I am a selfpublisher myself and I know how important a sincere rewiew is so here is mine: I bought this book after reading a Facebook ad and only hoped to enhance my skills in reading English texts but I got far more than just that. This story took me out of my universe. Charlie fell through a wormhole into a parallel universe where tech is nothing and magic is all. I felt like being dragged into a strange place somewhere between Gor, Eragon and Harry Potter. It was amazing to explore this place and watch Charlies efforts to adapt to these weird circumstances. Since he survived I am looking forward to reading the next parts of this series.
Es gibt so viele hübsche Orte auf unserem Kontinent. Willst Du sie besuchen, mußt Du aber zunächst dorthin kommen. Wenn der Ort etwas abgelegener ist – beispielsweise eine kleine Insel im Ärmelkanal vor der französischen Küste fernab von jedem Flughafen – empfiehlt sich das Auto. Bist Du dann unterwegs zu Deinem Urlaubsziel, erwarten Dich gar viele wunderliche Dinge am Wegesrand.
Beispielsweise Belgien. In Flandern sind die Autobahnen gut ausgebaut; in der Wallonie weniger. Gemeinsam ist ihnen, daß der Standstreifen alle paar Kilometer gesäumt ist von geplatzten LKW-Reifen. Entweder kommen dort unglaublich viele Lkws binnen kürzester Zeit zu Schaden (was ich mir beim Straßenzustand in der Wallonie durchaus vorstellen könnte, das aber nicht für Flandern zutrifft), oder es gibt niemanden, der all die Gummiskelette wegräumt. Beides halte ich für bedenklich.
In der Wallonie habe ich im übrigen zum ersten Mal in meinem Autofahrerleben einen Wagen mit Achsbruch am Rand der Autobahn gesehen. Einige Autobahnabschnitte sind zwar mittlerweile instandgesetzt. Andere erinnern aber eher an einen Feldweg und wir waren sehr froh, mit einem Geländewagen unterwegs zu sein.
In Deutschland wundere ich mich lediglich, wenn wieder einmal ein »Spanngurt« oder ein »Kantholz« auf der Autobahn verloren wird. Anscheinend führt jeder deutsche Autofahrer außer mir einen ganzen Kofferraum voller Spanngurte und Kanthölzer spazieren. Ich jedenfalls habe das in der Fahrschule nicht gelernt, wie man fachmännisch einen Spanngurt verliert. Außerdem habe ich keine Ahnung, was ein Kantholz ist. Alle anderen außer mir müssen das wissen, denn ich habe noch niemals sich jemanden über ein Kantholz wundern sehen.
Französische Autobahnen sind auch hübsch. Neben einem unglaublich komplizierten Mautsystem, das aus einer Vielzahl von Autobahnbetreibergesellschaften resultiert, die alle etwas vom großen Kuchen abhaben wollen, fasziniert mich dort das Hütchenspiel besonders.
Franzosen haben auf den Autobahnen alle paar Kilometer Deponien an Verkehrshütchen von ansprechender Form und Farbe auf den Mittelstreifen gelagert. Wenn sie nun Langeweile haben – was im Sommer häufiger vorzukommen scheint – dann spielen sie damit. Sie sperren damit Kilometer weit Spuren auf Autobahnen, was den Verkehr zum Erliegen bringt und lange Staus verursacht. Ist man dann nach endlos erscheinender Stauzeit am Ende der Hütchenstrecke angelangt, so liegen dort einige Steine herum. Selten steht auch eine kleine Baumaschine dort, oder ein Farbeimer, um die auf einigen Metern fehlende Straßenmarkierung neu zu malen. Vielleicht sollen das auch die Leute tun, die nebenan im Stau stehen, sozusagen als Zeitvertreib, bis es weitergeht. Manchmal hört die Hütchenstrecke auch ganz unvermittelt auf…
Wie gesagt: sie sind schön anzusehen. Hier in Deutschland macht man sich aber wenigstens die Mühe, die Baustelle mit Massen an Baumaterial und einer Reihe Baumaschinen zu dekorieren, wenn man schon keine Menschen erübrigen kann, die dort arbeiten.
Gelegentlich sperrt man in Frankreich mit den Hütchen auch Ausfahrten. Selbstverständlich, ohne das vorher zu kommunizieren. So bringt man Würze ins Hütchenspiel und wir stehen dann an einem Autobahndreieck und der endlos scheinende Stau windet sich in aller Seelenruhe auf die andere Autobahn, aber in die falsche Richtung. Es hätte vor der Baustelle eine Abfahrt gegeben, die einen prima Bypass abgegeben hätte. Dort stand aber kein Wort von einer Sperrung.
Offensichtlich bringt das nicht nur Touristen, sondern auch Franzosen zur Weißglut und im Finden pragmatischer Lösungen sind die Franzosen Meister. Plötzlich begannen vor mir die Fahrzeuge zu wenden (auf einer befahrenen Autobahn wohlgemerkt) um die auf der Gegenseite befindliche und nicht gesperrte Ausfahrt in die richtige Richtung zu erreichen. Dies gelang relativ problemlos, da auf der Gegenfahrbahn nur wenig Verkehr war. Ich bat meinen Mann, kurz die Augen zu schließen und folgte der Masse – gewiß, mir mindestens eine halbe Stunde Umweg erspart zu haben.
Wenden auf der Autobahn. In Deutschland brächte mir so etwas ein Fahrverbot ein. In Frankreich ist es gelebte Praxis.
Auf der Rückfahrt durften wir übrigens die hiesige Interpretation des Hütchenspiels erleben: Die kilometerlangen, gesperrten völlig leeren Streifen, werden nicht mit Hütchen abgegrenzt, sondern mit einer Betonmauer. Das ist deutsche Leitkultur.
Drei Jahre hat es gedauert, in denen ich an den Exposés für meine Reihe herumgedoktort habe. Den anderen hat das Ergebnis nur mäßig gefallen und mir – ehrlich gesagt – auch nicht. Vertrackt fand ich vor allem die Inhaltsangabe. Ich habe versucht, die Handlung so kurz wie möglich zusammenzufassen. Das ist bei den vielen ineinander verflochtenen Handlungssträngen sehr schwierig und das Resultat war immer viel zu lang, weil ich nichts weglassen mochte, das aus meiner Sicht wichtig war. Immerhin liebe ich jede meiner Figuren. Sonst hätte ich sie nicht geschrieben.
Heute morgen habe ich den Kram wieder einmal frustriert in die Ecke geschmissen und mich gefragt, was eigentlich der zentrale Handlungsstrang ist, wenn nicht einmal ich ihn erkenne, der ihn doch geschrieben haben muß. In meiner Verzweiflung fing ich an, ein Soziogramm zu zeichnen, wie die Figuren über welche Handlungen miteinander zusammenhängen. Auch das wurde komplizierter und komplizierter. Ich wünschte mir eine dritte Dimension herbei, um alles darstellen zu können. Dann eine Vierte.
Schließlich war ich wieder davor, alles hinzuschmeißen und ging geistig einige Meter zurück, um von oben auf das Geschehen zu blicken. Plötzlich öffnet sich die imaginäre Wolkendecke über mir, ein Sonnenstrahl lugt hervor und beleuchtet die Szenerie. Ich erblicke in den einander gegenüberliegenden Ecken meiner Graphik zwei Knoten, in denen fast alle Handlungen zusammenlaufen. Endlich! Der zentrale Konflikt!
Hast Du das auch, daß Du manchmal den Wald vor Bäumen nicht siehst? Kurzentschlossen lösche ich den gesamten Text, den ich vorher geschrieben habe und fange neu an. Nach einer Viertelstunde ist ein Exposé fertig, das um einiges runder ist, als alles, das ich vorher geschrieben habe, das es einem Fremden ermöglicht, sich einen schnellen Überblick über meine Geschichte zu verschaffen und das… nur halb so lang ist, wie es sein darf!
Das neue Exposé geht von den beiden zentralen Knoten aus und baut darauf die Handlung auf. Am meisten befremdet mich, daß nur wenige meiner handelnden Figuren darin vorkommen und auch die nur eher am Rande. Der zentrale Konflikt befand sich nämlich die ganze Zeit dahinter und hat mit den meisten Figuren nur wenig zu tun!
Ich weiß noch nicht, ob das gut ist. Es zeigt mir aber, daß der Stoff noch komplexer ist, als ich dachte. Jetzt freue ich mich wieder auf die kommenden Fortsetzungen. Es gibt noch so viel zu schreiben.
Ich lese in Autoren- und anderen -foren regelmäßig, dass sich einzelne Mitglieder über den stationären Buchhandel beschweren. Er hielte für den jeweiligen Autor nicht genügend Ressourcen bereit, führe keine Verkaufsaktionen durch und nähme keine Ware in Kommission. Bestelle man doch mal selbst ein Buch, müsste man zweimal laufen – zum Bestellen und zum Abholen.
Tenor ist dann regelmäßig, dass die Buchhandlungen doch selbst an ihrer Misere schuld wären und sich nicht wundern müßten, wenn die Kunden bei Amazon bestellen. Amazon könnte alles viel besser, würde direkt nach Hause liefern. Die Autoren würden mehr Geld verdienen. Die Bücher wären am nächsten Tag da und man müsste sein Haus nicht einmal verlassen.
Da frage ich mich: Was ist eigentlich so schlimm daran, sein Haus zu verlassen? Vielleicht stellt sich diese Frage auch nur mir. Ich entstamme nämlich einer Zeit, in der Versandhandel noch eine exotische und allseits belächelte Randnotiz der Geschichte war und der Versandmarkt ein sehr übersichtlicher. Wenn wir etwas Besonderes einkaufen wollten, sind wir in die Stadt gefahren und haben dort einen halben Tag lang die großen Kaufhäuser auf den Kopf gestellt.
Aber wer tut so etwas jetzt noch? Heute liefern Monopolisten und große Ketten bis vor die Haustür, teilweise sogar schon am gleichen Tag. Sind es da nicht mittlerweile die Buchhandlungen, die die kuriose Randnotiz der Geschichte darstellen? Gehört die Zukunft den Monopolisten?
Jeder, der diesen Gedankengang einmal zuende gedacht hat, weiß, dass es so nicht funktioniert. Die Kunden profitieren am meisten, wenn der Wettbewerb frei ist. Was passiert, wenn wenige, große Anbieter den Markt unter sich aufteilen und die Preise und die Qualität des Services bestimmen, kannst du dir in der Autoindustrie und bei der Vermarktung von Fußballrechten ansehen. Ich persönlich finde das Ergebnis abstoßend.
Die Buchhändler sind Teil des freien Wettbewerbs. Der örtliche Buchhandel – der aus Kaufleuten besteht – muß eine betriebswirtschaftliche Entscheidung treffen, welche Bücher er/sie sich aufs Lager legt. Buchhandlungen normaler Größe haben nämlich nur Platz für einige hundert Bücher. Das will genau geplant sein und für einen einzelnen Autoren 20 Exemplare in die Auslage zu legen, lohnt sich eben wirklich nur für absolute Bestseller.
Diese Entscheidung mag im Einzelfall falsch sein. Sie muss aber respektiert werden. Immerhin liefert der Großhandel fehlende Bücher über Nacht. Meine örtliche Buchhandlung, das Findorffer Bücherfenster, wollte meine Bücher auch zuerst nicht. Dann sorgt man halt dafür, dass so viele Leute danach fragen, dass am Ende alle davon profitieren: Autor, Buchhändler und Leser 😇
Ein freier Wettbewerb ist nicht zum Nulltarif zu haben. Für niemanden. Nicht für den Buchhandel, nicht für uns Autoren und auch nicht für den Leser. Jeder muss seinen Teil dazu beisteuern. Die Buchhandlung bei uns im Stadtteil tut das mit Lesungen, liebevollen Verkaufsaktionen und persönlichem Einsatz hinter und vor der Ladentheke.
Ich als Autor und Leser tue es dadurch, dass ich meine Bücher nicht exklusiv bei Amazon anbiete und dass ich gern zweimal zur Buchhandlung laufe, um selbst ein Buch zu kaufen. Wobei ich das nicht einmal müsste. Wenn ich das Buch telefonisch oder per E-Mail bestelle, laufe ich nur einmal. Vielleicht liefert der Händler sogar außer Haus. Aber meine Hunde danken mir die vielen Spaziergänge!
Die Versorgung auf dem Lande war auch früher schon schwierig. Ich verstehe, dass deswegen einige Leute im Versandhandel bestellen (wobei es da auch gute Alternativen zum großen “A” gäbe). Das kann in solchen Fällen sogar nachhaltig sein.
Mich wird es aber nicht daran hindern, weiterhin den stationären Buchhandel zu unterstützen und ich hoffe, dich auch nicht. Gerade, weil sie nicht immer das tun, was wir von ihnen erwarten, sondern auch eigene Konzepte und Ideen haben!
Meine Bücher sind weder über Kindle Unlimited, noch als Kindle Deal zu beziehen. Der Grund dafür ist folgender:
Um an diesen Programmen teilzunehmen, müßte ich meine Bücher exklusiv nur über diese Plattform anbieten. Ich würde damit mehr Downloads erhalten und vermutlich mehr Geld verdienen. Das große ‘A’ ist in meinen Augen aber ein Monopolist, der seine Marktmacht mißbraucht, um seine Mitbewerber – insbesondere den stationären Buchhandel – vom Markt zu verdrängen.
Ich glaube aber an einen Buchmarkt, der seine Kraft aus der Vielfalt schöpft. Ich glaube an qualifizierte Beratung im stationären Buchhandel. Ich glaube daran, daß ich als Selbstpublizierer darauf Einfluß nehmen kann, daß gute, unabhängige Literatur überall verfügbar ist. Verfügbar sein muß. Deswegen kannst Du meine Bücher nicht per Flatrate lesen, sondern mußt sie kaufen. Ich glaube, daß meine Bücher das wert sind. Mir und Dir. Ich glaube, daß alle Bücher das wert sind!
Deswegen unterstütze ich keine Monopolpolitik. Ich kann nicht verhindern, daß meine Bücher auch über Amazon verkauft werden. Das wäre auch nicht in meinem Interesse, denn diese Plattform ist ein großer und guter Buchhändler. Einer von vielen, und so soll es bitte auch bleiben!
Diese Spezies aus der Familie der Tauben hat sich unter stets guter Fütterung zu einer eigenen Unterart entwickelt. Der Rumpf ist sehr kräftig bei kleinem Kopf. Das Gefieder zeigt ein stumpfes Graublau, das auf Großstadtdächern eine ausgezeichnete Tarnung ermöglicht. Ihr Gewicht liegt deutlich höher als das ihrer Artgenossen und entspricht in etwa einem fetten Suppenhuhn.
Den Nestbau haben sie aus Gewichtsgründen in tiefere Gefilde verlegt, etwa auf starke Äste und in Nischen an Häusern. Dennoch überschätzen sie gelegentlich die Tragfähigkeit des Untergrundes. So kommt es während der Brutzeit häufiger zu Bruch von großen Ästen, der oft fälschlicherweise Sturmböen angelastet wird.
Wie die Hummeln sind sie aus physikalischen Gründen eigentlich nicht flugfähig, schaffen es aber dennoch, sich bei Gefahr irgendwie in die Lüfte zu erheben. Die Findorffer Masttaube ist ein Allesfresser und bei der Nahrungsaufnahme eher wahllos. Auch Erbrochenes verschmäht das possierliche Tierchen nicht. Die Nahrung verschluckt sie unzerkaut und schreckt dabei auch vor ganzen Brötchen nicht zurück.
Die Balz ist kurz und für das Weibchen schmerzhaft, weil das Männchen einfach aus dem Fluge auf ihr landet und sie so fest an den Boden preßt, daß sie sich der Paarung nicht entziehen kann. Das Gelege besteht aus ein bis zwei Eiern, die als Anpassung an das Gewicht der brütenden Muttertaube mit einer besonders dicken und belastbaren Schale ausgestattet sind. Man hat sogar schon einzelne Querstreben in den Eierschalen gefunden. Die Nestlinge wachsen besonders schnell heran, damit sie nicht von den Elterntieren erdrückt werden.
Das Photo zeigt ein Exemplar dieser Art beim Sondieren einer Fütterungsstelle. Unmittelbar nach der Aufnahme brach das Holzgitter entzwei. Die Taube versuchte danach noch, auf dem Dach des Futterhäuschens zu landen, riß im Anflug aber die gesamte Konstruktion zu Boden.
Wie ihr domestizierter Vetter, die Brieftaube, ist sie auf menschliche Zuwendung angewiesen und könnte in der freien Natur nicht aus eigener Kraft überleben. Da in deutschen Großstädten aber eine Reihe hauptberuflicher Taubenflüsterer unterwegs sind, gilt ihr Bestand als nicht gefährdet.
Du hast mein Blog mit Gewinn gelesen, würdest aber gerne das eine oder andere kommentieren? Das geht [in der alten Version der Seite, MG] nur über die e-Mailfunktion in der rechten Spalte. Der Grund dafür ist eine Geschichte, die ich Dir heute erzählen möchte.
Der Autor von Welt benötigt heutzutage ein eigenes Blog. So steht es überall geschrieben. Also ist es wahr. Ein Blog benötigt ein CMS. Das gehört sich so. Ich habe WordPress gewählt.
Also installieren (Wozu brauche ich eigentlich eine Datenbank?), Plug-Ins aussuchen und einrichten. Nach einigen Tagen hatte ich alles hübsch und funktional fertiggestellt und habe losgelegt. Das erste Aha-Erlebnis kam schon nach wenigen Tagen. Ein Plug-In wollte sich updaten. Nach dem Update waren aber die Einstellungen weg, die ich in den Stylesheets gemacht hatte, weil das Plug-In das nicht anders zuließ. Ärgerlich. Da das regelmäßig passierte, mal ein Plugin, mal auch das gesamte WordPress, fing ich irgendwann an, meine Einstellungen separat zu speichern.
Plötzlich gab es Spam im Gästebuch. Gut, auch dagegen gibt es ein Plug-In. Die Besucher mußten von nun am Captchas lösen. Sicherheit geht vor Benutzerfreundlichkeit.
Dann kam nach einem halben Jahr ein Upgrade des WordPress auf eine neue Version. Installiert, Seite aufgerufen. Alles weg. Das Upgrade hatte die Datenbank zerschossen und zwar so gründlich, daß ich alles komplett hätte neu aufsetzen müssen.
Danach war ich ziemlich angefressen. Zum Glück kann ich dank der Hilfe und Geduld eines lieben Freundes (DANKE Martin!) ein klein wenig CSS und HTML. Damit kommt man überraschend weit. So habe ich anstelle von Plug-Ins eine Reihe statischer HTML-Seiten aufgesetzt und miteinander verknüpft. Insgesamt ein halber Tag Arbeit.
Das Ergebnis siehst Du hier. Es fehlen der Schnickschnack und das Bling-Bling. Kein Gästebuch, kein Kalender und keine Kommentarfunktion mehr. Dafür ist es hübsch und funktioniert reibungslos, zukunftssicher und vor allem schnell. Du kannst nicht automatisch kommentieren, aber ich verspreche, sachliche und höfliche Kommentare, die ich per Mail erhalte, kurzfristig einzustellen.
Mein Blog schreibe ich jetzt direkt in HTML. Das geht ebenso schnell wie es ins WordPress einzutippen und nachzubearbeiten. Sagte ich schon, daß ich gut schreiben kann?
Update: Mittlerweile bin ich doch wieder bei WordPress gelandet. Für die Leser ist es schnarchlangsam im Vergleich zu meiner alten Seite. Es bietet aber insgesamt doch mehr Möglichkeiten.
Jeder muß seinen eigenen Weg zu seinem inneren Autor finden. Manche(r) ist eine Rampensau und eilt von Lesung zu Messe zu Lesung. Andere sind nur froh, wenn sie allein im stillen Kämmerlein vor sich hinschreiben dürfen. Die meisten werkeln wohl irgendwo dazwischen.
Es gibt jede Menge Regeln, die ein Schreiber angeblich befolgen muß, um ein erfolgreicher Autor zu werden. Lektoren und Graphiker beschäftigen, Verlage anschreiben, jede Menge Unterlagen in einer genau festgelegten Form bereithalten, falls man doch einmal Antwort bekommt, oder sich ein Interessierter auf Deine Heimseite verirrt (die Du natürlich vorher erstellen mußt, professionell versteht sich). Konten anlegen bei Facebook, Instagram, Twitter, Xing, LinkedIn und wie sie alle heißen. Ach ja: und Bücher schreiben. Am besten alle acht Wochen eines. Fehlerfrei und professionell layouted.
Regelmäßig posten. Am besten täglich. Auf jeden Fall aber mehrmals wöchentlich. Am besten überall etwas Verschiedenes. Hübsche Photos von der letzten Lesung auf Instagram. Einen fetzigen Link auf Twitter. Bebilderte Werbeslogans im Gesichtsbuch. Anzeigenschaltungen. Sich daneben als erfahrener Alleskönner präsentieren. »Wenn’s schee’ macht…« würde mein Mann sagen. »Jedem nach seiner Façon!« sage ich.
Ich halte mich für nicht photogen und meine Sprechstimme finde ich zu monoton. Ich werde meine Werke also nicht unmittelbar als Hörbuch einsprechen und Filmchen von meiner Schreibarbeit einspielen. Ich werde auch nicht jeden Tag posten, sondern nur dann, wenn ich eine gute Idee habe, worüber ich schreiben will. Warum sollte ich die meiste Zeit des Tages etwas tun, von dem ich nicht überzeugt bin?
Aber ich kann eines: Ich kann gut schreiben. Ich kann komplizierte Sachverhalte knapp und allgemeinverständlich auf den Punkt bringen. So habe ich es im Studium gelernt und das hilft mir noch heute. Und ich habe die Phantasie, mir solche komplizierten Sachverhalte überhaupt auszudenken. Und die Geduld, penibel zu recherchieren, ob beispielsweise das Wetter, das ich in einem Nebensatz beschreibe, an diesem Tag und diesem Ort auch tatsächlich so stattgefunden hat. Ich bin sogar begrenzt multitaskingfähig. Ich kann in meinem Kaufmannsladen nebenher Kunden verarzten, Jahresendbuchhaltung machen und Bettwäsche für die Ferienapartments bügeln, während ich gleichzeitig an diesem Text schreibe.
Große Shows mit Photoorgien und endoptimierte Vorstellungsdokumente wirst Du bei mir nicht zu sehen bekommen. Aber ich kann gut schreiben. Sagte ich das schon?
Ein Jahr geht zuende. Für mich ist es das Jahr, in dem ich als Autor geboren wurde. Lange habe ich über meiner Geschichte gebrütet. Aus einem Traum entstand zunächst eine Kurzgeschichte. Daraus ein Setup für einen Roman. Dann – während des Schreibens – begann ich, die handelnden Personen besser kennenzulernen. Die Geschichte entwickelte sich. Neue Personen tauchten auf. Ein Mörder. Eine Geheimgesellschaft. Die Handlungsstränge verflochten sich auf immer kompliziertere Weise. So kompliziert, daß es lange gedauert hat, volle 600 Seiten, um zu einem Ende zu kommen, das allen Personen gerecht wird. Auch mir.
Dank des Lektorats meines Ehemanns und der Hilfe vieler, eifriger Testleser wurde die Geschichte geschnitten, geraspelt, gefeilt und poliert zu einem Roman. Aus Mike Gorden, dem Schreiber wurde Mike Gorden, der Autor.
Ende Juni 2018 erfolgte die Veröffentlichung des Romans – zunächst als eBook bei Bookrix. Endless Creative hat mir dafür ein tolles Cover gezaubert.
Was Mike Gorden, der Schreiber nicht wußte, war, daß mit der Veröffentlichung eines Romans die Arbeit erst anfängt. Mike Gorden, der Autor hatte von nun an alle Hände voll zu tun. Zunächst stellte sich die Frage, in welches Genre der Roman eingeordnet werden soll. Darüber hatte sich Mike Gorden, der Schreiber noch überhaupt keine Gedanken gemacht. Warum auch? Genres haben die Verlage eingeführt, um die Werke der Autoren besser einordnen zu können. Label drauf und ab in die Schublade. Was aber macht man mit einer Geschichte ohne Genre?
Das auf das allererste Cover geklatschte Label ‘Fantasy’ entpuppte sich schnell als Fehlgriff. Mike Gorden, der Autor mußte lernen, daß es einen Unterschied gibt zwischen Fantasy und Science Fiction, zwischen Science Fiction und Hard Science Fiction. Die letztere Beschreibung erfaßte einen Teil der Geschichte präzise. Aber was war mit dem großen Rest? War es eine Gay Romance, ein Krimi oder doch eher ein Thriller. Nach etwa sechs Wochen hat sich Mike Gorden, der Autor für letzteres entschieden. Das Label ‘SciFi-Thriller’* war geboren. Für eine Geschichte, die ganz trefflich zwischen einem halben Dutzend Genres gelandet ist, ist es die beste aller möglichen Beschreibungen.
Die nächste Frage ist ähnlich wichtig und für einen Autor, der zunächst nur für sich selbst geschrieben hat, noch schwieriger zu beantworten. Für wen habe ich meine Geschichte überhaupt geschrieben? Wer wird sie lesen? Wer wird sie mit Vergnügen lesen? Schwule Männer, okay. Ich bin selbst schwul und ich nehme diesbezüglich kein Blatt vor den Mund, auch wenn Sex in meinem Roman nur eine untergeordnete Rolle spielt. Schließlich wollte ich eine spannende Geschichte erzählen und keine Klischées bedienen.
Was Mike Gorden, den Autor, am meisten überrascht hat ist, daß seine größte Lesergruppe aus Frauen besteht. Gestandene Frauen, die im Leben stehen und gerne lesen. Die größte aller möglichen Zielgruppen.
Die nächste Frage, die sich stellte, ist: Wie macht Mike Gorden, der Selbstveröffentlicher, Mike Gorden, den Autor und sein erstes Buch bekannt? Werbung? Eine eigene Autorenhomepage? Social Media? Mitgliedschaft im Branchenverband? Verlage anschreiben?
Letztlich ist es eine Kombination aus allem. Es gibt Selfpublisher wie Sand am Meer. Wie überall gibt es einige Schlechte, viele Mittelmäßige und einige Gute. Der Umgangston gegenüber Selfpublishern ist allgemein ruppig. Aus der Masse herausstechen tut man in erster Linie mit Fleiß. Peu à Peu habe ich mich überall registriert, Profile angelegt, diese regelmäßig gepflegt, Leserunden abgehalten und mich um Rezensionen beworben.
Das Zentrum aller Maßnahmen ist aber eine gute Autorenhomepage, die ich heute mit diesem Blog erweitere. Ich werde Dich von hier aus mit Neuigkeiten versorgen. Zu meinem ersten Roman. Zu der Fortsetzung, an der ich bereits schreibe. Zu den Figuren in meinen Geschichten. Mit den meisten bin ich nämlich mittlerweile eng befreundet und sie sehen mir jetzt beim Schreiben über die Schulter. Walter lächelt freundlich, Mike lacht, Maurice schaut abwesend. Marie kocht einen Tee und Dr. Lies… naja.
Warum ist es so, daß es nur unglücklicher Umstände bedarf, damit die Menschheit ihr volles Potential zur Selbstzerstörung freisetzt? Mike Gorden
Kain Waters zahlte einen hohen Preis für seinen PHD. Er hätte sich niemals vorstellen können, daß ein Dissertationsthema, das sich mit Wasser befaßte, derart staubtrocken sein konnte. Es ging um Kristallisationsformen von Eis. So wie der Kohlenstoff in verschiedenen Formen auftritt, etwa als häufiger und preiswerter Graphit ebenso, wie als seltener und teurer Diamant, so gab es auch verschiedene Formen festen Wassers. Nicht nur das leichte Eis I, das im Winter die Oberfläche der Gewässer bedeckte oder in Form von Schneeflocken herunterrieselte. Bei hohem Druck ließen sich auch mannigfaltige andere Modifikationen von Eis herstellen.
Genau wie Graphit und Diamant, so unterschieden sich auch diese stark in ihren Eigenschaften. Es gab Modifikationen mit deutlich höherer Dichte als Wasser. Es gab auch welche, die bei +50°C noch fest waren. Ihnen allen gemeinsam war, daß sie sich bei normalem Druck rasch wieder in normales Eis oder in Wasser zurück verwandelten.
So weit, so interessant. Kain war nun die meiste Zeit des Tages damit beschäftigt, Wasser in einer kühlbaren, hydraulischen Presse verschiedenen Variationen von Temperatur und Druck in wiederholten Wechseln auszusetzen und die entstehenden Eisformen zu charakterisieren. Das war auf Dauer ermüdend und etwas wirklich Neues herausgefunden hatte er damit auch noch nicht.
Heute war einer der weniger langweiligen Tage. Die alte hydraulische Presse wurde abgeholt und durch ein brandneues Modell ersetzt. Es handelte sich um eine Spende eines Unternehmens, die sein Professor eingeworben hatte. Dr. Mark Smith war in seinem Bereich einmal eine Koryphäe gewesen und in besseren Zeiten hatten die Sponsoren bei ihm Schlange gestanden. Heutzutage mußte er sich schon mehr nach der Decke strecken und so war er auf dieses Exemplar besonders stolz. Es handelte sich nämlich um einen experimentellen Prototyp, der durch ein neuartiges Verfahren einen besonders hohen Druck erzeugen konnte.
Die Kolben wurden hierzu nicht nur mechanisch gegeneinander bewegt, sondern dabei zusätzlich von kleinen Sprengkapseln beschleunigt. Dies ergab die Möglichkeit, für sehr kurze Zeit einen Druck aufzubauen, für den die Anlage eigentlich nicht konzipiert war. Diese trickreiche Umgehung der Naturgesetze ermöglichte es möglicherweise, weitere Modifikationen als die bisher bekannten siebzehn herzustellen und zu erforschen.
So stellte sich das jedenfalls Dr. Mark Smith vor, der mit breitem Kreuz und geschwellter Brust vor Kain stand, jeden Handschlag der Arbeiter beobachtete und mit einem scharfen Kommentar nicht hinter dem Berg hielt, wenn etwas seiner Meinung nach nicht richtig war. Kain kannte das schon und hielt sich bewußt im Hintergrund, wissend, daß er den Unmut der Arbeiter sonst später auszubaden hätte.
»Wie kann man nur so borniert sein?« schimpfte Smith gerade wieder. »Das sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock, daß die Teile nicht zusammen… oh, das paßt ja doch.«
Sein Eifer, zu helfen, war von nun an glücklicherweise gebremst. Kains Vorschlag, zu warten, bis die Arbeiter fertig und die Presse eingemessen war, stieß aber auf wenig Gegenliebe.
»Das können Sie noch nicht beurteilen, Waters. Diese Angelegenheit ist einfach zu wichtig, als daß man sie Amateuren überlassen darf.«
Für Dr. Smith waren alle anderen Amateure. Außer ihm natürlich. Hätte Kain seinerzeit eine Wahl gehabt, so wäre er auch gerne zu einem anderen Professor gegangen. Da seine Leistungen aber nur mittelmäßig waren, konnte er letztlich froh sein, überhaupt einen Platz gefunden zu haben.
Kains Problem lag nicht an mangelndem Fleiß. Davon brachte er mehr als genug mit. Ihm fehlte aber jener Funke der Inspiration, der es möglich machte, auf seinem Weg die versteckten Abkürzungen zu entdecken oder ein Problem auf originelle Art zu lösen und damit einem der Lehrer positiv im Gedächtnis zu bleiben.
Endlich ging auch dieser Tag vorbei und er konnte zurück in seine Wohngemeinschaft. Da er als Doktorand nicht übermäßig viel verdiente, war er froh, einigermaßen preiswert wohnen zu können, denn die Mieten in Downtown Chicago waren hoch. Seine Mitbewohner waren alle deutlich jünger als er und studierten noch. Doktoranden erhielten üblicherweise ein besser dotiertes Stipendium und andere Vergünstigungen und zogen aus den Studenten-WGs weg, sobald sie es sich irgendwie leisten konnten. Er mußte sich stattdessen mit Nebenjobs über Wasser halten, um überhaupt über die Runden zu kommen.
An seiner Zimmertür lehnten ein Eimer und der Wischmop. Stimmt, er war in dieser Woche mit Putzen dran. Mißmutig machte er sich daran, den Flur und das Treppenhaus zu wischen. Danach warf er sich eine leichte Jacke um die Schultern und ging nach draußen. Es war ein milder Frühlingsabend und er wollte nicht den ganzen Abend auf seiner Bude sitzen. Er kaufte einige Lebensmittel im Supermarkt um die Ecke ein. Später, als er wieder zuhause war, schrieb er Mails an seine Familie.
Es klopfte an der Zimmertür. Es war Elaine, eine seiner WG-Genossinnen. »Hey Kain, ich hab’ grad’ gesehen, daß Du diesen tollen Cranberry Joghurt gekauft hast. Meinst Du, daß ich mir morgen zum Frühstück einen davon nehmen dürfte?«
»Na klar, bedien’ Dich.« sagte Kain gutmütig. »Wollen wir übrigens zusammen frühstücken? Ich muß auch früh raus.«
Elaine sagte so spontan zu, daß man denken konnte, sie hätte selbst nach einem Vorwand gesucht. So saßen sie am nächsten Morgen zusammen in der WG-Küche und plauderten über den Sinn des Studiums. Auch Elaine hatte zu kämpfen. Nicht wegen ihrer Leistungen. Die waren ausgezeichnet. Aber ihr Studienfach Chemie war eine Männerdomäne. Professoren, die ihre Vorlesung mit »Guten Morgen, meine Herren.« begannen, waren da noch das kleinere Übel. Wenn es darum ging, Praktikumspartner zu finden, wurde sie immer als letzte gefragt. Positiv diskriminierend war, daß sie, wenn sie zwischen zwei Zensuren stand, grundsätzlich die bessere Note bekam, weil ‘sie als Frau es tatsächlich geschafft hatte, wissenschaftlich zu arbeiten’.
»Am liebsten hätte ich dem Prof in diesem Moment eine gescheuert.« lachte sie.
»Drück’ mir mal die Daumen, daß unsere neue Presse heute anspringt. ‘Experimenteller Prototyp’ klingt für mich so, als läge der Maschine noch ein Ikea-Inbusschlüssel bei, um zwischendurch selbst die Schrauben nachzuziehen.«
»Und diese Strichmännchenzeichnungen mit Fragezeichen überm Kopf.« kicherte Elaine. »Hoffentlich habt ihr wenigstens eine Hotline, die ihr anrufen könnt.«
Kain hoffte, daß dem so war und betrat das Labor heute mit einem gewissen Bangen. Aber zu seiner Überraschung stand die Presse blitzblank da und die Techniker schienen sogar hinterher geputzt zu haben. Dr. Smith war bereits vor Ort und spielte fleißig an den Kontrollen, als hätte er selbst sie zusammengebaut.
»Der Sprengantrieb macht einen Höllenlärm, aber es sieht so aus, als würde ich in den nächsten Wochen doch noch zu neuen Ergebnissen kommen.« sagte Smith leutselig. Der Druck, die wir erreichen werden, liegt deutlich über allem, was bisher technisch möglich war.«
Kain war skeptisch, wenn er solche Versprechungen hörte. Meist bedeutete das nur, daß man sich mit Mühe und Not den alten Werten nähern konnte, und das auch erst, nachdem man mit der Maschine einigermaßen vertraut war. Er sollte aber positiv enttäuscht werden. Die Presse schaffte in der Tat mühelos den Druckbereich, in dem er bisher gearbeitet hatte, und das sogar, ohne Sprengantrieb. So gelang es ihm in den nächsten Wochen, die meisten der 17 derzeit bekannten Modifikationen von Eis herzustellen und die Abhängigkeiten ihrer Struktur von Druck und Temperatur zu charakterisieren, um die Presse einzumessen und gleichzeitig zu eichen.
Dann war es endlich soweit. Sein Professor stand neben ihm. Beide trugen sie Schallschutzkopfhörer, als er zum ersten Mal auf den Knopf der Sprengzündung drückte. Der Knall war selbst durch die Isolierung ohrenbetäubend. Nach einem Sekundenbruchteil war alles vorbei und sie konnten sich die Aufzeichnung des Vorgangs ansehen. Der Druckmesser zeigte kurzzeitig einen Druck von 45 Kilobar an, ehe er wieder auf den Ausgangsdruck zurückfiel.
»Wow, wir betreten gerade Neuland!« sagte Dr. Smith begeistert, nachdem sie die Kopfhörer wieder abgenommen hatten. »Und sehen Sie sich die Spektren an. Das ist keine der Eismodifikationen, die wir bereits charakterisiert haben. Ich glaube, ich habe gerade Eis XVIII entdeckt.«
Kain fühlte eine Erregung in sich hochsteigen, die er noch niemals zuvor gespürt hatte. Jetzt endlich erhielten seine bisherigen Arbeiten einen tieferen Sinn. Jetzt waren sie die Speerspitze der Wissenschaft, der er schon immer angehören wollte.
»Ich überlasse Ihnen nun das Feld.« schnarrte sein Professor. »Charakterisieren Sie alles, was wir hier finden werden. Ich glaube, meine nächste Veröffentlichung wird großes Aufsehen erregen.«
Kain, der hoffte, daß er in der Veröffentlichung zumindest erwähnt werden würde, machte sich an die Arbeit und erweiterte in den kommenden Wochen mit systematischen Messungen das Zustandsdiagramm von Wasser in die Druckbereiche, die bisher technisch nicht zugänglich waren. Nachdem er auf die Idee kam, unter den Schallschutzkopfhörern noch Ohrenstöpsel zu tragen, war auch der Krach der Detonationen zu ertragen und die Arbeit fing an, ihm richtig Spaß zu machen. Er kam früher zur Arbeit und blieb länger. Elaine, mit der ihn mittlerweile mehr als nur Freundschaft verband, sah er kaum noch.
Ein- bis zweimal wöchentlich entdeckte er von nun an eine neue Modifikation, die Wasser in fester Form annehmen konnte. Bald befanden sie sich in der Numerierung jenseits der 25. Kain fand erstaunlich, daß einige der Kristallformen auch noch bei Temperaturen fest waren, bei denen Wasser bei normalem Druck bereits gekocht hätte.
Dann kam der Tag, an dem er Eis XXIX entdeckte. Es war ein Freitagnachmittag. Kain charakterisierte die Probe zunächst auf die übliche Weise. Die Modifikation entstand bei einem Druck über 100 Kilobar, war bei Raumtemperatur fest und besaß eine Dichte von 1,35. Das war die höchste Dichte aller bisher entdeckten Modifikationen. Erreicht wurde das durch ein Kristallgitter, das er als kubisch flächenzentriert identifizierte. Das entsprach der dichtest möglichen Packung von Atomen in einem Kristallgitter.
»Schauen Sie, wie kurz die Wasserstoffbrücken sind.« bemerkte sein Professor, den er hinzugerufen hatte, um ihm die Spektren zu zeigen. »Das sieht mir sehr stabil aus. Würde mich nicht wundern, wenn das das Ende der Fahnenstange ist und wir keine dichteren Modifikationen mehr finden.«
Mit einem »So, und nun muß ich meinen Flieger erreichen.« verließ er danach das Labor.
Wie stabil die neue Modifikation war, das zeigte sich erst, als Kain nach dem Auseinandernehmen der Apparatur die Reste des Versuches in ein halb volles Sammelgefäß kippte. Es klimperte leise wie Glas und er traute seinen Augen nicht, als die Flüssigkeit im Becher spontan zu gefrieren begann. Von unten nach oben!
Eine Hochdruck-Eismodifikation, die bei Normaldruck und Raumtemperatur stabil war, gab es nicht. Konnte es nicht geben. Kain rieb sich die Augen, aber das Phänomen war immer noch da. Mittlerweile war die ganze Flüssigkeit gefroren. Er faßte vorsichtig mit einem Finger auf die Oberfläche, die bis eben noch flüssig gewesen war. Sie war warm. Ziemlich warm sogar. Klar, beim Kristallisieren wurde ja Wärme frei.
Sein erster Instinkt war, die Entdeckung seinem Professor zu zeigen. Er rief ihn auf dem Handy an. Da war nur die Mailbox. Sollte er draufsprechen? Etwas in ihm zögerte und schließlich legte er wieder auf. Eine diffuse Angst stieg in ihm hoch. Das war ziemlich spooky. Plötzlich wurde ihm klar, wie gefährlich seine Entdeckung in den falschen Händen sein konnte. Was könnte man damit alles anstellen!
Seine Angst wuchs und er überlegte, wie er das Malheur am besten vertuschen konnte. Einfach wegschütten ging aus naheliegenden Gründen nicht. Er mußte dieses monströse Eis vorher schmelzen und die Modifikation dadurch vernichten. Mit zittrigen Händen stellte er den Becher auf eine Heizplatte und drehte den Schalter auf Maximum. Endlose Minuten verstrichen, ehe er sah, daß die Modifikation zu schmelzen begann. Nach einer Viertelstunde hatte er endlich wieder normales Wasser vor sich, das leicht vor sich hin dampfte. Er hielt ein Thermometer hinein. 88 Grad Celsius. Das war ein beängstigend hoher Schmelzpunkt. Einmal aufkochen lassen und dann schnell weg damit. Er zog sich einen Isolierhandschuh über, nahm den Becher von der Heizplatte und goß seinen Inhalt in den Ausguß.
Sheeran Merkator ging heute nicht zur Arbeit. Besser noch: Er durfte seine monatliche Stunde an der Oberfläche verbringen. Darauf freute er sich schon die ganze Woche. Seit die Menschen vor tausenden von Jahren diesen unwirtlichen Planeten kolonisiert hatten, lebten sie zum größten Teil in unterirdischen Höhlen unter vielen Metern dicken Gesteins. Es schützte sie vor der kosmischen Strahlung.
Auf der Oberfläche unter den Glaskuppeln konnte man auf Dauer nicht leben. Der Planet besaß keine Atmosphäre. Die harte Strahlung aus dem Weltraum drang ungeschwächt bis zum Boden durch, durchdrang die Glaskuppeln und zerstörte das Erbgut. Die Menschen konnten keine Kinder mehr bekommen und entwickelten Geschwülste im Körper, die sich vermehrten. So stand es in den medizinischen Datenbanken. Allerdings hatten die Wissenschaftler auch bewiesen, daß das Licht der Sonne eine positive Wirkung auf den Körper hatte, die man mit Kunstlicht nicht adäquat ersetzen konnte. Um beide Bedürfnisse – Schutz und Licht – unter einen Hut zu bringen, hatte man sich irgendwann auf diese eine Stunde pro Monat geeinigt.
Sheeran stieg zusammen mit einer Gruppe Menschen in den großen Fahrstuhl zur Oberfläche. Auch sie durften heute eine Stunde lang nach draußen. Wobei man ‘draußen’ als relativen Begriff auffassen mußte, denn sie bewegten sich nach wie vor unter einer Kuppel und atmeten die gleiche gefilterte Luft wie die anderen in der Tiefe.
Die Fahrt nach oben dauerte mehrere Minuten. Diese Aufzüge hatte man früher für den Transport von Lasten eingesetzt und sie fuhren viel langsamer als die Personenaufzüge unten in den Höhlen. Als sie oben ausstiegen, öffneten sich zeitgleich noch eine ganze Reihe anderer Aufzüge und spien ihre Passagiere in die Kuppel hinein. Die Kolonie besaß mittlerweile über eine Millionen Einwohner. Zwar gab es mehrere dieser Kuppeln, aber dennoch handelte es sich um eine logistische Meisterleistung, jedem Bewohner seine Stunde zukommen zu lassen. Es hieß, es gäbe Bestrebungen, die Zeit zwischen zwei Aufenthalten an der Oberfläche auf fünf oder sogar sechs Wochen zu verlängern, damit die Besucher in den Kuppeln etwas mehr Freiraum genießen konnten.
Sie traten aus dem Schatten des Aufzugganges. Das helle Licht blendete sie zuerst. Sie mußten ein Zeitfenster um die Mittagszeit erwischt haben, denn die gelbe Sonne stand beinahe im Zenit. Unten in den Höhlen liefen die Uhren nach einem strengen Tag-Nacht-Rhythmus, der mit der wirklichen Tageszeit, die an der Oberfläche herrschte, nichts zu tun hatte.
Sheeran blickte durch die Kuppel. Sie maß etwa hundert Meter im Durchmesser. Den oberen Bereich hatte man soweit technisch möglich verglast.
Die meisten Menschen strömten in die Mitte. Dort gab es einen kleinen Teich, eine Gruppe von Bäumen und eine Reihe von Sitzbänken, die binnen Sekunden besetzt wurden. Er lächelte und spazierte stattdessen langsam einen Rundweg entlang, der am Rand der Kuppel entlangführte. Hier drängten sich weniger Menschen und es gab in regelmäßigen Abständen große Fenster in der Wand, durch die man auf die Oberfläche schauen konnte. Die Belüftung sorgte für einen stetigen, warmen Luftzug, so daß hier niemand überflüssige Kleidung trug und die Sonnenstrahlen ihre belebende Wirkung auf der Haut entfalten konnten.
Er stand gerne hier. Die Kuppel befand sich in einer weiten Ebene, die rundherum am Horizont von einer Bergkette begrenzt wurde. Vor Millionen oder sogar Milliarden von Jahren – das ließ sich mangels Erosion im Vakuum nicht so genau feststellen – mußte hier ein größerer Asteroid eingeschlagen sein und hatte diesen Krater geformt, auf dessen Boden die Kolonie jetzt lag. Sheeran liebte den weiten Blick, diese Ebene, auf der das Auge sich ausruhen konnte, auch das eine Besonderheit, die es nur hier oben gab. Über der Ebene erstreckte sich trotz der hochstehenden Sonne ein prachtvoller Sternenhimmel. Ohne eine Atmosphäre, die das Sonnenlicht streute, sah man auch feine Details am Himmel.
Sheeran kannte es nicht anders. In einem kurzen Ausschnitt aus einem uralten Film hatte er einmal einen Himmel gesehen, der nicht schwarz war, sondern blau. Das konnte aber nicht ihr Planet sein. Es mußte sich um die mythische, alte Heimat handeln, von der aus ihre Vorfahren vor Jahrtausenden diese Kolonie gegründet hatten. Kurz nach ihrer Gründung riß der Kontakt zur Heimat plötzlich ab und sie hörten nie wieder von ihnen. So stand es in den Geschichtsbüchern und so hatte er es einst in der Schule gelernt.
In einiger Entfernung, es mochten ein oder zwei Kilometer sein, konnte er die nächste Kuppel erkennen. Die Kolonie hatte sich ausgebreitet, sie tat das noch immer, und mittlerweile sogar die umgebenden Berge untertunnelt. Wenn er die Augen zusammenkniff, konnte er auf der Bergkette eine Reihe von Parabolantennen erkennen. Von dort beobachteten vollautomatische Systeme die Sterne und hielten Ausschau nach anderen Himmelskörpern. Falls einer dem Planeten zu nahe kam und abzustürzen drohte, sollten sie die Bewohner warnen. In Sheerans Leben kam ein solches Ereignis glücklicherweise noch nicht vor.
»Bitte weitergehen! Andere wollen auch noch schauen«, wies ihn ein Wachmann zurecht. Sheeran verließ seinen Ausguck und spazierte weiter den Weg entlang. Nachdem er seine Runde beendet hatte, begab er sich zu den anderen in den mittleren Bereich. Die Bäume, die hier standen, spendeten etwas Schatten, ohne allzuviel Sonnenlicht zu verdecken. Es handelte sich um eine Züchtung, die besonders gut mit der Strahlung zurechtkam und während der langen Planetennacht kein Kunstlicht benötigte. Den Teich – in Wirklichkeit ein künstliches Bassin – hatte man wohl länger nicht nachgefüllt, wie ihm die Ränder oberhalb der Wasseroberfläche verrieten.
Geduldig reihte er sich in die Schlange an einer kleinen Quelle ein, wo es frisches Wasser gab. Die Quelle bestand zwar nur aus einem kurzen Stück Rohr, aus dem ein Wasserstrahl in eine Art Waschbecken floß. Dennoch handelte es sich um einen Luxus, den er unten in den Höhlen entbehren mußte. Dort gab es nur genau abgemessene Rationen Wasser, einem der knappsten Rohstoffe auf diesem unwirtlichen Planeten.
Gerade, als er an die Reihe kam und sich einen Becher aus dem flachen Becken schöpfte, begann es im Zufluß zu blubbern. Der Wasserstrahl wurde schwächer und trug dicke Luftblasen mit sich. Dann versiegte er ganz. Sheeran schüttelte den Kopf über die technische Störung und ging mit seinem halbvollen Becher weiter.
Viel zu früh ertönte das Signal, daß ihre Stunde zu Ende ging. Der Ton klang nicht allzu laut, grub sich aber binnen weniger Sekunden so ins Bewußtsein, daß er die meisten Besucher aus ihren Gedanken riß. Sie setzten sich in Bewegung wie die Eloi in Wells ‘Zeitmaschine’, wenn die Sirenen der Morlock sie riefen. Sheeran hatte diesen Roman vor einigen Wochen in den Archivdatenbanken gefunden, die alles Wissen enthielten, das seit Gründung der Kolonie gesammelt und überliefert wurde. Er schien älter zu sein als die Kolonie, denn die Menschen in dieser Geschichte lebten nicht in Kuppeln, sondern unter einem freien Himmel.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich und alle fuhren wieder hinunter. Dort erwartete sie bereits die nächste Gruppe Menschen, die ihre monatliche Stunde in der Sonne verbringen wollten. Das System funktionierte nur noch, wenn es penibel durchgetaktet wurde. Schließlich schien die Sonne auch nicht immer.
Er fühlte sich dennoch erholt, als er sein kleines Singleappartement betrat. Viel mehr als ein Bett, ein Tisch und eine Naßzelle paßten nicht hinein. Obwohl sich die Kolonie mittlerweile über dutzende von Kilometern unter der Oberfläche erstreckte, gab es für jede einzelne Person nur wenig Platz. Immerhin mußten sie alles mühsam aus dem Gestein schlagen und an die Oberfläche verbringen. In einigen Jahren würde er die Erlaubnis bekommen, eine Familie gründen zu dürfen. Dann bekäme er auch ein Anrecht auf eine größere Wohnung. Bis dahin mußte er sich bescheiden. Das Wohl der Gemeinschaft besaß immer Vorrang vor dem Wohl des Einzelnen. Mit dieser Maxime wuchsen die Kinder hier auf. Das Überleben aller hing davon ab.
Er öffnete einen Behälter mit Trinkwasser, setzte sich vor seinen Bildschirm und rief die allgemeinen Nachrichten auf. Viel geschah derzeit nicht. Im Osten der Kolonie würde in den nächsten Wochen ein neuer Sektor fertiggestellt werden und die Regierung suchte noch Bewerber für die dort liegenden Wohnungen.
Die Anzeigen klangen verlockend. Wenn man zugelassen wurde, bekam man eine größere Wohnung, als es dem eigenen Status entsprach. Dafür erwartete die Regierung aber auch persönlichen Einsatz. Meist öffneten sie die Sektoren aus Platzmangel nämlich bereits, bevor die Bautrupps die dortige Infrastruktur komplett fertiggestellt und getestet hatten. Sheeran hatte sich schon vor längerem die Meinung gebildet, daß diese Angebote zwar verlockend erschienen, aber die Realität dahinter einer Prüfung nicht standhielt. Deswegen bewarb er sich auch nie auf solch eine Wohnung.
Das Wasser besaß heute einen unangenehmen Beigeschmack. Das kam in den letzten Monaten häufiger vor. So trank er es lustlos und ohne Genuß. Natürlich wußte er, daß das Wasser in der Kolonie wieder und wieder recycelt wurde. Über eine solche Selbstverständlichkeit machte sich hier niemand Gedanken. Anscheinend arbeiteten die Recyclingsysteme aber derzeit nicht fehlerfrei.
Die Kolonie benötigte eine ausreichende Menge sauberen Wassers zum Überleben. Die Bautrupps gewannen es mühsam aus den Gesteinen, die bei der Errichtung neuer Sektoren als Abraum anfielen. Meist genügte die gewonnene Menge nicht, um die zusätzliche Bevölkerung des Sektors zu versorgen.
Auf einem Planeten ohne Atmosphäre ist es eine besondere Herausforderung, an genügend Wasser zu kommen. Das fehlende Wasser gewannen die Menschen an Stellen weit außerhalb der Kolonie, an denen es Gesteine mit einem höheren Wassergehalt gab. Seine Gewinnung benötigte viel Arbeit und enorme Energiemengen. Ein erheblicher Teil der in großen Solarkraftwerken auf den umliegenden Bergen gewonnenen Energie wurde dafür aufgewendet. Als Geologe hatte er die Aufgabe, neue Lagerstätten mit wasserreichen Gesteinen aufzufinden und auszubeuten. Dies gestaltete sich in den letzten Jahrhunderten immer schwieriger.
Die hieraus resultierenden Probleme stellten einen zentralen Teil seiner Ausbildung dar und er wußte, daß sie derzeit nur einen Mangel verwalten konnten. Auf ihrer Hälfte der Heimat gab es nur noch wenige ehemalige Vulkane, deren wasserführende Schichten die Kolonisten noch nicht völlig ausgebeutet hatten. Wobei es sich bei dem Begriff ‘wasserführend’ sowieso um einen Euphemismus handelte, denn es ging um maximal einige Promille Wassergehalt. Mehr konnten sie auf einer Welt ohne Atmosphäre nicht erwarten. Auf lange Sicht mußten sie darauf achten, daß die Bevölkerung ihrer Heimat nicht weiter anwuchs. Den Mangel an einem Schlüsselrohstoff wie Wasser konnte die Regierung bei ihren Planungen nicht außer acht lassen.
Er hütete sich aber, seine Überzeugung öffentlich auszusprechen. Das Leben auf diesem Planeten bereitete den Kolonisten auch so genügend Probleme, auch ohne daß er das Augenmerk der anderen Bewohner auf Sachverhalte richtete, die möglicherweise wahr waren, aber letztlich nur die Gemeinschaft der Kolonisten destabilisieren würden. Das Versprechen steten Wachstums, das die Regierung propagierte, stand seiner Meinung nach auf tönernen Füßen. Sie mußten sehr verzweifelt sein, wenn sie sich der Wahrheit nicht stellten.
Der einzige, mit dem er darüber reden konnte, war Jon Ry. Er unterrichtete Geologie und Mineralogie an der Hochschule. Auch Sheeran zählte seinerzeit zu seinen Schülern. Ihr Kontakt riß nach der Prüfung nicht ab und entwickelte sich im Lauf der Jahre zu einer echten Freundschaft. Sie schrieben sich regelmäßig, telefonierten und sahen sich auf den Fortbildungstagungen des Fachbereichs. Aus wissenschaftlichen Informationen zogen sie beide regelmäßig die gleichen Schlüsse. Gerade am letzten Sonntag hatten sie sich ausführlich über eben dieses Thema unterhalten. Jon hatte ihn dabei so bohrend ausgefragt, daß er hinterher darüber nachdachte, ob sein Freund nicht etwas im Schilde führte.
So überraschte es ihn auch nicht, daß er beim Öffnen des privaten Messengers eine Nachricht vorfand.
‘Hey, Shee, melde Dich mal, wenn Du Zeit für Deinen alten Lehrer findest.’
Die beiden pflegten einen persönlichen Gesprächston und duzten sich, als wären sie enge Verwandte. Jon hielt nichts davon, von allen mit ‘Herr Professor’ angeredet zu werden und gab sich auch sonst völlig uneitel.
Natürlich hatte Sheeran Zeit. ‘Was kann ich tun?’ tippte er.
Die Antwort kam so schnell, als hätte sein Jon vor dem Bildschirm gesessen und auf ihn gewartet.
‘Ich brauche Deine Hilfe. Genauer: Wir brauchen Deine Hilfe. Du weißt, daß ich Mitglied in einigen Gremien bin. Ich möchte Dich für den heutigen Abend zu einer Sitzung einladen. Wenn Du mich unterstützt, erreichen wir vielleicht mehr.’
Das genügte, um Sheeran neugierig zu machen. Die ‘Gremien’, von denen Jon gesprochen hatte, standen nämlich der Regierung nahe, die er in seinen Fachgebieten gelegentlich beriet. Die Kolonie besaß flache Hierarchien, Jon Ry galt als einer ihrer fähigsten Geologen und die Geologie stellte neben der Biologie und der Chemie eine der Haupt-Wissenschaften dar und wurde an jeder Hochschule gelehrt.
Sheeran ließ sich den Termin in seinen Kalender überspielen und wartete gespannt auf den Abend. Er nahm seinen Handrechner mit, weil der Termin neben einer genauen Wegbeschreibung auch gleich die Zugangsberechtigung für den Regierungsbezirk enthielt.
Die erste Kontrolle gab es bereits, als er aus der Vakuumbahn ausstieg und die Station verlassen wollte. Er hatte sich noch nie im Regierungsbezirk aufgehalten und fand das Procedere durchaus spannend, daß er seinen Handrechner vor das Display des Scanners halten mußte. Es klickte und die Türe vor ihm öffnete sich. Hinter ihm schoben sich die anderen weiter in Richtung des eigentlichen Ausgangs zur Orangerie, einer der größten Sehenswürdigkeiten, die die Kolonie zu bieten hatte.
Sein Weg führte in einem verglasten Tunnel gradewegs durch die Anlage, denn am anderen Ende schloß sich der Regierungsbezirk an. Die anderen Besucher mußten einem langen und verschlungenen Weg folgen, der sie an vielen exotischen Pflanzen, Bäumen und sogar einigen Tieren vorbei am Ende wieder zur Bahnstation zurückführte. Auch hier konnte man nicht einfach so hinfahren, sondern bekam einen vierteljährlichen Slot für den Besuch.
Die Orangerie befand sich nicht ganz so tief unter der Oberfläche wie die Wohnanlagen. Durch einige Schächte fiel sogar etwas Tageslicht hinein, wenn die Sonne passend stand. Die restliche Beleuchtung erledigten spezielle Strahler. Sie gaben nicht das übliche gelbe Licht ab, sondern ein bläulich-rötliches, was der Anlage eine besondere Atmosphäre verlieh. Hauptsächlich wuchsen hier Bäume, die je nach Zeit blühten oder verschiedene Früchte trugen. Am Boden wuchsen verschiedene Gewächse. Die meisten trugen ebenfalls Früchte lieferten andere, brauchbare Produkte. Pflanzen, die nur schön aussahen und keinen Nutzen brachten, gab es hier nicht.
Die Früchte – ebenso wie die Gemüse, die in nichtöffentlichen Anlagen in den Außenbereichen kultiviert wurden – aß man nicht. Sie dienten der Wiederaufbereitung des Atem-Kohlendioxids, wurden anschließend geerntet und zusammen mit den Produkten der agrochemischen Farmen zu den Konzentraten verarbeitet, die sie alle bekamen. Essen war nötig, damit man überlebte. Sheeran kannte es nicht anders und vermutlich würde er betreten wegsehen, falls ihm wirklich jemand einen Apfel oder eine Orange zum Essen anböte.
Hier unten in dem Gang zum Regierungsviertel erblickte er die Anlage nicht aus der Besucherperspektive, sondern sah auch einen Teil der Infrastruktur, die man zu ihrer Pflege benötigte. Aus allgegenwärtigen kleinen Schläuchen tropften Wasser und die Nährlösungen, die die Pflanzen zum Wachsen benötigten. Er fang das spannend und blieb mehrfach stehen, um sich etwas genauer zu betrachten.
Anscheinend bewegte er sich nicht schnell genug, denn plötzlich erinnerte ihn ein ‘Bitte weitergehen. Sie werden erwartet!’ aus einem der überall verteilten Lautsprecher an seinen Termin.
Am Ende der Orangerie befand sich eine weitere verschlossene Tür. Auch sie öffnete sich, als er den Handrechner vor den Scanner hielt. Auf der anderen Seite wartete bereits Jon auf ihn. Sie umarmten sich wortlos, dann führte er ihn durch die Gänge des Bezirks. Sheeran staunte, wie weitläufig sich hier alles anfühlte.
Nicht daß man hier mit dem Platz verschwenderisch umging, aber gegenüber der teilweise drangvollen Enge der zunehmend übervölkerten restlichen Bezirke, überkam ihn erneut das Gefühl, sich frei bewegen zu können, genauso wie er es am Morgen auf der Oberfläche erlebt hatte. Sie trafen auf dem Weg nur wenige Leute und ihn überkam ein leichtes Unwohlsein, als er bemerkte, daß man auf den Gängen tatsächlich aneinander vorbeigehen konnte, ohne sich dabei berühren zu müssen.
Dieses Kapitel ist einer Kurzgeschichte nachempfunden, die ich in den Siebzigern in einer Anthologie gelesen und leider wieder verloren habe.
Mein Name ist Warg Bolton und heute beginnt mein Dienst. Ich schwebe mit meinem Gepäck vor der Andockschleuse. Neben mir befindet sich mein Arbeitspartner Herb. Sein wirklicher Name ist für menschliche Zungen unaussprechlich. Wir zwei werden in den nächsten sechs Monaten das Schiff betreuen, auf das wir gerade zentimeterweise zusteuern. Durch eine verglaste Luke sehen wir seinen Namen vorbeiziehen: HARKONNEN.
Es handelt sich um einen Transporter. Sehr offensichtlich älterer Bauart. Wie sich hier draußen im Vakuum Rost bilden kann, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Außerdem sieht es so aus, als wären bei den letzten Reparaturen nicht mehr die passenden Ersatzteile verfügbar gewesen und man hätte sich mit dem beholfen, was gerade so herumlag. Windschnittig muß solch ein Schiff nicht sein. So ähneln dann manche Frachter gegen Ende ihres Lebens, das durchaus 100 Jahre dauern kann, mehr und mehr einem Haufen Altmetall, scheinbar nur noch von der eigenen, geringen Schwerkraft zusammengehalten und beim winzigsten äußeren Anstoß zum Auseinanderdriften bereit.
Die HARKONNEN transportiert eine besondere Fracht: Gefangene. Sie hat die Aufgabe, Verbrecher, die irgendwo in der Galaxis aufgegriffen wurden und gegen die ein galaktischer Haftbefehl vorliegt, zu ihren jeweiligen Heimatplaneten zurückzubringen, wo sie dann abgeurteilt wurden. Ich persönlich finde, daß der Name des Schiffes seine Funktion hervorragend widerspiegelt. Das Lesen antiker Literatur ist eines meiner wenigen Hobbys. Es hilft mir über die langen Stunden hinweg, in denen ich Wache auf der Brücke halten muß.
»Ich krieg kalte Füße!« Herb stammt von einer Welt im Orion-Sektor, die ein größtenteils tropisches Klima aufweist, noch wärmer als die Erde nach dem Klimawandel in den 2.100er Jahren. Deswegen friert er schnell. Vor allem bei der Vorstellung, daß ihn nur ein dünnes Schott von der Kälte des Weltraums trennt.
»Ich hab Dir schon immer gesagt, daß du Socken anziehen sollst«, frotzele ich zurück. Bei der Größe seiner vier mit Haftorganen besetzten Füße ist das eine lustige Vorstellung. Zumindest für mich.
»Du mich auch!«
Herb und ich kennen uns seit vielen Jahren und wenn wir zusammenarbeiten, kommen wir größtenteils gut miteinander aus. Das ist auch nötig, denn sechs Monate zusammengepfercht auf einem Schiff können sonst schnell zu einem Höllentrip werden. Die Gäste, die wir befördern, werden sicher keinen Beitrag zu unserer Unterhaltung leisten. Die meisten gehören Spezies an, die ich bisher vielleicht einmal in meinem Leben gesehen habe und deren Sprache, wenn sie denn überhaupt eine haben, ich nicht spreche. Sie zusammen zu einem Kaffeekränzchen aus ihren Zellen herauszuholen, wäre keine gute Idee. Abgesehen davon ist es strengstens verboten.
Mittlerweile befinden sich die beiden Schiffe fast auf Rumpfkontakt. Zuerst hören wir ein Knirschen von Metall auf Metall, danach das hohle Schnappen der Andruckklemmen, die die beiden Schleusen fest miteinander verbinden. Es hallt durch das große Schiff und kommt nach einem Sekundenbruchteil als Echo zu uns zurück. Danach dauert es noch einige Minuten, in denen Automaten die Verbindung auf Luftdichtigkeit testen. Schließlich öffnet sich die Schleusentür mit einem Quietschton, der uns beiden eine Gänsehaut bereitet. Wir schweben in die Dekontaminationskammer und warten, bis die wieder einsetzende Schiffsrotation uns mit Schwerkraft versorgt und wir auf den Boden sinken.
»Stelle merken und ölen«, knurrt Herb, während metallene Tentakel uns mit einer Reihe Chemikalien besprühen, die den Mikrobenaustausch zwischen den Schiffen auf ein Minimum beschränken sollen. Den penetranten Geruch nach Altherrenhaarwasser werde ich tagelang nicht mehr aus der Nase bekommen. Es gibt Dinge, die ändern sich nie. Diese Desinfektionslauge gehört dazu.
Endlich ist die Prozedur beendet und wir schleppen unser Gepäck in die Kombüse. Hier befindet sich auch der Aufenthaltsraum, in dem wir einen Teil unserer freien Zeit verbringen, gemeinsam essen, Filme gucken oder Nachrichten sehen. Wir müssen solange warten, bis die bisherigen Wachen ihre Quartiere geräumt haben und uns ihre Dienstgeschäfte übergeben. Das dauert meist nicht länger als einige Stunden. Viel zu sagen gibt es nicht.
Es mag verwunderlich sein, daß zwei Leute genügen, um einen Frachter von knapp fünfzig Metern Länge zu fliegen und in Schuß zu halten, aber eigentlich sind selbst wir noch zu viel. Alles ist vom Größten bis ins Kleinste computerisiert, ein Umstand, der bei der rustikalen Optik der Anlage verwundert, aber die Prozessoren liegen tief im Metall und alles ist mit allem vernetzt. Überall Sensoren, stecknadelkopfgroße Kameraaugen und kleine Lichtfinger, die emsig hin- und herschwenken. Programmfehler findet und eliminiert das System gleich selbst und sollte ein Eingriff an der Hardware nötig sein, gibt es ja Herb und mich, die Schrauber.
Lisa und Van holen uns ab. Sie haben den Frachter im letzten halben Jahr in Schuß gehalten. Die Begrüßung ist kurz und wenig herzlich. Die beiden wirken müde und sind in Gedanken bereits in dem zweimonatigen Urlaub, der ihnen bevorsteht. So tauschen wir nur ein paar Floskeln aus. Der obligatorische Gang durchs Schiff zieht sich.
Die Gefangenenzellen sind fast bis auf den letzten Platz gefüllt und wir müssen wissen, wen wir befördern. So arbeiten wir uns von Zelle zu Zelle vor. Lisa erzählt uns etwas zu den jeweiligen Gefangenen, was sie getan haben, Zielplanet und bei selteneren Spezies auch etwas zu Sprache und Lebensweise. Einen Universalübersetzer haben wir auf dem Schiff nicht. Zu teuer. Also müssen wir uns behelfen können, falls einmal eine Verständigung vonnöten sein sollte.
Die wenigsten der Insassen sind menschlich. Auch daran gewöhnt man sich. Entgegen dem, was man sich in der Frühgeschichte der Menschheit unter Science Fiction vorstellte, haben die allermeisten Aliens keinerlei Ähnlichkeit mit uns. Zu unwahrscheinlich ist es selbst bei der Vielzahl unterschiedlichster Sonnen und Planeten, die unsere Galaxis bevölkern, daß das Leben zweimal auch nur einen ähnlichen Weg genommen hätte.
Die Artenklassen der Säugetiere, Reptilien, Insekten, Vögel und Fische gibt es ausschließlich bei uns auf der Erde. Nirgendwo anders hat sich der Stammbaum des Lebens genauso aufgespalten. So gibt es drei-, fünf- und sechsbeinige Spezies, sofern sie denn Beine haben und keine Tentakel, Stalaktiten oder einen Hoverantrieb. Ebenso vielfältig ist die Chemie des Lebens, was zur Folge hat, daß für jedes Volk an Bord eigene Vorräte mitgeführt werden müssen.
Gemeinsam ist ihnen allen die Intelligenz und der Drang nach Erkenntnis. Mit der Zeit lernt man, über alles andere hinwegzusehen. Das sind nur Äußerlichkeiten. Nur wenige Außerirdische sind so kriegerisch wie die Menschheit. Je länger eine Spezies existiert, desto mehr verliert sich dieser kindische Drang, überall der Stärkste und Beste sein zu wollen.
Zum Glück verbietet sich aber eine Eroberung fremder Planeten allein aus dem simplen Grund, daß die meisten der theoretisch bewohnbaren Welten für uns ungeeignete Lebensbedingungen und eine Flora und Fauna bieten, die in allen Komponenten für uns giftig ist. Nur sehr wenige Planeten sind überhaupt für eine Kolonisation nutzbar, beispielsweise weil sich dort noch kein höheres Leben entwickelt hat. Auch dort herrschen aber Lebensbedingungen, die höchstens für eine Handvoll Spezies geeignet sind und die anschließende Terraformung dauert mindestens Jahrhunderte.
So hat sich über die Jahrtausende eher eine Art interstellarer Handelszivilisation entwickelt. Alles schränkt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Handel und Teilen von Wissen. Auch Abkommen über einen Gefangenenaustausch gibt es, denn Verbrecher kümmern territoriale Grenzen wenig. Bei jeder Spezies.
Ich gähne heimlich und tue so, als würde ich fleißig mitschreiben. Steht doch eh alles in der Datenbank des Schiffscomputers zum Nachlesen. Wir verlassen den Bereich für Sauerstoff-/Stickstoffatmer. Es gibt auch einige fremde Spezies, deren Stoffwechsel sich von unserem derartig unterscheidet, daß selbst freier Luftsauerstoff für sie giftig wäre. Für sie gibt es einen kleinen Extrabereich auf der HARKONNEN, in der auch Atmosphären mit Gasen vorgehalten werden, die auf erdähnlichen Planeten in freier Form nicht existieren. Wir legen die Schutzanzüge an und gehen hinein.
»Derzeit ist hier nur eine Einheit belegt«, erklärt Lisa und Van hakt wieder einen Punkt auf ihrer Liste ab. Mittlerweile bin ich mir sicher, daß sie auch nur so tut, als wäre sie aufmerksam. Wir treten vor die Zelle und blicken durch das Kraftfeld, das uns von den Insassen trennt.
Drin sitzen nebeneinander auf einer Pritsche zwei Wesen, die entfernt menschenähnlich aussehen. Zumindest besitzen sie zwei Arme und Beine an einem purpurn erscheinenden Körper, auch wenn diese geradezu grotesk lang und dünn erscheinen und in Büscheln fadenförmiger Ausläufer enden. Auf etwas, das ein Kopf sein könnte, sitzt ein großes Bündel ‘Knospen’ auf Stielen. Entfernt erinnert mich das Gebilde an die Facettenaugen mancher Insekten. Irgendwelche Körperöffnungen, die der Nahrungsaufnahme oder Kommunikation dienen könnten, entdecke ich nicht.
»Sie atmen Wasserstoff. Streng genommen sind sie pflanzlich. Die Fütterungsautomaten stellen ihnen eine Nährlösung, die sie mit den wurzelförmigen Händen und Füßen aufnehmen.«
»Wie kommunizieren sie?« frage ich.
»Sie sind Empathen oder Telepathen. Genau wissen wir das nicht. Wenn man sich hier längere Zeit aufhält, fängt man an, ihre Gefühle zu spüren und Sachen zu sehen, die nicht existieren können. Wir haben uns von ihnen möglichst ferngehalten. Ihr solltet das gleiche tun.«
Lisa klingt nervös, als sie das sagt. Anscheinend ist etwas vorgefallen, das sie zu dieser ungewöhnlich deutlichen Warnung veranlaßt.
Auf mich wirken sie gar nicht unheimlich. Eher sehen sie mit ihren dünnen Ärmchen schlaksig und zerbrechlich aus. Sie scheinen in engem Kontakt zueinander zu stehen. Ihre Gliedmaßen befinden sich in ständiger Bewegung, fast, als würden sie einander streicheln. Etwa die Hälfte ihrer Augenknospen sind einander zugewandt. Wenn ich sie länger ansehe spüre ich etwas in mir. Eine Art Echo. Wenn ich die Augen schließe, fühlt es sich freundlich an, nach Zärtlichkeit und gegenseitiger Zuneigung.
»Sind die beiden ein Liebespaar?« frage ich.
»Eher Bonnie und Clyde«, widerspricht Van. »Sie stehen auf der Fahndungsliste ihres Heimatplaneten ganz oben. Sie müssen etwas Furchtbares getan haben.«
Das ist schwer zu glauben, finde ich. Aber das entscheiden auch keine Leute wie wir. Wir führen nur Anordnungen aus und bringen sie von A nach B.
Die Führung ist beendet. Lisa und Van verabschieden sich und wir beziehen unsere Kajüten. Das Schiff ist groß, aber viel Platz gesteht man uns trotzdem nicht zu. Wir sind Inventar, keine Nutzlast. Treibstoff ist ungeachtet neuer, revolutionärer Antriebstechniken über all die Jahrtausende immer der begrenzende Faktor geblieben und die fliegenden Paläste und Städte, von denen unsere Vorfahren geträumt haben, bleiben Utopien.
Zwei Stunden geben wir uns. Dann treffen wir uns auf der Brücke. Die Gesellschaft erwartet einen Übergabebericht. Herb checkt als erstes die Reparaturlogs der vergangenen Monate. Das Ergebnis fällt nicht zu seiner Zufriedenheit aus. Ich habe nie gelernt, in seinen Gesichtszügen zu lesen, aber seine Körperbewegungen sind eindeutig, und die dumpfen, kehligen Flüche, die er in seiner Muttersprache ausstößt, muß ich dazu auch nicht verstehen.
»Wenn unsere sechs Monate durch sind, muß das Schiff ins Dock. Aber wir werden alle Mühe haben, es bis dahin zusammenzuhalten«, brummelt er danach wieder in Galaktischem Standard. »Ein paar Schotts müssen geschweißt werden, damit wir auch in ein paar Wochen noch genug Luft zum Atmen haben. Dafür waren unsere Vorgänger sich wohl zu fein. Ihr Menschen seid für solch grobe Arbeiten einfach nicht geeignet.«
Ich ignoriere den Seitenhieb. »Außerdem stimmts nicht, daß sie sie sich von den Gefangenen in der Wasserstoffsektion ferngehalten haben«, ergänze ich. »Die Schotts wurden mehrmals täglich geöffnet, seit Lisa und Van ihre Kapsel an Bord genommen haben. Was hältst Du überhaupt von ihnen? Ich muß sagen, unheimlich kommen sie mir nicht vor. Hast Du auch ihre Gefühle gespürt?«
»Nur wenig. Ich fands aber angenehm. Vielleicht verbreiten sie ja gute Laune auf dem Schiff. Dann wirds leichter, schon wieder ein halbes Jahr mit Dir zusammen durchzustehen.«
»Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, was sie Schlimmes getan haben können. Den beiden Frauen ging es vielleicht ähnlich und jetzt schämen sie sich dafür, das zuzugeben.«
»Das ist auch nicht unser Job. Wir müssen dafür sorgen, daß der Laden läuft. Schau in die Datenbank. Da wirds drinstehen. Und jetzt laß uns diesen Bericht schreiben.«
Ein leichtes Vibrieren geht durch den Schiffsrumpf. Ich kann es spüren, wenn ich die Hand auf die Wand neben mir lege. Unser Shuttle hat abgelegt und bringt Lisa und Van zu dem Erzfrachter, der sie zur nächsten Sternbasis mitnehmen wird. Jetzt sind wir allein mit unseren Gefangenen. Nein, wir sind allein.
Die Gefangenen werden wir in den nächsten Monaten im Idealfall gar nicht zu Gesicht bekommen. Ihre Zellen funktionieren völlig autark. Für Fütterung und Hygiene ist gesorgt und wenn der Zeitpunkt der Übergabe gekommen ist, werden sie einfach aus dem Verbund ausgeklinkt, an das andere Schiff angedockt und gegen eine neue leere oder volle Zelle ersetzt. Die Einheiten besitzen sogar einen kleinen Antrieb. So kann man sie für den unwahrscheinlichen Fall einer Havarie als Rettungskapseln einsetzen. Alles für die Nutzlast. Für uns ist solch ein System nicht vorgesehen, aber zum Glück liegt die letzte Havarie im Föderationsraum auch schon einige Jahre zurück.
Der Bericht ist schnell geschrieben. Danach kehrt Routine ein. Der Frachter lenkt sich selbst zum nächsten Übergabepunkt. Nur bei der Berechnung der Hyperraumsprünge sind Herbs Geschick und Intuition gefragt. Wir klotzen ordentlich ran und haben die meisten Schäden tatsächlich bald behoben. Herb schafft es sogar irgendwie, die quietschende Schleuse zu ölen. Mit seinen Tentakeln kommt er mühelos in Ritzen und Ecken, die ich nicht einmal sehe.
Die Stimmung zwischen uns ist besser als sonst. Genau wie unsere Vorgänger besuche ich regelmäßig die beiden besonderen Gefangenen im Wasserstofftrakt. Es ist entspannend, ihren fließenden Bewegungen zuzusehen. Wenn sich die feinen Ausläufer ihrer Hände berühren, ist es, als würden dabei kleine Funken fliegen. Vielleicht besitzen sie Bioelektrizität. Auch Herb scheint es als angenehm zu empfinden. Jedenfalls ist er oft mit dabei. Wir sind uns mittlerweile sicher, daß die beiden ein Liebespaar sind und daß sie uns empathisch daran teilhaben lassen. »Jedes Raumschiff sollte zwei von denen an Bord haben«, sagt er einmal.
Ich recherchiere in den Schiffsdatenbanken über unsere Gefangenen. Alle haben sie eine Vorgeschichte. Meist geht es um Mord und andere Gewalttaten. In einigen Fällen auch nur um schweren Betrug. Nur zu den beiden Gefangenen im Wasserstofftrakt findet sich nichts außer dieser absurd hohen Gefährlichkeitseinstufung.
»Ich werde eine Anfrage nach den fehlenden Daten funken«, sage ich zu Herb. »Vielleicht ist der Heimatplanet dieser Spezies ja gesprächiger.«
»Warg Bolton. Fettnäpfchen pflastern seinen Weg.« war nicht die Antwort, die ich hören wollte.
Natürlich hat er recht. Die Antwort besteht nur aus einem Satz.
‘Mischen Sie sich nicht in unsere inneren Angelegenheiten ein!’
Natürlich stachelt das meinen Ehrgeiz nur an. Herb verfolgt meine Anstrengungen mit seinen beiden Augenpaaren und einer Bewegung seines Kommunikationsmundes, die ich als spöttisches Grinsen interpretiere, aber wir beide haben gelernt, mit unseren Marotten zu leben. So durchforste ich in meinen freien Stunden die Wissensdatenbank der HARKONNEN nach Hinweisen auf diese mysteriöse Spezies. Leider ist die Vermittlung von Allgemeinwissen nicht Zweck der Speicherbänke.
Das meiste an vertiefendem Wissen hat mehr oder weniger mit dem Schiff und seinen Funktionen zu tun. Über unsere Insassen finde ich lediglich die Information, daß der Tag des Erstkontaktes nur wenige Jahrzehnte zurückliegt und daß die Föderation sich noch in Verhandlungen über einen Status quo befindet.
So sitze ich bei unseren Gefangenen und wünsche mir, daß eine Kommunikation möglich wäre. Die galaktische Standardschrift scheinen sie jedenfalls nicht zu beherrschen. Ich bin mehrfach mit beschrifteten Tafeln wie ein Nummerngirl vor dem Kraftfeld entlanggegangen, aber mehr als ein oder zwei ihrer Knospenaugen war ich ihnen nicht wert. Ich spüre ihre Gegenwart und vermute, daß sie meine auch spüren können. Das genügt aber nicht. Falls sie wirklich Telepathen sind, scheint das einen direkten Kontakt vorauszusetzen. Zu riskant.
Als ich frustriert in die Kombüse zurückkomme, begrüßt Herb mich mit dem Aufmerksamkeit heischenden Bewegungsspiel seiner Tentakelarme, das er immer durchführt, wenn er erregt ist oder einen seiner Alienpornos guckt.
»Du hast schon wieder die Heizung hochgedreht«, beschwere ich mich.
»Wie soll ich sonst arbeiten? Deine Kabine kannst Du gerne zu einer Kältekammer machen, aber hier habe ich auch ein Wörtchen mitzureden.«
»Dann arbeite ich ab sofort in Unterhosen«, drohe ich. Das wirkt. Seinen Körper durchläuft ein Zittern. Dann reicht er mit einem seiner Tentakel quer durch den Raum und dreht den Regler ein klein wenig zurück. Dann wendet er sich mir wieder zu.
»Wurde auch Zeit, daß Du hier erscheinst. Du verpaßt sonst das Schönste.«
»In dem Porno, den Du gerade guckst? Ist der Darstellerin ein Atombusen explodiert?«
»Sehr witzig. Das Schiff hat sich gemeldet. Sie ist der Meinung, daß wir an der nächsten Sternbasis Treibstoff aufnehmen sollten.«
»Hat sie auch eine Woche Urlaub für uns eingeplant?«
»Natürlich nicht. Aber Du hast eine Einkaufsliste erhalten. Anscheinend gibt es neueres Kartenmaterial für den Quadranten, in dem unsere nächsten Übergabepunkte liegen.«
»Detailliertere Karten? Sie betreffen nicht zufällig auch…«
»Doch.«
Am nächsten Tag erzähle ich unseren Gefangenen davon. Falls sie die Information begreifen, zeigen sie es mir nicht. Nur das Echo ihrer Gefühle in mir wird stärker. Mit jedem Tag, der vergeht, beginne ich, mich ihnen näher zu fühlen. Ich kann ihre Situation verstehen. Die beiden sind ganz allein in einer feindlichen Umwelt und fliegen einem ungewissen Schicksal entgegen. Das einzige, das sie haben, ist ihre Liebe zueinander. Tief in mir sehne ich mich auch nach solch einem absoluten Glück, wissend, daß meine eigene Spezies dafür nicht geschaffen ist.
Eine Warnung von Van trudelt in meinem Postfach ein. ‘Seid vorsichtig mit Bonnie und Clyde. Lisa wollte ausprobieren, ob sie Telepathen sind und hat sie angefaßt. Sie ist beinahe gestorben. Die beiden sind elektrischer als Zitteraale!’
Auf der Sternbasis tauschen wir zunächst einige Gefangenenzellen aus. Wir geben ihnen mehrere Zellen mit quallenartigen Wesen, die im Wasser leben. In dem, was auf ihrem Planeten Wasser ist. Es enthält große Mengen an Schwefelwasserstoff und Arsen. Dafür erhalten wir einige Individuen einer radialsymmetrischen Spezies, die aussehen wie eine Kreuzung aus Wagenrädern und Mühlsteinen. Sie bewegen sich, indem sie ihren Körper verformen und rollen. Ihre Stimmen klingen schrill und wenig harmonisch. Ich finde sie unangenehm und bin froh, daß ich mich nicht weiter mit ihnen befassen muß.
Später besorge ich die nötigen Daten für unser Schiff. In der restlichen verbleibenden Zeit, bis wir wieder starten, führe ich einige Videocalls zur Heimatbasis. Nele, meine Frau ist überrascht, daß ich mich so schnell schon melde. Ich erkläre die Situation. Sage ihr, daß sie mir fehlt, auch wenn das nur ein Teil der Wahrheit ist.
»Vielleicht ist das Dein letzter Einsatz im All«, sagt sie und strahlt mich an. »Eigentlich wollte ich bis Heiligabend warten, ehe ich es Dir erzähle. Du hast jetzt genügend Dienstjahre angesammelt. Vater sagt, er kann Dich in der Administration unterbringen. Dann müßtest Du viel seltener weg. Was meinst Du dazu?«
Ich verstehe ihre Freude, auch wenn ich ihren Traum nicht teile. Ich würde unseren nächsten Lebensabschnitt viel lieber auf der Koloniewelt Terra Nova verbringen. Die Terraformung ist dort schon weit fortgeschritten.
Das sage ich ihr aber nicht. Sie würde es nicht verstehen. Nele hat die Erde in ihrem ganzen Leben nie verlassen. Nicht einmal die Stadt, in der sie geboren wurde. Sie hat nicht mein Bedürfnis nach unverbrauchter Luft und freiem Himmel über uns. Sie würde auch nie verstehen, was ich daran finde.
Wir unterhalten uns noch eine Weile über Belanglosigkeiten. Schwiegervater hat uns eine größere Wohnung besorgt. Jetzt brauchen wir neue Möbel. Ich sage ihr, sie wird das schon machen. Dann verläßt sie kurz den Raum und kommt mit den beiden Kleinen zurück. Sie waren gerade eingeschlafen und blinzeln mit ihren Kuscheltieren müde in die Kamera.
Ich verteile einige Liebkosungen und beende dann das Gespräch. Ich ertrage diese Nähe jetzt nicht. Einen Anruf habe ich noch auf der Liste: Helena, eine Freundin aus dem Studium. Sie arbeitet jetzt am Institut für Astroethnologie und ich hoffe, daß sie die fehlenden Informationen über unsere pflanzlichen Gäste für mich besorgen kann. Ich schildere ihr mein Problem. Sie nickt verständnisvoll.
»Die neue Wasserstoffspezies sagst Du? Wir wissen tatsächlich nicht viel über sie. Mach Dir also keine großen Hoffnungen. Ich werde aber den Botschafter interviewen, der kürzlich von den Status-quo-Verhandlungen zurückgekommen ist. Das wollte ich sowieso tun. Vielleicht weiß er etwas. Ach ja, und schick mir Bilder der beiden.«
Einige Stunden später befinde ich mich wieder auf dem Schiff. Die Tanks sind voll. Ich bin im Besitz des Sticks für den Schiffscomputer. Da auf dieser Basis auch einige Menschen arbeiten, durfte ich sogar etwas frisches Gemüse aus ihren hydroponischen Gärten mitnehmen. Bei einem der Händler konnte ich weitere Lebensmittel einkaufen, die nicht auf dem Speiseplan stehen, den die Gesellschaft uns zubilligt. Als der Geruch von gebratenem Wasabufleisch durchs Schiff zieht, einem der wenigen Lebensmittel, das für uns beide gleichermaßen verdaulich ist, ist Herb sofort da.
»Wies aussieht, hast Du mit Deiner Zeit etwas nützliches angefangen«, begrüßt er mich.
»Hat ein kleines Vermögen gekostet. Genieße es.«
Er schaufelt das Fleisch mit den Tentakeln in atemberaubender Geschwindigkeit in seinen Eßmund. Ich mache mir Sorgen, daß er in seiner Gier die Spitzen der Tentakel abbeißt, denn der Mund trägt mehrere Reihen spitzer Zähne, aber ich weiß, daß er mir dankbar ist. Er überläßt mir dafür die weniger dreckigen Jobs. Besonders viele Karmapunkte sammle ich bei ihm mit einem neuen Porno. Ich drücke ihm den Chip nach dem Essen in die Hand und sehe, wie seine Augenpaare leuchten. Dann gehe ich auf die Brücke und installiere das Kartenupdate.
Es dauert eine Weile, bis das Schiff die neuen Daten in sein System konvertiert hat. Die Zeiten, in denen man Datenmengen noch in Byte messen konnte, sind lange vorbei. Es gibt lediglich verschiedene Abstufungen von ‘gigantisch groß’. Endlich erscheint die Arbeitsoberfläche wieder und ich zoome in den neuen Kartenausschnitt hinein.
Die Karten sind viel schärfer als das alte Material. Es handelt sich um einen Sternenstrom am Rande der Galaxis. In den letzten Jahrhunderten waren dort noch keine bewohnten Welten verzeichnet. Daher lag die Karte nur in geringer Auflösung vor. Das ist anders, seit wir Kontakt mit der Wasserstoffspezies haben. Gewohnt schnell und scharf baut sich das Bild auf, das die Photodrohnen in den letzten zehn Jahren akribisch aufgezeichnet haben. Einige Artefakte im Bildmaterial zeigen mir aber, daß die Drohnen besser noch einige Runden geflogen wären.
Schnell habe ich das fragliche Sonnensystem ausgemacht. Es ist mit einem purpurnen Sternchen markiert. Das steht für ‘Wasserstoffatmer, für Menschen ungeeignet’. Ich scrolle hinein und finde einen Stern vom K-Typ, der von nur einem inneren Planeten in Marsgröße umkreist wird. Der befindet sich am äußersten Rand der Zone, die der Computer als habitabel für dieses System ausweist. Ich zoome weiter hinein und die physikalischen Daten werden angezeigt:
Durchmesser 9,000 km Schwerkraft 0,7 g Planetares Magnetfeld ca. 200 µT Mittlere Oberflächentemperatur 281 K Ausgeprägter Vulkanismus Atmosphäre 30% Wasserstoff, 65% Kohlendioxid, 5% Methan und Edelgase Hydrosphäre (15% der Oberfläche) bestehend aus kleinen Meeren und Seen mit hohem Phosphatgehalt Satelliten: keine Intelligentes Leben: ja
Das Besondere an dieser Welt ist ihr starkes Magnetfeld, das weit über die Atmosphäre hinausreicht und verhindert, daß sie vom Sonnenwind einfach ins Weltall geblasen wird. Eine Unterscheidung in pflanzliches und tierisches Leben scheint im Verlauf der Entwicklung nicht stattgefunden zu haben. Alle Lebensformen auf der Oberfläche gewinnen ihre Energie mehr oder weniger aus Sonnenlicht und dichte purpurfarbene Wälder bedecken die Breiten in der Nähe des Äquators.
Der Treibhauseffekt durch das Kohlendioxid und Methan in der Atmosphäre hält die Temperatur beinahe auf Erdniveau, obwohl dieser Planet viel weniger Strahlung von seiner Sonne erhält. Für Menschen ist diese Welt geradezu atemberaubend fremdartig und ein Beweis, daß die Kraft der Evolution auch an sehr ungewöhnlichen Orten wirkt.
Mehr finde ich leider nicht. Informationen über Ethnologie und Kultur sind in solchen Karten üblicherweise nicht enthalten. Da muß ich auf Helena hoffen.
Mittlerweile haben wir den schmalen Spalt am Rande der Galaxis durchstoßen und befinden uns innerhalb des Sternenstroms, in dem der nächste Übergabepunkt liegt. In den kurzen Pausen zwischen unseren Hyperraumsprüngen können wir die Linse unserer Heimatgalaxis in ihrer ganzen Pracht überblicken. Sie wirkt viel heller, als ich es von der Erde gewohnt bin. Vielleicht ist aber auch nur alles andere viel dunkler. Der Sternenstrom ist im Vergleich zu dünn, als daß er optisch ins Gewicht fiele. Daher ist eine Hälfte des Himmels pechschwarz. Nur einige unserer Nachbargalaxien hängen in der Schwärze des Alls wie überdimensionale Traumfänger herum.
Auffällig ist, daß es hier gleich mehrere Planeten mit für Wasserstoffatmer geeigneten Lebensbedingungen zu geben scheint. In der gesamten restlichen Galaxie gibt es nur eine Handvoll. Der Strom hat eine andere Geschichte als die Milchstraße. Er ist der Rest eines größeren Sternhaufens oder einer Zwerggalaxie, die vor langer Zeit vom Schwerefeld unserer eigenen Galaxie eingefangen wurde.
In den nächsten Tagen bekommen wir wieder viel zu tun. Es gibt Streit im Gefangenenbereich. Die Wesen mit dem Aussehen von Mühlsteinen fühlen sich nicht angemessen behandelt. Ihre Zellen liegen ihnen im Trakt zu weit auseinander. Ihre hohen, pfeifenden Stimmen sind schon bei normaler Lautstärke für die meisten hörenden Spezies nur schwer erträglich. Jetzt, wo sie über ein Dutzend Zellen Entfernung miteinander kommunizieren, klingt es wie in einem Paviangehege bei der Fütterung. Bevor sie zu schreien beginnen, pumpen sie ihren Körper so sehr mit Luft auf, daß sie beinahe kugelförmig erscheinen. Wenn sie dann loslegen, erzeugen sie mühelos eine Lautstärke wie die Antriebsdüsen des Frachters beim Start von einem Planeten.
Wir halten uns von diesem Streit möglichst fern. Normalerweise regeln die Insassen der Zellen das untereinander. Als die Vitalwerte einiger besonders empfindlicher Gefangener aber bedrohlich absinken, müssen wir doch einschreiten. Wir starten eine Bäumchen-wechsel-Dich Runde und versetzen die Zelleinheiten solange gegeneinander, bis die Schreihälse sich ganz am Ende des Traktes befinden und die Türseiten mit den Kraftfeldern von den anderen weg nach außen weisen. Fast einen ganzen Tag dauert diese Aktion und wir befinden uns bereits tief in dem Sternenstrom, als sie endlich beendet ist.
Mittlerweile ist Helenas Antwort über Hyperfunk hereingekommen. Sie schickt eine Nachricht mit einer Reihe angehängter Dokumente.
‘Lieber Warg,
danke für die Bilder.
Ich habe mit dem Botschafter gesprochen. Dein Gespür für unangenehme Situationen war schon immer ausgezeichnet. Schön, daß Du mich daran teilhaben läßt.
Es gestaltete sich schon problematisch, überhaupt zu ihm vorzudringen. Seine Gesundheit ist sehr angegriffen, weil er sich monatelang nur in einem Schutzanzug aufhalten konnte. Die Enewah, so lautet der Name, mit dem die Wasserstoffatmer sich bezeichnen, bestehen nämlich darauf, daß die Verhandlungen auf ihrer Planetenoberfläche stattfinden. Raumfahrt haben sie keine entwickelt und scheinen auch kein Interesse daran zu haben. Allerdings haben sie einige unserer Frachter für ihre Zwecke umgebaut und nutzen sie, um Metalle zu importieren, die bei ihnen selten sind. Auf diese Art haben vermutlich auch Deine Gefangenen den Planeten verlassen.
Ihre Haltung uns gegenüber ist abweisend, ebenso wie die Haltung des Botschafters mir gegenüber. Da ihre empathischen Fähigkeiten nicht nur empfangender, sondern auch sendender Natur sind, haben sie den Botschafter daran ausgiebig teilhaben lassen. Diese unfreundliche Umgebung über viele Wochen hat sein Nervenkostüm stark in Mitleidenschaft gezogen. Entsprechend gestreßt hat er sich mir gegenüber verhalten. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung ist er reif für ein Sanatorium.
Über die Verhandlungen habe ich nichts erfahren, außer daß sie sich sehr in die Länge ziehen. Einiges funktioniert schon ganz gut, aber daß es zu funktionierenden Handelsbeziehungen auf der Basis von gegenseitigem Verständnis kommt, werden wir zwei wohl nicht mehr erleben. Dazu ist ihre Kultur zu fremdartig.
Ich erhielt lediglich eine Reihe Dokumente. Die Enewah haben einiges für uns in Galaktisches Standard übersetzt. Leider sind die Texte für uns deswegen noch nicht verständlich. Das Wichtigste scheint ihnen ein Buch-der-Familie zu sein, eine Art Doktrin, nach der sie leben. Wir werden einige Zeit benötigen, uns in die Denkweise hineinzuversetzen und den Inhalt zu verstehen. Aufschlußreicher finde ich eine Reihe Anmerkungen des Botschafters. In ihnen steht wohl das, was Du wissen willst. Ich habe sie Dir beigelegt. Viel Spaß damit.
Vielleicht läßt es sich einrichten, daß Du mich über das, was Du da planst, auf dem Laufenden hältst. Wenn Du aber in der Zukunft wieder einmal solch eine Aufgabe hast, suche Dir bitte jemand anderen. Danke.
Helena’
Es sieht so aus, als müßte ich mich bei ihr entschuldigen. Ich schreibe eine lange Nachricht, schicke sie aber nicht ab, weil mir nicht genügend passende Worte einfallen wollen. Diplomatie ist nicht meine Kernkompetenz. In den nächsten Stunden arbeite ich mich durch die Dokumente. Der Botschafter tut mir leid, wenn er beschreibt, wie schwierig es ist, sich jeden Tag wieder neu aufzuraffen und der Ablehnung mit freundlicher Entschlossenheit gegenüberzutreten. Das muß ihn aufgezehrt haben und steht in schroffem Gegensatz zu dem Verhalten, das unsere beiden Gefangenen zeigen.
Manchmal denke ich, er schreibt über ein völlig anderes Volk. Er erklärt, wie die Verhandlungen ablaufen. Die Enewah treten ihm gegenüber immer paarweise auf und stehen zu jedem Zeitpunkt miteinander in Körperkontakt. Es sind immer ein männliches und ein weibliches Exemplar. Die jüngeren Paare stehen nur in loser Verbindung. Die älteren scheinen an verschiedenen Körperteilen miteinander verwachsen zu sein und aus ihren unteren Körperregionen sprießen dann eine Art Schößlinge, die sich vermutlich später zu selbständigen Individuen entwickeln.
Der Botschafter fragt einmal nach, ob er richtig vermutet. Die Reaktion ist wie gewohnt schroff. Anscheinend sind die Enewah aber trotz ihrer generellen Unfreundlichkeit bemüht, etwas guten Willen zu zeigen, denn er erhält nach einigen Tagen eine Antwort auf seine Frage. Nach ihrer Darstellung trennen sich die ‘Schößlinge’ in ihrer Jugend von den Eltern ab, ein Vorgang, der als sehr schmerzvoll für beide Seiten beschrieben wird.
Sie bleiben nur kurz allein und verbinden sich schnellstmöglich mit einem Jugendlichen des anderen Geschlechts, mit dem sie bis an ihr Lebensende beisammenbleiben. Überzählige weibliche und männliche Exemplare, die keinen Partner finden und so die Reinheit-der-Familie gefährden, werden exekutiert. Das komme aber nur ganz selten vor, weil das Zahlenverhältnis zwischen den Geschlechtern sehr ausgewogen sei. Die Reinheit-der-Familie stehe über allem und niemand würde das Buch-der-Familie in Frage stellen.
Das letzte Dokument enthält eine Reihe von Bildern, die während der Verhandlungen aufgenommen wurden. Ich überfliege sie und erstarre innerlich. Tatsächlich treten die Enewah immer paarweise auf. Die beiden Geschlechter, die sich zu einer Partnerschaft zusammenfinden, sehen aber so grundverschieden aus, daß mir sofort klar ist, daß es sich bei unseren Gefangenen um Angehörige desselben Geschlechts handelt.
»Ja und?« ist Herbs Reaktion, als ich ihm das beim Frühstück erzähle. »Du willst mir doch nicht erzählen, daß sie zur Fahndung ausgeschrieben wurden, nur weil sie homosexuell sind?«
»So siehts aus. Und auf ihrem Planeten werden sie exekutiert werden.«
»Manchmal hasse ich meinen Job.«
Urplötzlich gellen Alarmsirenen los. Ein schwerer Schlag erschüttert das Schiff. Die Lampen erlöschen und die rote Notbeleuchtung geht an. Wir stürzen auf die Brücke und sehen die Bescherung. Vor der Fensterfront der Brücke schwebt träge ein Felsbrocken von mehreren Metern Durchmesser. Er hat wohl gerade nähere Bekanntschaft mit der Schiffshülle gemacht.
»Fuck, wie konnte das passieren?« Herb ist außer sich und seine Tentakel vollführen einen hypnotischen Wirbel vor meinen Augen. »Schau auf das Radar. Da sind noch mehr davon. Viel mehr!«
Ich vergleiche die Schiffskarte mit der Realität. Wir befinden uns in einem Asteroidenfeld, das zu einem Zwergstern gehört. Nur ist die Karte an dieser Stelle leer.
»Ich hatte schon beim Einlesen der Karte das Gefühl, daß sie nur mäßig genau ist und die Drohnen hauptsächlich die bewohnten Bereiche des Stroms abgeflogen sind.«
»Aber sie können doch nicht ein komplettes Sternsystem übersehen!« Herbs Stimme ist kurz vorm Überschnappen und erinnert mich für einige Sekunden an die Laute der Mühlsteine, die uns den letzten Tag in Atem gehalten haben.
»Sieht so aus, als können sie doch.«
Wir sichten den Schaden. Die Schilde der HARKONNEN haben unsere unmittelbare Zerstörung verhindert, aber die Gefahr ist noch lange nicht vorbei. Weitere Felsbrocken befinden sich im Anflug. Springen können wir nicht. Zu viel Bewegung um uns herum. Um hier korrekte Parameter zu berechnen, besitzt der Computer nicht genügend Leistung. Das einzige, was möglich ist, ist, in langsamer Fahrt aus den Asteroiden hinaus zu manövrieren. Ich lasse einen Kurs berechnen, der möglichst wenige weitere Kollisionen beinhaltet – ganz können wir es nicht verhindern – und beschleunige das Schiff auf langsame Fahrt.
»Sieht so aus, als wäre das neue Kartenmaterial verwanzt«, fluche ich. »Manchmal hasse ich es, recht zu haben.«
»Ich bereite mich schon mal auf die Reparaturen vor.« Herb hat sich in Rekordtempo abgeregt und wirkt jetzt gelassener, als ich mich fühle.
»Ich stoße dazu, sobald wir aus der Gefahrenzone sind.«
Das dauert einige Stunden. Mehrere, weitere Kollisionen müssen wir noch überstehen. Sie sind nicht mehr so schlimm wie die erste und die Schilde halten ihr stand. Wären die Felsbrocken so massiv, wie sie aussehen, stünde es jetzt schlecht um uns. Glücklicherweise bestehen die meisten der Geschosse zum größten Teil aus Wasser, Staub und Trockeneis und zerstieben beim Aufprall auf die Schilde zu einer schmutzigen Wolke, die uns die Sicht nimmt. Ohne das Radar wären wir heute aufgeschmissen.
Die Erschütterungen setzen uns aber dennoch schwer zu. Die Alarmlichter an den Andockringen für die Gefangenenzellen werden zahlreicher. Die Hecksektion mit den Lagerräumen dekomprimiert. Zum Glück halten die frisch geschweißten Schotte. Nach einer gefühlten Ewigkeit leert sich das Radar wieder. Wir scheinen genügend Abstand zu diesem Zwergstern gewonnen zu haben. Ich stoppe die Maschinen.
Die nächsten 24 Stunden arbeiten wir durch. Zunächst gilt es, die nicht dekomprimierten Bereiche auf Dichtigkeit durchzumessen. Danach stabilisieren wir die Zellen der Gefangenen. Einige hat es während der Katastrophe erwischt. Sie haben sich vom Schiff gelöst und trudeln irgendwo draußen zwischen den Felsen herum. Ihnen können wir nicht mehr helfen. Die meisten können wir aber retten. Sobald die Magnetklemmen, die sich gelöst haben, wieder Strom erhalten, sichern sie die Zellen und die roten Lämpchen auf der Brücke verschwinden eine nach der anderen. Die Wasserstoffsektion scheint sogar völlig unversehrt zu sein.
Als nächstes sitzen wir gemeinsam auf der Brücke und stellen Informationen zusammen für den Bericht an die Gesellschaft. Die Sonne, die sich nicht auf der Karte befindet, hat eine Menge Schaden angerichtet. Zum Glück stehen die Sterne hier draußen so dünn, daß eine Wiederholung dieses Unfalls extrem unwahrscheinlich ist. Nachdem wir in einigen Tagen die gröbsten Schäden beseitigt haben, können wir relativ gefahrlos weiterfliegen.
Herb darf als erster schlafen. Momentan ist es besser, wenn immer einer Wache hält. So sitze ich mit einem großen Becher synthetischen Kaffees auf der Brücke und behalte alles im Auge. Das Schiff scannt derweil systematisch die Umgebung und fügt sie unserem Kartenmaterial hinzu. Besser spät als nie. Nach einigen Stunden, ich bin gerade dabei, wegzunicken, blinkt plötzlich ein purpurnes Sternchen auf der Umgebungskarte auf. Mit einem Schlag bin ich wieder wach. Offensichtlich hat dieser Stern Planeten und einen von ihnen hat die Software gerade als geeignet für Wasserstoffatmer klassifiziert!
Ich weise den Computer an, die Parameter dieser Welt genauer zu analysieren. Es handelt sich nicht gerade um einen Zwilling des Heimatplaneten der Wasserstoffatmer aber die Ähnlichkeit ist groß genug, um… ich beginne, einen Plan zu schmieden. Nachdem auch meine Schlafphase vorüber ist und ich mir sicher bin, daß ich mir in meiner Müdigkeit nichts zusammengesponnen habe, rede ich mit Herb.
»Das läßt Dir keine Ruhe, was?« grinst er mich mit seinem zahnlosen Kommunikationsmund an.
»Gibs zu, daß sie unser Liebespaar so einfach um die Ecke bringen wollen für etwas, für das sie nichts können, paßt Dir auch nicht.«
»Klar paßt mir das nicht. Aber Du machst grad wieder den Job anderer Leute.«
»Nur, wenn Du es mitträgst.«
»Na los, mach schon. Frag sie.«
Ich lade ein Tablet mit den Daten des Planeten, seiner Schwerkraft, Masse, Atmosphäre und Temperatur. Hoffentlich funktioniert meine Idee und die beiden Enewah verstehen doch genügend Galaktisches Standard, damit ihnen unser Vorschlag klar wird. Dann schlüpfe ich in den Schutzanzug und betrete den Bereich unserer verliebten Gäste. »Hey!« rufe ich laut, in der Hoffnung, sie damit auf mich aufmerksam zu machen, und halte ihnen das Tablet durch eine Lücke im Kraftfeld entgegen.
Zuerst passiert nichts. Die beiden sitzen mir eng umschlungen gegenüber. Ich rufe noch einmal und plötzlich wenden sich einige ihrer Knospenaugen mir zu. Einer der beiden streckt mir zögernd einen seiner langen Arme entgegen und berührt das Tablet. In der Sekunde, in der er es nimmt, durchfährt mich ein heftiger, elektrischer Schlag. Gleichzeitig spüre ich aber die die Emotionen, die die beiden füreinander haben, so intensiv, fast, als wäre ich ein Teil davon, als würde ihre Freundlichkeit mich mit einschließen.
Ein wunderbares Gefühl ist das. Anscheinend verbessert körperlicher Kontakt den empathischen Empfang, auch wenn es nur durch den Umweg über einen Gegenstand ist. Dann, nach einigen viel zu kurzen Sekunden, bin ich wieder allein in meinem Kopf. Die beiden konzentrieren sich auf das Display, ohne ihren körperlichen Kontakt dabei auch nur für eine Sekunde zu unterbrechen.
Mir wird klar, daß das gerade übel hätte ausgehen können. Van hat mich vor der elektrischen Ladung der Enewah gewarnt und ich habe nicht daran gedacht. Mein ganzer Arm kribbelt und die Finger fühlen sich taub an. Nach einigen Sekunden wird es wieder besser. Vielleicht handelt es sich nur um eine Begleiterscheinung ihrer ungewöhnlichen Kommunikationsform. Lebensbedrohlich fühlt sich der Schlag jedenfalls nicht an.
Ich warte. Lange Zeit geschieht nichts. Dann befindet sich plötzlich eine neue Emotion im Raum. Der andere der beiden reicht mir das Display zurück. In dem Augenblick, in dem wir beide es halten, durchfährt mich erneut ihre Elektrizität, immer noch stark, aber nicht mehr so schmerzhaft, wie beim ersten Mal. Diesmal sehe ich auch Funken um das Tablet sprühen. Parallel zeigen mir die beiden wieder ihre Gefühle. Ich spüre jetzt Freude neben ihrer nie versiegenden Liebe zueinander. Überwältigende, große Freude.
Ich berichte Herb von meinem Erlebnis. »Hoffentlich ist das ihre Art, ‘ja’ zu sagen,«. knurrt er. »Dann laß uns mal loslegen.«
Wir setzen Kurs auf den Planeten und bereiten uns vor, die Kapsel in seiner Atmosphäre auszusetzen. Ihre Hilfstriebwerke werden für eine sichere Landung sorgen. Unten angekommen wird sich das Kraftfeld abbauen und die beiden freilassen. Die Nahrungsvorräte werden sie vermutlich nicht mehr brauchen, wenn sie erst unten sind, denn passend mineralhaltiges Wasser gibt es genügend.
Wir stehen beide am Andockring, als ich die Magnetklammern abschalte. Die Kapsel löst sich und schwebt durch eine Lücke in den Schilden dem Planeten entgegen. In dem Moment, als sie ganz dicht vor unseren Sichtluken vorbeifliegt, spüren wir zum letzten Mal eine Emotion, die uns unsere pflanzlichen Freunde senden. Sie breitet sich in unserem Innern aus und durchflutet uns mit … diesmal ist es eindeutig Dankbarkeit. Wieder dauert das Gefühl viel zu kurz an. Als es verebbt, bleibt nur die Leere, die ich seit einigen Wochen spüre, wenn ich mit mir allein bin. Kein schönes Gefühl. Ich hoffe, es wird auch wieder verschwinden.
»Mir scheint, sie verabschieden sich von uns«, sage ich. »Das ist wohl ihre Art Lebewohl zu sagen.«
Tief in Gedanken gehen wir beide auf die Brücke zurück. Ich füge die Wasserstoffatmer-Kapsel der Verlustmeldung hinzu. Unsere Freunde sind jetzt sicher. Niemand wird sie hier suchen. Dann bereiten wir uns auf den Rückflug zur nächsten Sternbasis vor.
»Weißte, was heute für ein Tag ist?« fragt mich Herb, als wir später beisammensitzen und einen Spielfilm gucken. »Keine Ahnung. Ich habe völlig das Zeitgefühl verloren.«
»Ich meine nicht den galaktischen Standardkalender. Auf der Erde ist jetzt der 24. Dezember. Für euch Menschen ist heute Heiligabend.«
»Du weißt Sachen«, sage ich verblüfft.
»Fremde Kulturen sind eines meiner Hobbys. Und … na ja, und so ganz fremd bist Du mir ja nicht.«
Ich erröte und denke, daß ich keine Ahnung habe, was für ein Feiertag jetzt möglicherweise auf Herbs Welt ist.
»Ich habe das Gefühl, daß uns der Kontakt zu den beiden Enewah verändert hat. Vielleicht sind wir Freunde geworden. Nach all den Jahren.«
»Ich glaube, wir kennen uns einfach besser. Du hast mir früher nie etwas mitgebracht.«
»By-the-way«, lenke ich ab, ehe die Situation zu gefühlsduselig wird, »ob unsere neuen Freunde dort draußen glücklich werden?«
»Wir werden es nie erfahren, aber ich bin mir sicher, daß wir das richtige getan haben.«
Poesie heißt ja auf neudeutsch seit einiger Zeit bereits »Poetry«. Daß damit die Qualität derselben auf eine neue Ebene gehoben wird, wage ich nach eingehendem Studium der entsprechenden Rubriken in Tageszeitungen, Magazinen und den hiesigen Zeitlinien zu bezweifeln.
Eine gut gesetzte Pointe, die in Reimform daherkommt, kann ich durchaus genießen. Wilhelm Busch und Heinz Erhardt waren Meister derselben. Unglücklicherweise sind sie beide tot und mit dem Nachwuchs hapert es ein wenig.
Dichter sein bedeutet nicht, daß man gerne dichter wäre. So manchem, der den ungebremsten Fluß seiner Worte in Reime setzt (und für den ich mir wünschte, daß nicht er, sondern sein Mund dichter wäre), ist dieser Unterschied nicht klar.
Für die Sorte Dichtkunst, die von solchen Menschen produziert wird, benutze ich den Ausdruck »Pötry« oder auch »Pösie« (gesprochen: Pö-si-e). Pösie kommt unter dem Deckmantel der Kunst einher, wird aber dem selbst gesetzten Anspruch nicht gerecht.
Da werden Worte zusammengebracht, die sich sonst ein Leben lang nicht kennenlernen würden. Da reimt sich plötzlich ‘Natascha’ auf ‘Flaschen’ und ‘Nowosibirsk’ auf ‘erwürgt’. Klingelts da bei Freunden deutschen Liedguts?
Bei aller gebotenen Einfachheit beherrschen professionelle Schlagertexter wie Bernd Meinunger und Michael Kunze wenigstens ihr Geschäft und leisten sich keine solchen Klopfer. So mancher Sänger, der meint, sein Lied ‘mal eben’ selbst in Worte setzen zu können, tut das nicht. Auch wenn er ansonsten erfolgreich daherkommt, wie man oben sieht. Außer Marius haben sich auch Herbert, Xavier, Rauschenberger, Xavas und viele andere solche Fremdschäm-Pösie erlaubt. Reinhard Mey nicht. Udo Jürgens auch nicht. Aber die Herren spielen in einer anderen Liga.
Gute, gereimte Poesie kann zum Beispiel so aussehen:
»In nur vier Zeilen was zu sagen, erscheint zwar leicht, doch es ist schwer! Man braucht ja nur mal nachzuschlagen: die meisten Dichter brauchten mehr.« (Heinz Erhardt)
Heinz Erhardt war ein Meister der Reimkunst. Seine Werke wirken wie aus dem Ärmel geschüttelt und verbergen durch ihre scheinbare Leichtigkeit, welch schwere Arbeit in ihnen steckt. Unsere neudeutschen Liedermacher müssen sich da sehr nach der Decke strecken, und erreichen sie oft dennoch nicht. Die Einordnung liegt dann irgendwo zwischen traurig und bedauernswert.
Nicht nur die fehlenden Reime geben Anlaß zu heiterem Gruseln. Gar mancher stellt die Worte in seinen Zeilen in dem Bestreben, die richtige Satzrhythmik zu finden, so oft um, daß am Schluß der komplette Satz dahinter sich ins Nirwana verflüchtigt:
»So sich biegt qualvoll zurecht der schöne Schein, damit’s am End’ noch irgendwie sich reimt.«
Eine unerreichte Meisterin dieser gebogenen Kunstform war Friederike Kempner (1836-1904), auch bekannt als der ‘schlesische Schwan’. »Zeitgenossen und Nachwelt schätzten die markante Persönlichkeit nicht zuletzt als Klassikerin des unfreiwilligen Humors … Der rituelle Vortrag ihrer Gedichte diente bei geselligen Anlässen unverbrüchlich zur allgemeinen Erheiterung.«* Kostprobe gefällig?
»Amerika, das Land der Träume, Du Wunderwelt so lang und breit, Wie schön sind Deine Kokosbäume, Und Deine rege Einsamkeit!«*
In diesen vier Zeilen komprimiert sich Pösie vom Allerfeinsten! Die Autorin bringt es fertig, in nur vier Zeilen so viele ungeschriebene Regeln zu brechen, daß ihre Analyse einer Diplomarbeit bedarf.
*Quelle: Gutenberg Projekt des Spiegel
Auch unter meiner jährlichen Weihnachtspost finden sich gereimte Werke, die mir bereits beim Lesen das Schampurpur ins Gesicht treiben. Bei Verwandten und Freunden reißt man sich dann ja zusammen und applaudiert höflich. Warum allerdings Leute viel Geld dafür ausgeben, um ihr eigenes sprachliches Unvermögen in eine Zeitungsanzeige zu gießen, hat sich mir nie erschlossen.
Und was treibt ein ansonsten seriöses Printmagazin um, den gereimten Unsinn jeden Sonntag unter der Rubrik »Poetry« zu veröffentlichen. Mit dem Vermerk natürlich, daß in unserem schönen Lande noch gar so viele unentdeckte Talente schlummern.
Diese werden wohl auch weiter unentdeckt bleiben. Entdeckt werden meist die Schreihälse, die ihre Persönlichkeit auf dem Podest ihres Egos vor sich her tragen müssen, damit die anderen sie ohne Lupe erkennen können.
Aus dieser Kurzgeschichte sind der 600-Seiten Roman »Gefahr von der anderen Seite (Das Universum im Tautropfen)« und letztlich der gesamte Moíra-Zyklus entstanden. Es handelt sich um meine allererste Veröffentlichung.
Klappentext:
Mike Peters ist Redakteur in einem wissenschaftlichen Magazin. Er ist auf der Suche nach Walter Stein, einen Professor, der seit einiger Zeit spurlos verschwunden ist. Als er ihn findet, hat der eine unglaubliche Geschichte zu erzählen, die die Geschicke der Menschheit verändern wird.
Die Geschichte:
Der Wind war sanft. Er strich mit zarten Fingern über Walters Gesicht. Der entspannte sich in seinem Liegestuhl und blickte durch die geschlossenen Augen in Richtung der Sonne. Leuchtend gelbrot schienen ihre Strahlen durch seine Lider. Wenn er die Lider einen klitzekleinen Spalt öffnete, sah er im Gegenlicht kleine Objekte in einer Flüssigkeit schwimmen. Sie sahen aus wie Zellen im Lichtmikroskop. Walter wußte, daß sie eine Illusion waren. Schatten im Glaskörper seiner Augen. Aber sie schienen so real …
Walter entspannte sich. Für einen Moment war es so, als würde er in einer warmen Badewanne schwimmen. Der Schlaf streckte seine Finger nach seinem Geist aus und er verharrte einige Zeit in diesem Zustand.
Nicht lange genug, um wirklich Ruhe zu finden. Lianengleich fetzten plötzlich Arme aus der nebligen Dunkelheit unter ihm. Arme mit bezahnten Mündern. Sie schnappten nach seinen Beinen. Lautlos. Wollten ihn zu sich hinab ziehen. Ein kaltes, künstliches Licht lag über der Szene. Keine Sonne. Kein Mond. Hohe, zackige Strukturen ragten drohend hinter ihm auf. Schienen auf ihn herabzustürzen. Eine neblige Ebene lag vor ihm. Ein fremdes Wesen reckte ihm vieläugig die Hälse entgegen. Walter wußte, er gehörte nicht hierher. Er mußte fliehen. Er lief und lief, kam aber nicht von der Stelle. Dann fiel er plötzlich in die Dunkelheit hinein…
Er schreckte hoch. Ein dunkler Schatten schob sich vor die Sonne. Zu schnell für eine Wolke. Das Gefühl der Wärme auf seinem Gesicht war verschwunden. Irritiert öffnete er die Lider ganz und sah eine Gestalt vor sich stehen. »Walter Stein? Dr. Walter Stein?« sagte eine Stimme.
Walter beschirmte seine Augen mit einer Hand, um sein Gegenüber besser zu erkennen. »Ja. Was wollen Sie? Ist es schon Zeit zum Essen?«
»Entschuldigen Sie, aber ich gehöre nicht zum Stift«, sagte die Stimme, immer noch ein schwarzer Schatten vor der Sonne. »Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle? Mike Peters ist mein Name. Ich bin Journalist.«
»Was wollen Sie hier? Wie haben Sie mich gefunden?« Walter war alarmiert und stand noch durch seinen Wachtraum unter Adrenalin. Der Mann ging endlich aus der Sonne, so daß Walter ihn sah. Ein fremdes Gesicht, das er noch nie gesehen hatte. Blaue, klare Augen unter einer hohen Stirn musterten ihn. Ein kurzer, streng geschnittener Bart um ein kantiges Kinn vermittelte einen Eindruck von Sorgfalt, der in bemerkenswertem Widerspruch stand zu seiner Kleidung, die in bemitleidenswerten Zustand war.
»Es war nicht einfach, zu Ihnen vorzudringen«, sagte der Fremde trocken, als er Walters musternden Blick bemerkte. »Das wissen Sie sicher. Die Einrichtung hier mag keine Eindringlinge und ich mußte etwas Aufwand treiben, um Sie zu sehen, ohne gleich alle Leute aufzuschrecken.« Er hielt Walter die Hand entgegen. »Glauben Sie mir bitte, ich will Ihnen nicht schaden!«
Walter ergriff die Hand zögernd. Einen Moment überlegte er, den Knopf an seinem Pieper zu drücken, der den Sicherheitsdienst rief, aber etwas im Blick von Mike Peters hielt ihn davon ab. »Naja, wollten Sie mir schaden, hätten Sie das wohl bereits gekonnt.« meinte er schließlich und schüttelte die Hand des Fremden. »Setzen Sie sich«, sagte Walter und deutete mit einer einladenden Handbewegung auf einen Stuhl neben ihm. »Mike Peters ist also Ihr Name. Mögen Sie etwas trinken? Die bringen einem hier alles, was man will.«
Mike setzte sich. »Ich möchte gerne mit Ihnen alleine reden. Wer weiß, was die machen, wenn sie hier einen Fremden sehen. Vor allem einen, der so aussieht wie ich.« Mike klopfte sich etwas Erde aus der Jacke. »Da bin ich lieber vorsichtig.«
»Dann fangen wir doch nochmal von vorne an.« Walter sah sich seinen Gegenüber jetzt genauer an. Mike schien einige harte Tage hinter sich zu haben, denn bei aller Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge waren die Wangen ein wenig hohl und auch die Ringe um die Augen ließen darauf schließen, daß er sich nicht in bestem körperlichem Zustand befand. Die Kleidung tat ein Übriges. Man sah, daß sie einmal teuer gewesen sein mußte. Jetzt war sie allerdings verschlissen und schmutzig. »Ich wüßte gerne, warum Sie solch einen Aufwand treiben, um mich zu sehen. Ich bin nur ein alter Mann, der sich an das Ende der Welt zurückgezogen hat und hier seine Ruhe finden möchte.«
Mike lachte. »Netter Versuch. Ihre Geschichte will ich. Sie sind einer der renommiertesten Physiker unserer Zeit, aber Sie sind vor einem Jahr einfach verschwunden. Einer Ihrer Assistenten hat sich eine Kugel in den Mund gejagt. Es gab wilde Spekulationen damals. Von einem vertuschten Mord beispielsweise. Sie kennen ja die Gerüchteküche. Die meisten halten Sie aber für tot.«
»Nur Sie nicht, wie es scheint.« Walter fühlte sich für eine Sekunde zurück versetzt an den Moment, wo die Hände aus dem Nebel nach ihm griffen. Da waren sie nun, die Hände. Er fühlte, er mußte sich ihnen stellen, doch war er schon bereit dazu?
»Was ist damals wirklich passiert? Haben Sie Ihren Assistenten ermordet?«
»Er hat sich umgebracht. Wenn Sie die Fakten gründlich betrachtet haben, werden Sie das auch wissen.« Man ist nie bereit, dachte sich Walter. »Wenn Sie mich allerdings fragen, ob ich an den Ereignissen, die zu seinem Tod führten, beteiligt war, so ist das auch richtig.« Langsam ebbten die Wellen von Adrenalin wieder ab, die seinen Körper seit dem unsanften Erwachen geflutet hatten und er brachte seinen Liegestuhl in eine aufrechte Position. »Was erwarten Sie sich von unserem Gespräch?«
»Ich bin Wissenschaftsredakteur beim Scientific American. Ich habe Ihre Veröffentlichungen über die Jahre verfolgt und einige Ihrer Bücher rezensiert. Ich verstehe nicht bis ins letzte Detail, woran Sie arbeiten. Dazu muß man vermutlich Physik studieren und in Ihrem Bereich arbeiten. Ich glaubte aber ein Gespür dafür zu haben, wie Sie ticken. Sie sind nicht der Typ Fachidiot, der in seiner ökologischen Nische aufgeht. Sie denken fachübergreifend. Sie handeln politisch. Sie haben eine eigene Meinung. Sie engagieren sich. Sie wollen die Welt verbessern.«
»Das ehrt mich und es schmeichelt meiner Eitelkeit, danke.« antwortete Walter. »Ich wünschte nur, es wäre wirklich so.«
»Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel.« Mike grinste ihn an. »Ich bin ein Fan Ihrer Telekollegs. Sie verstehen es, Ihr Fachgebiet einem breiten Publikum zu erklären. Sie nehmen die Leute mit. Sie beschäftigen sich mit Wissenschaftsethik und scheuen auch philosophische Fragen nicht. Besonders fasziniert hat mich Ihr letzter Vortrag, der einige Monate vor Ihrem Verschwinden veröffentlicht wurde. Sie beschäftigen sich darin mit der Theorie, daß wir alle in einer virtuellen Realität leben.«
»Interessant, daß Sie davon reden«, sagte Walter und wirkte plötzlich abwesend, als wäre ein Schatten auf seinen Geist gefallen. »Diesen Vortrag habe ich mit großem Vergnügen gehalten. Es macht einen Riesenspaß, die Vorurteile anderer zu sezieren, die so etwas einfach als unmöglich abtun, nur, weil es nicht in ihr Weltbild paßt. Erschreckend, wie falsch ich damals lag… oder wie richtig…«
»Hat dieses Kolleg denn mit ihrem Verschwinden zu tun?«
»Nicht direkt. Aber damals fing es an, daß die Dinge aus dem Ruder liefen. Ich habe der NSA in früheren Jahren einige Male aus der Patsche geholfen.« Walter fing Mikes fragenden Blick auf und sprach sofort weiter. »Das ist nicht Teil dieser Geschichte und ist auch nicht von der Tragweite wie das, was nach dem Telekolleg passiert ist. Wenn wir beide in einem Jahr noch leben, dürfen Sie mich gerne weiter ausfragen. Ich vermute aber, daß Sie sich genau überlegen werden, ob Sie das, was ich Ihnen erzählen werde, wirklich veröffentlichen.«
Mike sah ihn fragend an, aber Walter fuhr fort: »Ihre Leser werden Sie nämlich für verrückt halten. Sie und mich. Was wir herausgefunden haben, würde ich selbst nicht glauben, wenn ich nicht die Originaldaten gesehen hätte.«
»Sie machen es ja richtig spannend.«
»Spannend ist nicht das Wort, das mir zuerst ins Gedächtnis kommt, wenn ich daran denke, warum ich hier bin. Aber sei’s drum. Wir waren bei der NSA. Ich habe dort eine recht hohe Sicherheitsfreigabe und erhalte Informationen, die mein Forschungsgebiet betreffen, als erster. Ich bin Astrophysiker. Ich habe die kosmische Hintergrundstrahlung im Mikrowellenbereich systematisch untersucht und einige Zusammenhänge zwischen deren Intensitätsverteilung und der Lage kosmischer Schwerkraftstrukturen aufgedeckt. Dies hat mir einen gewissen Ruf unter Kollegen eingebracht. Sie haben als wissenschaftlicher Journalist sicher bereits von der Anisotropie des kosmischen Hintergrundes gehört?«
Mike sah ihn fragend an. »Gehört ja, aber erklären sie es mir bitte sicherheitshalber mit Ihren Worten. Ich möchte sichergehen, daß mein Wissen kein Halbwissen ist.«
»Okay. Es gibt im Weltall eine schwache Hintergrundstrahlung im Mikrowellenbereich. Sie erreicht uns aus allen Richtungen des Universums völlig gleichmäßig und weist nur sehr geringe Fluktuationen auf. Die gängige Meinung dazu ist, daß es sich um eine Art Nachglimmen aus der Zeit handelt, als unser Universum sich nach dem Urknall und seiner ersten, beschleunigten Ausdehnung genügend abgekühlt hatte, um für Strahlung durchsichtig zu werden.
Diese Strahlung, die sehr kurzwellig war, wurde durch die weitere Ausdehnung des Universums bis in den Mikrowellenbereich gedehnt und so weit verdünnt, so daß sie heute nur noch mit empfindlichen Geräten meßbar ist. Ihre Wellenlänge entspricht einer Temperatur von etwa 3° Kelvin.«
Mike nickte. »Okay, soweit kann ich Ihnen folgen.«
»Ich habe mich in den letzten Jahren mit der Feinstruktur dieses Nachglimmen des Urknalls befaßt. Diese Mikrowellenstrahlung zeigt nämlich leichte Schwankungen in Temperatur und Intensität, die bislang auf den Einfluß der uns umgebenden Ansammlungen von Galaxien in Verbindung mit einer ‚klumpigen‘ Struktur der Materie nach dem Urknall zurückgeführt wurden. An dieser Erkenntnis bin ich nicht ganz unschuldig.
Als ich am Tag nach dem Telekolleg wieder in mein Büro kam, fand ich in meinen e-Mails Zugangsdaten für eine Datenbank. Sie war Teil eines ehemals militärischen Projektes, das der Suche nach extraterrestrischen Zivilisationen galt und mittlerweile eingestellt wurde. In dieser Datenbank fand ich Karten des Weltalls im Radio- und Mikrowellenbereich mit noch nie dagewesener Auflösung.«
Mike pfiff leise durch die Zähne. »Ich wußte, daß die Jungs bei der NSA mehr als eine Leiche im Keller haben.«
»Das verbuche ich mal als Untertreibung des Monats«, antwortete Walter ironisch. »Ich habe jedenfalls eine Weile gebraucht, um mich in die Daten einzuarbeiten. Die Mengen sind einfach unglaublich und beanspruchen die Festplatten eines mittleren Serverparks. Da ist es nicht ganz einfach, einen Überblick über das Ganze zu erhalten.
Ich will Sie nicht mit den Details langweilen. Jedenfalls habe ich in diesen Highrezz-Daten Muster gefunden, die ich nicht erklären konnte und die weitaus feiner und komplexer sind als das, was Sie je an Graphiken im Scientific American – oder was immer Sie sonst lesen – gesehen haben. Ich bin Physiker. Der mathematische Hintergrund der Auswertung dieser Daten überstieg meinen Horizont deutlich. Ich habe das Problem daher in meiner Arbeitsgruppe präsentiert und um Ideen und Anregungen gebeten.
Nun arbeiten nicht nur Physiker bei mir. Ein guter akademischer Ruf bringt gewisse Vorzüge mit sich. Ich konnte mir meine Mitarbeiter und Doktoranden aus einer Vielzahl von Bewerbern aussuchen und habe immer darauf geachtet, daß die Arbeitsgruppe interdisziplinär aufgebaut ist und ein wenig über den physikalischen Tellerrand hinausblickt.
Nicht alle konnten mit meinem speziellen Problem etwas anfangen. Einer meiner Mitarbeiter aber, ein junger Astroinformatiker namens Martin O‘Connor, bekam große Augen, als ich in der Sitzung einen Auszug der Daten präsentierte. Ich hatte ihn erst kurz vorher nach einem etwas kuriosen Bewerbungsgespräch in meine Arbeitsgruppe aufgenommen.
Seine Kenntnisse waren herausragend. Seine Gedankengänge waren aber sehr sprunghaft, so daß ich Mühe hatte, ihnen zu folgen. Er war sehr engagiert und er brannte für seine Wissenschaft, wirkte aber psychisch nicht gefestigt und tat sich im sozialen Umfeld schwer. Das habe ich um seiner fachlichen Qualitäten wegen in Kauf genommen. Es könnte aber seinen späteren Zusammenbruch erklären.
Wir trafen uns nach der Arbeitsgruppenbesprechung privat in meinem Büro und redeten über die Daten. O’Connor war wie ich skeptisch und meinte, wir müßten zunächst unbedingt ausschließen, daß es sich bei den Mustern um Artefakte handelte, ehe wir an eine Auswertung gehen.
Wir schafften aus Arbeitsgruppenmitteln einige Workstations an, mit deren Hilfe wir die Auswertung der Daten organisieren wollten. Wegen der immensen Datenmenge war das auch mit mehreren schnellen Rechnern kein Kinderspiel. Mit meinen Beziehungen bekam ich zur Auswertung Rechenzeit auf dem Haupt-Rechnerverbund des MIT und die ausgewerteten Daten liefen über das Intranet auf unseren Workstations zusammen.
Es verging Woche um Woche und ich hatte zunächst nicht den Eindruck, daß wir wirklich weiterkämen mit der Auswertung. Schließlich konnten wir aber zumindest mit einiger Sicherheit die üblichen Fehlerquellen in den Meßapparaturen und bei der Datenkompression ausschließen. Wir bekamen sogar noch einmal Meßzeit auf dem Teleskop des Original-Satelliten und konnten die Daten unserer Datenbank auf Konsistenz zu aktuellen Messungen überprüfen.
Im nächsten Schritt sahen wir uns einen Ausschnitt der Karte im Detail an und verglichen ihn mit den bisherigen Daten. Die neuen Bilder waren von beeindruckender Qualität und Schärfe. Wo sich in den alten Daten helle und dunkle Flecken befunden hatten, erschienen jetzt schärfere Formen, die von mehr oder weniger regelmäßigen Linienmustern umgeben waren.
„Es sieht fast aus, wie ein Interferenzmuster“, merkte O’Connor an. „Die Frage ist nur, was da womit interferiert.“
„Womit wir wieder bei der Frage nach Artefakten in den Daten wären“, folgerte ich. „Aber gehen wir spaßeshalber mal davon aus, daß es sich nicht um ein Artefakt handelt. Was für Optionen haben wir dann?“
„Irgendetwas muß sich in unserem Universum befinden, das diese Interferenzen hervorruft. Da wir gerade völlig im Dunklen tappen, könnte das von Gravitationsfeldern bis hin zu exotischen, noch nicht entdeckten Teilchen so ziemlich alles sein.“ meinte O’Connor vorsichtig.
„Wobei wir nicht das gesamte Universum einsehen können“; warf ich ein. Zum einen können wir maximal so viele Lichtjahre weit sehen, wie unser Universum in Jahren existiert. Zum anderen stellt die Mikrowellenstrahlung, die wir hier untersuchen, ja eine Art Ereignishorizont dar zu dem Moment, an dem nach den gängigen Theorien das Universum zum ersten Mal durchsichtig für Strahlung wurde.“
O’Connor sah aus, als hätte ihn gerade der Blitz getroffen. „Ereignishorizont“, sagte er gedehnt. „Ja, genau, ein HORIZONT! Das ist es, auf das wir blicken. Was ist, wenn sich das Interferenzmuster auf diesem Horizont befindet?“
„Jetzt sind wir an dem Punkt, wo wir die Fundamente unserer Wissenschaften hinter uns lassen.“ Ich versuchte spöttisch zu klingen, aber so ganz gelang mir das nicht. O’Connor wirkte wie hypnotisiert und fixierte einen imaginären Punkt im Raum, während er stockend hervorbrachte: „Ich weiß jetzt … wo ich … diese Art … Muster … schon mal … gesehen habe … nämlich auf einer … holographischen Platte!“
Bevor ich unterbrechen konnte, sprach er weiter. Jetzt geordneter und flüssig. „Jetzt weiß ich es. Es sieht genau wie ein Hologramm aus! Natürlich ist es ein Schwarzweißbild. Daher sind die Ringe nicht bunt. Wir haben also einen Horizont, auf dem sich ein holographisches Interferenzmuster befindet. Die Lösung ist doch ganz einfach: Lassen Sie uns das Hologramm entwickeln!“
Ich mußte lachen, denn die Situation war grotesk. Wir taten so, als redeten wir über eine Art ‚photographischer Platte‘, die Milliarden von Lichtjahren weit weg war. Dennoch hatte die Idee etwas Faszinierendes. „Wir haben nichts zu verlieren“, sagte ich schließlich. „O’Connor, Sie sind der Informatiker. Schaffen Sie das?“ „Das sind nur Daten,“ grinste er zurück. „Lediglich die Datei ist ein bißchen groß.“
Er überlegte einen Moment. „Die Daten umzuwandeln ist prinzipiell kein Problem. Es wird ein wenig dauern und evtl. müssen wir zunächst mit einer weniger hoch aufgelösten Version der Daten arbeiten. Nur, was werden wir am Ende sehen, wenn das Hologramm fertig ist?“
„Im einfachsten Falle sehen wir das Artefakt, das die Messungen verfälscht hat. So etwas wie eine Spinne vor dem Fernrohr vielleicht. Naja, etwas komplizierter wird es wohl sein.“ setzte ich hinzu. „Zumindest haben wir dann einen Ansatz, um unsere Daten neu zu überarbeiten.“
„Und wenn es kein Artefakt gibt? Wenn die Daten stimmen?“
„Dann werden wir etwas erblicken, das noch kein Mensch vor uns gesehen hat und ich habe keine Ahnung, was das sein könnte.“ antwortete ich. „Es könnte ein Blick in die Frühzeit unseres Universums sein oder etwas völlig anderes. Vielleicht entzieht es sich auch unserem Verständnis.“
O‘Connor ging gleich am nächsten Tag an die Arbeit. Er ging mit einer unglaublichen Konzentration zu Werke und vertiefte sich so in seine Welt von Formeln und Axiomen, daß er für Außenstehende kaum noch ansprechbar war. Selbst ich bekam mit der Zeit Probleme, seinen Gedankensprüngen zu folgen, wenn er mir Bericht erstattete.
Mit zunehmendem Fortschritt seiner Auswertungen wurde er schweigsamer und wirkte, als würde ihn etwas bedrücken. Meinen Fragen wich er von da an aus und sagte, die Daten ergäben noch kein klares Bild und er wolle sich vor mir nicht zum Affen machen. „Sie wissen, daß Sie mit dieser Arbeitsweise nicht in einem Team arbeiten können?“ fragte ich ihn einmal, als seine Aussagen wieder einmal besonders vage waren. „Ich bin Ihr Forschungsleiter und muß wissen, was in Ihrem Kopf vor sich geht. Ob Sie der Aufgabe gewachsen sind! Brauchen Sie Leute, die Ihnen Arbeit abnehmen?“
„Nein, das ist es nicht,“ antwortete O’Connor. „Es ist nur so, daß die Berechnungen länger dauern, als ich geplant habe und daß die Zwischenergebnisse keine Projektion auf das Endergebnis erlauben. Es sind irgendwie nur Ausschnittsvergrößerungen aus einem riesigen Gemälde. Sie sagen für sich wenig aus. Es ist etwa so, als betrachte man ein kleines Stück Haut aus Picassos ‚Guernica‘.
Diese Daten sind das umfangreichste, das ich je bearbeitet habe. Ich empfinde es als sehr frustrierend, daß wir Woche über Woche an Rechenzeit verbrauchen und noch immer keine Vorstellung davon haben, wie unser Ergebnis aussehen wird. Am Ende sitzen wir vielleicht da und haben nichts, weil ich mich in meinen Planungen irgendwo verrechnet habe und müssen dann von vorne anfangen. Ich habe Probleme damit, diese Unsicherheit auszuhalten.“
O’Connor sah mich dabei mit einem so gequälten Blick an, daß ich spontan Mitleid mit ihm hatte. „Okay, O’Connor, mit diesem Risiko werden Sie leben müssen,“ antwortete ich ihm nach einigem Nachdenken. „Das muß ich auch. Es mag sich in manchen Hochglanzfachzeitschriften anders lesen, aber die Wahrheit ist, daß die wirklich großen Entdeckungen immer auf der Basis von Fehlschlägen gemacht wurden.“
Mit diesem Gemeinplatz gab er sich zufrieden. Er besserte allerdings seine Stimmung nicht.«
»Die Idee mit dem Hologramm finde ich sehr spannend,« merkte Mike an. »Was haben die Daten denn nun ergeben? Irgendwie habe ich auch das Gefühl, daß der junge Mann seiner Aufgabe nicht ganz gewachsen ist.«
»Oh, er war der Aufgabe sehr wohl gewachsen – zumindest fachlich! Unglücklicherweise hat keiner von uns ernsthaft mit einem Ergebnis gerechnet, das unser Weltbild auf den Kopf stellen könnte. Nur das hat er letztlich nicht verkraftet. Er hat anschließend versucht, das mit sich selber auszumachen und zog sich völlig aus der Arbeitsgruppe zurück. Aber mit den Dämonen, die wir gesehen haben, kann man nicht kämpfen.«
»Jetzt spannen Sie mich aber auf die Folter.« Mike wirkte ungeduldig. »Was zur Hölle haben Sie denn nun gefunden?«
»Nur Geduld, junger Freund,« antwortete Walter. »Sie müssen auch den Weg verstehen, den wir genommen haben. Wenn ich Ihnen einfach das Ergebnis zeige, werden Sie es nicht wahrhaben wollen. Sie müssen wissen, wie wir dorthin gekommen sind!«
Mike wirkte sichtbar unbefriedigt und eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn. Er sah für einen Moment so aus, als wollte er widersprechen. Dann breitete sich aber Müdigkeit in seinem Gesicht aus und er entspannte sich. Die Ringe um seine Augen traten durch das Licht der jetzt tiefer stehenden Sonne deutlich hervor. »Das war respektlos. Ich bitte Sie um Entschuldigung. Bitte erzählen Sie weiter, so wie Sie es für richtig halten. Ich bin hier nicht die Hauptperson.«
Walter lächelte in sich hinein und fuhr fort. »O’Connor ging wieder an die Arbeit. Es dauerte noch einige weitere Wochen. Dann meinte er, er hätte jetzt etwas zusammengestellt, das wir uns ansehen sollten. Er bat mich, unseren 3D-Raum benutzen zu dürfen. Das ist ein umgebauter, kreisrunder Hörsaal, der an den Wänden rundherum mit Led Projektionswänden bestückt ist. Dort kann man Simulationen laufen lassen und steht sozusagen im Zentrum des Geschehens. Das war für uns die einzige Möglichkeit, die Ergebnisse in ihrer Gesamtheit zu betrachten.
O‘Connor schloß unsere Workstations an das Projektionssystem an und war den nächsten Tag damit beschäftigt, ein Interface zu programmieren, das die nötigen Datenmengen aus den Workstations verarbeiten und auf die Bildschirme leiten würde. Ich machte mir bereits Sorgen, daß wir den Raum wieder abgeben müßten, ohne etwas zu sehen zu bekommen, aber schließlich war er mit seiner Arbeit zufrieden.
Er bat mich in das Innere des 3D-Raums. Er stand an einem kleinen Tisch in der Mitte der Kuppel und hantierte an einer Workstation, die unter dem Tisch plaziert war. Der Raum war abgedunkelt. Nur auf dem Tisch glomm ein schwaches Licht. Gerade stark genug, daß wir unsere Gesichter sehen konnten. O‘Connor räusperte sich und begann mit seinem Vortrag:
„Ich bin sehr stolz darauf, an diesem Projekt mitarbeiten zu dürfen. Ich hätte nie gedacht, einmal Zugang zu solchen Daten zu bekommen. Mir ist allerdings nicht mehr ganz wohl bei der Sache. Seit einigen Tagen weiß ich, daß wir ein Ergebnis haben. Man erkennt allerdings auf einem Monitor nicht wirklich viel, weil die zugrundeliegenden Daten dreidimensional sind.
Alles sieht aber irgendwie verstörend aus und ich habe ein wenig Angst davor, daß es in dieser Projektion vielleicht genauso wirkt. Die Qualität der Rohdaten ist im Übrigen herausragend. Ich wußte nicht, daß es bereits Satelliten gibt, die Bilder mit solch hoher Auflösung liefern. Sie ist 100-1.000-fach höher als alles, das ich kenne.“
„Verstörend würde ich nicht als wissenschaftlichen Terminus bezeichnen,“ warf ich ein.
„Ich weiß. Vielleicht fällt uns ein besserer Terminus ein, wenn wir die Gesamtheit der Daten gesehen haben. Nun aber zu den Ergebnissen.“ Er tippte einige Anschläge auf seiner Workstation. An den Wänden glommen helle und dunkle Flecken vor einem grauen Hintergrund. „Dies ist ein Graustufenbild des kosmischen Mikrowellenhintergrundes, wie er sich bis heute darstellt. Vielleicht sehen Sie die Daten aber zum ersten Mal in drei Dimensionen mit sich selbst im Zentrum.“
Ich sah mich in der Simulation um und mit etwas Gewöhnungszeit konnte ich tatsächlich die Strukturen wiedererkennen, die ich aus zweidimensionalen Abbildungen in einschlägigen Fachzeitschriften gewöhnt war.
„Wenn Sie wollen, kann ich es Ihnen auch bunt machen. Das ändert aber den Inhalt nicht.“ Die Ironie war gespielt, denn ich merkte, daß seine Stimme zitterte. Er tippte weiter und die Wände veränderten sich. Die Konturen wurden schärfer und feiner aufgelöst. Es erschienen die (vielleicht holographischen) Linienmuster, die wir aus dem Datenauszug kannten. Wie sich zeigte, bedeckten sie das gesamte Bild. Ich war fasziniert und sah mich einige Minuten im Raum um. Auch wenn ich nahe an die Wände ging, blieb das Bild scharf. „Die Daten sind wirklich sehr, sehr gut“, sagte ich schließlich.
„Ich schalte gleich um in das, was ich aus den Daten berechnet habe. Wir sind auf jeden Fall auf der richtigen Spur. Sehen Sie es sich selbst an. Wir müssen uns jetzt ein Urteil bilden, um was es sich handelt. Ich bitte Sie nur, sich vorher zu setzen. Wie gesagt empfinde ich das, was ich vorab gesehen habe, als sehr beunruhigend.“
Ich folgte wortlos seiner Bitte. Er tippte wieder auf der Tastatur und das Schwarzweißbild auf den Wänden veränderte sich erneut. Die Wände schienen zu verschwinden und machten einem Panorama Platz. Was wir dort sahen, wirkte für menschliche Augen beängstigend fremd und auf schwer erfaßbare Weise verzerrt. Es war, als stünden wir in einer Art Dschungel, nur daß die ‚Pflanzen‘ unbeschreiblich waren. Irgendwie war alles verdreht und schien einer uns unbekannten Geometrie zu folgen. Das Panorama war so albtraumhaft fremd, daß ich kurz vor einer Panikattacke stand.
Ich habe noch nie in meinem Leben etwas Derartiges gesehen. Jedes kleine Detail war in sich auf bösartig wirkende Weise verdreht und entzog sich einer genauen Beschreibung. Sobald man glaubte, ein vertrautes Detail zu erkennen, zerfloß es wieder zu etwas Anderem. Es gab keinen Punkt, an dem das Auge sich hätte festhalten und ausruhen können. Letztlich ist meine Beschreibung deswegen auch müßig. Ich bin mir nicht mal sicher, ob O‘Connor das gleiche gesehen hat wie ich.« endete Walter seinen Bericht.
Die Sonne war in der Zwischenzeit ein Stück in Richtung Horizont gewandert. Die Bäume der weitläufigen Parkanlage schimmerten golden und die Strahlen der Sonne griffen wie gelbe Finger zwischen ihnen hindurch. Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und brachte Mike zum Frösteln.
»Das klingt furchtbar, aber was haben Sie denn da gesehen?«
»Etwas Schreckliches. Etwas außerhalb unseres Universums.«
»Wie kann das sein, wenn das Universum unendlich ist?«
»Ist es das wirklich? Das behauptet nicht mal die Urknalltheorie.« Walter fuhr fort: » Am einfachsten stellen Sie sich vielleicht vor, daß sämtliche Monstrositäten aus allen Gemälden von Dali gleichzeitig lebendig geworden sind. Das trifft es ein wenig.
Wir standen beide eine Weile wie versteinert in diesem unirdischen Panorama. O’Connor zitterte wie ich am ganzen Körper und schien kurz vor einem Zusammenbruch zu stehen. Erst als ich ihn anschrie und rüttelte reagierte er und schaltete die Projektoren ab. Wir saßen danach noch stundenlang in diesem Raum, beide wie ein Häufchen Elend, und suchten nach Wegen, uns dieses Bild irgendwie logisch zu erklären. Am Ende akzeptierten wir es als Realität.«
»Was für eine Realität zum Henker?« polterte es aus Mike Peters heraus. »Was bedeutet das? Hat sich da nicht jemand einfach einen schlechten Scherz erlaubt?«
»Wir haben die Daten mehrfach durchgerechnet. Mit anderen Programmen. Ich habe auch andere Kollegen hinzugezogen, die ähnlich verstört auf die Ergebnisse reagiert haben wie wir, aber keinen Fehler in der Auswertung finden konnten. Das Ergebnis war immer das gleiche: Bei dem Interferenzmuster auf dem Ereignishorizont handelt es sich zweifellos um ein Panorama. Und da es nicht von innerhalb unseres Universums kommen kann, muß es sich außerhalb befinden.
Sie haben sicher bereits von einer der zahlreichen Multiversumstheorien gehört. Ich persönlich glaube, wir haben den dreidimensionalen Aspekt von etwas vier- oder höherdimensionalem gesehen, von dem unser Universum nur ein verschwindend kleiner Teil ist.
O’Connor hat das ganze schlechter verkraftet als ich. Er war ja von Anfang an nicht in einer stabilen Verfassung und sein Zustand verschlechterte sich danach von Tag zu Tag. Einige Wochen später hat er sich … aber das wissen Sie ja schon. Ich habe überlegt, ob ich mit den Ergebnissen an die Öffentlichkeit gehe. Ich hab’s gelassen.
Was meine Kollegen mit ihrem neu gewonnenen Wissen gemacht haben, weiß ich nicht. Veröffentlichen können sie es nicht, ohne als Wahnsinnige dazustehen. Vielleicht machen sie es ähnlich wie ich. Mein komplettes Fachgebiet hat sich binnen einer kurzen Präsentation in Rauch aufgelöst. Oder in Interferenzen, wenn Sie wollen. Meine wissenschaftliche Arbeit ist beendet und ich bin zu alt, um mir ein neues Betätigungsfeld zu suchen.
Jetzt wissen Sie alles, Herr Peters. Entscheiden Sie selbst, ob Sie damit an die Öffentlichkeit gehen wollen. So ganz ohne Beweise dürften Sie aber Schwierigkeiten haben, ernstgenommen zu werden. Selbst wenn es Leute gibt, die Ihnen glauben würden, gäbe es letztlich nur eine weitere, neue Verschwörungstheorie auf dem Niveau eines Chemtrails. Wollen Sie das?
Und jetzt möchte ich mich ein wenig ausruhen. Sie glauben doch nicht, daß ich nach dem, was ich gesehen habe, noch eine Nacht ruhig schlafen konnte. Sehen Sie zu, was Sie mit Ihrem Wissen anfangen jetzt, wo Sie es haben.«
»Was haben Sie mit den Daten gemacht?« fragte Mike.
»Mit den Originaldaten mußte ich nichts machen. Sie sind bei der NSA sicher und auf Grund ihrer Größe gegen Kopieren geschützt. Die komprimierte Zusammenfassung des Panoramas auf unseren Workstations ist verschlüsselt und nur eine unauffällige Datei unter vielen. Ich habe ein paar Kopien gemacht für alle Fälle. Falls ich meine Meinung ändere, auch wenn ich mir das nicht vorstellen kann. Ich will diese Bilder nie wieder sehen. Es reicht mir, daß sie mich in meine Träume verfolgen.«
Mike horchte auf: »Meinen Sie, daß ich die Daten mal sehen dürfte – jetzt, wo Sie mir die ganze Geschichte erzählt haben?«
»Sie würden es den Rest ihres Lebens bereuen. Auch das verkleinerte Archiv liefert immer noch ein Panorama, das Ihnen in wenigen Sekunden die Gehirnwindungen verknotet. Ich empfehle Ihnen dringend, mir das einfach zu glauben und die Geschichte zu den Akten zu legen.«
»Ich bin nicht hier, um mich vor den Konsequenzen meiner Handlungen zu drücken,« antwortete Mike. »Ich MUSS das sehen. Falls Sie mich lassen. Ich bitte Sie sehr herzlich, mir das zu gestatten. Sie wollen ja nichts mehr damit anfangen und ich finde vielleicht einen Weg, diese Ergebnisse einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen.«
»Sie riskieren Ihre Gesundheit und vielleicht sogar Ihr Leben. Es gibt genügend Leute, die dafür töten werden, um diese Daten unter Verschluß zu halten. Ganz abgesehen von der Frage, ob die Menschheit für solch eine Art Wahrheit bereit ist.«
Mike sah Walter mit einem schwer beschreibbaren Blick an. »Sie können doch nicht von mir erwarten, daß ich jetzt alles auf sich beruhen lasse und wieder meiner Wege gehe?! Kommen Sie, geben Sie mir etwas. Irgendetwas. BITTE!«
Walter sah eine Verzweiflung in Mikes Augen, die ihn für einen Moment an O’Connor erinnerte. Schuldgefühle brodelten in ihm hoch. »Sie haben sicher einen Notizblock und einen Stift,« fragte er. Mike zog einen kleinen Block und einen Bleistift aus der Innentasche seiner Jacke und reichte ihm beides wortlos. Walter schrieb mit zittrigen Fingern einige Zeilen auf das Papier und reichte es Mike zurück.
»Das ist ein komprimierter Link auf ein Backup des Panoramas. Die Zugangsdaten stehen darunter. Benutzen Sie eine VR Brille. Dann sehen Sie in etwa das, was wir gesehen haben. Aber seien Sie vorsichtig. Ein Mensch mußte deswegen sterben. Sorgen Sie bitte dafür, daß es nicht noch mehr werden!«
Die Sonne war mittlerweile untergegangen. Es wurde kühl im Park. Mike Peters bedankte sich und verabschiedete sich höflich. Ihm fröstelte und er entfernte sich leise von Walters Liegestuhl. »Ach und noch eines,« rief ihm Walter hinterher. »Kommen Sie bitte nicht wieder!«
Den Anlaß dazu, dieses hier aufzuschreiben, gab mir ein Traum, den ich eines Nachts träumte. Ich werde diesen im Großen und Ganzen ein bißchen ausschmücken, aber die Grundidee wird doch mein Traum bleiben. Die Namen sind frei erfunden. Auch will ich als Zeitpunkt des Geschehens das vorige Jahrhundert wählen, denn heute könnte es wohl kaum so sein, wie ich es erzählen will. Meinen Lesern überlasse ich es nun selbst, herauszufinden, wie weit der Traum und wie weit die Dichtung gehen. Anna Wagner (1947)
Rundherum von dichtem Wald umgeben lag es da, das alte Eschlinger Gutshaus. In der ganzen Umgebung hieß es aber eigentlich ‘Die Burg’. Mit seinen dicken Mauern und dem großen, runden Turm, der sich an die eine Seite des Hauses anschloß, sah es wirklich aus wie eine kleine Festung.
Wer das Haus und seine Bewohner aus der Zeit vor ungefähr vier Jahren in Erinnerung hat, würde sie jetzt wohl kaum wiedererkennen. Damals hieß der Besitzer dieses Gutes noch Anton Eschlinger. Jeder kannte ihn als offenen, lebenslustigen und immer freundlichen Mann. Zusammen mit seiner Frau Martha führte er das Gut seit vielen Jahren. Aus ihrer Liebe war eine Tochter entsprungen, Ines, die im Laufe der Jahre zu einer schönen Frau heranreifte.
Doch das war lange vorbei. Schlimme Dinge waren zwischenzeitlich geschehen. Anton Eschlinger lebte nicht mehr und ihre Tochter hatte im Streit das Haus verlassen. Jetzt lebte Frau Martha Eschlinger allein und ganz zurückgezogen. Die Felder und Wiesen des Anwesens hatte sie den umliegenden Gütern in Pacht gegeben. Von ihrer Dienerschaft blieb nur die alte Bertha, die nun schon über 20 Jahre für das Gut arbeitete. Die großen Scheunen und Stallgebäude hinter dem Herrenhaus standen leer.
An einem schönen Herbstabend – draußen war es schon ziemlich dunkel – sagte Frau Martha:
»Bertha, sieh doch einmal nach, ob jemand draußen ist. Mir war eben, als ob es geklopft hätte.«
»Wer soll jetzt schon zu uns kommen, gnädige Frau«, meinte Bertha, die es schon gewohnt war, öfter nach draußen geschickt zu werden, obgleich niemals jemand da war. Auch, wenn sie die Frage vermutlich verneinen würde: Martha Eschlinger rechnete immer noch im Stillen damit, daß ihre Tochter Iris eines Tages zurückkommen würde.
Nun ging Bertha auch heute, um nach draußen zu sehen. Gerade wollte sie die Türe wieder schließen und mit einem »Niemand da, gnä’Frau« in die Stube zurückkehren, als sie ein ganz leises Wimmern hörte.
»Ist da jemand?«, fragte sie, doch niemand antwortete. So ging sie ins Haus zurück, um eine Laterne zu holen. Frau Martha, der es zu lange dauerte, bis Bertha zurückkam, ging schließlich selbst zur Tür, um zu sehen, wo sie bliebe. Jetzt kam auch Bertha mit einer Laterne zurück.
»Mir war, als ob draußen jemand weinte, gnä’Frau. Ich wollte gerade noch einmal nachsehen.«
»Iris!«, schrie Frau Martha, riß Bertha die Laterne aus der Hand und rannte hinaus. Die Alte schüttelte nur den Kopf und ging ihr langsam nach.
Einige Meter neben der Türe kniete Frau Martha bei einer scheinbar leblosen Gestalt.
»Bertha, hilf mir bitte. Ich schaffe das nicht allein.«
»Sehr wohl, gnä’Frau!«
Jede griff unter einen Arm. Gemeinsam zogen sie sie hoch, schleiften sie anschließend ins Haus und legten sie in der Wohnstube auf das Sofa.
Drinnen mußten sie dann aber erkennen, daß es sich nicht um Iris handelte. Vor ihnen lag ein fremdes Mädchen. Sie war schlank, besaß ein schmales, blasses Gesicht und blondes Haar. Die Augen hielt sie geschlossen und schien nur ohnmächtig zu sein, denn eine Verletzung sah man nicht an ihr. Bertha holte Wasser, und nachdem sie sie auf das Sofa gebettet hatten, legten sie ihr ein nasses Tuch auf die Stirn.
Das alte Hausmittel wirkte schnell. Das Mädchen schlug die Augen auf und sah sich verwundert um.
»Wo bin ich?«
»Sie befinden sich auf dem Eschlingerhof«, antwortete Frau Martha. »Wir haben Sie soeben vor unserer Türe gefunden.«
»Kann ich… bitte etwas Wasser bekommen? Ich habe schrecklichen Durst.«
Bertha holte ein weiteres Glas Wasser. Die Fremde trank einige Schlucke und gab ihr dann das Glas zurück.
»Das tat gut. Vielen, herzlichen Dank.«
»Fühlen Sie sich jetzt etwas besser?«, fragte Frau Martha. »Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, lasse ich Ihre Angehörigen benachrichtigen.«
»Bitte tun Sie das nicht!« Verstört sah das Mädchen sich im Zimmer um. Dann fügte sie leise hinzu: »Ich… ich kann nämlich nicht mehr zurück.«
»Wenn Sie wollen, können Sie übernacht bei uns bleiben, Fräulein…?«
»Geßler, Erna Geßler ist mein Name.«
»Gut«, sagte Frau Martha Eschlinger. Sie erkannte, daß das Mädchen viel zu müde und verängstigt war, um jetzt noch eine Unterhaltung zu führen. »Dann schlafen Sie heute nacht bei uns. Morgen früh sieht die Welt schon ganz anders aus.«
Das Mädchen wirkte nicht überzeugt. Sie ließ sich aber von ihrer Gastgeberin in eine Kammer führen, in der früher eines der Dienstmädchen gewohnt hatte. Bertha bezog das Bett, schlug es auf und Frau Martha sagte:
»Hier können Sie heute nacht schlafen, Fräulein Geßler. Morgen frühstücken wir zusammen und besprechen, was zu tun ist.«
Sie verließen die Kammer und Bertha schloß die Tür.
»Es ist schon spät und morgen könnte es viel zu tun geben, Bertha. Gehen Sie schon zu Bett. Ich werde noch ein wenig in der Stube sitzen.«
Bertha ging, nachdem sie einen Kerzenleuchter in der Stube angezündet hatte. Frau Martha saß noch eine ganze Weile in ihrem Sessel und ließ die letzten Stunden Revue passieren. Wer sie wohl sein mag? dachte sie bei sich. Meine Ines ist mitten in der Nacht von hier verschwunden und jetzt schickt mir das Schicksal dieses arme Mädchen ins Haus. Ob das wohl etwas zu bedeuten hat? Den Namen Geßler kenne ich nicht. Falls Ihre Eltern ein Gut besitzen, muß es weit weg liegen.
Doch sie fand auf ihre Fragen keine Antwort. Sie nahm sich den Kerzenleuchter und begab sich selbst zur Ruhe. Am nächsten Morgen erwachte sie zeitiger als sonst. Unruhige Träume, in denen Ihre Tochter um Hilfe rief und sie sie nicht erreichen konnte, weil ihre Füße wie in Treibsand zu stecken schienen, ließen sie mehrfach schweißgebadet hochschrecken. Beim Anziehen erinnerte sie sich wieder an die Ereignisse des gestrigen Abends. Sie hatte einen Gast im Hause, die ihre Hilfe brauchte und um die sie sich kümmern würde. Bei Ines hatte sie versagt, aber Fräulein Geßler konnte auf ihre Hilfe zählen.
Sie öffnete leise die Türe der Kammer, in der sie die Fremde untergebracht hatten, um zu sehen, wie es ihr ging. Das Mädchen schlief noch fest. Vorsichtig schloß sie die Türe wieder, um sie nicht zu stören. Als sie in die Küche kam, hatte Bertha schon Feuer gemacht und setzte soeben das Kaffeewasser auf.
Sie wünschte ihr einen Guten Morgen, was Bertha mit einem »Sie hätten doch noch im Bett bleiben sollen, gnädige Frau!« beantwortete.
»Ach Bertha, ich konnte nicht mehr schlafen und außerdem vergißt Du wohl, daß wir einen Gast haben.«
Darauf ging sie ins Wohnzimmer, um den Frühstückstisch zu decken. Sie war noch nicht ganz fertig, als die Türe aufging und das fremde Mädchen auf der Schwelle stand. Sie sah aus als hätte sie sich über längere Zeit zu wenig in der Sonne bewegt und auf ihrer Stirn befanden sich tiefe Falten, die jüngeren Datums zu sein schienen. Nach einem leisen »Guten Morgen« kam sie langsam auf Frau Martha zu und sagte:
»Ich möchte Ihnen danken, daß Sie mich in Ihr Haus aufgenommen haben, ohne mich zu kennen. Sie haben ein gutes Herz!«
»Ach was«, wehrte Frau Martha ab. »Das ist das Mindeste, was ich tun konnte.«
»Ich werde Ihre Güte nicht vergessen. Ich komme nun aber wieder allein zurecht und werde Ihre Gastfreundschaft nicht länger in Anspruch nehmen müssen.«
»Erst werden sie noch Kaffee mit mir trinken. Lassen Sie uns ein wenig plaudern. Ich habe so selten Gäste hier und freue mich über Ihren Besuch. Vielleicht mögen Sie mir ja auch Ihre Geschichte erzählen.«
Das Mädchen warf ihr einen dankbaren Blick zu, nahm auf dem angebotenen Stuhl Platz und ließ sich von Frau Martha einen Kaffee einschenken, den Bertha eben gebracht hatte.
Während des Frühstücks redeten sie nicht. Die Fremde aß nur wenig und trank eine Tasse Kaffee dazu. Schließlich trug Bertha das Geschirr wieder in die Küche. Frau Martha setzte sich näher an das Mädchen heran und lächelte freundlich.
»So, und nun erzählen Sie mir doch bitte, was Ihnen fehlt und dann wollen wir sehen, wie Ihnen zu helfen ist.«
Das Mädchen nickte stumm und in ihre Augen trat wieder der gequälte Ausdruck des vergangenen Abends. Frau Martha saß geduldig da.
»Lassen Sie sich ruhig Zeit. Wir haben schließlich Sonntag und ich habe heute nichts weiteres vor.«
»Sie sind sehr freundlich, Frau…?«
»Ich heiße Martha Eschlinger und bin hier die Gutsherrin.«
»Ich habe Ihren Namen noch nie gehört. Ich muß sehr weit gelaufen sein.«
»Von wo kommen Sie denn her?«
»Meine Eltern wohnen in Gernrode, einer kleinen Stadt am Rande des Harzes. Von dort bin ich auch gekommen.«
»Das erklärt, warum auch ich Ihren Namen nicht kenne. Wir hatten früher nur Kontakt zu den umliegenden Gütern.«
»Oh, so hochstehend bin ich nicht. Mein Vater ist nur Lehrer am dortigen Gymnasium.«
»Das ist ein ehrenwerter Beruf. Sie müssen sich dafür nicht schämen. Was ist Ihnen denn nun geschehen, daß Sie so verzweifelt sind.«
Erna Geßler blickte eine kurze Weile in ihren Schoß, als suchte sie dort etwas. Dann – nach einigen tiefen Atemzügen – hob sie den Blick und begann zu erzählen:
»Ich habe keine Geschwister und vermutlich hatten sich meine Eltern große Hoffnungen für meine Zukunft gemacht. Bis – ja bis – ich eines Tages den Mann kennenlernte, der mein Schicksal wurde.
Es geschah auf einer kleinen Feier, die ich mit meinen Eltern besuchte. Er war als Freund des Sohnes unserer Gastgeber gleichfalls dazu eingeladen worden. Vom ersten Augenblick, als ich ihn sah, wußte ich, daß mich alles zu ihm hinzog. Wenn er mich mit seinen dunklen, traurigen Augen ansah, überkam mich ein nie gekanntes Gefühl. Als ich dann am nächsten Abend in meinem Zimmer allein war, erkannte ich, daß ich mich in ihn verliebt hatte.
Ich verstand bis dahin noch nicht, was Liebe ist, doch jetzt hatte sie mich mit einer so ungeahnten Macht ergriffen, daß ich ihr erliegen mußte. Ich sah Rolf Gahlern dann öfters.«
Frau Martha zuckte bei der Erwähnung des Namens kurz zusammen, faßte sich aber sofort wieder und lauschte konzentriert Erna Geßlers Erzählung.
»Durch meine Freundin, welche die Schwester von Rolfs Freund war, kam ich fast jeden Tag mit ihm zusammen. Wir gingen des Abends regelmäßig zu viert in den Anlagen der Stadt spazieren und redeten über Gott und die Welt. Ich bemerkte, daß Rolf Gahlern mich wohl zur Kenntnis nahm und wenn ich etwas sagte, so ging er darauf ein und gab mir das Gefühl, daß das, was ich sagte, etwas Wichtiges sei.
Als ich eines Tages wieder zu unserem verabredeten Treffpunkt kam, geschah es, daß ich nur ihn allein antraf. Als wir uns begrüßt hatten, erklärte er mir, daß meine Freundin und sein Freund verhindert seien, zu kommen, und er auf mich gewartet habe, um mir Bescheid zu sagen. Als ich mich verabschieden wollte, um wieder heimzugehen, bat er mich: ›Bitte Fräulein Erna, bleiben Sie doch noch ein Weilchen. Es würde mich freuen, wenn wir uns auch einmal allein unterhalten könnten.‹
Nur zu gern blieb ich bei ihm, obwohl ich mich eines beklemmenden Gefühls nicht erwehren konnte, denn er hatte manchmal einen so traurigen Blick an sich, daß es mir durch Mark und Bein fuhr. Wir gingen noch ein Stück in den Park hinein und als wir zu einer Bank kamen, setzten wir uns. Bis jetzt hatten wir nur über belanglose Sachen geredet, doch als er meinen fragenden Blick sah, sagte er:
›Ja, und nun wollen Sie sicher wissen, was ich Ihnen zu sagen habe.‹
Ich weiß heute selbst nicht mehr, wie es gekommen ist. Wie Feuer glühte es in mir als er mich sagte, daß er mich auch liebe. Als er mich dann küßte, lag ich willenlos in seinen Armen und ich habe wohl seine Küsse auch erwidert. Schließlich fragte er mich, ob ich mit zu ihm kommen wolle.
Diesen milden, warmen Sommerabend werde ich nie vergessen. Rings um uns hörten wir niemanden mehr. Mittlerweile war es schon ein bißchen dämmrig geworden und die meisten Leute waren bereits heimgegangen. Ein feiner Duft lag in der Luft und der Wind spielte leise mit den Blättern der Bäume. Unter diesem Einfluß mag ich gestanden haben, als ich ja sagte. Hand in Hand gingen wir zu ihm. Mir fiel auf, daß er sich mehrmals umsah, ob uns auch niemand folgte. Als wir dann nebeneinander auf dem Sofa saßen und er mich weiter küßte, so zärtlich und innig und gleichzeitig fordernd, da muß mein Verstand ausgesetzt haben und ich wollte nur noch ihn.
Er führte mich in sein Schlafzimmer und ich folgte ihm wie willenlos. Wir liebten uns, als gäbe es kein Morgen. Ich hatte noch niemals erlebt, daß ein Mann so zärtlich sein kann und werde es wohl auch nie wieder. Er sorgte dafür, daß ich wie auf Wolken schwebte, bis es dann schließlich vorbei war.«
»Das muß Ihnen viel bedeutet haben«, sagte Frau Martha mitfühlend, »aber was ist denn aus dem Ruder gelaufen, daß Sie heute so unglücklich vor mir sitzen?«
»Wissen Sie, an diesem Abend fühlte ich zum ersten Mal, was Glück bedeutet. Wie eine Traumwandlerin ging ich anschließend an seiner Seite nach Hause. Als er sich dann vor unserer Türe von mir verabschiedete, bat er mich, doch meinen Eltern nichts von unserer Liebe zu erzählen. Obwohl ich mir nicht recht erklären konnte, warum, versprach ich es ihm trotzdem. Wir küßten uns noch einmal und dann lief ich ins Haus.
Eigentlich hätte ich nun glücklich sein müssen, da ich nun wußte, daß der Mann, dem mein Herz gehörte, mich auch liebte. Aber ich glaube, ich habe schon damals eine Ahnung gehabt, daß es nicht gut ausgehen würde. Ich schlich mich leise in mein Zimmer, damit mich niemand hören sollte, denn ich konnte meinen Eltern so nicht unter die Augen treten. Sie hätten mich sicherlich wegen meines langen Ausbleibens gefragt und ich hätte ihnen nicht antworten können. Als dann meine Mutter später noch einmal in mein Zimmer kam, stellte ich mich schlafend. Es war das erste Mal, daß ich schlafen gegangen bin, ohne vorher Gute Nacht gesagt zu haben.
Rolf und ich trafen uns noch einige Male privat und diese Tage gehörten zu den schönsten meines Lebens. Nach einer Woche verschwand er dann aber plötzlich und es hieß, er sei abgereist. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Einige Tage danach bekam ich einen Brief von ihm, in dem er mir mitteilte, daß ihn ein Telegramm schon in aller Frühe zu seiner Mutter gerufen habe, die ganz plötzlich schwer erkrankt sei. Im übrigen danke er mir für die wundervollen Tage, die ich ihm geschenkt habe. Ich solle ihm verzeihen, wenn er mir mit seiner Abreise wehgetan habe, aber es sei für uns beide so am besten gewesen, denn niemals hätte er sein ruheloses Leben an mein Leben binden können.
Ich kann es Dir nicht schreiben, hieß es unter anderem in seinem Brief, was es ist, das mich bis an mein Lebensende verfolgen wird. Es ist etwas Furchtbares geschehen, über das ich mit niemandem reden kann. Deswegen kann ich niemals wieder mit jemandem dauerhaft glücklich werden. Du hast mich das für eine kleine Weile vergessen lassen. Dafür danke ich Dir von Herzen. Ich hoffe, daß ich mit meinem unbedachten Handeln nicht auch noch Dein Leben zerstört habe. Ich bin nur meinem Herzen gefolgt und habe die Konsequenzen nicht bedacht. Bitte verzeih mir! Dein Rolf.
Man muß es mir wohl angesehen haben, was ich neuerlich durchmachte, denn meine Eltern waren plötzlich sehr besorgt um mich. Ich konnte es ihnen damals auch nicht erklären. Sie haben mich dankenswerterweise nicht bedrängt, weil sie wohl die Zusammenhänge ahnten. Auch ihnen war Rolfs plötzliche Abreise nicht verborgen geblieben. Erst als mir klar wurde, daß ich ein Kind bekommen würde, habe ich es ihnen gesagt.
Kein Wort des Vorwurfs hatten meine Eltern für mich, aber auch kein Wort des Verstehens. Die acht Tage, die ich dann noch in ihrem Hause war, sind mir zur großen Qual geworden. Ich wurde wortlos geduldet, aber nicht mehr beachtet. Deshalb wollte ich die Konsequenzen ziehen für die Scham, die ich ihnen bereitet habe. Vorletzte Nacht habe ich mich heimlich aus meinem Zuhause entfernt, um meinem verfehlten Leben ein Ende zu setzen. Doch als ich dann vor dem Wasser stand, dessen kühle Tiefe mich aufnehmen sollte, und es im Mondschein so schön glitzerte, war es mir, als ob eine leise Stimme mir zuraunte:
Willst Du der einen Sünde noch eine zweite hinzufügen?
Dann dachte ich an das junge Leben, das in mir zum Licht drängte, und da habe ich den Entschluß gefaßt, für sein Leben zu kämpfen. Ich bin die ganze Nacht gelaufen und den ganzen Tag auch noch, bis ich dann abends hier kraftlos zusammenbrach.«
Frau Martha ergriff Erna Geßlers Hand und nahm sie zwischen ihre, sagte aber kein Wort und wartete ab.
»Jetzt kennen Sie meine Geschichte. Danke, daß Sie mir zuhören und danke für alles, das Sie für mich getan haben. Sie verstehen jetzt aber sicher, warum ich gehen mußte, und warum ich auch hier nicht bleiben kann. Nach dem, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, werden Sie bestimmt auch nichts mehr mit mir zu tun haben wollen.«
Während Erna gesprochen hatte, hatte sie nicht auf Frau Martha geachtet, sondern wieder vor sich nieder auf ihren Schoß geblickt. Darum bemerkte sie die Änderung in Frau Marthas Verhalten nicht. Als sie sie jetzt ansah, fiel ihr aber die Veränderung in ihrem Gesichtsausdruck auf und sie fragte:
»Ist Ihnen nicht gut? Sie sehen so elend aus. Sicher habe ich Sie mit meiner Geschichte gelangweilt.«
Doch Frau Martha, die in der Zwischenzeit einen Entschluß gefaßt hatte, wehrte ab: »Ich fühle mich schon wieder besser. Sorgen Sie sich nicht um mich. Es ist nur wegen… doch das will ich Ihnen später erzählen. Jetzt habe ich zuerst einen Vorschlag und zugleich eine Bitte an Sie: Könnten Sie sich vorstellen, für eine Weile hier zu bleiben? Bringen Sie wieder ein bißchen Sonne in mein Haus. Sie würden mir mit Ihrem Bleiben eine große Freude bereiten.«
»Aber ich würde Ihnen doch sicher nur zur Last fallen. Das möchte ich nicht.«
»Der Gedanke ehrt Sie, aber wir werden Ihretwegen keine Not auszustehen haben. Es ist… Bertha und ich leben hier schon seit einiger Zeit ganz allein. Bertha ist nicht mehr die Jüngste und – sagen Sie es ihr bitte nicht – schafft unseren großen Haushalt nicht mehr allein. Sie sehen, daß meine Bitte also nicht ganz uneigennützig ist.«
Sie zwinkerte ihr dabei zu und versuchte so, sie zu einer Entscheidung zu ermutigen. Dennoch zögerte Erna eine Weile mit der Antwort. Dann ergriff sie aber die Hände der Frau, die ihr dieses Angebot gemacht hatte, und sagte:
»Danke, Frau Eschlinger, von ganzem Herzen danke! Unter dieser Bedingung bleibe ich sehr gern hier. Ich will mich gewiß auch nützlich machen und Ihnen keine Last sein!«
Ihre Neujahrsansprache ist wie immer wohl formuliert und lobenswert.
Leider verwechseln Sie in einem zentralen Punkt Ursache und Wirkung. Der islamische Terrorismus ist mitnichten die »schwerste Prüfung«. Er ist lediglich ein Symptom. Die wirkliche, »schwerste Prüfung« ist die Unfähigkeit der Welt, die absurden Kriege in Syrien und vielen anderen Ländern zu beenden. Diese Kriege bringen all die Übel hervor, gegen die Sie jetzt vollmundig kämpfen.
Gefallen lassen müssen Sie sich auch die Frage, warum gerade Deutschland seit vielen Jahren Waffen nach Saudi-Arabien liefert, dem Hauptfinanzier des islamischen Terrorismus. Sie wissen sicherlich, daß so etwas Konsequenzen hat und daß die Zerstörungskraft dieser Waffen letztlich den Weg zu uns zurück findet.
Wäre es so schlimm, wenn diese Waffen (falls sie denn wirklich produziert werden müssen) im Lande bleiben und es beispielsweise unserer Bundeswehr ermöglichen würden, ihre riesigen Sammlungen an Altmetall und Schrott einer sinnvolleren Verwendung zuzuführen und sie wieder in der Lage wäre, ihre Aufgaben in der Welt zu erfüllen, anstatt sich allenthalben zur Lachnummer zu machen?
Sie haben im Vorjahr die richtige Entscheidung getroffen. Deutschland hat die Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten mit offenen Armen aufgenommen. Leider haben Sie es dabei bewenden lassen. Sie hatten (ebenso wie Ihre Vorgänger im Amt) nie ein Konzept, diese Menschen schnellstmöglich zu integrieren, sie mit unserer Sprache und unseren Regeln vertraut zu machen und so die Bildung von Parallelgesellschaften zu verhindern.
Das hätte Geld gekostet. Bildung kostet immer zunächst Geld. Geld, das nach einigen Jahren tausendfach zu uns zurückfließt. In Form hochqualifizierter Arbeiter, die den Anforderungen der heutigen Zeit gewachsen sind.
Mit der Bildung unserer Kinder verfahren Sie (und Ihre Vorgänger) auf die gleiche Weise: kaputtsparen. Und dann wundern Sie sich, daß die Früchte dieser Politik heute dumpfe Parolen skandieren und das etablierte System nicht mehr zu würdigen wissen.
Was Ihnen (und all Ihren Vorgängern) fehlt(e), ist eine Vision von Deutschland, von Europa, der Welt, wie sie sein sollten. Ihnen fehlt ebenso ein Plan, wie wir dorthin kommen. Ein Plan, in dem es um die Sache geht. Ein Plan, mit dem man Lobbyisten auf die Füße tritt, die seiner Verwirklichung im Wege stehen. Ihnen fehlt auch die Konsequenz, das Geschrei der Populisten von rechts und links auszuhalten, das umso lauter wird, je mehr Leuten Sie auf die Füße treten.
Was bleiben wird von ihrer Politik ist ein einziges Wort: Durchwursteln. Wieder gewählt werden. Flexibel sein, wo Härte und Durchhaltevermögen gefragt wären. Sie haben vieles richtig gemacht, Frau Merkel. Leider zählt all das aber nicht, weil Sie es nicht konsequent zu Ende geführt haben.
Was bringt es, die mächtigste Frau der Welt zu sein, wenn man keine Visionen hat, für die man kämpft? Wie können Sie erwarten, aus eigener Kraft wiedergewählt zu werden, wenn Sie nichts als ein »Weiter so.« anzubieten haben? Sie sitzen an den Schalthebeln der Macht, Frau Merkel. Nutzen Sie sie. Geben Sie uns wieder eine Vision!
»Vegan« scheint das neue »Bio« zu werden. Alles muß jetzt auch in einer veganen Version zu bekommen sein. Auch wenn das – wie bei Leder – einer Quadratur des Kreises gleichkommt.
Zur Begriffsklärung sagt Wikipedia: »Vegan lebende Menschen meiden entweder zumindest alle Nahrungsmittel tierischen Ursprungs oder aber die Nutzung von Tieren und tierischen Produkten insgesamt. Ethisch motivierte Veganer achten zumeist auch bei Kleidung und anderen Gegenständen des Alltags darauf, dass diese frei von Tierprodukten und Tierversuchen sind.«[1]
Leder ist nun per se ein tierisches Produkt. So ganz erschließt sich mir nicht, warum ein nach veganer Ethik lebender Mensch überhaupt das Bedürfnis verspürt, sich in ein tierisches Produkt zu kleiden, das aber auf keinen Fall tierischem Ursprungs sein darf. Für mich persönlich wäre das ein unlösbarer Widerspruch und ich würde – wäre ich ein Veganer – ganz auf die Nutzung von Leder verzichten.
Zum Glück bin ich das nicht, denn dann müßte ich in Konsequenz sofort meinen Beruf aufgeben 😉
Nun gibt es aber findige Geschäftsleute, die hier dennoch einen Markt sehen und etwas verkaufen, das sich »veganes Leder« nennt. Schauen wir uns mal genauer an, was sich dahinter verbirgt:
Veganes Leder: Die Quadratur des Kreises
»Veganes Leder« ist natürlich kein Leder. Sonst wäre es ja tierischem Ursprungs. Es handelt sich also um Kunstleder. Dieses hat durchaus seine Daseinsberechtigung. Es ist im Gegensatz zu echtem Leder problemlos in der Maschine waschbar. Es ist preiswert und es sieht schick aus.
Für schwierig halte ich die Etikettierung als »vegan« jedoch aus umweltethischen Gründen; bestehen die Ersatzstoffe doch meist vollständig oder teilweise aus Kunststoffen wie Polyvinylchlorid (PVC) und Polyurethan (PU) inklusive einer für die Erreichung der Gebrauchseigenschaften benötigten Menge an Weichmachern.[3] Mit der Verwendung von Kunststoffen tut man der Umwelt keinen Gefallen. Ebenso wie beim Gerben von Leder wird auch bei der Kunststoffherstellung aus Erdölprodukten mit giftigen Chemikalien gearbeitet und die Materialreste belasten nach dem Gebrauch jahrzehnte- bis jahrhundertelang die Umwelt, bis sie vollständig abgebaut sind.
Ich bezweifle, daß das dem Ursprungsgedanken einer nachhaltigen Lebensweise auch nur nahe kommt. In Konsequenz ist auch Kunstleder per se nicht »vegan« und die Bezeichnung als »vegan« ist nichts als Marketinggeklingel. Der Begriff »veganes Leder« ist wegen der Normen für die Kennzeichnung von Leder und Lederprodukten im übrigen gar nicht zulässig und damit abmahnbar.[2]
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