eine Stulle zwischendurch auch tun, ein Schokoriegel, eine Pommes rot-weiß mit Currywurst oder ein Hot Dog in der Mittagspause. All das macht auch satt. Für den Moment.

    Schnell kommt aber der Hunger zurück. Der Blutzucker sinkt und der Magen schreit nach mehr. Wenn wir es mit Fast Food übertreiben, schaden wir uns auf längere Zeit selbst. Der Blick auf die Waage und unsere Blutwerte beim Hausarztkontrollbesuch zeigen es uns.

    Warum schweife ich ab, fragst Du Dich jetzt? Nun, das tue ich gar nicht, denn es gibt auch in der Literatur Fast Food. Einige Verlage und viele Selbstveröffentlicher haben sich darauf spezialisiert und produzieren endlose Reihen von wahlweise Arzt-, Adels-, Gutsherren- oder Wandlerromanzen oder schreiben in anderen Genres wie Krimi oder Science Fiction. Sie machen gutes Geld damit, denn der Bedarf ist groß. Die Büchlein sind schnell gelesen, aber ebenso schnell wieder vergessen. Der Blutzucker sinkt und Du brauchst mehr davon.

    Das ist ein exzellentes Verkaufskonzept. Ich gönne es jeder Person, die damit ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften kann.

    Ich habe viele solcher Serienfolgen gelesen. Am Ende ist zwar der Drang nach mehr davon da, aber gleichzeitig auch eine gewisse Leere im Geist. Mich befriedigt das nicht genug, um da dauerhaft bei der Stange zu bleiben. Sieh Dich in meinen Rezensionen um. Vielleicht siehst Du dann, was ich meine.

    Selbst eine Kurzgeschichte kann mich stunden- oder sogar tagelang beschäftigen, wenn sie ein Thema pointiert auf den Punkt bringt und Fragen aufwirft, über die es sich nachzudenken lohnt.

    Wenn Du Dich fragst, warum ich über Fast-Food Literatur rede und dann selbst gelegentlich Romance schreibe: Auch ich habe meine Widersprüche und muß mit ihnen leben. Ich finde, es ist überzeugender, über Dinge zu schreiben, die ich selbst ausprobiert habe 😏

    Eis XXIX von Mike Gorden (Cover)
    Eis XXIX von Mike Gorden (Cover)

    Wenn Dich also Romane mit 600 Seiten Länge und mehr als vier handelnden Personen mental nicht überfordern, dann ist vielleicht mein Moíra-Zyklus etwas für Dich. Ich garantiere Dir tage- und wochenlanges Lesevergnügen!

    Falls Dich das Thema nach der Lektüre weiter beschäftigt und Du mit jemandem reden mußt: nimm mich! Du möchtest wissen, warum Mike und Maurice noch nicht geheiratet haben? Wer dieser ominöse Werner ist, der durch »Der gefrorene Urknall« geistert oder warum »Eis XXIX« kein Happy-End hat? Frage mich und ich erzähle es Dir!

    Oder auch nicht, weil ich vielleicht gerade daran schreibe …

    In diesem Sinne: bleib gespannt!

    Dein Mike

    * Als Amazon-Partner erhalte ich übrigens eine Provision, wenn Du über meinen Link dort einkaufst. Der Preis, den Du beim großen »A« zahlst, verändert sich dadurch nicht! Ich erhalte lediglich etwas mehr Geld für meine Arbeit 😏

    #MikeGorden #MoíraZyklus #QueerScienceFiction #FastFoodLiteratur #Groschenroman #Kolportage

  • Gefahr oder Gayfahr?

    Gefahr oder Gayfahr?

    Gefahr oder Gayfahr - was meinst Du?

    Gefahr oder Gayfahr – was meinst Du?

    »Gefahr von der anderen Seite – Das Universum im Tautropfen« ist mein Debutroman, den ich 2018 herausgebracht habe. Ich war hungrig auf das Autorenleben, geradezu euphorisch über die vielen positiven Bewertungen, die nach der Veröffentlichung in ziemlich kurzer Zeit eintrudelten und dachte, es geht immer so weiter.

    Dem war natürlich nicht so. Schon bald erhoben sich auch kritische Stimmen. »Homosexuelle Fantasien in derber Sprache« sagten die freundlicheren davon. Gut, ich bin schwul und ich nehme diesbezüglich kein Blatt vor den Mund. Die Umgangsformen in der Szene sind direkter und anzüglicher als anderswo und da zwei meiner vielen Hauptpersonen schwul sind und im ersten Band meines »Moíra-Zyklus« eine Romanze erleben dürfen, ging es zwischendurch auch ordentlich zur Sache.

    Schreibe ich hier »schwul«, so bildet das im übrigen nur meinen persönlichen Erfahrungshorizont ab. Alle anderen Personen, sie sich außerhalb des traditionellen Rollenverständnisses sehen, mögen sich bitte mitgemeint fühlen. Ich will niemanden ausschließen, nur weil sie in meinen Büchern bisher nicht vorkommen.

    Einige Monate nach der Veröffentlichung konnte ich mir aus Verkäufen, Rezensionen und anderem Feedback ein erstes Bild zusammensetzen, für wen ich das Buch eigentlich geschrieben habe. Zu denken gab mir, daß die meisten Leser des Debutromans keine schwulen Männer sind, sondern heterosexuelle Frauen. Damit hatte ich vor der Veröffentlichung nicht gerechnet und ich mußte mir Gedanken machen, wie ich damit umgehe. Was bin ich bereit, für einen kommerziellen Erfolg des Moíra-Zyklus zu tun? Soll ich Rücksicht nehmen und mögliche Trigger vorab aus meinen Romanen entfernen? Vielleicht sprechen sie dann neue Leserschichten an?

    Schließlich entschloß ich mich, für einen möglichen größeren Erfolg die (nicht allzu zahlreichen) erotischen/pornographischen Passagen zu streichen, das Werk neu zu veröffentlichen und das Thema Erotik in den Folgebänden ganz zu vermeiden, beziehungsweise, wenn es sich in der Handlung nicht vermeiden ließ, das ganze jugendfrei zu verschwurbeln.

    Poetry oder Pötry? (Artikel von Mike Gorden)
    Du ahnst, wie das ausgegangen ist.

    Du ahnst, wie das ausgegangen ist. Wer niemandem auf die Füße treten will und deswegen mit Schere im Kopf schreibt, salzt auch sein Essen nicht. Die Rezensionen wurden dadurch nicht besser. Ich habe seitdem aber Streß mit meinen Charakteren. Vor allem Maurice sitzt im Schmollwinkel und läßt mich bei jeder Gelegenheit spüren, daß er es viel besser könnte, wenn ich ihn nur wieder ließe. Es macht mir das Schreiben nicht leichter, das zu wissen.

    Maurice Belloumi (Avatar)
    Vor allem Maurice sitzt im Schmollwinkel.

    Darf Science Fiction denn nicht erotisch sein und kann dabei dennoch Science Fiction bleiben? Dürfen wir Schwulen mit all unseren Marotten nicht selbstverständlicher Teil der Handlung sein? Ist für einen Kriminalfall zwischen wissenschaftlichen Beschreibungen kein Platz? Was ist, wenn Geschehnisse in der Vergangenheit plötzlich Einfluß auf die Gegenwart und Zukunft nehmen? Haben die denn zwischen der hehren Science Fiction ebenfalls keinen Platz mehr? Darf ich zwei Themen miteinander vermischen? Was ist, wenn es noch mehr werden?

    Ich kann mit dieser Fixierung auf ein und nur ein Genre nichts anfangen. So verlaufen meine Geschichten nicht, zumindest die längeren davon. Der Moíra-Zyklus wird immer eine Mischung verschiedener Spielarten bleiben. Versuche ich, nur ein Genre zu schreiben, kastriere ich den Plot der Reihe. In jeder Hinsicht.

    Mike Gorden: Empath (Cover)
    Daß ich das kann, habe ich mit »Empath« bewiesen.

    Einsternerezensionen und Beschwerden über zu viel Herrenunterwäsche in meinen Texten sind mir mittlerweile egal. Für diese Leute schreibe ich nicht. Ich kann es nicht allen recht machen und werde es auf meine alten Tage auch nicht mehr versuchen.

    Diese Gedanken treiben mich seit Jahren um und führen jetzt zu einem neuen alten Lösungsansatz: Ich könnte Maurice wieder von der Leine lassen und »Gefahr von der anderen Seite« endlich in der Version herausbringen, in der ich das Buch ursprünglich geplant hatte, also inklusive Gay-Romance in derber Sprache. Daß ich das kann, habe ich mittlerweile mit »Empath« bewiesen, meinem kommerziell mit Abstand erfolgreichsten Buch.

    Würdest Du das lesen? Würdest Du das kaufen? Schreib mir einen Kommentar

    und bleib gespannt (gayspannt) 😏

    Dein Mike

  • Ghosting von Autoren

    Ghosting von Autoren

    Ghosting von Autoren
    Photo by Elīna Arāja on Pexels.com

    Mikes Meinung: Ghosting von Autoren

    Ghosting ist ein Wort, das die meisten von uns erst bei Wikipedia nachschlagen müssen, um dann befremdet festzustellen, daß sie es selbst bereits erlebt haben.

    Üblicherweise ist es ein Beziehungspartner, ein Freund oder ein Bekannter, der von jetzt auf gleich abtaucht und jeden Kontakt zu Dir vermeidet, Nachrichten nicht mehr beantwortet, Anrufe nicht annimmt, seine Türe nicht öffnet und Briefe ungelesen zurückgehen läßt. Der Ghostende macht sich damit die Sache sehr einfach, sei es aus Feigheit oder schlicht aus Lebensunfähigkeit. Der Geghostete – ich persönlich finde die Bezeichnung »Opfer« treffender – wird mit seinen Fragen allein gelassen und gerät leicht selbst in eine Krise, wenn er keine guten Freunde hat, die ihn über diese schwer erträgliche Situation hinweghelfen.

    Ghosting tritt aber nicht nur im Privaten, sondern auch im Berufsleben auf. Sei es der Arbeitgeber, der sich nach einer Bewerbung auf seine Ausschreibung einfach nicht meldet oder auf der anderen Seite der Bewerber, der nach einem eigentlich erfolgreichen Gespräch plötzlich abtaucht.

    Wir freien Autoren erleben regelmäßig Ghosting, wenn wir Unterlagen zu einem unserer Manuskripte an einen Verlag einreichen. In vielen Fällen werden wir keine Antwort erhalten, oft nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Wir haben uns daran schon so gewöhnt, daß wir es als ganz normalen Umgangston im Geschäftsleben hinnehmen, wenn man uns so behandelt.

    Das ist es aber nicht! Ich persönlich habe noch keinen Verlag gesehen, der auf seiner Webseite kommuniziert »Schicken Sie uns bloß keine Manuskripte.« Im Gegenteil! Sie werben sie aktiv ein, stellen teilweise sogar Regeln dafür auf und sind dann pikiert, wenn man es wagt, sie beim Wort zu nehmen.

    Nun ist nicht jedes Manuskript und jedes Exposé von gleich hoher Qualität. Mir ist auch klar, daß manche – gerade die größeren Verlage – in einer Flut von überwiegend mittelklassigen Manuskripten ersticken und die allermeisten Einsendungen folglich aussortiert und womöglich nicht einmal angesehen werden. Dennoch: Ist es wirklich zu viel verlangt, für solche Fälle einen Textbaustein à la »Wir haben Ihre Einsendung dankend erhalten. Leider haben wir derzeit keine Verwendung dafür.« vorzuhalten und eben in eine Mail zu kopieren?

    Hinter einem Manuskript stecken Monate, manchmal sogar Jahre harter Arbeit. Jedes Manuskript verkörpert eine Geschichte, die erzählt werden will. Wenn ich diese Leistung damit honoriere, daß ich die Person einfach ghoste, die sich mir da anvertraut hat, zeige ich einen Mangel an Professionalität und Sozialverhalten, den ich persönlich erschreckend finde. Damit werte ich den Betrieb, für den ich arbeite, zu einem reinen Rosinenpicker ab.

    Mike-Gorden-Bretagne

    Selbst, wenn meine Einreichung erfolgreich ist und solch ein Verlag mein Manuskript annimmt, weiß ich doch dann, daß ich nicht als Mensch zähle, sondern nur als Material zum Erzielen von Gewinn betrachtet werde. Folglich muß ich damit rechnen, bei erster Gelegenheit wieder fallengelassen zu werden wie eine heiße Kartoffel. Es gibt ja genügend Autorenmaterial.

    Für mich sind solche Verlage nicht besser als Druckkostenzuschußverlage. Die sagen wenigstens klar, daß sie eigentlich nur an unser Geld wollen und faseln nichts von Bildungsauftrag, Qualitätserwartungen und anderen hehren Ansprüchen. Ich finde, daß Verlage, die Autoren ghosten, genau so behandelt werden müssen wie Druckkostenzuschußverlage: auf eine Sperrliste und jedem raten, bloß die Finger davon zu lassen!

  • Wenn Vögel singen – Spätsommergedanken

    Wenn Vögel singen (Artikel von Mike Gorden)

    Wenn Vögel singen

    … dann stellt man sich dabei etwas wunderschönes vor. Ist es ja auch, solange es sich bei den fleißigen Sängern um Amseln und Nachtigallen handelt. Die können im Frühsommer morgens um vier den baldigen Sonnenaufgang begrüßen. Ich drehe mich auf die andere Seite, lächle und baue den Gesang in meine Träume ein.

    Leider sind die Amseln seit einigen Wochen verstummt. Statt ihrer krächzen jetzt Krähen und Elstern. Wenn erstere morgens in Schwärmen gen Bürgerpark ziehen, erweckt ihr Klangteppich in mir die Vorstellung, daß ihnen die apokalyptischen Reiter auf dem Fuß folgen. Tun sie zum Glück nicht, wobei, wenn ich später die Nachrichten höre, bin ich geneigt zu glauben, daß die anderswo bereits genügend zu tun haben.

    Noch später im Jahr mischt sich ein zartes gu-guu-guu, gu-guu in meine Träume. Meist wird es sofort beantwortet.

    gu-guu-guu, gu-guu
    gu-guu-guu, gu-guu
    gu-guu-guu, gu-guu
    gu-guu-guu, gu-guu.

    In der Hoffnung, daß es bald ein Ende hat, zähle ich im Halbschlaf die Motive mit, die zusammen eine Strophe ergeben. Unglücklicherweise endet jede einzelne Taube nicht mit einem gu-guu, sondern hängt noch ein kurz abgehacktes gu’ hintenan, ehe sie verstummt. Nach längerem Hinhören und schon halb wach fällt mir auf, daß das allererste Motiv jeder Taube unvollständig ist. Das erste gu fehlt, so daß die Strophe letztlich nicht wie oben geschrieben lautet, sondern

    guu-guu gu-guu gu’
    guu-guu gu-guu gu’
    guu-guu gu-guu gu’
    guu-guu gu-guu gu’.

    Würden alle brav nacheinander gurren und hätten alle Tauben die selbe Tonlage, wäre auch das erträglich. Leider tun sie das nicht und unglücklicherweise liegen auch die einzelnen Stimmlagen gern eine große oder kleine Sekunde auseinander. Eine – vermutlich der Sporan – liegt sogar einen Tritonus über einer der anderen Stimmen.

    Für jeden, der auch nur ein bißchen musikalisch ist, ist dieses Clustersingen schwer auszuhalten. Die Krönung ist eine Taube, die nicht in der Lage ist, ihren Ton zu halten. Auch sie mischt ihr Liebeslied unter den Gesang der anderen. Das Klangbild der Population der hier in meinem Stadtteil ansässigen Findorffer Masttaube ähnelt also eher einer Kakophonie.

    Wenn Vögel singen
    Photo by Frank Cone on Pexels.com

    In diesem Jahr habe ich gelernt, daß Evolution auch im Sozialverhalten stattfindet. Der Taubenbestand im Stadtteil hat sich in zwei sprachliche Subpopulationen aufgespalten. Die zweite bereichert das klassische guu-guu gu-guu gu’ mit einer frischen Synkope.

    guu-guu dum-ti-guu gu’
    guu-guu dum-ti-guu gu’
    guu-guu dum-ti-guu gu’
    guu-guu dum-ti-guu gu’.

    Seitdem ist mein Nachtschlaf bei offenem Fenster sehr unruhig geworden und ich freue mich geradezu auf den Winter.

  • 1993: HML-Wie alles begann

    1993: HML-Wie alles begann

    HML-Wie alles begann

    HML-Wie alles begann

    Die Geschichte eines der ältesten Webshops Deutschlands

    Auch wenn ich die Verkäufe meiner Bücher durchaus zufriedenstellend finde: Ein Jungschriftsteller in meinem Alter benötigt einen Broterwerb.

    Ich brüste mich nun des öfteren damit, einen der ältesten Online-Shops Deutschlands zu führen und will dir heute die Geschichte dazu erzählen.

    Sie beginnt Anfang der Neunziger. Ich lag in den letzten Zügen meiner Doktorarbeit und hatte bereits die Illusion verloren, dass die Welt außerhalb der Universität auf einen Chemiker wie mich nur gewartet hätte.

    Frank, mein damaliger Partner, kaufte sich 1993 eine Nähmaschine, einiges Zubehör und begann, selbst Gürtel aus Leder herzustellen. Er hatte vor, deren Zugfestigkeit zu erhöhen, denn einfache Ledergürtel leiern bei längerem Tragen schnell aus.

    Nach einigen Versuchen mit geschnittenen Gürteln aus dicken Rindernacken kam er auf die Idee, ein dünneres Schuhoberleder zu nehmen und es mehrlagig zu verkleben. Der Erfolg war bombig. Einige der damals genähten Gürtel tragen wir heute noch.

    und einige der damals mit Nieten besetzten Gürtel hängen heute noch im Shop…

    Das war seine Geschäftsidee. Ich war Feuer und Flamme und fing an, die genähten Gürtel mit verschiedenen hübschen Nieten zu besetzen. Das trug man damals so. Leider flaute diese Mode schnell ab. Einige der damals mit Nieten besetzten Gürtel hängen heute noch im Shop …

    Franks Geschäftsidee wurde dennoch schnell zu unserer Geschäftsidee und ich stürzte mich in meiner Freizeit mit Feuereifer in die Arbeit. Ich belegte einen Nähkurs an der Volkshochschule, aber das ist eine andere Geschichte. Wir erweiterten unser Produktspektrum, denn mit unserer neuen Verarbeitungsweise ließen sich nicht nur Gürtel viel dauerhafter herstellen, sondern auch Armbänder, Hosenträger, Portemonnaies und Schultergurte.

    Frank und ich standen schon immer der Fetisch- und BDSM-Szene nahe und so ergab es sich, dass wir auch Halsbänder, Hundeleinen, verschiedene Fesseln für Hände, Füße und andere Körperteile, Harnesse für den Körper und kleinere Geschirre für die edleren Teile in unser Sortiment aufnahmen.

    Wir posteten fleißig in den damaligen sozialen Medien, sprich: Fetischtreffen und Mundpropaganda. Schon im ersten Jahr zeigten uns die Umsatzzahlen, daß wir einen Nerv getroffen hatten und Frank meldete Gewerbe an.

    Ungeachtet dessen, dass er durchaus qualifizierte Sattlerarbeit ablieferte und das noch heute tut, mußte er das Gewerbe mangels fehlendem Meistertitel »Flickschusterei« nennen. So steht es seitdem in seinem (und später auch in meinem) Gewerbeschein.

    Frisch von der Universität brachte ich Mitte der Neunziger eine neue Geschäftsidee in unsere – mittlerweile gemeinsame – Firma ein: Wir standen dort nämlich über einige Akademierechner mit einem seltsamen Netzwerk in Verbindung, in dem man Dienste wie »WWW«, »Archie«, »Gopher« und »e-Mail« zur Kommunikation und zum Auffinden von Informationen nutzen konnte. Gesteuert wurde das über eine revolutionäre, neue Software namens »Netscape 2.0«.

    Schon längere Zeit gab es Bestrebungen, diese Dienste nicht nur den Universitäten, sondern auch der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. In den Neunzigern nahm diese Entwicklung dann Fahrt auf. Ich kaufte ein Modem mit sagenhaften 2.400 Baud (nach heutigen Maßstäben etwa 0,002 MBit), lernte den Hayes Befehlssatz, wählte mich damit in das Datex-P Netz der Telekom ein und stürmte in dieses neumodische Internet.

    Alles, was man damals ansehen konnte, lief folgendermaßen ab: Seite aufrufen und Kaffee kochen gehen. Wenn man später mit dem Becher zurückkam, konnte man mit Glück bereits die ersten Inhalte sehen.

    Glücklicherweise wurde Bremen 1994 ISDN Testregion. Mit einer passenden Karte für den PC ging der Seitenaufbau zügiger vonstatten und man hatte ein echtes Surferlebnis. Sofern der Seitencode überschaubar und die Bilder hübsch klein gerechnet waren.

    Im Jahre 1997 verlor ich mein Herz an René. Der smarte Schweizer arbeitete in einer Zürcher Firma, die Webspace kommerziell zur Verfügung stellte. Seinen Überredungskünsten ist es zu verdanken, daß ich die Domain hm-leder.com registrierte und uns beim damaligen Rainbow-Net Webspace für einen Shop anmietete.

    Olaf, ein lieber Freund, schrieb mir ein kleines Javascript für den Warenkorb und wir setzten gemeinsam eine Reihe statischer Seiten in HTML für unsere Produkte auf. Mehr brauchte es seinerzeit nicht.

    HM-LEDER Webshop ab 1997
    HM-LEDER Webshop ab 1997 (hier klicken zum surfen)

    HM-LEDER Webshop ab 1997 (hier klicken zum surfen)

    Die Domain gehört mir schon lange nicht mehr und wurde zunächst durch hm-leder.de, später durch hml-fetish.com und heute durch hml-fetish.de ersetzt. Die Überreste dieses Shops kannst Du aber noch im Archiv des Internets einsehen. Der Shop lief damals selbstverständlich auch offline, so daß ich ihn anstatt eines gedruckten Kataloges auf CD versenden konnte. Kennst du CDs noch? Diese silbernen Scheiben …

    Das quietschbunte Layout in Frames entsprach meinem damaligen Geschmack. Ich habe seitdem glücklicherweise dazugelernt.

    Du kannst Dir das originale Surferlebnis durch klicken auf die Bildunterschrift verschaffen. Nur bestellen geht nicht mehr. Es wäre ein immenser Aufwand, den Shop an die heutige Gesetzgebung anzupassen. Der gesamte Webshop inklusive Skripten und Bildern ist übrigens nur 20 Megabyte groß! Heutzutage lädst Du diese Datenmenge bereits herunter, wenn Du die Startseite von Facebook aufrufst.

    Frank hielt damals nicht viel von meinen Aktivitäten im Internet. »Du verzettelst Dich. Das bringt doch nie was«, durfte ich mir öfter anhören. Diesmal lag ich allerdings richtig. Schon im Jahre 2.000 überstiegen die Einnahmen aus dem Webshop die Umsätze im Laden deutlich und seitdem ist er unsere Haupteinnahmequelle. Klassischer Postversand mit schriftlichen oder telefonischen Bestellungen kommt heute kaum noch vor.

    Seit 2.000 führe ich den Webshop allein. Frank produziert weiter fleißig spannende Sachen und ich verkaufe sie, aber nicht mehr unter einem gemeinsamen Dach. Gelegentlich küsst mich auch die Muse und ich erfinde selbst etwas neues. So habe ich beispielsweise das Ponygeschirr für zweibeinige Ponys entwickelt und das Kondom aus Leder. Klingt exotisch, lockt aber Kunden aus der ganzen Welt in meinen Webshop.

    Der selbstgebaute erste Webshop hat knapp zehn Jahre gehalten. 2006 wechselte ich auf OSCommerce, einen Shop von der Stange, und 2015 wieder auf einen selbst geschriebenen Shop unter https://www.hml-fetish.com.

    Auch dieser stieß im Lauf der Jahre an seine Grenzen, so daß ich im Frühjahr 2022 begann, ein WordPress aufzusetzen, das den heutigen Shop beherbergt. So schnell wie die allererste Fassung von 1997 ist übrigens nie wieder eine unserer Webseiten gewesen.

    In meinen Hoch-Zeiten Anfang der 2.000er beschäftigte ich zwei fest angestellte Vollzeitkräfte und mehrere Aushilfen. Später – nach unerfreulichen Erlebnissen mit Mitbewerbern – gingen die Umsätze zurück. Glücklicherweise gehen mir aber die Geschäftsideen nicht aus. So gesellten sich im Verlauf der Jahre HML Apartments (Ferienwohnungen im Stadtteil) und der HML Verlag (Science Fiction, Thriller, Krimis und mehr) dazu.

    In diesem Sinne: Bleib gespannt!
    Mike Gorden

  • PrEP bzw. Präexpositionsprophylaxe

    PrEP bzw. Präexpositionsprophylaxe

    PrEP bzw. Präexpositionsprophylaxe (Artikel von Mike Gorden)

    PrEP bzw. Präexpositionsprophylaxe

    bezeichnet die vorbeugende Einnahme eines Medikaments gegen eine Krankheit, bevor man sich bewußt in eine Situation begibt, in der man sich mit eben dieser Krankheit anstecken kann. Für einen Seuchenarzt in einem Malariagebiet ist das eine geniale Lösung.

    Begrenzten Sinn macht diese Präventivmaßnahme auch in der HIV Prävention. Allerdings ist eine vorbeugende Therapie derzeit nicht sicherer als die konsequente Einhaltung der Safer Sex Regeln[1]. Daher stellt die PrEP auch keine grundsätzliche Verbesserung in der HIV-Prophylaxe dar, sondern lediglich eine weitere Säule in der Prävention.

    Es geht bei der Idee dieser HIV-PrEP nicht darum, Barebacking hoffähig zu machen. Sie ist aber eine Möglichkeit, um sich als sexuell aktive Person bestmöglich und selbstbestimmt vor einer Ansteckung durch HIV zu schützen. Mehr kann und soll sie nicht leisten. Sie ersetzt nicht die persönliche Auseinandersetzung mit der Problematik. Sie sollte außerdem nur unter ärztlicher Begleitung und in Kombination mit regelmäßigen medizinischen Checks auf Nebenwirkungen der Medikamente und eventuelle Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Keimen erfolgen. Sie ist zudem auf Dauer angelegt, d.h. die Tabletten müssen regelmäßig über einen längeren Zeitraum genommen werden, um zu wirken und sie kosten Geld.

    Der Umgang mit diesem Thema kann heikel sein. Wenn eine Plattform hier (vielleicht aus Personalmangel) nur Informationen breitest möglich über das Internet verteilt, suggeriert sie den Empfängern der Information möglicherweise eine Sicherheit, die es nicht gibt und nicht geben kann. Man muß mit jedem Betroffenen intensiv reden und ihm die Konsequenzen seiner Handlungen klar machen. Jeder, der diese Informationen unreflektiert aufnimmt und als Freibrief auffaßt (à la »PrEP ist wie eine Kopfschmerztablette, die man mal zum Ficken nimmt und alles ist gut.«), gefährdet sich und andere!

    Meine Sorge ist, daß eine unzureichende Aufklärung des betroffenen Personenkreises über die Möglichkeiten und Grenzen einer PrEP das Grundproblem sexuell übertragbarer Krankheiten nicht löst, sondern verschlimmert. Es gibt genügend dieser Krankheiten, gegen die man sich nicht mit einer PrEP schützen kann und die sich im Gefolge der PrEP in der Szene mittlerweile wieder stark ausgebreitet haben.[5] Von den körperlichen Nebenwirkungen der verwendeten Wirkstoffe und der mit einem flächendeckenden Einsatz der PrEP provozierten Verbreitung truvadaresistenter HIV-Stämme (ja, die gibt’s!) einmal ganz abgesehen[2, 4].

    Antibiotika waren einmal eine wirksame Waffe gegen Infektionskrankheiten. Solange, bis die Leute anfingen, sie an ihr Vieh zu verfüttern. Die HIV-Prophylaxe könnte leicht einen ähnlichen Verlauf nehmen, wenn man damit weitermacht, retrovirale Medikamente flächendeckend und ohne eine präzise Kontrolle einzusetzen. Es gibt mittlerweile resistente Stämme gegen alle gängigen HIV-Medikamente. In Konsequenz dessen könnte es in der HIV Therapie zu einer ähnlichen Situation kommen, wie sie bei der Bekämpfung herkömmlicher Infektionskrankheiten mit Antibiotika bereits traurige Realität ist. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Wirkstoffklassen (bei Antibiotika sind seit Jahrzehnten keine neuen mehr entdeckt worden) und das Auftreten multiresistenter Erreger ist heute ein zentrales Problem in der Therapie.[3]

    Noch wirken die zur Verfügung stehenden Wirkstoffklassen in der HIV Therapie (zumindest als Kombinationspräparat) zuverlässig (sofern man sie verträgt). Durch die PrEP werden aber die zentralen Waffen in der HIV Therapie, nämlich retrovirale Medikamente, stumpf gemacht! Wir können nur hoffen, daß die Konsequenzen beherrschbar bleiben.

    Ich persönlich finde: Eine PrEP ersetzt keinen Safer Sex. Sie ergänzt ihn nur. Und ich meine: Solange wir nicht jedem einzelnen im persönlichen Gespräch sagen, worauf er sich mit einer vorbeugenden Therapie einläßt (s.o.), schicken wir ihn in eine Grauzone, in der er höllisch aufpassen muß, um sich nicht strafbar zu machen.[2]

    Auch wenn sich in den letzten Jahren da medikamentös einiges getan hat, ändert das nichts an der Aktualität dieses Artikels.


    Quellen:
    1) Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Präexpositionsprophylaxe
    2) IwwIt.de – http://www.iwwit.de/blog/2016/03/hiv-trotz-prep-interview/
    3) Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Antibiotikum
    4) Out.com – https://www.out.com/news-opinion/2018/10/09/sixth-case-man-contracting-hiv-while-adhering-prep-confirmed
    5) Deutschlandfunk Kultur: https://www.deutschlandfunkkultur.de/geschlechtskrankheiten-die-rueckkehr-von-syphilis-und.976.de.html?dram:article_id=418123

  • Korrekte Rechtschreibung

    Korrekte Rechtschreibung ist mir wichtig.

    Korrekte Rechtschreibung

    …ist mir wichtig. Gerade in Zeiten, in denen in Foren und anderen sozialen Medien so viel Text produziert wird, wie niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte, ist dieser größtenteils von erbärmlicher Qualität und das meine ich nicht nur inhaltlich.

    Auch ich entwickele mich weiter und so enthalten meine späteren Werke hoffentlich weniger Fehler als die früheren.

    Allerdings bin ich in einer anderen Zeit aufgewachsen als viele meiner Leser, und habe daher in der Schule die alte Rechtschreibung gelernt. Mit der sogenannten ‘neuen Rechtschreibung’, die uns in den neunziger Jahren übergestülpt und die – wegen der offensichtlichen Unsinnigkeit vieler ihrer Komponenten – durch mehrere Re-Reformen, die bis in die heutige Zeit reichen, Stück für Stück wieder zurückgenommen wurde, konnte ich mich nie anfreunden.

    Das wird Dir beim Lesen auffallen. Nicht bei amputierten und operierten Wörtern wie ‘Känguru’ oder ‘Delfin’. Diese kommen nämlich – Vorsicht Spoiler! – in meinen Geschichten nicht vor. ‘Rauh’ schon. ‘Nessessär’ finde ich gräßlich und daß der Albtraum nichts mit den Alpen zu tun hat, sondern mit dem Nachtalb, einem Sagenwesen, hat sich selbst dem Duden nicht völlig erschlossen.

    Wogegen ich mich hauptsächlich wehre ist, daß durch diese ‘Reform’ ein Buchstabe unserer Sprache, das ‘ß’, in eine Nische verschwindet, in der man es kaum mehr wiederfindet. Das mag so gewollt sein. Ich aber halte das scharfe ‘s’ für sinnvoll und für eine Bereicherung der deutschen Sprache. Erzählt den Franzosen mal, daß sie auf die Cédille verzichten sollen. Da wäre aber was los in der Grande Nation!

    Mittlerweile wurde das ‘ß’ von anderer Seite geadelt und in den Rang eines echten Buchstabens erhoben, den man auch GROẞ schreiben darf. So hoffe ich, daß ich mit der durchgängigen Verwendung dieses Buchstabens auf euer Verständnis stoße.

    Wer sich über das Kuddelmuddel um die Rechtschreibung und seinen historischen Ablauf genauer informieren will und Humor hat, kann das bei hier bei Wikipedia tun. [Vorsicht! Externer Link! Sofortiger Weltuntergang beim Klicken!]

    Wenn ich eine geschäftliche Mail an einen Schweizer schreibe, benutze ich übrigens auch das Doppel-S. Aus Höflichkeit. Schon immer.

  • Sankt Florian

    Mike Gorden: Sankt Florian (Glosse)

    Sankt Florian

    Wir Deutschen sind schon ein ziemlich bigottes Völkchen.

    Wir sind für den Weltfrieden, aber wir beliefern die größten Brandstifter der Welt mit Waffen. Zum Ausgleich kämpft unsere eigene Armee mit museumsreifem Equipment.

    Wir sind für Menschenrechte, kuschen aber vor Despoten und Diktatoren.

    Wir sind gegen den Klimawandel. Dennoch torpedieren wir den Ausbau erneuerbarer Energien zugunsten von Kohle und Atom und blockieren den Netzausbau.

    Elektromobilität ist unser hehres Ziel. Deswegen boykottieren wir den Bau neuer Ladestationen. Unsere Autos sind keine Elektromobile, sondern manipulierte Dreckschleudern.

    Wir predigen Nachhaltigkeit, aber kaufen Gammelfleisch vom Discounter und Billigelektronik aus Fernost.

    Heiliger Sankt Florian, verschon’ mein Haus, zünd’ andre an!

  • Der Moíra-Zyklus – mein Hauptwerk

    Der Moíra-Zyklus – mein Hauptwerk

    Der Moíra-Zyklus von Mike Gorden


    Mike Gorden: Der Moíra-Zyklus

    Die Protagonisten des Moíra-Zyklus geraten zwischen die Fronten eines Kampfes zweier Geheimorganisationen. Sie stellen dabei fest, daß die Welt hinter der Fassade der Naturgesetze anders aussieht als erwartet und müssen sowohl ihre persönlichen Überzeugungen in Frage stellen als auch ihre Definition von ‘gut’ und ‘böse’.

    Es handelt sich beim Moíra-Zyklus um einen Genremix aus wissenschaftlicher Science Fiction mit Krimi und (Gay und Straight) Romance in einem thrillerartig rasanten Plot. Laß auch Du Dich hineinziehen und lerne, daß nicht alles, was Du bisher geglaubt hast, unter allen Umständen gut und richtig ist.

    Du willst mehr wissen?

    Mike Peters lebt in Paris und ist Redakteur in einem populärwissenschaftlichen Verlag. Er forscht dem plötzlichen Verschwinden eines Professors hinterher. Er findet ihn, aber das hat seinen Preis. Er erregt die Aufmerksamkeit von Leuten, denen man sonst lieber aus dem Wege geht. Sein bester Freund wird ermordet und er selbst entgeht nur knapp einem Anschlag.

    Maurice Belloumi stammt aus den Banlieues und arbeitet bei der Pariser Mordkommission. Er wird abgestellt, um Mike Peters zu beschützen. Es macht Spaß, den beiden so verschiedenen Persönlichkeiten zuzusehen, wie sie sich im Zuge der Ermittlungen zusammenraufen und die Verschwörung hinter dem Mord aufdecken.

    Doch das ist nur der Auftakt eines großen Abenteuers. In den Hauptbänden der Reihe »Gefahr von der anderen Seite«, »Der gefrorene Urknall« und »Neutronenreiter« (erscheint 2022) müssen sich die beiden und ihre Freunde auch mit dem beschäftigen, was der verschwundene Professor entdeckt hat: Die Gesetze, die unser Universum und unsere Existenz beschreiben, sind nämlich unvollständig. Eine Anomalie, die sich deshalb bei einem fehlgeschlagenen Experiment am großen Teilchenbeschleuniger CERN gebildet hat, verbindet unsere Welt von nun an mit einem Paralleluniversum, in dem alles aus Antimaterie besteht.

    Das geht nicht lange gut, denn es gibt Personen, die diese Dimensionspforte kontrollieren und für ihre Zwecke ausbeuten wollen. Sie bleiben viel zu lange unentdeckt. Welche Rolle dabei ‘Moíra’ spielt, eine der Organisationen, mit denen sich Mike und Maurice auseinandersetzen müssen, das bleibt ebenfalls im Dunkeln.

    Ende 2023/Anfang 2024 erscheint »Neutronenreiter«, der dritte Teil dieser Reihe. Mike und Maurice müssen sich neuen Herausforderungen stellen. Das ‘Magazine de la Science’ steht einem scheinbar übermächtigen Gegner gegenüber und Maurice muß sich mit einem Mörder herumschlagen, der seine Opfer mit einer Garrotte um die Ecke bringt. Seltsame Dinge geschehen in einer alten Goldmine in der Taiga Sibiriens. Die Leiterin von Moíra stellt ein bizarres Team zusammen, um den dort auftretenden Phänomenen zu begegnen.

    Das Universum des Moíra-Zyklus

    Es gibt noch mehr Geschichten. Sie gruppieren sich lose um die Hauptreihe herum und haben Charaktere mit dieser gemeinsam.

    In »Das Geheimnis der Untoten« fahren Mike und Maurice in Urlaub auf eine bretonische Kanalinsel. Bis sie wirklich dazu kommen, Urlaub zu machen, müssen sie aber einen verrückten Mordfall aufklären und tief in die Vergangenheit der Insel eintauchen.

    Die gut recherchierten historischen Handlungsstränge kommen übrigens in jedem Band vor und bilden einige der stärksten Momente des Zyklus. Nur wer die Vergangenheit kennt, versteht auch die Gegenwart und kann die Zukunft gestalten.

    Ist Sex schlimmer als Metzelszenen? »Empath« bildet einen pornographischen Kontrapunkt zur Hauptreihe, in der in dieser Beziehung eher wenig geschieht. Wer die harten, schwulen Sexszenen verträgt, wird mit einer spannenden Geschichte um Drogenmißbrauch und experimentelle Medizin belohnt.

    »Die Wunder der Apokalypse« (erscheint 2024) spielt in einer sehr fernen Zukunft und bietet eine überraschend neue Sicht auf die Romane der Hauptreihe.

  • Warum ich Genres für zweitrangig halte:

    Warum ich Genres für überbewertet halte:

    Mike Gorden schreibt über Genres

    Ich höre regelmäßig in den Foren Sätze wie »Ich schreibe nur in diesem Genre, weil meine Leser das von mir erwarten.« oder »Ich lese nur in diesem Genre, weil mich nichts anderes interessiert. Ich persönlich finde, daß sich beide Seiten mit dieser Vorgehensweise unnötig enge Fesseln anlegen.

    Wenn ein Schriftsteller eine neue Geschichte schreibt, dann beschreibt er in den allermeisten Fällen die Lebenslinien einer oder mehrerer Personen, ihren Werdegang, was sie an Abenteuern erleben, was das mit ihnen macht und wie sie sich dabei entwickeln. Das tue ich auch.

    Während meiner allerersten Leserunde bei Lovelybooks habe ich des öfteren Meinungen gehört wie »Ich fand die Geschichte von Mike und Maurice toll. Der wissenschaftliche Anteil war gut erklärt und hat mich gar nicht irritiert.«, »Der Krimi war spannend und hat mich regelmäßig auf falsche Fährten gelockt. Der historische Erzählstrang hat sich gut in die Geschichte eingefügt.« oder »Das ist originelle Science Fiction. Daß da Gay-Romance im Spiel war – so what?«.

    Was bedeutet das nun? Wenn ich lese, folge ich den Lebenslinien meiner Figuren und freue mich an dem, was sie erleben. Gefallen mir die Figuren und verliebe ich mich vielleicht sogar ein wenig in sie, dann ist es letztlich egal, ob das, was sie erleben, ein Krimi ist, ein Thriller, Mystery oder Romance. Es geht mir dann nur um die Figuren.

    Ich habe von Anfang an so geschrieben, daß ich von meinen Figuren ausgehe, die Geschichte sich um die Figuren herum entwickelt und sogar von ihrer Entwicklung beeinflußt wird. Deshalb sehe ich meine Aufgabe als Schriftsteller auch darin, Dir zu zeigen, wie sehr Du Dich einengst, wenn Du Dich auf nur ein Genre fixierst.

    Um beim Beispiel von Mike und Maurice zu bleiben: Sie wachsen derzeit in einer Mischung von hard-boiled-crime, Science Fiction, Geschichte, Mystery und einer ordentlichen Portion Romance auf. Im nächsten Buch erleben sie aber einen ganz schlichten Krimi. Nun ja, vielleicht nicht ganz schlicht. Sonst wäre ich nicht Mike Gorden. Auf jeden Fall geschieht etwas völlig Unerwartetes!

    In diesem Sinne: Bleib gespannt. Ich habe noch so viel vor.
    Dein Mike

  • Jahresendgedanken 2020

    Mike Gorden: Jahresendgedanken

    Jahresendgedanken 2020

    Wieder geht ein Jahr zu Ende und ich ziehe – wie Du sicher auch – Bilanz. Zur politischen Lage werde ich mich wie immer der Stimme enthalten. Ich habe eine klare private Meinung dazu, aber ich schreibe in einem anderen Genre und möchte das nicht vermischen.

    Mir steht jetzt mehr Zeit als früher zur Verfügung, die ich in meine Leidenschaft stecke. So ist mein Ausstoß gewachsen. Im vergangenen Jahr habe ich einen Roman (Der gefrorene Urknall) und zwei Kurzromane (Der Gefangenentransport + Der Fluch der anderen Seite) veröffentlicht. Ein weiterer Roman (Empath) steht unmittelbar vor der Veröffentlichung, zwei weitere Romane sind weit fortgeschritten und ich habe eine Menge Ideen für neue Kurzromane. Von der Bezeichnung ‘Kurzgeschichten’ nehme ich mittlerweile Abstand, denn auch meine Kurzgeschichten haben zumindest die Länge einer Novelle.

    Außerdem habe ich unter dem Pseudonym Anna Wagner einen Kurzroman meiner verstorbenen Mutter veröffentlicht (Die Schuld des Anton Eschlinger), den sie vermutlich in den Fünfzigern verfaßt hat. In ihrem Nachlaß befanden sich nämlich vier in Sütterlin beschriebene Schulhefte, in denen sie die Geschichte aufgeschrieben hat. Ich habe den Text entziffert und lektoriert. Das war ein spannendes Projekt aus einem völlig anderen Genre und ich bin mittlerweile überrascht, wie viele Leser es für Geschichten im Stile Hedwig Courths-Mahlers heute noch gibt! Vielleicht sollte ich das Genre wechseln 😎

    Das Fazit meiner letzten Leserunde sehe ich nicht rundum positiv. Es gab eine Menge wertvolle Rückkopplung zu »Der gefrorene Urknall« und ich habe spannende Diskussionen über Handlungsstränge und die Entwicklung meiner Charaktere geführt. Das gibt mir ein klareres Bild davon, welche Leser ich mit meinen Geschichten anspreche, denn diesmal erhielt ich auch eine Reihe Kritiken von Personen, die mit meiner Geschichte nichts oder nur wenig anfangen konnten.

    Bisher habe ich versucht, meinen Schreibstil so anzupassen, daß ich möglichst viele Leser anspreche. Mit diesem Konzept bin ich gescheitert. Es gibt Grenzen, die ich nicht überschreiten kann und will. Ich werde beispielsweise immer ein auktorialer Erzähler bleiben. In »Der Gefangenentransport« habe ich mit einen Ich-Erzähler in der Gegenwartsform experimentiert. Das ist der Geschichte gut bekommen. Die Distanz zu meinen Charakteren verkürzt es allerdings nicht. Meiner Meinung nach ist das auch nicht schlecht, denn ich bringe mit dieser Erzählweise selbst romantische, erotische und sogar pornographische Setups so rüber, daß sie Dich einfangen und absorbieren. So what?

    Schwerer fällt es mir, mich von meinem eher wisssenschaftlichen Erzählstil zu lösen. Seinerzeit hat es mich in meiner Dissertation eine Note gekostet, daß ich den Anspruch hatte und habe, daß meine Texte nicht nur für Chemiker verständlich sein müssen, sondern prinzipiell für jede und jeden. Heute stehe ich mir manchmal selbst damit im Weg, daß ich offenbar doch genügend Wissenschaftlerjargon übernommen habe, um meine Texte nicht immer leicht verständlich erscheinen zu lassen.

    In der Erstauflage von »Gefahr von der anderen Seite« habe ich versucht, das Problem mit Fußnoten und einem Glossar zu lösen. Das hat es aber nicht bessser gemacht. Mittlerweile stehe ich auf dem Standpunkt, daß ich es Dir gelegentlich zumuten kann, einen Sachverhalt oder ein Wort, das Dir fremd ist, in eine Suchmaschine oder bei Wikipedia einzugeben.

    Mein »Moíra-Zyklus« ist anspruchsvolle Lektüre mit einem komplexen Setup und einer unüblichen Mischung aus Genres. Wissenschaftliche Science-Fiction trifft man sonst nicht gemeinsam mit Mystery, Kriminalroman, historischem Roman und (Gay und Straight) Romance an. Einige meiner Leser haben mich darauf hingewiesen, daß man bei den vielen Charakteren in mehreren parallelen Handlungssträngen konzentriert lesen muß, um nicht den Überblick über das große Ganze zu verlieren.

    Was tun? Ich möchte weder Szenen noch Handlungsstränge weglassen, weil ich dadurch meine handelnden Personen ihrer Entwicklungsmöglichkeiten beraube. Ich liebe meine Charaktere und werde ihnen das nicht antun!

    Mein Lösungsansatz besteht in einem Personenregister, das ich gerade auf die Liste der Projekte für das kommende Jahr gesetzt habe und künftig erscheinenden Büchern hinzufügen werde. Ich verleihe meinen Charakteren darin den Hintergrund, den sie verdienen, und erleichtere es Dir gleichzeitig, den Überblick zu behalten. Wie findest Du das?

    Um wieder darauf zurückzukommen, warum mein Fazit zur Leserunde dennoch nicht rundum positiv ist: Es hat mich nämlich erschreckt, wie viele Teilnehmer der Runde mittlerweile Leserunden für sich als Geschäftsmodell begreifen und die gewonnenen Bücher ohne jegliche Rückkopplung an mich an Zweitverwerter wie Momox/Medimops weiterleiten. Selbst von den Bloggern, die im vergangenen Jahr Interesse an meinen Büchern gezeigt und mich um Zusendung von Rezensionsexemplaren gebeten haben, scheint die Mehrzahl der Kategorie ‘Jäger und Sammler’ anzugehören.

    Auch dagegen ist per se nichts einzuwenden. Mir würde es ja genügen, wenigstens ein kurzes Feedback à la ‘ist leider doch nichts für mich’ zu erhalten. Wenn aber auch das ausbleibt, muß ich für mich Konsequenzen ziehen und mit der Zusendung von Prints künftig wählerisch werden.

    Alles in allem war das ein aufregendes Jahr mit Höhen und Tiefen, an dessen Ende ich viel besser weiß, wo ich als Schriftsteller stehe und was ich von mir und anderen erwarten kann. Ich bin überzeugt davon, daß das meinen Texten, Geschichten und Romanen gut bekommen wird und lade Dich dazu ein, meine Reise auch weiterhin zu begleiten.

    In diesem Sinne: bleib gespannt!
    Herzlichst Dein Mike

  • Das Genre-Dilemma eines Schriftstellers

    Das Genre-Dilemma der Phantastik
    Das Genredilemma der Phantastik

    Das Genre-Dilemma eines Schriftstellers

    Das Genredilemma der Phantastik, zu lesen auf: https://www.thetolkiendisease.com/schreiben/65/

    Dieser lesenswerte Artikel beschreibt auch mein Grund-Dilemma als Schriftsteller: Ich schreibe zwischen verschiedenen Genres. Deswegen ist es mir anfänglich so schwer gefallen, meine Geschichten einem Haupt-Genre zuzuordnen. Die Zuordnung »Sci-Fi Thriller« umschreibt meine Texte daher nur vage.

    Sind die Kurzgeschichten meist Science-Fiction und Dystopien, so mischen sich in den Moíra-Zyklus in die Sci-Fi auch Elemente eines historischen Romans, (hard boiled) Krimi, Mystery, einiger Wissenschaften und verschiedenartiger Romanzen bis hin zur Erotik.

    Mir ist es wichtig, so zu schreiben, wie es im wirklichen Leben tatsächlich auch geschehen könnte. Unglücklicherweise hält sich das wirkliche Leben da draußen aber nicht an Genres. Entferne ich daher bewußt Genres aus meinen Werken, um die Geschichte leichter rezipierbar zu machen, nehme ich meinen Plots einen Teil ihrer Seele.

    Das kann man machen. Man kann damit zweifellos auch Millionenauflagen generieren. Das ist aber nicht mein Weg. Ich möchte als Schriftsteller authentisch bleiben und mich nicht auf einen oder zwei Stereotype reduzieren lassen müssen, damit sich meine Werke besser verkaufen.

    Das ist meine Meinung. Leb damit!

  • Urlaub in Frankreich

    Urlaub in Frankreich 2014
    Urlaub in Frankreich 2014

    Urlaub in Frankreich

    Es gibt so viele hübsche Orte auf unserem Kontinent. Willst Du sie besuchen, mußt Du aber zunächst dorthin kommen. Wenn der Ort etwas abgelegener ist – beispielsweise eine kleine Insel im Ärmelkanal vor der französischen Küste fernab von jedem Flughafen – empfiehlt sich das Auto. Bist Du dann unterwegs zu Deinem Urlaubsziel, erwarten Dich gar viele wunderliche Dinge am Wegesrand.

    Beispielsweise Belgien. In Flandern sind die Autobahnen gut ausgebaut; in der Wallonie weniger. Gemeinsam ist ihnen, daß der Standstreifen alle paar Kilometer gesäumt ist von geplatzten LKW-Reifen. Entweder kommen dort unglaublich viele Lkws binnen kürzester Zeit zu Schaden (was ich mir beim Straßenzustand in der Wallonie durchaus vorstellen könnte, das aber nicht für Flandern zutrifft), oder es gibt niemanden, der all die Gummiskelette wegräumt. Beides halte ich für bedenklich.

    In der Wallonie habe ich im übrigen zum ersten Mal in meinem Autofahrerleben einen Wagen mit Achsbruch am Rand der Autobahn gesehen. Einige Autobahnabschnitte sind zwar mittlerweile instandgesetzt. Andere erinnern aber eher an einen Feldweg und wir waren sehr froh, mit einem Geländewagen unterwegs zu sein.

    In Deutschland wundere ich mich lediglich, wenn wieder einmal ein »Spanngurt« oder ein »Kantholz« auf der Autobahn verloren wird. Anscheinend führt jeder deutsche Autofahrer außer mir einen ganzen Kofferraum voller Spanngurte und Kanthölzer spazieren. Ich jedenfalls habe das in der Fahrschule nicht gelernt, wie man fachmännisch einen Spanngurt verliert. Außerdem habe ich keine Ahnung, was ein Kantholz ist. Alle anderen außer mir müssen das wissen, denn ich habe noch niemals sich jemanden über ein Kantholz wundern sehen.

    Französische Autobahnen sind auch hübsch. Neben einem unglaublich komplizierten Mautsystem, das aus einer Vielzahl von Autobahnbetreibergesellschaften resultiert, die alle etwas vom großen Kuchen abhaben wollen, fasziniert mich dort das Hütchenspiel besonders.

    Franzosen haben auf den Autobahnen alle paar Kilometer Deponien an Verkehrshütchen von ansprechender Form und Farbe auf den Mittelstreifen gelagert. Wenn sie nun Langeweile haben – was im Sommer häufiger vorzukommen scheint – dann spielen sie damit. Sie sperren damit Kilometer weit Spuren auf Autobahnen, was den Verkehr zum Erliegen bringt und lange Staus verursacht. Ist man dann nach endlos erscheinender Stauzeit am Ende der Hütchenstrecke angelangt, so liegen dort einige Steine herum. Selten steht auch eine kleine Baumaschine dort, oder ein Farbeimer, um die auf einigen Metern fehlende Straßenmarkierung neu zu malen. Vielleicht sollen das auch die Leute tun, die nebenan im Stau stehen, sozusagen als Zeitvertreib, bis es weitergeht. Manchmal hört die Hütchenstrecke auch ganz unvermittelt auf…

    Wie gesagt: sie sind schön anzusehen. Hier in Deutschland macht man sich aber wenigstens die Mühe, die Baustelle mit Massen an Baumaterial und einer Reihe Baumaschinen zu dekorieren, wenn man schon keine Menschen erübrigen kann, die dort arbeiten.

    Gelegentlich sperrt man in Frankreich mit den Hütchen auch Ausfahrten. Selbstverständlich, ohne das vorher zu kommunizieren. So bringt man Würze ins Hütchenspiel und wir stehen dann an einem Autobahndreieck und der endlos scheinende Stau windet sich in aller Seelenruhe auf die andere Autobahn, aber in die falsche Richtung. Es hätte vor der Baustelle eine Abfahrt gegeben, die einen prima Bypass abgegeben hätte. Dort stand aber kein Wort von einer Sperrung.

    Offensichtlich bringt das nicht nur Touristen, sondern auch Franzosen zur Weißglut und im Finden pragmatischer Lösungen sind die Franzosen Meister. Plötzlich begannen vor mir die Fahrzeuge zu wenden (auf einer befahrenen Autobahn wohlgemerkt) um die auf der Gegenseite befindliche und nicht gesperrte Ausfahrt in die richtige Richtung zu erreichen. Dies gelang relativ problemlos, da auf der Gegenfahrbahn nur wenig Verkehr war. Ich bat meinen Mann, kurz die Augen zu schließen und folgte der Masse – gewiß, mir mindestens eine halbe Stunde Umweg erspart zu haben.

    Wenden auf der Autobahn. In Deutschland brächte mir so etwas ein Fahrverbot ein. In Frankreich ist es gelebte Praxis.

    Auf der Rückfahrt durften wir übrigens die hiesige Interpretation des Hütchenspiels erleben: Die kilometerlangen, gesperrten völlig leeren Streifen, werden nicht mit Hütchen abgegrenzt, sondern mit einer Betonmauer. Das ist deutsche Leitkultur.

  • Eine Lanze für den Buchhandel!

    Eine Lanze für den Buchhandel!

    Eine Lanze für den Buchhandel! (auf der BuchBerlin 2019)
    auf der BuchBerlin 2019

    Ich lese in Autoren- und anderen -foren regelmäßig, dass sich einzelne Mitglieder über den stationären Buchhandel beschweren. Er hielte für den jeweiligen Autor nicht genügend Ressourcen bereit, führe keine Verkaufsaktionen durch und nähme keine Ware in Kommission. Bestelle man doch mal selbst ein Buch, müsste man zweimal laufen – zum Bestellen und zum Abholen.

    Tenor ist dann regelmäßig, dass die Buchhandlungen doch selbst an ihrer Misere schuld wären und sich nicht wundern müßten, wenn die Kunden bei Amazon bestellen. Amazon könnte alles viel besser, würde direkt nach Hause liefern. Die Autoren würden mehr Geld verdienen. Die Bücher wären am nächsten Tag da und man müsste sein Haus nicht einmal verlassen.

    Da frage ich mich: Was ist eigentlich so schlimm daran, sein Haus zu verlassen? Vielleicht stellt sich diese Frage auch nur mir. Ich entstamme nämlich einer Zeit, in der Versandhandel noch eine exotische und allseits belächelte Randnotiz der Geschichte war und der Versandmarkt ein sehr übersichtlicher. Wenn wir etwas Besonderes einkaufen wollten, sind wir in die Stadt gefahren und haben dort einen halben Tag lang die großen Kaufhäuser auf den Kopf gestellt.

    Aber wer tut so etwas jetzt noch? Heute liefern Monopolisten und große Ketten bis vor die Haustür, teilweise sogar schon am gleichen Tag. Sind es da nicht mittlerweile die Buchhandlungen, die die kuriose Randnotiz der Geschichte darstellen? Gehört die Zukunft den Monopolisten?

    Jeder, der diesen Gedankengang einmal zuende gedacht hat, weiß, dass es so nicht funktioniert. Die Kunden profitieren am meisten, wenn der Wettbewerb frei ist. Was passiert, wenn wenige, große Anbieter den Markt unter sich aufteilen und die Preise und die Qualität des Services bestimmen, kannst du dir in der Autoindustrie und bei der Vermarktung von Fußballrechten ansehen. Ich persönlich finde das Ergebnis abstoßend.

    Die Buchhändler sind Teil des freien Wettbewerbs. Der örtliche Buchhandel – der aus Kaufleuten besteht – muß eine betriebswirtschaftliche Entscheidung treffen, welche Bücher er/sie sich aufs Lager legt. Buchhandlungen normaler Größe haben nämlich nur Platz für einige hundert Bücher. Das will genau geplant sein und für einen einzelnen Autoren 20 Exemplare in die Auslage zu legen, lohnt sich eben wirklich nur für absolute Bestseller.

    Diese Entscheidung mag im Einzelfall falsch sein. Sie muss aber respektiert werden. Immerhin liefert der Großhandel fehlende Bücher über Nacht. Meine örtliche Buchhandlung, das Findorffer Bücherfenster, wollte meine Bücher auch zuerst nicht. Dann sorgt man halt dafür, dass so viele Leute danach fragen, dass am Ende alle davon profitieren: Autor, Buchhändler und Leser 😇

    Ein freier Wettbewerb ist nicht zum Nulltarif zu haben. Für niemanden. Nicht für den Buchhandel, nicht für uns Autoren und auch nicht für den Leser. Jeder muss seinen Teil dazu beisteuern. Die Buchhandlung bei uns im Stadtteil tut das mit Lesungen, liebevollen Verkaufsaktionen und persönlichem Einsatz hinter und vor der Ladentheke.

    Ich als Autor und Leser tue es dadurch, dass ich meine Bücher nicht exklusiv bei Amazon anbiete und dass ich gern zweimal zur Buchhandlung laufe, um selbst ein Buch zu kaufen. Wobei ich das nicht einmal müsste. Wenn ich das Buch telefonisch oder per E-Mail bestelle, laufe ich nur einmal. Vielleicht liefert der Händler sogar außer Haus. Aber meine Hunde danken mir die vielen Spaziergänge!

    Die Versorgung auf dem Lande war auch früher schon schwierig. Ich verstehe, dass deswegen einige Leute im Versandhandel bestellen (wobei es da auch gute Alternativen zum großen “A” gäbe). Das kann in solchen Fällen sogar nachhaltig sein.

    Mich wird es aber nicht daran hindern, weiterhin den stationären Buchhandel zu unterstützen und ich hoffe, dich auch nicht. Gerade, weil sie nicht immer das tun, was wir von ihnen erwarten, sondern auch eigene Konzepte und Ideen haben!

    In diesem Sinne: Bleib gespannt,
    dein Mike

  • Die Findorffer Masttaube [Columba pingua bremensis]

    Mike Gorden: Die Findorffer Masttaube (Artikel)
    Mike Gorden: Die Findorffer Masttaube (Artikel)

    Die Findorffer Masttaube [Columba pingua bremensis]

    Diese Spezies aus der Familie der Tauben hat sich unter stets guter Fütterung zu einer eigenen Unterart entwickelt. Der Rumpf ist sehr kräftig bei kleinem Kopf. Das Gefieder zeigt ein stumpfes Graublau, das auf Großstadtdächern eine ausgezeichnete Tarnung ermöglicht. Ihr Gewicht liegt deutlich höher als das ihrer Artgenossen und entspricht in etwa einem fetten Suppenhuhn.

    Den Nestbau haben sie aus Gewichtsgründen in tiefere Gefilde verlegt, etwa auf starke Äste und in Nischen an Häusern. Dennoch überschätzen sie gelegentlich die Tragfähigkeit des Untergrundes. So kommt es während der Brutzeit häufiger zu Bruch von großen Ästen, der oft fälschlicherweise Sturmböen angelastet wird.

    Wie die Hummeln sind sie aus physikalischen Gründen eigentlich nicht flugfähig, schaffen es aber dennoch, sich bei Gefahr irgendwie in die Lüfte zu erheben. Die Findorffer Masttaube ist ein Allesfresser und bei der Nahrungsaufnahme eher wahllos. Auch Erbrochenes verschmäht das possierliche Tierchen nicht. Die Nahrung verschluckt sie unzerkaut und schreckt dabei auch vor ganzen Brötchen nicht zurück.

    Die Balz ist kurz und für das Weibchen schmerzhaft, weil das Männchen einfach aus dem Fluge auf ihr landet und sie so fest an den Boden preßt, daß sie sich der Paarung nicht entziehen kann. Das Gelege besteht aus ein bis zwei Eiern, die als Anpassung an das Gewicht der brütenden Muttertaube mit einer besonders dicken und belastbaren Schale ausgestattet sind. Man hat sogar schon einzelne Querstreben in den Eierschalen gefunden. Die Nestlinge wachsen besonders schnell heran, damit sie nicht von den Elterntieren erdrückt werden.

    Das Photo zeigt ein Exemplar dieser Art beim Sondieren einer Fütterungsstelle. Unmittelbar nach der Aufnahme brach das Holzgitter entzwei. Die Taube versuchte danach noch, auf dem Dach des Futterhäuschens zu landen, riß im Anflug aber die gesamte Konstruktion zu Boden.

    Wie ihr domestizierter Vetter, die Brieftaube, ist sie auf menschliche Zuwendung angewiesen und könnte in der freien Natur nicht aus eigener Kraft überleben. Da in deutschen Großstädten aber eine Reihe hauptberuflicher Taubenflüsterer unterwegs sind, gilt ihr Bestand als nicht gefährdet.

  • 1) Poetry oder 2) Pötry?

    Poetry oder Pötry? (Artikel von Mike Gorden)
    Poetry oder Pötry? (Artikel von Mike Gorden)

    Poetry? Vorsicht, Satire!

    Poesie heißt ja auf neudeutsch seit einiger Zeit bereits »Poetry«. Daß damit die Qualität derselben auf eine neue Ebene gehoben wird, wage ich nach eingehendem Studium der entsprechenden Rubriken in Tageszeitungen, Magazinen und den hiesigen Zeitlinien zu bezweifeln.

    Eine gut gesetzte Pointe, die in Reimform daherkommt, kann ich durchaus genießen. Wilhelm Busch und Heinz Erhardt waren Meister derselben. Unglücklicherweise sind sie beide tot und mit dem Nachwuchs hapert es ein wenig.

    Dichter sein bedeutet nicht, daß man gerne dichter wäre. So manchem, der den ungebremsten Fluß seiner Worte in Reime setzt (und für den ich mir wünschte, daß nicht er, sondern sein Mund dichter wäre), ist dieser Unterschied nicht klar.

    Für die Sorte Dichtkunst, die von solchen Menschen produziert wird, benutze ich den Ausdruck »Pötry« oder auch »Pösie« (gesprochen: Pö-si-e). Pösie kommt unter dem Deckmantel der Kunst einher, wird aber dem selbst gesetzten Anspruch nicht gerecht.

    Da werden Worte zusammengebracht, die sich sonst ein Leben lang nicht kennenlernen würden. Da reimt sich plötzlich ‘Natascha’ auf ‘Flaschen’ und ‘Nowosibirsk’ auf ‘erwürgt’. Klingelts da bei Freunden deutschen Liedguts?

    Bei aller gebotenen Einfachheit beherrschen professionelle Schlagertexter wie Bernd Meinunger und Michael Kunze wenigstens ihr Geschäft und leisten sich keine solchen Klopfer. So mancher Sänger, der meint, sein Lied ‘mal eben’ selbst in Worte setzen zu können, tut das nicht. Auch wenn er ansonsten erfolgreich daherkommt, wie man oben sieht. Außer Marius haben sich auch Herbert, Xavier, Rauschenberger, Xavas und viele andere solche Fremdschäm-Pösie erlaubt. Reinhard Mey nicht. Udo Jürgens auch nicht. Aber die Herren spielen in einer anderen Liga.

    Gute, gereimte Poesie kann zum Beispiel so aussehen:

    »In nur vier Zeilen was zu sagen,
    erscheint zwar leicht, doch es ist schwer!
    Man braucht ja nur mal nachzuschlagen:
    die meisten Dichter brauchten mehr.«
    (Heinz Erhardt)

    Heinz Erhardt war ein Meister der Reimkunst. Seine Werke wirken wie aus dem Ärmel geschüttelt und verbergen durch ihre scheinbare Leichtigkeit, welch schwere Arbeit in ihnen steckt. Unsere neudeutschen Liedermacher müssen sich da sehr nach der Decke strecken, und erreichen sie oft dennoch nicht. Die Einordnung liegt dann irgendwo zwischen traurig und bedauernswert.

    Nicht nur die fehlenden Reime geben Anlaß zu heiterem Gruseln. Gar mancher stellt die Worte in seinen Zeilen in dem Bestreben, die richtige Satzrhythmik zu finden, so oft um, daß am Schluß der komplette Satz dahinter sich ins Nirwana verflüchtigt:

    »So sich biegt qualvoll zurecht der schöne Schein,
    damit’s am End’ noch irgendwie sich reimt.«

    Eine unerreichte Meisterin dieser gebogenen Kunstform war Friederike Kempner (1836-1904), auch bekannt als der ‘schlesische Schwan’. »Zeitgenossen und Nachwelt schätzten die markante Persönlichkeit nicht zuletzt als Klassikerin des unfreiwilligen Humors … Der rituelle Vortrag ihrer Gedichte diente bei geselligen Anlässen unverbrüchlich zur allgemeinen Erheiterung.«* Kostprobe gefällig?

    »Amerika, das Land der Träume,
    Du Wunderwelt so lang und breit,
    Wie schön sind Deine Kokosbäume,
    Und Deine rege Einsamkeit!«*

    In diesen vier Zeilen komprimiert sich Pösie vom Allerfeinsten! Die Autorin bringt es fertig, in nur vier Zeilen so viele ungeschriebene Regeln zu brechen, daß ihre Analyse einer Diplomarbeit bedarf.

    *Quelle: Gutenberg Projekt des Spiegel

    Auch unter meiner jährlichen Weihnachtspost finden sich gereimte Werke, die mir bereits beim Lesen das Schampurpur ins Gesicht treiben. Bei Verwandten und Freunden reißt man sich dann ja zusammen und applaudiert höflich. Warum allerdings Leute viel Geld dafür ausgeben, um ihr eigenes sprachliches Unvermögen in eine Zeitungsanzeige zu gießen, hat sich mir nie erschlossen.

    Und was treibt ein ansonsten seriöses Printmagazin um, den gereimten Unsinn jeden Sonntag unter der Rubrik »Poetry« zu veröffentlichen. Mit dem Vermerk natürlich, daß in unserem schönen Lande noch gar so viele unentdeckte Talente schlummern.

    Diese werden wohl auch weiter unentdeckt bleiben. Entdeckt werden meist die Schreihälse, die ihre Persönlichkeit auf dem Podest ihres Egos vor sich her tragen müssen, damit die anderen sie ohne Lupe erkennen können.

  • Neujahrsansprache an die Bundeskanzlerin

    Neujahrsansprache an die Bundeskanzlerin

    Neujahrsansprache an die Bundeskanzlerin

    Liebe Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel,

    Ihre Neujahrsansprache ist wie immer wohl formuliert und lobenswert.

    Leider verwechseln Sie in einem zentralen Punkt Ursache und Wirkung. Der islamische Terrorismus ist mitnichten die »schwerste Prüfung«. Er ist lediglich ein Symptom. Die wirkliche, »schwerste Prüfung« ist die Unfähigkeit der Welt, die absurden Kriege in Syrien und vielen anderen Ländern zu beenden. Diese Kriege bringen all die Übel hervor, gegen die Sie jetzt vollmundig kämpfen.

    Gefallen lassen müssen Sie sich auch die Frage, warum gerade Deutschland seit vielen Jahren Waffen nach Saudi-Arabien liefert, dem Hauptfinanzier des islamischen Terrorismus. Sie wissen sicherlich, daß so etwas Konsequenzen hat und daß die Zerstörungskraft dieser Waffen letztlich den Weg zu uns zurück findet.

    Wäre es so schlimm, wenn diese Waffen (falls sie denn wirklich produziert werden müssen) im Lande bleiben und es beispielsweise unserer Bundeswehr ermöglichen würden, ihre riesigen Sammlungen an Altmetall und Schrott einer sinnvolleren Verwendung zuzuführen und sie wieder in der Lage wäre, ihre Aufgaben in der Welt zu erfüllen, anstatt sich allenthalben zur Lachnummer zu machen?

    Sie haben im Vorjahr die richtige Entscheidung getroffen. Deutschland hat die Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten mit offenen Armen aufgenommen. Leider haben Sie es dabei bewenden lassen. Sie hatten (ebenso wie Ihre Vorgänger im Amt) nie ein Konzept, diese Menschen schnellstmöglich zu integrieren, sie mit unserer Sprache und unseren Regeln vertraut zu machen und so die Bildung von Parallelgesellschaften zu verhindern.

    Das hätte Geld gekostet. Bildung kostet immer zunächst Geld. Geld, das nach einigen Jahren tausendfach zu uns zurückfließt. In Form hochqualifizierter Arbeiter, die den Anforderungen der heutigen Zeit gewachsen sind.

    Mit der Bildung unserer Kinder verfahren Sie (und Ihre Vorgänger) auf die gleiche Weise: kaputtsparen. Und dann wundern Sie sich, daß die Früchte dieser Politik heute dumpfe Parolen skandieren und das etablierte System nicht mehr zu würdigen wissen.

    Was Ihnen (und all Ihren Vorgängern) fehlt(e), ist eine Vision von Deutschland, von Europa, der Welt, wie sie sein sollten. Ihnen fehlt ebenso ein Plan, wie wir dorthin kommen. Ein Plan, in dem es um die Sache geht. Ein Plan, mit dem man Lobbyisten auf die Füße tritt, die seiner Verwirklichung im Wege stehen. Ihnen fehlt auch die Konsequenz, das Geschrei der Populisten von rechts und links auszuhalten, das umso lauter wird, je mehr Leuten Sie auf die Füße treten.

    Was bleiben wird von ihrer Politik ist ein einziges Wort: Durchwursteln. Wieder gewählt werden. Flexibel sein, wo Härte und Durchhaltevermögen gefragt wären. Sie haben vieles richtig gemacht, Frau Merkel. Leider zählt all das aber nicht, weil Sie es nicht konsequent zu Ende geführt haben.

    Was bringt es, die mächtigste Frau der Welt zu sein, wenn man keine Visionen hat, für die man kämpft? Wie können Sie erwarten, aus eigener Kraft wiedergewählt zu werden, wenn Sie nichts als ein »Weiter so.« anzubieten haben? Sie sitzen an den Schalthebeln der Macht, Frau Merkel. Nutzen Sie sie. Geben Sie uns wieder eine Vision!

    Mit freundlichen Grüßen Ihr Mike Gorden

  • Veganes Leder

    Mike Gorden: Veganes Leder

    »Vegan« scheint das neue »Bio« zu werden. Alles muß jetzt auch in einer veganen Version zu bekommen sein. Auch wenn das – wie bei Leder – einer Quadratur des Kreises gleichkommt.

    Zur Begriffsklärung sagt Wikipedia: »Vegan lebende Menschen meiden entweder zumindest alle Nahrungsmittel tierischen Ursprungs oder aber die Nutzung von Tieren und tierischen Produkten insgesamt. Ethisch motivierte Veganer achten zumeist auch bei Kleidung und anderen Gegenständen des Alltags darauf, dass diese frei von Tierprodukten und Tierversuchen sind.«[1]

    Leder ist nun per se ein tierisches Produkt. So ganz erschließt sich mir nicht, warum ein nach veganer Ethik lebender Mensch überhaupt das Bedürfnis verspürt, sich in ein tierisches Produkt zu kleiden, das aber auf keinen Fall tierischem Ursprungs sein darf. Für mich persönlich wäre das ein unlösbarer Widerspruch und ich würde – wäre ich ein Veganer – ganz auf die Nutzung von Leder verzichten.

    Zum Glück bin ich das nicht, denn dann müßte ich in Konsequenz sofort meinen Beruf aufgeben 😉

    Nun gibt es aber findige Geschäftsleute, die hier dennoch einen Markt sehen und etwas verkaufen, das sich »veganes Leder« nennt. Schauen wir uns mal genauer an, was sich dahinter verbirgt:

    Veganes Leder: Die Quadratur des Kreises

    »Veganes Leder« ist natürlich kein Leder. Sonst wäre es ja tierischem Ursprungs. Es handelt sich also um Kunstleder. Dieses hat durchaus seine Daseinsberechtigung. Es ist im Gegensatz zu echtem Leder problemlos in der Maschine waschbar. Es ist preiswert und es sieht schick aus.

    Für schwierig halte ich die Etikettierung als »vegan« jedoch aus umweltethischen Gründen; bestehen die Ersatzstoffe doch meist vollständig oder teilweise aus Kunststoffen wie Polyvinylchlorid (PVC) und Polyurethan (PU) inklusive einer für die Erreichung der Gebrauchseigenschaften benötigten Menge an Weichmachern.[3] Mit der Verwendung von Kunststoffen tut man der Umwelt keinen Gefallen. Ebenso wie beim Gerben von Leder wird auch bei der Kunststoffherstellung aus Erdölprodukten mit giftigen Chemikalien gearbeitet und die Materialreste belasten nach dem Gebrauch jahrzehnte- bis jahrhundertelang die Umwelt, bis sie vollständig abgebaut sind.

    Ich bezweifle, daß das dem Ursprungsgedanken einer nachhaltigen Lebensweise auch nur nahe kommt. In Konsequenz ist auch Kunstleder per se nicht »vegan« und die Bezeichnung als »vegan« ist nichts als Marketinggeklingel. Der Begriff »veganes Leder« ist wegen der Normen für die Kennzeichnung von Leder und Lederprodukten im übrigen gar nicht zulässig und damit abmahnbar.[2]

    Quellen:
    1) Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Veganismus
    2) Leder-Info.de – http://www.leder-info.de/index.php/Veganes_Leder
    3) Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Kunstleder.