Dieser Text ist eine Rohfassung in alter Rechtschreibung. Er ist weder überarbeitet noch lektoriert. Jedwede Fehler oder unlogische Passagen, die Du findest, darfst Du behalten 😏
Die Texte sind erotischer Natur. Bitte verstehe, daß ich Dir hier nur jugendfreie Passagen zeige.
Vorwort
Paolo Costa ist ein Empath. Nicht von der eher esoterischen Art, wie man sie auf vielen Seiten im Netz findet. Er kann wirklich Gefühle lesen. Wenn er ins Zimmer kommt, weiß er sofort, was Du fühlst, und konfrontiert Dich gelegentlich gnadenlos damit. Ich versichere Dir: Das kann anstrengend werden, vor allem, wenn Du sie vor ihm verbergen willst.
Er kann aber noch mehr. Wenn er Dich will, dann wird es Dir beinahe unmöglich sein, ihn zurückzuweisen. Dem hypnotischen Sog seiner strahlend blauen Augen kann man sich nur schwer entziehen und wenn er es schafft, seine Hand auf Dein Herz zu legen, dann hast Du unwiderruflich verloren. Die Verbindung, die er damit zu Dir herstellt, kann man empathisch nennen. Auf jeden Fall übertrifft sie in ihrer Intensität alles, was Du jemals wieder beim Sex erleben wirst.
Wenn Du ihn also nicht magst, dann sorg dafür, daß er Dich nicht will. Sonst bist Du ihm am Ende genauso verfallen wie alle anderen. Paolo sieht nämlich verdammt gut aus und er weiß das! Italiener, ein Meter Neunzig groß und dazu blaue Augen. Muß ich noch mehr sagen? Außerdem hält er seinen Körper in Form und sein Schwanz … aber ich will Dir nicht die Vorfreude nehmen, wenn er Dich damit pfählt.
Seine empathischen Fähigkeiten wurden verstärkt durch eine experimentelle Droge, die er eine Zeitlang nehmen mußte, weil sein damaliger Zuhälter das von ihm erwartete. Ihn deswegen einfach als drogensüchtigen Stricher abzustempeln, wird ihm aber nicht gerecht, denn die Droge erweiterte seine Fähigkeiten, anstatt sie einzuschränken. Für Dich ist sie übrigens nichts. Denk nicht mal daran! Paolo besitzt die Veranlagung bereits und hat von Kind auf gelernt, mit ihr umzugehen und damit zu leben. Du nicht. Was passieren kann, wenn ein nicht Veranlagter die Droge nimmt, kannst Du an anderer Stelle nachlesen.
Paolo ist ein Fetischist. Das bedeutet, daß seine Klamotten beim Sex normalerweise an bleiben. Er liebt die erotisierende Wirkung von Leder und anderen Materialien und besitzt ein Faible für Handschuhe. Er mag es nicht, wenn Du beim Sex zu viel redest. Notfalls unterbindet er das mit Gewalt. Er kennt ein ganzes Arsenal an Griffen, um Dich so lange außer Gefecht zu setzen, daß Du Dich am Ende geknebelt wiederfindest. Außerdem benötigt er keine verbale Kommunikation. Solange er sich in Deine Gefühle eingeklinkt hat, weiß er auch so, worauf es ankommt.
Das Buch entsteht in Zusammenarbeit mit »Empath«-Lesern, die das Bedürfnis hatten, daß Paolo sich auch einmal mit ihnen beschäftigt. Sie haben mir erzählt, wie sie ticken und was sie sich von einem Treffen mit Paolo erwarten. Das ist nicht immer eins zu eins so eingetroffen, denn er hat durchaus seinen eigenen Willen und gelegentlich macht es ihm auch Spaß, Deine Erwartungen zu enttäuschen, um dann etwas völlig anderes mit Dir zu tun, was sich dann als viel besser herausstellt.
Solltest Du nach der Lektüre auch das Bedürfnis haben, Paolo zu treffen, dann schreibe mir an MikeGorden@proton.me. Du mußt Dir dazu keine ganze Geschichte ausdenken. Das ist dann meine Aufgabe. Ich benötige nur einige Regieanweisungen à la ‘kein Leder, sondern Neopren’, ‘Ficken ist ein Muß’ oder ‘ich will verschleppt werden’ und eventuell ein Setup, in welcher Umgebung Du ihn treffen möchtest. Die Geschichte steht Dir privat zur Verfügung und Du findest sie außerdem in der nächsten Folge von Paolos Tagebuch veröffentlicht.
Du kannst dieses Büchlein einfach als Sammlung mehr oder weniger pornographischer Kurzgeschichten lesen, wobei ich den Begriff Pornographie hier bewußt weit fasse. Den vollen Lesegenuß erhältst Du allerdings erst, wenn Du vorher meine Bücher »Empath« und »Neutronenreiter« gelesen hast, denn dann weißt Du, wie Paolo wirklich tickt und warum er so geworden ist, wie er eben ist. Die Handlung spielt übrigens im Zeitraum zwischen Mitte 2018 und Mitte 2019, also nach der Haupt-Handlung beider Bücher.
Wenn Du Paolos Typ bist, dann hat er es auch bereits geschafft, daß Du Dich in ihn verliebst. Daß er das kann, weißt Du bereits.
In diesem Sinne wünsche ich viel Spaß bei der heißen Lektüre, Dein Mike Gorden
Kapitel 1. Paolo
Paolo beschlich das Gefühl, daß der Account des Mannes, mit dem er seit einem Tag chattete, von mehreren Personen genutzt wurde. So formulierte er seine Nachrichten bewußt vorsichtig.
Dies fiel ihm mittlerweile leichter, weil er sich in den letzten Monaten fleißig durch die Übungen gearbeitet hatte, mit denen Klotho ihn immer noch regelmäßig versorgte. Zwar sah er Deutsch als seine Muttersprache an; mit dem schriftlichen Ausdruck haperte es aber sehr und auch an seinem Wortschatz mußte er arbeiten. Der Schulunterricht in den Heimen, in denen er einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte, verdiente den Namen nicht.
So sah er seine Mitgliedschaft auf dem schwulen Datingportal als willkommene Möglichkeit an, um seine Ausdrucksmöglichkeiten auf den Gebieten zu vervollständigen, die die Lektionen nicht abdeckten.
›Du willst mich also unbedingt kennenlernen. Das hörte sich gestern aber noch viel vorsichtiger an, so als suchtest Du nur jemanden zum Reden.‹
›Du bist anders als die anderen. Hier geht es nur um schnellen Sex. Ich habe hier noch nie mehr als einige Sätze gewechselt, bis das Gespräch auf das Eine kam. Bei Dir nicht. Das macht mich neugierig.‹
›Ich fand es gestern angenehm, mit Dir zu chatten, Stef37.‹ Paolo blieb lieber auf Distanz.
›Nenn mich Stefan.‹
›Ist das Dein Name? Ich bin Paolo.‹
›Wie alt bist Du?‹
›Jünger als Du.‹
›Woher weißt Du … ach natürlich.‹
›Warum wolltest Du gestern nur reden und heute nicht?‹
›Gestern war ich nicht gut drauf. Keine Ahnung, was nich geritten hat, hier trotzdem reinzugehen. Deshalb bin ich im Chat auf Distanz geblieben. Hinterher habe ich noch Tobi, meinen Sub, zu mir einbestellt, damit ich mich abreagieren konnte.‹
›Abreagieren. Und heute hast Du es Dir anders überlegt?‹
›Genau. Meinst Du, daß wir uns irgendwann mal treffen können?‹
›Ich will vorher sehen, mit wem ich mich unterhalte. Dein Profilbild ist… interessant, aber es zeigt Dich nur von hinten. Einen schönen Hintern hast Du übrigens.‹
›Danke gleichfalls. Du zeigst Dich ja ebenfalls nicht von vorne.‹
›Stimmt.‹
›Bei mir ist es… kompliziert. Meine Familie weiß nichts davon, daß ich hier bin.‹
›Bist Du für ein Versteckspiel vor Deiner Familie nicht zu alt?‹
›Du kennst sie nicht. Sie können sehr böse werden, wenn man sie hintergeht.‹
›Warum hintergehst Du sie dann?‹
›Vielleicht lernst Du sie eines Tages kennen. Wünschen solltest Du Dir das aber nicht. Du wärst ihnen nicht gewachsen.‹
›Du kennst mich nicht.‹
›Dazu muß ich Dich nicht kennen.‹
Ich denke schon.
Paolo unterdrückte seinen aufwallenden Ärger. Dies war nur ein Chat und was der andere schrieb, betraf ihn eigentlich nicht. Er hatte es in den letzten Tagen hier mit einigen Maulhelden zu tun bekommen. Dieser Stefan war sicher nur eine weitere Nummer in der Liste.
›Kann es sein, daß Du zu viele Vampirgeschichten liest?‹
›Hey, Du bist lustig. Das gefällt mir!‹
›Vielleicht solltest Du mich wirklich kennenlernen. So häßlich wirst Du von vorne schon nicht aussehen.‹, schrieb er.
›Natürlich bin ich nicht häßlich! Was glaubt denn du?‹
In seinem Chatfenster materialisierte sich das Bild eines gestandenen Mannes. Auch die Vorderseite konnte sich sehen lassen. Besonders fielen Paolo die braunen Augen auf. Sie zogen ihn wie magisch ins Bild hinein und die kleinen goldenen Flecken darin wirkten beinahe, als würden sie sich bewegen. Die Nase verlief nicht ganz gerade. Vielleicht war sie in der Vergangenheit einmal gebrochen.
Um den Mund lag trotz der vollen Lippen ein harter Zug. Das Leben war anscheinend nicht zu allen Zeiten freundlich zu ihm gewesen. Zusammen mit dem trainierten Oberkörper und dem kurzen braunen Bürstenschnitt würde man diesem Kerl den Job eines Bodyguards zutrauen.
›Ich bin dran.‹ Paolo schickte ein Bild von sich, das Ángel während seines Aufenthalts in der Kolonie geschossen hatte. Er wußte um seine Wirkung auf andere, die der von Stefan in nichts nachstand. Daher zeigte er dieses Bild auch nicht öffentlich in seinem Profil.
Eine Weile passierte nichts. Stefan blieb aber weiter online und Paolo holte sich in der Zwischenzeit ein Bier aus dem Kühlschrank seines Hotelzimmers.
›Du siehst scharf aus‹, stand auf seinem Bildschirm, als er sich wieder hinsetzte, ›jedenfalls wenn das wirklich Du bist. Ganz sicher ist man sich da auf dieser Plattform ja nie.‹
›Gleichfalls. Was arbeitest Du so?‹
›Ich bin Altenpfleger, und Du?‹
›Momentan habe ich keinen Job. Ich habe aber früher als Escort gearbeitet.‹
›Wow. Ich hätte Dich bestimmt gebucht.‹
›Das wäre nicht gut für Dich gewesen. Du solltest nicht einmal daran denken. Ich war anders damals.‹
›Was meinst Du damit?‹
›Ich war gefährlich. Mit wem ich einmal Sex hatte, der wollte mich immer wieder.‹
›An Ego mangelt es Dir anscheinend nicht.‹
Du weißt nicht, was ich damals konnte.
Das schrieb er aber nicht. ›Du kannst Dir die Männer doch ebenfalls aussuchen.‹
›Will ich aber nicht.‹
›Warum bist Du dann hier?‹
›Wohl aus demselben Grund wie Du‹, kam es nach einer längeren Pause zurück. ›Die Vorstellung, daß es da draußen noch mehr Männer gibt, mit denen man nicht nur Sex haben kann. An Sex mangelt es mir in der Familie nämlich nicht.‹
›Sex in der Familie?‹
›Ich meine keine biologische Familie, sondern die selbst gewählte.‹
›Verstehe.‹ Paolo verstand nicht.
›Deswegen möchte ich gerne über meinen Tellerrand blicken und jemanden kennenlernen, der anders ist. Jemanden wie Dich.‹
›Du kennst mich nicht. Wir haben kaum zwanzig Sätze gechattet.‹
›Du mich auch nicht. Dein Deutsch ist übrigens manchmal süß, so als ob es nicht Deine Muttersprache wäre.‹
›Ich lerne noch.‹
›Klingt nach einer Geschichte.‹
›Vielleicht erzähle ich sie Dir einmal. Wenn Du mir mehr über Deine Familie erzählst. Ich habe nämlich keine.‹
›Vielleicht sollte ich Dich einfach buchen. Dann klärt sich schon alles.‹
›Das ist Vergangenheit. Ich bin nicht hier, um gebucht zu werden!‹
›Ich habe genug Geld, um jeden zu buchen.‹
›Ich brauche Dein Geld nicht!‹
Was glaubt der, wer ich bin?
Wütend schloß Paolo den Chat und schaltete sein Smartphone aus. Für einen Augenblick schien es, als wäre da zwischen den Zeilen ein interessanter Charakter zu sehen und dann …
Ich hätte ihm das mit dem Escort nicht erzählen sollen. Das war ein Fehler. Und ich hätte nicht ganz allein nach Deutschland fahren sollen. Ich sterbe hier vor Einsamkeit.
Er trank das Bier aus und legte sich in Klamotten aufs Bett. Er trug Lederhose und Springerstiefel, wie meistens, wenn er niemandem Rechenschaft schuldig war. Das schwarze T-Shirt saß hauteng und betonte seinen Oberkörper und die Nippel, die sich aus irgendeinem Grund aufgerichtet hatten. Er strich sachte mit den Fingerkuppen darüber und erschauerte.
Auf einmal sah er Stefan vor sich. Er betrachtete ihn, ging im Geiste um ihn herum und verlor sich kurz in seinen Augen. Nicht ganz sein Typ, aber ein hübscher Mann. Den würde er gerne mal …
Deswegen bin ich nicht hierhergefahren. Ich will hier ein paar Angelegenheiten regeln, ehe ich … Sex hatte ich in meiner Zeit als Escort genug für ein ganzes Leben. Ich brauche das nicht!
Kapitel 2. Maxim
Paolo verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blickte zur Decke. Viel zu sehen gab es dort ebensowenig wie im Rest seines Domizils. Das Zimmer war für sein Budget erschwinglich und die Einrichtung wirkte bei aller Schlichtheit stilvoll. Nur das Bett war richtig gut. Der Tipp von Ángel, hier abzusteigen, war genau richtig gewesen.
Einige der Profile, die ihm sein Sexportal nach Nähe gestaffelt sortierte, zeigte die Plattform mit einer so geringen Entfernung an, daß sie sich möglicherweise sogar in seinem Hotel befanden.
Ein flaues Gefühl im Bauch machte sich bemerkbar. Hunger war es nicht. Dieser Stefan hatte ihn unabsichtlich darauf aufmerksam gemacht, daß er wohl doch eigene Bedürfnisse hatte. Er war frei und konnte tun und lassen, was er wollte. Vielleicht sollte er sich einfach jemanden suchen, ihn hierher bestellen und sich von ihm auf andere Gedanken bringen lassen.
So ließ er seine Sinne ausschweifen und wanderte im Geist durch die Etage. Sein Raum befand sich ganz am Ende des Flurs. Bis fast zum Fahrstuhl bemerkte er niemanden. Dann ein besetztes Zimmer. Er tastete die Wesenseinheit vorsichtig ab. Eine Frau, uninteressant. Ein Zimmer weiter ein Mann, aber sehr alt. Der blickte irritiert von seinem Glas Scotch auf, als Paolos tastende Gefühlsfinger seinen Geist berührten und sich sofort zurückzogen.
Ob er etwas gemerkt hatte? Er mußte vorsichtig sein.
Im anderen Flügel wieder leere Plätze, dann ein Ehepaar. Dann ein anderer Mann. Seine spürbare Geilheit besaß aber die falsche Farbe.
Paolos Bewußtsein bewegte sich geduldig durch die Etagen. Früher, unter der Droge, hatte er das telepathisch gemacht und es ging viel einfacher, fast so beiläufig wie Atmen. Heute sondierte er allenfalls seine nächste Umgebung und es strengte ihn viel mehr an.
Dann – er befand sich schon so viele Etagen tiefer, daß er eigentlich unten angekommen sein mußte – erreichte er einen schwulen Mann, der erregt war. Sofort nahm er Kontakt auf. Der andere nahm ihn vermutlich wahr, würde ihn aber in seine Erregung einbauen, solange er sich nicht zu sehr in den Vordergrund drängte.
Paolo empfing verschwommene Bilder. Die Hotelhalle voller Gäste, anscheinend eine Erinnerung, die der Mann sich ins Gedächtnis rief. Ein junger Mann löste sich vom Check-in Schalter und zog einen großen Koffer in Richtung Fahrstuhl. Er mußte dicht an ihm vorbei. Schwarzes Leder! Die Erinnerung wurde klarer. Der Gast trug eine Lederhose und Stiefel.
Das bin ja ich!
Paolo schreckte aus seinem traumartigen Zustand hoch und saß senkrecht im Bett. Holte sich da etwa jemand auf ihn einen runter? Das mußte er sich genauer ansehen.
Paolo klinkte sich wieder ein und sah sich von hinten im Fahrstuhl verschwinden. Ich wußte gar nicht, daß ich einen so netten Arsch habe, wenn ich mich bewege.
Sein Verfolger erschien kurz im körperhohen Spiegel neben der Fahrstuhltür, die sich schon geschlossen hatte. Paolo sah eine sehr schlanke Gestalt in schwarzer Hose und weißem Oberhemd mit Namensschild und Hotellogo. Was stand da? Maxim! Das Gesicht war sommersprossig und sehr jung, die Augen hellblau und das rötliche Haar straff gegelt.
Die Ähnlichkeit des Jungen mit Cédric war offensichtlich und verursachte einen Stich in seinen Eingeweiden. Paolo wurde bewußt, daß dessen Erregung sich gerade auf ihn übertrug. Bei aller Jugend besaß dieser schon sehr ausgeprägte Vorlieben und Fantasien. Fantasien, die Paolo einschlossen.
Gut, er selbst war auch nicht viel älter, und wenn jemand ausgeprägte Fantasien hatte, dann er.
Paolo drang tiefer in den Geist des Mannes ein. Da dieser sich sowieso mit ihm beschäftigte, war es ihm von nun an egal, wenn er etwas mitbekam. Er empfing Bilder aus einer Küche, hektische Aktivität im Hintergrund. Ein Telefon klingelte nebenan. Sein Kontakt nahm das Gespräch an.
»Zimmerservice, Sie sprechen mit Maxim, was kann ich für Sie tun?«
Jetzt war Paolo elektrisiert. In seinem Kopf reifte in Windeseile ein Plan, während Maxim die Bestellung routiniert aufnahm und in die Küche weitergab.
Jetzt war es so weit. Paolo griff zum Telefon und wählte die Nummer des Zimmerservice’, während er einen Teil seines Bewußtseins mit seiner Zielperson verbunden hielt. Es klingelte. Dann nahm jemand ab.
»Zimmerservice, Sie sprechen mit Hazel, was kann ich für Sie tun?«, begrüßte ihn eine Frauenstimme.
Verdammt! Er war woanders rausgekommen. Natürlich hielt solch ein großes Hotel mehrere Leute vor.
»Ich möchte … ich wollte …«, stotterte er, »wäre es möglich, daß Sie mich mit Maxim verbinden?«
»Maxim? Einen Moment, ich sehe nach, ob er noch am Platz ist. Seine Schicht endet nämlich gerade.«
Gespannt wartete Paolo.
»Er ist noch da. Ich stelle Sie durch.«
»Danke, Hazel, Sie sind Klasse!«, verabschiedete er sich. Dann lauschte er im Bewußtsein seiner Zielperson weiter.
»Maxim, jemand möchte Dich sprechen«, hörte er als Echo in Maxims Bewußtsein. Dann nahm dieser den Hörer ab und die Verbindung stand.
»Maxim spricht, guten Abend, was kann ich für Sie tun?«
»Hallo Maxim, ich freue mich, daß Sie Zeit für mich haben.«
»Mit wem spreche ich?«
Paolo spürte aufkommende Desorientierung. Durch die Verbindung gab es eine Rückkopplung zwischen ihnen. Der andere wurde sich ihrer mehr und mehr bewußt. Schnell zog er seine Fühler ein Stück aus Maxims Geist zurück. Verdammt, ich wollte doch aufpassen!
»Paolo Costa, Zimmer Siebenhundertachtundzwanzig. Wären Sie so freundlich, und bringen mir eine Flasche Prosecco mit zwei Gläsern?«
Paolo empfing Erstaunen, warum der Gast gerade ihn sprechen wollte. Dann kam die Antwort.
»Sehr wohl, ich werde das sofort veranlassen.«
Wie bringe ich ihn jetzt dazu, freiwillig zu mir zu kommen?
»Stop, das hätte ich auch Hazel sagen können. Ich möchte, daß Sie persönlich mir die Getränke bringen!«
Jetzt war es raus. Das machte Spaß! Belustigt registrierte Paolo zu zunehmende Verwirrung seines mentalen Gegenübers. Er sandte ihm parallel ein wenig von der Erregung, die sich gerade in seinen Lenden breitmachte und wartete gespannt auf die Antwort.
»Aber … aber … das ist hier nicht üblich. Ich … mache nur Telefondienst. Der Telefondienst liefert nicht selbst aus.«
»Ich verspreche Ihnen, daß es sich für Sie lohnen wird. Sie wollen doch bestimmt den Mann mit der Lederhose näher kennenlernen, dem Sie gestern in der Eingangshalle hinterhergesehen haben.«
Die Angel war ausgeworfen. Mal sehen, ob der Fisch anbiß.
»A… aber … wie können Sie … das wissen?«
»Glauben Sie ich merke sowas nicht? Was ich gesehen habe, hat mir gefallen, und stellen Sie sich vor, ich möchte Sie auch näher kennenlernen.«
Jetzt war es raus. Paolo nahm wieder stärker Kontakt zu Maxims Geist auf und begann ihn zu triggern. Dieser nahm das zwar unterschwellig wahr, bemerkte aber glücklicherweise nicht, daß er beeinflußt wurde.
»Trotzdem … das ist … ich kann doch nicht …«
Ich habe ihn beinahe überzeugt. Jetzt muß ich nur die richtigen Worte finden.
»Schauen Sie, jetzt ist Schichtwechsel. Sie haben gleich Feierabend. Was spricht dagegen, daß Sie Ihren Dienst in dem Moment beenden, wenn Sie bei mir geklingelt haben. Ich öffne Ihnen, und Sie entscheiden, wie es danach weitergeht. Ist das ein Angebot?«
»Ich weiß wirklich nicht …«
»Doch, Sie wissen! Für den unwahrscheinlichen Fall, daß Sie entscheiden, mein Zimmer nicht zu betreten, verspreche ich, daß das Trinkgeld die Mühe wert sein wird. Was soll also schon passieren?«
»Ja, was soll passieren … In Ordnung Herr Costa, ich mache es.«
»Danke, Maxim. Ich freue mich. Bis gleich also.«
Jetzt, wo er gewonnen hatte, verankerte Paolo seine Fühler tief in Maxims Geist, damit er mitbekam, ob dieser wirklich tat, was er sollte.
»Alles in Ordnung?«, hörte er eine Frauenstimme in seinem Geist fragen.
»Alles prima«, antwortete Maxim. »Herr Costa ist … ein alter Freund. Ich habe ihn nicht gleich erkannt, aber er hat mich vorhin an der Rezeption gesehen. Ich liefere den Drink selbst aus, und dann lassen wir die alten Zeiten aufleben.«
»Alte Zeiten … soso. Tu nichts, was ich nicht tun würde!«
Paolo mußte nicht anwesend sein, um sich das verschwörerische Grinsen vorzustellen, mit dem Hazel jetzt ihren Arbeitskollegen bedachte.
Sein Spielgefährte in spe betrat gerade den Fahrstuhl mit seinem Tablett. Mit ihm näherte sich Unglauben, daß so jemand wie Paolo wirklich Interesse an ihm haben konnte.
Der wird schnell merken, daß ich wirklich auf ihn stehe!
Paolo legte seinen Koffer aufs Bett, öffnete ihn und entnahm ihm seine Grundausrüstung zum Spielen, die er sich für die Reise bei einem Onlineanbieter zusammengestellt hatte: Verschiedene Gleitmittel, Übergrößenkondome, mehrere kurze Baumwollseile plazierte er auf seinem Nachttisch. Den wieder verschlossenen Koffer schob er achtlos unters Bett.
Mal sehen, was wir heute davon brauchen werden.
Gerade zog er seine Lederhandschuhe aus der Außentasche der Jacke, da klingelte es an der Tür. Paolo behielt sie in der Hand und öffnete, denn er wußte, wer draußen stand.
Maxim ließ beinahe sein Tablett fallen, als er seinen Traummann so unvermittelt vor sich stehen sah.
»Stell das Tablett auf den Tisch.« Paolos Stimme ließ keinen Widerspruch mehr zu und der Junge folgte der Anordnung wie hypnotisiert.
»Häng das Bitte nicht stören! Schild raus, bevor Du die Tür schließt.«
Maxim folgte wortlos. Dann stand er wie ein Kadett bei der Musterung mit wackligen Knien vor ihm. Sein Geist lag wie ein offenes Buch vor Paolo.
Wow, der hat schon einiges erlebt und klare Vorstellungen über seine Rolle beim Sex. Ich glaube, ich kann ihm heute die meisten seiner Wünsche erfüllen.
»Ich gehe davon aus, daß Du nicht wieder gehen willst«, stellte Paolo ironisch fest. Maxim nickte kaum sichtbar.
»Dann zieh mir das T-Shirt aus.«
Die Erstarrung wich aus seinem Körper. Mit Feuereifer widmete sich Maxim der neuen Aufgabe. Während er das Shirt aus dem Bund der Lederjeans zog, strich er so eng um Paolo herum, daß diesem bewußt wurde, daß sein Helfer bereits eine Latte mit sich herumtrug. Als er ihm das Shirt über den Kopf zog, drückte er sich fest von hinten an Paolo. Dann flog das überflüssige Kleidungsstück aufs Bett.
Paolo stand mit nacktem Oberkörper im Raum und genoß das Gefühl, wie ein Gott bestaunt zu werden. Langsam und breitbeinig nahm er auf einem Sessel Platz, der neben dem Tischchen mit dem Tablett stand.
»Würden Sie … bitte einmal hier unterschreiben?« Maxim zückte seinen Kugelschreiber und legte ihn auf den Anforderungsschein.
»Ich unterschreibe, aber wenn Du mich noch einmal siezt, lege ich Dich auf der Stelle übers Knie.« Paolo hob die Brauen und bemühte sich, streng auszusehen. »Alle nennen mich Paolo.«
»Danke … Paolo.« Routiniert legte Maxim Blatt und Kuli aufs Tablett. Dann stand er unsicher im Zimmer, als warte er auf die nächste Anordnung. »Kann ich …«
»Schenk uns doch bitte zwei Glas Prosecco ein.«
Der Zimmerservice nahm die Flasche vom Tablett und plazierte sie zusammen mit den Gläsern auf dem Tischchen. Das Tablett stellte er auf den Hotelschreibtisch. Dann entfernte er geübt den Korken der Flasche und goß beiden ein. Zum Schluß reichte er Paolo sein Glas und behielt seines unschlüssig in der Hand.
»Auf die Knie!« Mit einer herrischen Geste deutete dieser zwischen seine Beine. Widerspruch erwartete er nicht und erhielt auch keinen. »Zum Wohl.«
Beide stießen die Gläser gegeneinander. Paolo nahm einen genußvollen Schluck und stellte sein Glas ab. Maxim leerte sein Glas überstürzt in einem Zug.
»Gieß uns nach.«
Der Junge wollte sich erheben, zuckte aber nach dem scharfen »Unten bleiben!« zusammen und erledigte seine Arbeit gehorsam auf den Knien.
»Zum Wohl.«
»Auf Ihr … auf Dein Wohl, Paolo.« Wieder leerte er sein Glas auf ex. »Das … das geschieht doch nicht alles wirklich, oder?«
»Es geschieht so wirklich, wie Du und ich hier sind. Du befindest Dich nicht in einem der Pornos, die Du abends gern allein zu Hause guckst.«
»Woher weißt Du …?«
»Nur ein Gefühl.« Paolo lächelte seinen persönlichen Service an und der entspannte sich wieder. »Nachschenken.«
»Was?«
»Den Prosecco.«
»Entschuldigung.«
Noch einmal das gleiche Spiel und Paolo bemerkte mit Freude, wie der Alkohol zu wirken begann und Maxim zusehends seine Hemmungen verlor. Wie unabsichtlich hielt dieser sich an Paolos Beinen fest, als er noch ein wenig tiefer zwischen die ausgestreckten Schenkel rutschte.
Bewundernd musterte er Paolos trainierten Oberkörper, die sehnigen Arme, die muskulöse Brust mit den hoch aufgerichteten Nippeln und das Sixpack darunter. Dann blieb sein Blick an den Handschuhen hängen, die dieser noch nicht wieder weggelegt hatte.
»Möchtest Du, daß ich sie anziehe?« Paolo hatte den Blick registriert.
Wieder dieses kaum sichtbare Nicken.
»Los, sag es!«
Es folgte ein unartikuliertes Murmeln.
»Richtig!« Paolo schlug ihm die Handschuhe einmal rechts und links durchs Gesicht.
Ein Schauder lief durch Maxims Körper. »Bi…bitte zieh sie an. Für mich!«, brachte er schließlich heraus.
»So ist es besser. Wenn Du etwas willst, mußt Du es auch sagen.«
Oder es Dir holen!
Betont langsam streifte Paolo sich die kurzen Gloves über, zog sie vor Maxims Gesicht stramm, faltete einmal die Hände, drehte sie gefaltet um und legte sie dem Jungen spielerisch über Mund und Nase. War das ein Stöhnen, oder eher ein glückliches Wimmern, das dieser jetzt von sich gab? Jedenfalls legte er den Kopf weit in den Nacken und genoß die Berührung sichtlich.
»Dann zeig mir mal, was Du gelernt hast.« Paolo nahm Maxims Hände in seine, drückte sie kräftig, was dieser erwiderte, und führte sie dann zu seinen Brustwarzen, wo er sie ablegte. »Küß mich.«
Der junge Mann ließ sich das nicht zweimal sagen. Er richtete sich so hoch auf, wie das auf Knien eben ging und blickte Paolo verlangend an. Der beugte sich ein wenig vornüber und schon fanden sich ihre Zungen.
Paolo packte den Kopf und fixierte ihn, während er ihn heiß und verlangend küßte.
Sein Partner schien auch langsam zu begreifen, daß das kein Traum war. So begann er, mit den Fingern kreisförmig um Paolos Nippel herum zu streicheln, was dieser mit einem tiefen Atemzug quittierte. Dann nahm Maxim die Spitzen vorsichtig in die Finger und massierte sie sanft. Sein Kuß wurde zusehends verlangender und auch die devote Starre wich aus seinem Körper. Die Massage seiner Hände wurde so intensiv, daß sie Paolo ein lautes Stöhnen abforderte.
Paolo beendete den Zungenkontakt und führte den Kopf seines Spielgefährten sanft zu einer seiner Brustwarzen. Maxim umschloß sie sofort mit den Lippen und begann glücklich daran zu saugen und zu lecken. Seine Augen strahlten Paolo an, als geschähe gerade das schönste Ereignis seines Lebens.
Ein Stück weit stimmte das auch. Für die Emotionen, die er von seinem Spielgefährten empfing, wäre euphorisch eine Untertreibung gewesen und auch er selbst ritt mit auf dieser Welle der Ekstase. Er lehnte sich bequem im Sessel zurück.
Das hätte ich schon viel früher tun müssen!
Maxim wechselte geübt zum anderen Nippel, den er mit Zunge und Zähnen so bearbeitete, daß sein sitzender Partner erregt aufkeuchte. Dabei kreiste er mit einer Fingerspitze sanft um die nasse Spitze, um die er soeben noch seine Lippen geschlossen hatte, während eine Hand über den Bauch abwärts wanderte. Sie öffnete geübt die Reißverschlüsse seiner Lederhose …
Projekt Moíra-Zyklus Teil 5 – Wunder der Apokalypse – Leseprobe
Disclaimer
Dieser Text ist eine Rohfassung in alter Rechtschreibung. Er ist weder überarbeitet noch lektoriert. Jedwede Fehler oder unlogische Passagen, die Du findest, darfst Du behalten 😏
Kapitel 5. Die dunkle Sphäre
Ich weiß nicht, wie Herb es geschafft hat, aber die HARKONNEN erreicht die Sternbasis beinahe rechtzeitig. Sein am häufigsten benutzter Spruch in diesen Tagen lautet Mach das bloß niemals nach, wenn Dir Dein Leben lieb ist!.
»Es wird ein wenig mehr zu reparieren geben als ursprünglich, aber wir schieben alles auf den Unfall«, erklärt er mir nach dem letzten Sprung, als die Sternbasis auf unseren Bildschirmen auftaucht.
Auch sie besitzt eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit der HARKONNEN, denn sie ist bereits vor Tausenden von Jahren erbaut worden und niemand hat sich bei den vielen nachträglichen Umbauten die Mühe gemacht, zumindest die ursprüngliche äußere Form aufrecht zu halten. Der einzige Unterschied zu dem Haufen Altmetall, dem die HARKONNEN ähnelt ist die Größenordnung des Haufens.
Der Haufen … die Station besitzt die Größe eines Planetoiden und umkreist einen roten Zwergstern auf einer engen Umlaufbahn. Er produziert gerade genügend Energie, um die Solarkollektoren der Station mit genügend Leistung zu versorgen. Der spärlich bestückte Asteroidengürtel in einiger Entfernung enthält bestimmt kein Gramm Metall mehr. Ich erkenne die Spuren der Abbautätigkeit. Bevor ich bei der Gesellschaft angeheuert habe, habe ich selbst einige Jahre Metalle aus den Felsen gelasert. Die Spuren hier sind aber alt. Die Schürfer sind schon lange in andere, größere Sonnensysteme weitergezogen.
»Hier sollen wir das Schiff reparieren lassen?«, entrüste ich mich. »Mich wundert, daß die Gesellschaft Geschäftsbeziehungen mit solch heruntergekommenen Läden unterhält. Hier müssen wir ja aufpassen, nicht selbst ausgeschlachtet zu werden!«
»Die Geschäftsidee ist ganz simpel. Im Umkreis von Dutzenden Parsec gibt es nichts.«
»Okay. Überzeugt. Laß uns andocken.«
In Wirklichkeit habe ich Angst, daß unser Schiff beim nächsten Sprung auseinanderfliegt. Die Geräusche, die die Schiffswände beim letzten Mal von sich gegeben haben, werden mich noch wochenlang in meinen Träumen verfolgen.
Am Ende ist es auf der Station gar nicht so schlimm. Die meisten der dort vertretenen Spezies kenne ich nicht. Ich bin wohl das einzige menschliche Wesen hier und habe meine Ruhe. Der Bereich für Sauerstoffatmer ist überraschend klein. Die meisten der Rassen in diesem Sektor der Milchstraße atmen andere Gase oder leben in giftigen Flüssigkeiten. Wir erhalten aber akzeptabel große Quartiere und eine ausreichend schnelle Netzanbindung, so daß ich wieder einmal mit meiner Frau Nele und den Kindern reden kann.
Nicht daß es mich besonders danach drängt, aber ich fühle mich als Ehemann verpflichtet, wenigstens so zu tun, als würde ich mich um meine Familie kümmern.
Viel zu sagen haben wir uns nicht. Sie bewegen derzeit andere Probleme als mich. Sie will mich mit Hilfe ihres Vaters aus meinem Arbeitsvertrag lösen und zurück auf die Erde holen. Das will ich aber nicht. Mir gefällt es hier draußen zwischen den Sternen viel besser und wenn ich schon Wurzeln schlagen soll, dann viel lieber auf Terra Nova, einer Welt, auf der ich frische Luft und freien Himmel über mir habe und keine Metallkuppel, die mich vor der verschmutzten Atmosphäre schützen muß.
Nele reagiert gereizt, als ich das Thema anspreche. »Ich weiß nicht, was Du daran findest, Dich völlig ungeschützt draußen aufzuhalten«, sagt sie spitz.
»Was ich daran finde? Vielleicht, daß es gar nicht nötig ist, sich vor etwas zu schützen. Dort gibt es keine Umwelt, die wir selbst vergiftet haben.«
Ihr Blick sagt mir, daß sie das nicht überzeugt. Auch das Argument, daß unsere Kinder etwas Besseres verdient haben, wischt sie mit einer Handbewegung beiseite.
»Es geht uns hier ausgezeichnet und dank Vater haben wir hier alle Annehmlichkeiten zur Verfügung, die Geld kaufen kann. Du verdienst ja nicht mal genug, damit wir uns die größere Wohnung leisten können«, zischt sie.
»Warum heiratest Du dann nicht Deinen Vater, wenn ich nur eine Belastung für Dich bin?«, brülle ich zurück und lege auf.
Zumindest habe ich so das letzte Wort. Das ist mir sonst selten vergönnt. Langsam wächst in mir die Gewißheit, daß es keine gemeinsame Zukunft auf Terra Nova geben wird. Wenn ich dort leben will, muß ich es allein tun.
Am nächsten Tag trifft eine Nachricht von der Gesellschaft für Herb und mich ein. Sie haben unsere Logs gecheckt und schäumen. Gäbe es auf dieser Station eine Ablösung für uns, wären wir wohl schon gekündigt. So werden wir ultimativ auf eine zentraler liegende, große Raumstation beordert, auf der uns eine organisatorische Besprechung mit einer Dame erwartet, die in der Hierarchie einige Stufen über uns steht.
»Das war wohl zu erwarten«, sage ich. »Ich hätte nur nicht gedacht, daß sie so schnell dahinterkommen.«
»Wozu glaubst Du, daß der Datenstrom mit der Zentrale da ist? Damit kommen nicht nur unsere privaten Mails rein. Auch das Schiff sendet ständig Statusberichte an die Gesellschaft. Die haben unseren Schlenker zur Heimatwelt der Az’e’ess fast in Echtzeit mitbekommen.«
»Wenn Du das wußtest, warum hast Du dann mitgemacht? Du hast doch viel mehr zu verlieren als ich.«
»Nicht nur ihr Menschen habt euren Stolz. Auch meine Spezies besitzt einen moralischen Kompaß. Er funktioniert an vielen Stellen anders als eurer. Wenn es aber darum geht, jemandem zu helfen, der sich in Lebensgefahr befindet, dann sind auch wir verpflichtet, etwas zu tun.«
Daß ihr moralischer Kompaß anders funktioniert als meiner weiß ich spätestens, seit ich Herb einmal versehentlich nackt gegenübergetreten bin. Kein Anlaß also, das Thema jetzt zu vertiefen. Eins aber muß ich fragen:
»Was machst Du, falls sie uns kündigen?«
»Meine Brutansine arbeitet im Tourismussektor. Die nehmen Piloten mit meiner Erfahrung mit Kußhand. Und besser zahlen tun sie auch.«
»Deine Bru… was bitte?«
»Brutansine.«
»Was ist das?«
Herb sucht nach Worten. Sie ergeben für mich aber ebensowenig Sinn wie das Spiel seiner Tentakel, mit dem er die Erklärung untermalt. Schließlich geht mir auf, daß das Verständnisproblem grundsätzlicher Art ist. Für Verwandtschaftsverhältnisse in Spezies mit mehr als zwei Geschlechtern gibt es in unserer Sprache keine Entsprechungen, nur Ansammlungen von Silben und Phonemen. Ich stelle mir Herb immer als Mann vor, aber eigentlich ist er das gar nicht.
»Okay, Du hast also einen Plan B«, unterbreche ich schließlich seine Erklärungsversuche.
»Ja. Du mußt meinetwegen kein schlechtes Gewissen haben.«
So hätte ich das jetzt nicht bezeichnet, aber ein Stück weit hat er recht. Wahrscheinlich ist also der Rückflug in die Galaxis unser letzter gemeinsamer Einsatz. Warum müssen leichtsinnige Entscheidungen aber auch immer gleich Konsequenzen haben.
Fast bedaure ich mein Handeln. Für einen Alien ist Herb nämlich ziemlich cool. Ich würde ihn sogar beinahe als meinen Freund bezeichnen, wären wir in mancher Beziehung nicht so grundverschieden. Ich werde ihn auf jeden Fall vermissen.
Die Reparaturen ziehen sich und das Essen ist wenig abwechslungsreich. Da es aufgrund der Größe des Bereichs keine Amüsiermeile für Sauerstoffatmer gibt, kehrt bei uns bald Langeweile ein. Herb und ich verlegen uns aufs Kartenspielen. Ich verliere immer. Herb ist mit seinen Tentakeln einfach zu geschickt. Selbst wenn ich ein sicheres Blatt habe, vollführt er einen Wirbel mit den Tentakeln und plötzlich verliere ich doch noch. Manchmal frage ich mich, ob er mich hypnotisiert, aber jedes Mal, wenn ich den Gedanken ausformulieren will, lenkt er mich mit irgendetwas ab.
Nele ruft noch einige Male an. Ich nehme die Gespräche aber nicht mehr entgegen. Was soll ich ihr auch sagen? Schließlich kommt aber ein Anruf, den ich annehmen muß.
»Sekretariat von Administrator Volta, einen Moment, ich verbinde…«
»Hallo Schwiegervater.«
»Hallo Junge.«
»Was kann ich für Dich tun?«
»Ich denke ich kann etwas für Dich tun. Nele ist der Meinung, daß Du etwas Besseres verdient hast, als den Job, den Du gerade einnimmst.«
»Unglücklicherweise macht mir mein Job aber Spaß«, lüge ich.
»Na komm schon. Irgendwo wirst Du einen besseren Platz finden. Einen Platz, auf dem Du für Deine Frau und die Kinder da sein kannst. Hast Du Dir nie Gedanken darüber gemacht, was Du noch alles erreichen kannst?«
»Natürlich mache ich mir darüber Gedanken.«
»Dann sind wir uns also einig. Sag mir, was Du tun möchtest und ich sehe, was ich möglich machen kann.«
»Besorge uns einen Paß für Terra Nova.«
»Was bitte?«, fragt der Administrator nach einer Gedenksekunde.
»Ich will nach Terra Nova.«
»Aber dort kannst Du nur Bauer werden. Oder allenfalls Bürgermeister.«
»Ich könnte dort glücklich werden.«
»Nele würde niemals mitkommen.«
»Dann überzeug sie. Ich bin der Meinung, daß die Kinder, unsere Kinder, etwas Besseres verdient haben, als ihr Leben in tausendfach gefilterter Luft zu verbringen.«
»Sie werden ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert. Ihr Leben ist zu wertvoll, um es auf Terra Nova zu vergeuden.« Ich wußte nicht, daß mein Schwiegervater so kalt klingen kann.
»Vergeuden nennst Du das?«
»Wie nennst Du es?«
»Leben.«
»Ich habe Nele gleich gesagt, daß man mit Dir nicht diskutieren kann.«
Ich beende das Gespräch. Ich habe keine Lust, mich zu streiten. Derzeit liegt mir der Rückflug im Magen. Ich mag keine Generalaussprachen und hoffe, daß sie nicht noch auf die Idee kommen, uns für unser eigenmächtiges Handeln in Regreß zu nehmen. An dem Verlust der Passagierkapseln im Asteroidengürtel der nicht auf der Karte verzeichneten Sonne tragen wir zwar keine Schuld, aber unsere Arbeitsverträge lassen der Gesellschaft in dieser Beziehung alle Möglichkeiten offen.
Endlich ist das Schiff repariert. Ich habe kein Geld mehr, um mit Herb zu spielen. Das rote Licht, das die Sonne dieses Systems abstrahlt, ist zwar erholsam für die Augen, es macht aber auch müde. So viele Stunden, wie ich hier vorgeschlafen habe, genügen, um auf der HARKONNEN zwei Wochen am Stück durchzuarbeiten.
»Gut, daß ich erst vor einem Jahr eine Feldionentransistorspule für den Reservekreislauf aus einem Wrack ausgebaut habe«, sagt der Techniker, der uns vor dem Abflug einweist. »In Neu sind die kaum zu bezahlen.«
Ich nicke. Der Gesellschaft wird das gefallen, so knauserig, wie die sind. Wir besichtigen das Schiff. Eine Reparatur ist eigentlich etwas anderes. Hier draußen im tiefen Raum behilft man sich damit, daß man defekte Bauteile einfach umgeht. Der Optik der HARKONNEN schadet es nicht mehr, daß dafür einfach neue Komponenten an die Außenwand geflanscht wurden. Sie fliegt wieder und nur das zählt. Aerodynamik ist im Vakuum zweitrangig.
Herb bezahlt die Rechnung mit dem Gesellschaftsstick, den wir für solche Fälle an Bord haben. Der Zahlvorgang benötigt mehr Paßwörter als ich in meinem ganzen Leben lernen kann, aber mein Partner funktioniert da wie ein Roboter.
Danach holen wir unser Gepäck und gehen wieder an Bord.
Mißmutig wische ich einige Schleimspuren von meinem Sessel. Der Techniker, der hier gearbeitet hat, gehörte wohl zu einer amphibischen Spezies. Denen muß man immer hinterherputzen. Man sollte meinen, jemand hätte für solche Fälle schon mal selbstreinigende Oberflächen erfunden.
Es gibt sie bestimmt. Sie liegen nur außerhalb unserer Gehaltsklasse. Wassereimer und Putzlappen wird man wohl auch in zehntausend Jahren noch benötigen.
Dummerweise löst der Schleim sich nicht im Putzwasser auf. Wer weiß, aus was der besteht. Vielleicht ist er für mich sogar giftig. Also kratze ich die Rückstände mit Hilfe eines Spachtels und eines Föns von den Sitzflächen herunter.
Dann geht es los. Wir kappen vorsichtig die Andockverbindung zur Station, starten den konventionellen Antrieb und entfernen uns zuerst langsam mit den Manövrierdüsen, damit der Strahl des Antriebs nicht die Station zerlegt. Dann, in einiger Entfernung, nehmen wir Tempo auf und verlassen dieses Sonnensystem.
Herb berechnet derweil die Parameter für den ersten Sprung. Die Motoren klingen wieder wie zu Beginn unserer Reise. Beruhigt verlasse ich die Brücke. Mein Partner übernimmt die erste Schicht. Auf dem Weg in meine Kabine spüre ich den kurzen Anflug von Übelkeit, der den Sprung begleitet. Alles ist wie immer.
Die erste Hälfte der Nacht putze ich. Was zur Hölle hat dieser Kaulquappentechniker in meiner Kabine zu suchen gehabt? Selbst die Mikrowelle ist voller Schleim.
Dann schlafe ich aber doch und träume von der Aussprache, die uns bevorsteht. Ich würde sie gerne auf die lange Bank schieben und wir lassen uns entsprechend viel Zeit. Dann befindet sich plötzlich ein schwarzes Loch direkt auf unserer Strecke. Wir versuchen, mit dem konventionellen Antrieb zu entkommen, denn wir sind ihm zu nahe, um springen zu können. Wir schaffen es aber nicht. In einer engen Spirale stürzen wir hinein. Die Sterne beginnen sich um uns zu drehen und tanzen einen immer schnelleren Tanz am Firmament. Ich höre ein Brausen, das lauter wird. Dann wache ich auf.
Erleichtert, daß alles nur ein Traum war, richte ich mich im Bett auf, bemüht, nicht an die Decke des Alkovens zu stoßen. Der Zeitgeber in meinem Schnittstellenimplantat sagt mir, daß es Zeit ist, Herb auf der Brücke abzulösen.
Ich benutze die Schalldusche, ziehe mir frische Sachen an und mache mich auf den Weg zur Brücke. Unterwegs spüre ich den nächsten Sprung. Ganz gewöhnt man sich nie an das Gefühl. Der Eindruck, daß etwas Fremdartiges mit meinem Körper geschieht, bleibt.
Als ich oben ankomme, sehe ich das Grau, mit dem die Bildschirme anzeigen, daß wir uns im Hyperraum befinden und sie nichts empfangen. Herb begrüßt mich mit einem leichten Wedeln seiner Tentakel und schiebt sich etwas in seinen Eßmund, das wie ein Stück trockenes Holz aussieht.
»Du kommst gerade rechtzeitig«, begrüßt er mich schmatzend. »Noch ein Sprung und wir sehen die Station.«
»So schnell? Wir sollten doch erst morgen dort sein. Ich kann nicht sagen, daß ich es eilig habe, dorthin zu kommen.«
»Ich finde, wir sollten einen guten Eindruck machen. Deswegen habe ich eine Abkürzung genommen.«
»Soll das heißen, Du bist von unserer Route abgewichen und durch unkartographierten Raum geflogen?«
»Hab Dich nicht so. Du weißt, daß der Raum sehr wohl kartographiert ist. Es fliegt nur nie jemand dort lang.«
Damit hat er recht. Die Raumschiffe fliegen wie Schafherden immer auf den gleichen Strecken von Station zu Station. Dies sind nicht unbedingt die kürzesten Wege und gerade so weit draußen wie hier kommt man viel schneller voran, wenn man nicht aus alter Gewohnheit immer von einem Stern zum nächsten springt, sondern auch den interstellaren Raum nutzt. Bei einer Havarie wäre das übel, aber unser Schiff ist zum einen frisch überholt und zum anderen kommen Havarien praktisch nicht vor.
Außer bei uns. Ich erinnere mich nur ungern an den Asteroidengürtel, in dem wir vor einigen Wochen gelandet sind, weil eine Sonne nicht auf der Karte verzeichnet war.
Das schlechte Karma bleibt uns treu. Wir springen aus dem Hyperraum und unvermittelt schrillen die Alarmglocken los. Die Bildschirme strahlen hell auf. Das letzte, was ich sehe, ehe ich geblendet die Augen schließen muß, ist eine riesige, blauweiße Feuerkugel direkt vor dem Schiff.
»Verdammt«, brülle ich los, »was hast Du getan?«
Die Schilde werden dem Ansturm an Strahlung nur wenige Sekunden standhalten. Die Temperaturanzeige der Außenhülle bewegt sich auch so schon in beängstigendem Tempo in den roten Bereich. Wegfliegen können wir nicht. Bis dahin sind wir in der Korona des blauen Überriesen verglüht, in die uns der Sprung getragen hat. Genau genommen bleiben uns nur Sekunden, um das zu verhindern.
»Schilde auf 40 Prozent. Bring uns hier raus. Wir müssen wieder springen!«
»Wir sind zu nahe an der Sonne. Wir dürfen nicht springen.« Herb ist die Ruhe selbst. Ganz im Gegensatz zu mir.
»Schilde auf 10 Prozent. Scheiß auf die Regeln. Wenn wir nicht springen, sind wir tot, also spring schon!«
Herb ist zum gleichen Ergebnis gekommen, denn seine Tentakel huschen hektisch über den Touchscreen des Sprungantriebs. Die Schilde brechen zusammen und auch die Temperaturanzeige befindet sich mittlerweile am Anschlag. Ich stelle mir im Geiste vor, wie die Hülle jetzt verdampft und unsere Kabinen gleich platzen wie ein Ei in der Mikrowelle.
Ein Brüllen erklingt um uns herum, dann höre ich ein metallisches Kreischen. Ich muß mich übergeben und erwische eben noch den Putzeimer, der seit gestern auf der Brücke steht. Dann wird es dunkel. Die Bildschirme zeigen wieder das Grau des Hyperraums. Nach der Helligkeit eben wirkt es auf meine überreizten Augen wie schwarz.
Nur Sekunden dauert dieser Zustand. Dann hört das Kreischen auf. Das Vibrieren des Antriebs stoppt und Stille breitet sich aus. Der Touchscreen der Hyperantriebssteuerung wird dunkel, ebenso wie die Bildschirme.
»Wir leben noch.« Ich tauche aus meinem Eimer auf und merke, daß ich selten etwas Dümmeres gesagt habe.
»Das war knapp«, sagt Herb.
»Wo sind wir?«
»Keine Ahnung.«
»Wie hast Du so schnell einen neuen Sprung berechnet?«
»Das habe ich nicht.«
»Aber wir sind doch irgendwo.«
»Ich habe einfach die letzten Sprungkoordinaten eingegeben. Nur rückwärts.«
»Hat Dir schon mal jemand gesagt, daß Du genial bist?«
»Nein.«
»Du bist genial.«
»Danke.«
Herb brummelt etwas vor sich hin. Mit drei Armen kontrolliert er die Instrumente auf den Armaturen. Der vierte Tentakel ist um das restliche Stückchen Holz gewickelt, das er sich jetzt in den Mund schiebt.
»Wie ist die Lage?« Eigentlich will ich die Antwort nicht hören.
»Die Schäden an der Hülle sind so stark, daß wir wieder ins Raumdock müssen. Zum Glück ist ihre Integrität noch nicht gefährdet. Wir sind bloß nicht dort, wo wir gestartet sind. Die meisten Systeme laufen. Auch die KI des Schiffes ist online. Der Sprungantrieb ist aber ausgefallen und hat uns irgendwo abgesetzt.«
»Können wir ihn reparieren?« Auch vor der Antwort auf diese Frage habe ich Angst.
»Weiß ich noch nicht. Zumindest haben wir Energie.«
»Ein Glück. Dann können wir wenigstens einen Notruf absetzen.«
»Hast Du nicht zugehört? Der Sprungantrieb ist ausgefallen. Ohne offenes Fenster in den Hyperraum kein Hyperfunk.«
Herb klingt wie ein Lehrer, der dem dümmsten seiner Schüler etwas versucht, zu erklären, das der eigentlich wissen sollte.
»Mist.«
Mehr fällt mir gerade nicht ein. Wir sind also zwischen den Sternen gestrandet. Zumindest befinden wir uns nicht mehr in akuter Gefahr. Ich gehe zur Recyclingstation und entleere den Inhalt des Putzeimers. Als ich zurückkomme, hat sich Herb einen Überblick verschafft.
»Die gute Nachricht ist: wir leben«, begrüßt er mich.
»Das klingt nach einer Menge schlechter Nachrichten.«
»Definitiv. Die Abschirmung des Andockrings hat nämlich der Hitze nicht standgehalten. Unsere Passagiere sind alle gut durchgebraten. Wir sind allein.«
»Das wird der Gesellschaft nicht gefallen. Was noch?«
»Die Gesellschaft ist unser kleinstes Problem. Wir sind nicht dort, wo wir sein sollten. Das Schiff versucht gerade, uns wieder in den Sternkarten zu positionieren. Das wird etwas länger dauern, denn die Schiffssensoren sind teilweise beschädigt. Alles, was der Strahlung dieser Sonne nach dem Versagen der Schilde ausgesetzt war, ist angeschmolzen.«
»Was ist schiefgegangen? Ich glaube nicht, daß Du uns dorthin springen lassen wolltest, wo wir gelandet sind.«
»Zuerst muß das Schiff herausfinden, wo wir sind. Danach kann ich unseren Weg von der letzten bekannten Position rekonstruieren.«
»Wie schnell geht das?«
»Keine Ahnung.«
Mein Magen meldet sich. Ihm ist wieder gut und er hat mitbekommen, daß er jetzt leer ist.
»Laß uns so lange etwas essen. Wenn wir schon sterben sollen, will ich wenigstens satt sein.«
»Niemand redet vom Sterben. Wir haben Vorräte für mehrere Monate.« Herb kommt aber trotzdem mit. Streß macht hungrig.
Nach einigen Minuten – ich habe mir gerade ein Fertigmenü geöffnet – hören wir einen Signalton. Das Schiff hat uns gefunden. Herb greift sich seinen Snack und verschwindet. Ich esse einige Happen und trotte dann hinterher.
Ich finde ihn in die Sternenkarte vertieft. Er kaut auf dem Rest seines Snacks herum, diesmal etwas weiches, glibberiges, das wirkt, als würde es noch leben. Ich setze mich auf meinen Platz und scrolle durch die Außenbildschirme, bis er damit fertig ist.
Wir befinden uns immer noch nahe am Rand der Galaxis. Daher sehe ich sie nur auf einer Seite des Himmels strahlen. Die andere Seite ist größtenteils schwarz.
Nur ein Kugelsternhaufen befindet sich in der Nähe. Ziemlich in der Nähe. Er nimmt am Himmel ein größeres Areal ein. Die gelben, dicht gedrängten Sterne strahlen in ihrer Gesamtheit so hell, daß sie wohl einen Schatten werfen würden, hätten wir sonst kein Licht. Der Haufen liegt hier seit Anbeginn der Zeit am Rande unserer Milchstraße. Die meisten seiner Sterne sind entsprechend alt. Alle jungen, blauen Sterne sind schon lange erloschen. Die verbleibenden orangen und roten Sterne bieten einen tiefen Blick in die Vergangenheit.
Auf einigen Planeten innerhalb dieses Systems sollen einige der ältesten Spezies unserer Galaxis leben. Das sagt zumindest die Gerüchteküche, denn belastbare Untersuchungen zu diesem Thema gibt es seltsamerweise nicht. Die wenigen Expeditionen, die jemals aus dem Kugelhaufen zurückgekommen sind, brachten wenig aussagekräftiges Material mit. Ihre Berichte lesen sich, als stünden die Mannschaften immer noch unter Schock. Nur über das, was sie ängstigt, erfahren wir nichts.
Wie es solch alte Zivilisationen geschafft haben könnten, ihre Gesellschaft über einen solch langen Zeitraum stabil zu halten, versteht kaum jemand im restlichen Universum. Sehe ich mir unsere eigene Geschichte an, so ist es ein gewaltiges Wunder, daß wir es überhaupt bis hierher geschafft haben, ohne unseren eigenen Planeten völlig unbewohnbar zu machen. Nun gut, viel fehlt nicht mehr und Leute wie mein Schwiegervater tragen bestimmt nicht dazu bei, daß sich daran etwas ändert.
Auf mich wirkt der Sternhaufen so fremdartig, daß ich mich für einige Sekunden fühle, als wäre ich allein auf der Welt. Wie hypnotisiert schaue ich auf diese milchige Scheibe aus gelben Lichtpunkten.
»Hrrrmmm…« Nach menschlichen Maßstäben hat sich Herb gerade geräuspert, auch wenn es sich anhört, als läge ein großer Hund im Sterben.
»Was hast Du herausgefunden? Hattest Du falsche Parameter für den Sprung berechnet?«
»Ausgeschlossen. Du weißt, daß ich mich nie verrechne.«
Das stimmt. Herbs Gehirn besitzt eine mathematische Präzision, die es durchaus mit unserem Schiffscomputer aufnehmen kann.
»Was war es dann?«
»Hier hätten wir entlang fliegen müssen«, Herb zeigt mir eine gerade, weiße Linie auf der Karte. »und hier sind wir gelandet.« Er zeigt auf einen hellen, blauen Stern abseits der Strecke, bei dem es sich wohl um den blauen Überriesen handelt, der uns beinahe gegrillt hätte. »Der Stern heißt übrigens Uronas Epsilon. Irgendwo auf unserem Kurs muß sich eine große Masse befinden, die unseren Kurs beeinflußt hat.«
»Du meinst eine Masse, wie die Sonne, in deren Asteroidengürtel wir vor einiger Zeit gelandet sind?«
»In etwa. Mit dem Unterschied, daß in dieser Region alles genauestens vermessen ist. Kein Objekt, das größer ist als ein Planetoid, kann hier existieren, ohne daß wir davon wüßten.«
»Und wo sind wir jetzt?«
»Wäre unser Antrieb nicht ausgefallen, hätte er uns mit diesen Parametern wieder zum letzten Sprungpunkt zurück geschossen. So haben wir es nur etwa bis zur Hälfte geschafft und befinden uns jetzt in der Nähe unserer ursprünglichen Route.«
Herb deutet mit einem langen Stift in die holographische Karte hinein auf den Punkt an dem wir uns befinden. Dort liegt außer uns nichts. Keine Sonne, kein Zwergstern, nicht einmal ein extrasolarer Planet treibt sich hier herum.
»Wie lange brauchen wir denn ohne Sprungantrieb zum nächsten bewohnten System?«
»Neunundzwanzig Jahre, acht Monate, siebzehn Tage und…«
»So genau wollte ich das nicht wissen.«
»Warum fragst Du dann?«
»Wenn Du Dir bereits die Mühe gemacht hast, es auszurechnen, wird die Zahl wohl etwas bedeuten.« Ich seufze tief.
»Sie bedeutet, daß wir hier festsitzen. Selbst wenn wir sofort starten, reichen unsere Vorräte nicht.«
»Außerdem wären wir dann alte Leute.«
»Du ja. Ich nicht.« Herbs Stimme trieft vermutlich vor Sarkasmus.
»Dann können wir auch hierbleiben. Zum Sterben ist dieser Ort genausogut wie jeder andere.«
»Wer redet vom Sterben? Du hast mich nicht gefragt, ob ich den Antrieb reparieren kann.«
»Kannst Du den Antrieb reparieren?«
»Jein.«
Herbs Sinn für Humor treibt heute wieder seltsame Blüten. Anscheinend bringen mich Fragen gerade nicht weiter oder ich stelle ihm die Falschen. Also schweige ich und warte, was er als nächstes tut.
Er wischt für eine Weile auf seinem Tablet herum und macht dabei mit seinen Tentakeln Gesten, die bei einem Menschen wohl Kopfschütteln bedeuten würden. Den Kopf schütteln kann er nicht, denn seine Spezies besitzt keinen Hals. Was bei uns der Kopf ist, zeigt sich bei ihm lediglich als beulenförmiger Auswuchs auf seinem Körper, auf dem die Münder und seine zwei Augenpaare sitzen. Dabei brummelt er Ausdrücke in seiner Muttersprache. Ob sie einen Sinn ergeben oder ob er einfach nur vor sich hin flucht, weiß ich nicht.
Schließlich wendet er sich mir wieder zu. Ich bemerke es daran, daß sich eines seiner Augenpaare auf mich richtet. Ansonsten ändert sich an der Körperhaltung und dem Spiel seiner Tentakel nichts.
»Das Schiff weiß nicht genau, wie stark der Antrieb durch den Start so nahe an einer großen Masse beschädigt wurde. Wäre er explodiert, gäbe es uns nicht mehr, also könnte es etwas zu retten geben. Ich muß mir das genauer ansehen.«
»Was kann ich tun?«
»Das Schiff für alle Fälle nach einem Ort zum Landen scannen lassen. Es muß kein Planet sein, ein Planetoid reicht auch. Hauptsache etwas Schwerkraft. Innen im Maschinenraum kannst Du nicht helfen. Du bist zu unbeweglich.«
Das sagt mir eine Spezies ohne Hals und Hände. Diesmal schüttele ich den Kopf. Er wird schon wissen, was er tut. Aber mit der Schwerkraft hat er recht. Der Maschinenraum befindet sich ganz innen im Schiff. Die Zentrifugal-Gravitation, die durch die Rotation des Frachters entsteht, reicht dort nicht hin, so daß Herb seine Arbeit schwebend erledigen muß.
Er steht auf und geht. Ich setze mich auf seinen Platz und verschaffe mir ebenfalls einen Überblick über die Instrumentenanzeigen, die den Zustand des Schiffes verraten. Das dauert eine Weile. Der Bildschirm, über den wir den Sprungantrieb steuern, bleibt hartnäckig dunkel. Vermutlich sind die Maschinen unter der Belastung des Starts durchgebrannt.
Die Energie, die nötig ist, um ein Sprungfenster zu öffnen, durch das unser Schiff paßt, steigt in der Nähe großer Massen stark an. Ein Überriese stellt eine sehr große Masse dar, also können wir uns freuen, dort überhaupt weggekommen zu sein.
Derzeit wäre eine Masse in der Nähe aber wieder hilfreich. Sie muß zwischen der eines Planeten und der eines kleinen Mondes oder Planetoiden liegen, so daß die HARKONNEN darauf landen kann. Körper dieser Größenordnung sollten in der Karte verzeichnet sein.
Ich frage also zuerst das Schiff nach größeren Himmelskörpern in der Umgebung, die in der Karte verzeichnet sind. Die Antwort benötigt nur einige Sekunden: außer einer Wolke von Kometen und einem dünnen Asteroidenfeld gibt es im Umkreis von einem Lichtjahr nichts. Das hatte ich schon befürchtet. Wir treiben mit der Geschwindigkeit und Fahrtrichtung, die wir vor dem vorletzten Sprung erreicht haben, durch den erschreckend leeren interstellaren Raum.
Jetzt starte ich den eigentlichen Scan. Das Schiff sucht nun in allen Spektralbereichen aktiv nach Objekten, die in der Karte nicht verzeichnet sind. Das wird einige Stunden dauern. In dieser Zeit wärme ich mein Fertigmenü noch einmal auf, sehe mir danach auf der Brücke die Zustandsberichte der Schiffsbereiche an und starte eine Magnetdrohne, die mir einen Blick von außen auf den Frachter liefert.
Unsere ehemaligen Passagiere im Andockring haben nicht leiden müssen. Ihre Kapseln sind geplatzt wie Seifenblasen. Die enorme Hitze muß sie in Sekundenbruchteilen getötet haben. Wo die Außenhülle aus Verbundwerkstoffen besteht, sind keine äußeren Beschädigungen zu erkennen. Wo sie aus Metall besteht, ist sie aber auf der dem Überriesen zugewandten Seite angeschmolzen und das Metall sieht aus wie eine Eiskugel, die zu lange in der Sommersonne gelegen hat. Das war verflucht knapp. Mir läuft noch im nachhinein ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
Herb kommt aus dem Maschinenraum zurück. Er bewegt sich etwas unsicher. Die Arbeit in Schwerelosigkeit hat seinen Gleichgewichtssinn beeinträchtigt. Mit dem Geräusch eines Crescendos aus dutzenden Kastagnetten plaziert er sich in ein Gestell, das nach seinen Maßstäben wohl einem Stuhl entspricht.
»Waren das Deine Gelenke?«
»Blödmann.« Gelenke sind in Herbs Körperbau ebensowenig vorgesehen wie ein Hals. Wahrscheinlich hat er nur geseufzt. »Hast Du einen Landeplatz für uns gefunden?«
Wie auf Kommando erklingt ein Quittungston. Das Schiff hat seinen Scan beendet. Ich überfliege den Bildschirm und zeige ihn ihm dann.
»Das hatte ich befürchtet.«
»Kannst Du den Antrieb denn reparieren?«
»Wahrscheinlich. Sofern wir irgendwoher Schwerkraft bekommen. Ich mußte mich trotz der Magnetschuhe zweimal übergeben. Einen ganzen Arbeitstag halte ich das nicht aus.«
»Ich könnte das Schiff anweisen, enge Kreise zu fliegen.«
»Das funktioniert nur, wenn wir gleichzeitig die Schiffsrotation stoppen. Dann zieht aber fast überall im restlichen Schiff die Schwerkraft in eine andere Richtung als sonst. Das wird verflucht anstrengend für uns beide.«
Er hat recht. So viele Medikamente, wie wir dann bräuchten, um die Störung unseres Gleichgewichtssinnes zu kompensieren, gibt es in der Bordapotheke nicht. So sitzen wir eine Weile schweigend beieinander und jeder sucht für sich nach einer Lösung des Dilemmas.
Ein Warnton unterbricht unsere Grübelei. Das Schiff meldet eine leichte Kursänderung. Wir ignorieren sie. Dann ertönt die Warnung aber ein zweites Mal.
»Warst Du das?«, fragt Herb.
»Nein. Ich dachte, Du hättest unten den konventionellen Antrieb gestartet.«
»Nichts habe ich. Wir treiben immer noch im Raum.«
Ich korrigiere den Kurs mit den Manövrierdüsen, auch wenn es eigentlich egal ist, in welche Richtung wir treiben. Aber schon kurze Zeit später meldet das Schiff die nächste Kursänderung.
»Irgendetwas scheint uns in Richtung des Kugelsternhaufens zu ziehen.« Ich checke noch einmal die Sensoren, aber sie zeigen weiterhin nichts an. »Der Haufen ist aber viel zu weit entfernt, als daß wir seine Gravitation hier spüren würden.«
Herb versinkt für einige Minuten in einem katatonischen Zustand. Er läßt seine Tentakel schlaff herunterhängen und wirkt, als könne man ihn mit einem leichten Stubs vom Hocker kippen. Ich kenne das von früher. Er hat gerade eine Eingebung und denkt intensiv darüber nach. Dann beugt er den Oberköper, so daß er beide Augenpaare auf mich richten kann:
»Ich habe den seltsamen Kurs unserer letzten beiden Sprünge durchgerechnet. Wir befinden uns in etwa an der Stelle, an der unser Sprung den Kurs geändert hat. Das bedeutet, daß sich die Masse, die unseren Sprung gestört hat, ganz in der Nähe befinden muß. Vielleicht ist sie es, die uns ablenkt.«
»Unsere Sensoren zeigen aber nichts an. Was für eine Masse kann das sein, die wir mit den Sensoren nicht wahrnehmen können? Dunkle Materie? Ein schwarzes Loch?«
»Weder noch. Dunkle Materie ist gleichmäßiger verteilt und ein schwarzes Loch hätte eine Akkretionsscheibe und die würde strahlen. Wir müßten es sehen können.«
»Wie sieht diese hypothetische Masse dann aus?«
»Keine Ahnung. Vermutlich klein und dunkel. Vielleicht ein Neutronenstern.« Herb wirkt genauso ratlos wie ich.
Wieder sitzen wir eine Weile still da und ignorieren die weiteren Kursänderungen, die das Schiff meldet. Unsere virtuellen Außenbildschirme werden uns vom Schiff so berechnet, daß sie immer in die gleiche Richtung zeigen. Die Software kompensiert die Rotation des Frachters und etwaige Kursänderungen automatisch, damit wir uns nicht wie in einem Karussell fühlen. Daher ist ein Bildschirm immer noch auf den Kugelsternhaufen gerichtet. Ich kann meinen Blick nicht von diesem prachtvollen Anblick lösen. Vielleicht sollte ich das Panorama ausdrucken und in meiner Kabine aufhängen, überlege ich.
Dann bleibt mein Auge plötzlich an einem Detail hängen.
»Ich… ich glaube… ich habe… die unsichtbare Masse gefunden«, stottere ich und zeige mit dem Finger auf ein kleines schwarzes Scheibchen, das sich vor dem Kugelsternhaufen deutlich abzeichnet. »Das scheint mir aber doch ein schwarzes Loch zu sein.«
»Quatsch!« Herb hat sofort geschaltet und kontrolliert bereits die Instrumente. »Wäre es ein schwarzes Loch, dann müßte man einen Einsteinring um seinen Rand sehen. Das hier ist etwas anderes.«
»Was könnte es dann sein?«
»Keine Ahnung.« Das scheint in letzter Zeit sein Lieblingsspruch zu sein. »Wenn ich die Stelle direkt anpeile, sehe ich eine schwache Signatur im Infrarot. Sehr schwach, sie hebt sich kaum vom Hintergrundrauschen ab. Wir müssen näher ran.«
Ich weise das Schiff an, den Antrieb zu starten und das schwarze Scheibchen direkt anzusteuern. Die Motoren des konventionellen Antriebs zeigen ihre Arbeit durch ein Vibrieren der Schiffsstruktur und bald spüren wir die Beschleunigung.
»Hoffentlich ist es nicht auch Lichtjahre weg.«
»Das glaube ich nicht«, sagt Herb. »Schau mal, es wird bereits größer.«
Ich sehe genau hin, und tatsächlich scheinen zwei Sterne des Haufens, die sich besonders nahe dem Rand der Scheibe befinden, plötzlich zu verlöschen. Die dunkle Fläche wächst also tatsächlich.
»Das wird jetzt eine Weile dauern«, sagt Herb. »Geh schlafen. Ich habe noch zu tun und möchte allein sein. Morgen sehen wir weiter.«
Das Konzept morgen ist im All auch relativ, da es weder Tag noch Nacht gibt, wie es die meisten Spezies von ihren Heimatplaneten gewöhnt sind. Man ist übereingekommen, eine Zeitrechnung einzuführen, die in Perioden von etwa sechs Stunden eingeteilt ist. Jedes Volk sucht sich das Vielfache dieser Grundperiode aus, das ihren eigenen Zyklen am nächsten kommt.
Bei mir sind es 24 Stunden. Herb ist einen 36-Stunden-Tag gewohnt. Spezies, die auf sehr jungen Planeten mit schneller Rotation oder in binären und ternären Systemen leben, benötigen 6, 12 oder 18 Stunden, andere entsprechend mehr. Diejenigen, die Winterschlaf halten oder Planeten mit gebundener Rotation bewohnen, empfinden das Verstreichen der Zeit sowieso völlig anders als wir und müssen sich irgendwie einpassen.
Ich mache mir etwas zu essen und sehe mir einen Film aus der Konserve an. Aktuelle Nachrichten werden wir mangels Hyperfunk bis auf weiteres entbehren müssen. Mein Schlaf ist nicht ruhig. Dafür ist zuviel passiert. Ich träume lebhaft von schwarzen Löchern und Wurmlochmonstern, die das Schiff verschlingen wollen.
Als ich am Morgen aufwache, fühle ich mich aber dennoch einigermaßen erholt. Ich hole mir einen Snack aus der Küche und laufe dann bewaffnet mit einem großen Becher Instantkaffee auf der Brücke auf. Herb ist immer noch in die Instrumente vertieft und hält mir grüßend einige seiner Tentakel entgegen. Ich widerstehe dem Impuls zum Händeschütteln – dies wäre in seiner Vorstellungswelt ein persönlicher Affront – und setze mich ihm gegenüber.
»Das gibts Neues, Wächter der Ewigkeit?«
Die Anrede scheint ihn zu amüsieren, denn er gibt ein röchelndes Geräusch von sich, das Seinesgleichen als Kichern verstehen.
»Es ist künstlich«, sagt er dann.
»Ein Raumschiff?«
»Viel zu groß.«
»Wie groß?«
»5 Millionen Kilometer Durchmesser.«
»Das ist viel.«
Ich betrachte die scheibenförmige Verdunklung, die mittlerweile einen größeren Teil des Kugelhaufens verdeckt und sichtbar schneller wächst als am Vortag.
»Ist es eine Sphäre?«, frage ich dann.
»Ja.«
»Warum meinst Du, daß sie künstlich ist?«
»Weil sie hohl ist. Ein kompakter Körper dieser Größe würde sofort zu einem schwarzen Loch zusammenstürzen.«
Das ist zu viel Input für die Tageszeit. Ich trinke einige Schlucke Kaffee und sortiere das, was von meinen Gedanken schon da ist. Dann kontrolliere ich die Anzeigen der Instrumente in meiner Nähe. Mir fällt auf, daß die einzigen Objekte, die mir gestern nach dem Scan angezeigt wurden, sich jetzt in relativer Nähe befinden. Der Schwarm Kometen und das Asteroidenfeld sind aus der Nähe nämlich ringförmig und kreisen um das dunkle Objekt vor uns. Die Asteroiden befinden sich dabei innen und die Kometen außen.
Diese Formation erinnert mich an irgendetwas. Ich komme nur nicht drauf.
»Wann erreichen wir die Sphäre?«
»Nachdem ich geschlafen habe. Ich leite nur eben das Bremsmanöver ein. Danach hast du die Brücke.«
Tatsächlich wechselt die Beschleunigung plötzlich die Richtung. Herb steht auf und verschwindet grußlos. Ich rufe mir seine Aufzeichnungen auf meinen Bildschirm. Er hat sicherlich mehr herausgefunden als das, was er mir gerade erzählt hat, und überläßt es jetzt mir, seine Ergebnisse zu überprüfen.
Die Sphäre ist jetzt auch im Infrarot aufgrund ihrer Größe gut sichtbar. Sie strahlt völlig gleichmäßig und verhält sich beinahe wie ein schwarzer Körper. Ihre Temperatur liegt nur wenig über der des kosmischen Hintergrunds. Was auch immer da drin ist, hat sich fast perfekt vor dem Rest des Universums abgeschirmt. Nur weil wir nach kosmischen Maßstäben direkt darüber gestolpert sind, hat die Sphäre ihre Existenz durch ihre Schwerkraft verraten.
Aufgrund der Auswirkung unserer Kursänderungen konnte Herb die Masse der Sphäre errechnen. Sie wiegt gut halb so viel wie unsere Sonne. Das ist mehr als genug, um unser Schiff aus der Bahn zu werfen, wenn der Sprung zu dicht daran vorbeigeht. Ich versuche über Stunden, diese Informationsbruchstücke in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Ein wenig wirkt dieses Ensemble aus Asteroidengürtel, Kometenwolke und Zentralkörper auf mich, wie die kümmerlichen Reste eines ehemaligen Planetensystems.
Das Wort Planetensystem bringt mich auch auf die Idee, um was es sich bei diesem ominösen sphärischen Zentralkörper handeln könnte. Es gibt sogar ein Wort dafür. In der Frühzeit unserer Entwicklung, als alles, das heute geschieht, noch Science-Fiction genannt wurde, haben sich die Schriftsteller eine ganze Menge verrückter Dinge ausgedacht.
Eines davon war die Dyson-Sphäre. Dabei handelt es sich um ein Konzept, die gesamte Energie einer Sonne einzufangen, indem man das System mit einer mechanischen Sphäre umgibt. Je nach Konstruktion der Sphäre, einer eventuellen Rotation und ihrer Entfernung zum Zentralgestirn konnte man auf ihrer Außen- oder Innenseite sogar leben.
Natürlich lassen die physikalischen Gegebenheiten die Konstruktion einer Sphäre um beispielsweise unser Sonnensystem nicht zu. Sie wäre einfach zu groß. Es gibt auch heute keine Materialien, die einer derartigen Belastung dauerhaft standhielten, ganz abgesehen davon, daß diese Werkstoffe auch in Mengen vorhanden sein müßten, die dem Inhalt eines kleinen Asteroidengürtels…
Könnte das sein? Die Asteroiden befinden sich mittlerweile so nahe, daß ich sie genauer scannen kann. Genau genug, um ihren Metallgehalt abzuschätzen. Vor allem Eisen ist dort immer in erheblichen Mengen vorhanden.
Ich scanne also auf Eisen. Minutenlang messen die verbliebenen Sensoren. Dann lese ich die Ausgabe:
‘Eisengehalt unterhalb der Nachweisgrenze.’
Ein weiteres Indiz. Möglicherweise wurde das fehlende Metall für die Konstruktion der Sphäre verwendet. Das führt zwangsläufig zur nächsten Frage: Was befindet sich in ihrem Inneren? Der Durchmesser der Erdbahn beträgt 300 Millionen Kilometer. Selbst wenn der Stern im Inneren der Sphäre deutlich kleiner ist als unsere Sonne, ist die Sphäre viel zu klein. Ich bezweifle, daß die hypothetischen Bewohner und die Materialien, die sie nutzen, Temperaturen im vierstelligen Bereich angenehm finden würden. Keine der heute bekannten Spezies kann bei Temperaturen über 400 Grad Kelvin existieren. Irgendwo muß also noch ein Denkfehler sein.
Herb betritt die Brücke. Zum Glück hat er keine 18 Stunden geschlafen, sondern lediglich 6.
»Und? Wie lautet die Lösung unseres Rätsels?«
»Es handelt sich wahrscheinlich um eine Dyson-Sphäre.«
»Daii-sonn?« Das Wort gibt es in galaktischem Standard natürlich nicht.
»Die Sphäre wurde von einer intelligenten Spezies um ein ganzes Sonnensystem herum errichtet.«
»Ein Sonnensystem? Das kann bei der geringen Größe aber nur ein weißer Zwerg sein.«
Plötzlich erklärt sich alles. Herbs Bemerkung sollte ein Scherz sein, aber genau das ist die Lösung des Rätsels! Als weiße Zwerge bezeichnet man das Endstadium der Entwicklung einer Sonne. Wenn ein Stern all seinen Brennstoff verbraucht hat, bläht er sich zuerst zu einem roten Riesenstern auf und zieht sich danach zu einem weißen Zwerg zusammen, mit der gesamten verbliebenen Masse konzentriert in einer Kugel von Planetengröße.
»Und wenn?« frage ich. »Ein weißer Zwerg kühlt doch nur ganz langsam ab, über Jahrmilliarden von Jahren. Mit solch einer Sphäre drumherum, die so wenig Energie hindurchläßt, dauert es bestimmt noch viel länger. Letztlich ist er als Energiequelle mindestens genauso geeignet, wie eine Sonne und im Gegensatz zu unserem Sonnensystem liegt eine Dyson-Sphäre um einen Weißen Zwerg konstruktionstechnisch im Bereich des Möglichen.«
»Ein weißer Zwerg besitzt aber keine Planeten in der bewohnbaren Zone. Die Bewohner müßten also auf oder in der Sphäre leben.«
»Die einzige Erklärung, die mir spontan einfällt, ist, daß eine Spezies aus einem anderen System sich hier angesiedelt hat. Keine hier aufgewachsene Zivilisation könnte die Phase überleben, in der sich ihre Sonne zu einem roten Riesen aufbläht.«
»Das alles schließt Du aus dem Vorhandensein dieser Sphäre?« Herb will spöttisch klingen, aber ich merke, daß er beeindruckt ist.
»Wenn Du eine andere Lösung weißt, die Fakten mit Sinn zu füllen…«
Herb schweigt. Wir nähern uns dem Asteroidengürtel gerade bis auf Sichtkontakt. Die Gelegenheit, sich einige größere Exemplare genauer anzusehen. Ich zoome näher ran. Die größeren Asteroiden sind durchlöchert wie Schweizer Käse. Die gleichen Spuren von Schürftätigkeit habe ich in dem Asteroidengürtel um die Station gesehen, in der die HARKONNEN wieder instandgesetzt wurde. Nur hat man hier offensichtlich besser aufgeräumt, als die Schürfer das heute tun. Oder es ist einfach viel länger her. Jahrmillionen oder sogar Jahrmilliarden. Hier draußen halte ich alles für möglich.
Der Bremsvorgang dauert einige Tage länger als die Beschleunigung. Anscheinend haben wir uns von Anfang an durch unser Ursprungstempo mit erheblicher Geschwindigkeit aufeinander zubewegt. So findet auch Herb noch Zeit für einen längeren Schlafzyklus.
Schließlich verdeckt die Sphäre den kompletten Kugelsternhaufen im Hintergrund. Daß wir ihr durch unseren fehlgeleiteten Sprung so nahe gekommen sind, daß wir sie mit einem konventionellen Antrieb in derart kurzer Zeit erreichen, ist ungefähr so wahrscheinlich wie das Kasino auf einer Raumstation mit einem Gewinn zu verlassen.
Ich mache mir Sorgen, daß Herb sich mit der Gegenbeschleunigung zum Bremsen verrechnet hat und wir jetzt gegen sie Sphäre prallen. Zum Glück äußere ich sie nicht. Herb wartet nur darauf, daß ich die Nerven verliere. Sein Kommunikationsmund verzieht sich auch so zu etwas, das ich als spöttisches Grinsen interpretiere.
Ich überwache aber permanent die Sensoren. Falls die Kugel bewohnt ist, hat man uns vielleicht bemerkt. Aber die Stunden vergehen, ohne daß ich irgendetwas Ungewöhnliches feststelle. Im Gegenteil erscheint die Oberfläche der Sphäre so gleichmäßig schwarz, als wäre da einfach ein Loch am Firmament. Ein Loch, das mittlerweile fast die Hälfte des Himmels ausfüllt, so nahe sind wir der Sphäre jetzt.
Auf mich wirkt es beängstigend und in meinem Magen bildet sich ein flaues Gefühl, so als würde ich gleich hineinfallen.
»Wie haben die das bloß hingekriegt?« frage ich. »Man müßte doch auf diese Entfernung eine Struktur erkennen können, oder wenigstens ein paar Reflektionen.«
»Die Albedo hat einen Wert unter 0,01.«
»Wow!« Diese Fläche reflektiert nur 1 Prozent des einfallenden Lichtes. Ein so tiefes Schwarz kenne ich nicht. Wer auch immer die Sphäre gebaut hat, ist oder war uns technisch weit voraus. »Solch einen Aufwand treibt doch nur jemand, der auf keinen Fall gefunden werden will.«
»Klingt nach einer spannenden Geschichte.« Herb wendet sich mir zu. »Wenn Du willst, daß ich den Antrieb repariere, solltest Du das Schiff jetzt landen.«
»Und hoffen, daß die Sphäre nicht rotiert, damit wir etwas Schwerkraft haben«, ergänze ich.
»Oh, die Sphäre rotiert nicht und wir werden mehr als nur etwas Schwerkraft haben.«
»Woher weißt Du das?«
»Intuition.«
Ich bin mir sicher, daß es sich nicht um Intuition handelt, sondern daß Herb es weiß. Wir befinden uns mittlerweile relativ zur Sphäre in Stillstand und schweben in einigen hundert Metern Abstand vor ihr. Leider bedeutet das nicht, daß wir jetzt etwas von ihr sähen. Vor uns befindet sich nichts als tiefes Schwarz. Ich fahre also die Landestützen aus, stoppe die Rotation und bringe das Schiff mit den Manövrierdüsen näher heran. Aber selbst das normalerweise blendend helle Licht der Landescheinwerfer verschwindet im Nirgendwo. Damit wir nicht auf der Sphäre aufprallen, muß ich mir etwas einfallen lassen.
Ich behelfe mich, indem ich etwas Atmosphäre aus einem der Laderäume ablasse. Der darin enthaltene Wasserdampf kondensiert im Weltall sofort zu kleinen Eiskristallen. Durch den entstehenden Nebel sehe ich jetzt wenigstens die Strahlen der Scheinwerfer. Dort, wo sie abrupt enden, muß sich die Oberfläche der Sphäre befinden. Meter für Meter nähert sie sich, aber erst, als wir sie schon beinahe berühren, erkenne ich endlich etwas im Licht der Scheinwerfer und kann das Schiff punktgenau stoppen.
Mit einem sanften Ruck setzen wir auf und die wechselnden Beschleunigungen während der Landephase weichen tatsächlich einer moderaten Schwerkraft. Sie ist nicht so hoch, wie wir sie auf dem Schiff haben, aber genügt, damit wir uns problemlos orientieren und arbeiten können.
Dies ist unsere erste gemeinsame Landung auf einem Objekt mit Schwerkraft. Die üblichen Andockprozeduren auf den Raumstationen, die wir auf unserer Route besuchen, erscheinen mir wesentlich simpler und ich atme einmal tief auf, als wir endlich unten sind.
»Mir scheint, Du hast auf der Flugschule aufgepaßt.« Aus Herbs Mund ist das ein großes Lob. »Dann werde ich mich in den nächsten Tagen dem Antrieb widmen können.«
»Kann ich Dir helfen?« Meine Frage ist rhetorisch, denn Herb hat sich meine Hilfe im Maschinenraum ja bereits verbeten.
»Du kannst hier alles am Laufen halten und dafür sorgen, daß ich etwas Anständiges zu essen bekomme. Ich habe sehr wohl bemerkt, daß Du wieder Wasabufleisch organisiert hast.«
Ich erröte. Eigentlich wollte ich ihn damit überraschen und ich bin mir sicher, daß er nicht gesehen hat, wie ich es an Bord geschafft habe. Vermutlich hat er es gerochen. Sein Geruchssinn reagiert zwar sehr individuell – manche Dinge nimmt er überhaupt nicht zur Kenntnis – aber daß er seine Lieblingsnahrung bemerkt, hätte ich mir denken können.
»Ich weiß nicht, wovon Du redest.«
»Und komm nicht auf die Idee, Kontakt mit wem-auch-immer unter uns aufnehmen zu wollen, während ich im Maschinenraum arbeite. Der Plan lautet: Wir sind ganz still, reparieren das Schiff, fliegen dann wieder weg und überleben. Du hast uns schon mehr als einmal mit Deiner Neugier in Schwierigkeiten gebracht.«
»Ich weiß nicht, wovon Du redest.«
»Ja-ja, Du mich auch.«
Mir ist klar, daß Spezies, die um keinen Preis gefunden werden wollen, wahrscheinlich humorlos auf Besuch von außen reagieren. Herb hat da völlig recht und ich werde daher schön an Bord der HARKONNEN bleiben und mich mucksmäuschenstill verhalten. Das nehme ich mir fest vor.
Meine guten Vorsätze werden allerdings schon am ersten Tag auf die Probe gestellt. Ich versuche mit Hilfe der Schiffssensoren, einen Scan der Oberfläche zu erhalten und scheitere. Das Material absorbiert alle elektromagnetischen Wellenlängen, die die Scanner zu bieten haben. Das ist weit mehr als ein simpler schwarzer Anstrich. Ich frage mich, mit welcher atomaren Struktur sie eine solch vollkommene Absorption erreichen.
Ich entscheide mich, die Magnetdrohne einzusetzen und eine Probe des Materials zu nehmen. Die Auslaßklappe öffnet sich und sie fliegt langsam hinaus. Sie benutzt ihren Ionenantrieb, um sich einige Meter über dem Boden zu halten, fliegt etwa hundert Meter und setzt dann sanft auf dem Boden auf. Ich sitze auf der Brücke und beobachte die Anzeigen, die mir von der Drohne übermittelt werden.
Die Sonde verankert sich mit Saugnäpfen am Boden, ein Konstruktionsprinzip, das Herbs Rasse bis zur Vollendung perfektioniert hat. Selbst wenn der Boden nicht so glatt wäre wie hier, würde die Sonde mit einer Kraft am Boden haften die dem tausendfachen ihrer Eigenmasse entspräche. Genügend Kraft, um als Verankerung für den Diamantbohrer zu fungieren, den sie jetzt ausfährt.
Der Bohrer beginnt sich zu drehen. Langsam nähert er sich der Oberfläche. Als er sie berührt, geschieht zunächst nichts. Ich beobachte die Eindringtiefe in das Material. Sie bleibt konstant bei Null, selbst als die Drohne den Anpreßdruck bis zum Maximum hochfährt. Verflucht, das Material ist härter als Diamant!
Dann meldet sich aber eine andere Anzeige. Das Schiff scannt die Oberfläche der Sphäre rund um uns herum, damit wir sofort starten können, falls etwas Unerwartetes geschieht. Auf dem Infrarotmonitor sehe ich, daß ein kreisrunder Bereich rund um die Sonde herum sich plötzlich und sehr schnell erwärmt. Schon nach wenigen Sekunden ist er so heiß, daß ich den Bereich ohne Infrarotdetektor sehen kann. Sofort breche ich die Bohrung ab, lasse die Sonde die Verbindung lösen und von der Oberfläche abheben. Dann starte ich das Schiff, um notfalls wegfliegen zu können.
Die Sonde schwebt einige Meter über der Oberfläche, als sich unter ihr eine Öffnung bildet. Die mittlerweile weißglühende Oberfläche verschwindet, als hätte es sie nie gegeben.
In diesem Augenblick stürmt Herb auf die Brücke. Zwar bewegt er sich beinahe lautlos. Daß er sich beeilt, merke ich aber an dem Luftzug, den er mit sich führt.
»Ich hoffe, das war es wert. Mein Mittagessen schwebt jetzt zwischen den Generatoren herum.«
»Tut mir leid, aber draußen tut sich etwas.«
»Was hast Du angestellt?«
»Gar nichts. Ich habe nur eine Drohne…«
»Wie lautete die Abmachung?«
»Ich bleibe an Bord und verhalte mich mucksmäuschenstill.«
»Und?«
»Ich habe doch nur ein wenig gescannt.«
»Warg Bolton. Bericht!«
Wenn er mich bei meinem vollen Namen nennt, kann ich mich auf eine Gardinenpredigt gefaßt machen. Nicht jetzt. Jetzt müssen wir überleben. Aber irgendwann danach. Ich seufze und finde mich innerlich damit ab. Schließlich hat er recht.
»Die Sonde sollte nur eine Probe nehmen. Die Sphäre ist dummerweise härter als ihr Diamantbohrer. Möglicherweise haben wir dadurch jemanden geweckt.«
»Nur eine Probe… okay. Wenn die Sonde aber schon so schön über diesem Loch steht, schalte wenigstens die Telemetrie ein.«
»Ich gehorche wortlos und wir sehen das Kamerabild der Sonde, wie sie in das Loch hineinblickt. Aus ihrer Position sieht es eher aus wie ein langer Tunnel. Ich zoome in den Tunnel hinein und wir sehen, wie über die Tunnelwände elektrische Entladungen zucken. Was für ein Tunnel das auch ist, er verbraucht viel Energie.
Beim weiteren Hineinzoomen scheinen die Tunnelwände ihre Integrität zu verlieren. Aus der Nähe wirken sie eher wie ein Schlauch aus sehr dichtem Nebel. Die Entladungen scheinen sich innerhalb des Nebels zu befinden und erhellen ihn für kurze Augenblicke. Ich habe so etwas noch nie gesehen und auch Herbs Tentakel zucken ratlos hin und her.
Ganz weit hinten im Tunnel, auch unter der Vergrößerung kaum zu erkennen, sehen wir ein kleines, helles Scheibchen. Vielleicht ist er dort zu Ende. Was sich an dieser Stelle befindet, ist aber beim besten Willen nicht zu erkennen. Ich schalte den Bildschirm ab und beordere die Sonde zurück. Sobald sie wieder in ihrer Luke verschwunden ist, beginnt sich der Tunnel zu schließen. Nach einer Minute ist alles vorbei und wir blicken wieder ins Nichts.
»Was kann das gewesen sein?«, fragt Herb.
Ich traue mich nicht, meine Vermutungen als erster zu äußern. Auch bei uns auf der Brücke knistert die Luft, denn Herb ist sauer. Zu Recht, wie ich mir eingestehen muß. Also beobachte ich mit Sorge, wie seine Tentakel unkontrolliert zucken. Schließlich wickelt er sie wieder so eng um seinen Körper, daß sie beinahe in den Hautwülsten verschwinden, die sich beim Wickeln bilden. Ich blicke verlegen zu Boden und warte, was er als nächstes sagt.
Die Sekunden dehnen sich zu Minuten und die Minuten zu Viertelstunden. In mir reift die Erkenntnis, daß ich es diesmal wirklich übertrieben habe. Aber wie auch immer es ausgeht, ich muß da jetzt durch. Ohne Herb kommen wir hier nicht lebend raus.
Mit mir vielleicht auch nicht.
»Ich verstehe nicht, wie Deine Spezies so lange überlebt hat.«
Wieder herrscht eine Weile Schweigen. Ich sehe aber aus dem Augenwinkel, daß Herbs Körper sich langsam entspannt und die Tentakel sich Stück für Stück wieder abwickeln. Schließlich traue ich mich und blicke wieder auf. Der Anblick seines Körpers mit den tiefen Striemen verstört mich.
»Warum tust Du das, das mit Deinen Tentakeln?«
»Weil ich es sonst mit Dir tun würde.«
»Das finde ich nicht gerade zivilisiert.«
»Was erwartest Du? Du hast Dein Wort gebrochen und uns einer unkalkulierbaren Gefahr ausgesetzt. Es ist ein Wunder, daß nichts Schlimmeres geschehen ist.«
Ich spüre, daß er immer noch wütend ist. Ich muß es irgendwie schaffen, mich so weit zurückzunehmen, daß wir auch weiterhin miteinander zurechtkommen.
»Sag Du, was wir machen, Herb« sage ich so demütig, wie ich kann.
Ich blicke wieder zu Boden und warte auf seine Entscheidung. Er läßt mich noch eine Weile schmoren. Dann höre ich ihn tief Luft holen.
»Erstens: Ich repariere den Sprungantrieb.«
»Und zweitens?«
»Zweitens: Du tust nichts. Ich repariere den Antrieb. Wir starten das Schiff und ich berechne den ersten Sprung. Danach beraten wir, ob wir die Sphäre noch einmal kontaktieren. Entscheiden werde ich. Hast Du das verstanden?«
Ich nicke schweigend.
»Okay.« Herb erscheint jetzt wieder etwas besänftigt. »Du darfst Dir ruhig Gedanken machen. Ich würde ungern auf Deine bizarren Vorschläge verzichten.«
Hat Herb gerade einen Scherz gemacht? Sicher bin ich mir nicht. Also bemühe ich mich, freundlich zu lächeln. Seine subtile Drohung, was er bei meinem nächsten Fehler mit mir anstellen wird, zeigt mir, daß ich ihn immer noch zu sehr vermenschliche. Er tickt völlig anders als ich und die einzige Brücke zwischen uns besteht aus einem Satz simpler Regeln formuliert in galaktischem Standard. Regeln, die ich andauernd breche, weil ich von mir auf andere schließe.
Ich überlege, ob ich mich entschuldigen soll, aber auch dieses Konzept kommt in den Regeln nicht vor. Wenn man sich selbst bei manchen Menschen mit einer Entschuldigung in die Nesseln setzen kann, kann Herb das eigentlich nur mißverstehen.
Ich verzichte darauf und widme mich lieber den Telemetriedaten, die ich in der Zwischenzeit aus den Speichern der Sonde heruntergeladen habe. Herb verläßt seinerseits wortlos den Raum mit einem Geräusch, bei dem ich bete, daß es sich nicht um Blähungen handelt.
In den nächsten Tagen reiße ich mich zusammen. Wir landen wieder auf der Sphäre. Herb verbringt seine Wachphasen im Maschinenraum. Ich bewache die Brücke und scanne die Umgebung auf Auffälligkeiten. Die Sphäre verhält sich wieder so, als würde sie nicht existieren. So suche ich nach weiteren Himmelskörpern in diesem System, irgend etwas, das mir Aufschluß gibt über seine Geschichte, finde aber erschreckend wenig.
Planeten gibt es schon einmal gar keine. Nur dieser kleine Asteroidengürtel zieht weit draußen eine Bahn. Das ist nichts Besonderes. Nicht alle Sterne entstehen aus derart dichten Materiewolken wie unsere Sonne oder sie blasen ihr Planetensystem am Ende ihres Lebens einfach in einer Supernovaexplosion in den Weltraum. Nur dieser ausgeschlachtete Haufen Steine, der in respektvoller Entfernung um seinen gemeinsamen Schwerpunkt kreist, kündet von der wahrscheinlich bewegten Geschichte des Systems, in dem er vielleicht einmal Teil eines Planeten war.
Auffällig ist lediglich, daß alle diese Steine beinahe kreisförmigen oder nur leicht elliptischen Bahnen folgen. Es gibt keine Irrläufer, die Gefahr laufen könnten, einmal auf die Sphäre zu stürzen. Auch die Kometen weit draußen trauen sich anscheinend nicht in den inneren Bereich. Gut, wäre es anders, wäre dieser Sphäre vermutlich kein langes Leben beschieden. Daß ihr Material einem Diamantbohrer standhält bedeutet nicht, daß auch ein Asteroid oder ein Komet bei seinem Aufprall keinen Schaden anrichten würde. Vermutlich wurde das Umfeld der Sphäre bei ihrem Bau über Jahrtausende oder vielleicht sogar Jahrmillionen allmählich von diesen Körpern gereinigt. Entweder hat man ihr Material zum Bau verwendet oder man hat sie zwecks Energiegewinnung einfach in den Stern stürzen lassen.
Die Aufzeichnungen der Sondentelemetrie bringen mir nur wenig Neues. Ich frage mich, warum sich die Sphäre geöffnet hat, aber keinerlei weitere Aktion erfolgte. Solch ein Verhalten ist weder aggressiv noch defensiv. Vielleicht ist es eine Einladung, hindurchzufliegen und was-auch-immer-auf-der-anderen-Seite-wartet zu besuchen?
Nachdem über Tage nichts geschieht, entscheide ich, daß ich die Brücke für eine Stunde alleinlassen kann. Vielleicht kann ich den Draht zu Herb mit einer Mahlzeit aus Wasabufleisch wieder verbessern. In den letzten Tagen gab es nur Fertigmenüs für uns beide.
Tatsächlich habe ich das Fleisch kaum in der Pfanne, als er auftaucht.
»Ich dachte schon, Du kommst nie drauf. Fang nicht ohne mich an. Ich mache mich nur ein wenig frisch.«
Ich habe keine Ahnung, was ‘Frischmachen’ für seine Spezies bedeutet. Ich habe noch nie bemerkt, daß er sich wäscht oder in anderer Form seinen Körper pflegt. Eine Stunde später sitzen wir auf der Brücke. Herb ißt wieder, als hätte er sich den restlichen Hunger seines Lebens für diesen einen Moment aufgespart und als gäbe es nie wieder eine Mahlzeit. Bei aller Verwunderung über seinen Eßstil fällt mir aber ebenfalls auf, daß seine Haut einen frischeren Farbton aufweist als vorher. Zu fragen, ob er sich gewaschen hat, traue ich mich beim derzeitigen Stand unserer Beziehung nicht, aber er bemerkt wohl meinen fragenden Blick.
»Neuer Anzug.«
»Anzug…« Beim letzten Mal, als er den Kälteschutzanzug erwähnt hat, habe ich es für einen Scherz gehalten.
»Wie glaubst Du«, dabei wedelt er mir mit seinen Tentakeln vor der Nase herum, »kann ich sonst eine Körpertemperatur von 318 K aufrechterhalten in dieser Kühlzone, die ihr anderen gemütlich schimpft.«
Ich senke meinen Blick. In letzter Zeit bringt er es immer wieder fertig, mich zu überraschen. Zumindest bessert meine Aktion seine Laune erheblich und als wir danach zusammen auf der Brücke sitzen, wirkt er beinahe aufgeräumt. So traue ich mich, ihn wieder auf die mögliche Erforschung der Sphäre anzusprechen.
»Warum startest Du nicht das Schiff?« entgegnet er zu meiner Verblüffung.
»Wie jetzt? Bist Du etwa schon fertig?«
»Schon seit vorgestern.«
»Warum erzählst Du mir das erst jetzt?«
»Du hast nicht gefragt.«
Vielleicht muß ich es wirklich aufgeben, seine Gedankengänge verstehen zu wollen. Bei unseren vergangenen Abenteuern hatte ich zwischendurch das Gefühl, einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Derzeit ist es wohl besser, ich beschränke mich einfach auf die Regeln und erwarte, daß er das gleiche tut.
Ich starte also die Motoren des konventionellen Antriebs und bringe zwischen die HARKONNEN und die Sphäre einige hundert Meter Abstand. Danach starte ich den Hyperraumantrieb und öffne das Kommunikationsfenster. Die Motoren schnurren, als wären sie nie aus der Korona eines Überriesen gestartet. Es sieht so aus als könnten wir wieder jederzeit springen. Auf dem Infoboard wird der Download eines größeren Datenpakets angezeigt. Wir haben in den letzten Tagen sicherlich einiges verpaßt.
»Na los, starte schon Deine Sonde«, sagt Herb.
Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und betrachte interessiert die Bildschirme, auf denen die Umgebung abgebildet wird.
»Fehlt etwas?« Ich habe es geschafft, ihn zu irritieren.
»Du hast gesagt, wir tun das erst, wenn Du Sprungkoordinaten berechnet hast.«
»Das habe ich doch schon längst.«
»Herb, ich mag in letzter Zeit einiges falsch gemacht haben, aber Kommunikation ist auch von Deiner Seite aus keine Einbahnstraße.« Ich finde, diese Retourkutsche hat er verdient. »Ich will mir alle Mühe geben, aber Du solltest das auch tun.«
Ich starte die Sonde. Herbs Tentakel zucken wieder durch die Gegend. Ich wünschte, ich könnte lesen, ob das Ärger ist oder ob ich ihn lediglich mit meinem Verhalten amüsiere. Vielleicht tut er mir ja den Gefallen und drückt sich in nächster Zeit weniger kryptisch aus.
Die Sonde nähert sich wieder der Oberfläche. Diesmal muß sie nicht erst den Bohrer ansetzen. Die Sphäre scheint sie zu erkennen und öffnet den Tunnel nach innen, noch ehe sie landen kann.
»Was meinst Du? Sollen wir sie hineinschicken?« Ich kontrolliere die Telemetrie und erhalte dieselben Meßwerte über diesen Tunnel wie beim letzten Mal.
»Ich programmiere sie für einen autonomen Flug einmal hinein und wieder heraus. Wir werden drinnen keine Funkverbindung haben.«
Ich bin froh, daß er das übernimmt. Der Tunnel ist nur wenig größer als die Sonde und seine Wände sehen nicht so aus, als sollte man ihnen zu nahe kommen. Herb bearbeitet den Bildschirm seines Tablets mit seinen Tentakelfingern, als würde er ihn putzen. Dann sendet er das Programm, das er in wenigen Sekunden geschrieben hat, zur Sonde. Sie setzt sich in Bewegung. Ganz langsam verschwindet sie in dem Tunnel. Wie erwartet bricht die Funkverbindung sofort ab.
Nur wenige Sekunden später schießt sie mit hoher Geschwindigkeit wieder aus der Öffnung und der Tunnel schließt sich, als hätte er niemals existiert.
»Sieht aus, als wären wir nicht willkommen.« Ich schnappe überrascht nach Luft.
»Dann hol sie mal wieder an Bord. Ich bereite alles zum Weiterflug vor.«
Ich lasse mir routinemäßig die Telemetriedaten überspielen, während die Sonde sich wieder an ihrem Ankerplatz verstaut. Dann stutze ich.
»Sag mal, wie groß ist noch mal das Programm, mit dem Du den Kurs der Sonde programmiert hast?«
»Kaum der Rede wert. Es sind nur eine Handvoll Anweisungen. Warum?«
»Weil die Speicher der Sonde voll sind, und zwar bis zum letzten Byte.«
Jetzt habe ich seine volle Aufmerksamkeit. Gemeinsam sehen wir die Aufzeichnungen durch.
»Hier sind jede Menge Telemetriedaten gespeichert.« Herb ist die Fassungslosigkeit anzumerken. »Das ist unmöglich.«
»Schauen wir sie uns an. Ich habe da eine Idee.«
Wir schalten die Außenkameras der Sonde auf die Bildschirme und spielen die Aufzeichnung ab. Wir sehen die HARKONNEN über der Sphäre schweben. Dann dreht sich die Perspektive und wir blicken in den Tunnel vor uns, in den wir langsam eintauchen. Er ist tatsächlich nur wenig größer als die Sonde. Die Wände sehen aus unmittelbarer Nähe noch gruseliger aus als auf der Vergrößerung bei unserem letzten Versuch.
Ein wenig wirkt es wie die Anzeigen der Bildschirme, während wir uns im Hyperraum befinden, nur daß das neblige Grau – das eigentlich nur die Abwesenheit von Farbe ist – eine unruhige Textur besitzt, in der sich einzelne magnesiumweiße Funken langsam entlang der Tunnelwand bewegen. Dadurch entsteht der optische Eindruck, als würde die Sonde langsam in einen Strudel hineingesogen.
Endlos dauert die Fahrt. Das helle Scheibchen, das ein Ende des Tunnels anzudeuten scheint, wächst ähnlich langsam wie vor einigen Tagen das Abbild der Sphäre vor dem Kugelsternhaufen im Hintergrund. Herb schaltet auf schnellen Vorlauf, aber auch so dauert es noch mehrere Minuten, bis wir sehen, wie die Sonde den Tunnelausgang wirklich erreicht.
Das unruhige Grau weicht abrupt einer gelblichen Helligkeit, als wir in schnellem Vorlauf in das Innere der Sphäre schießen. Herb stellt das Tempo zurück auf normale Geschwindigkeit. Die Sonde hat programmgemäß gestoppt. Die Orientierung fällt mir in den ersten Sekunden schwer. Erst als ich mir die Innenwand der Sphäre als deutlich gewölbten Boden vorstelle, klappt es.
Darüber schwebt am Himmel der weiße Zwerg als heller gelbweißer Punkt. Die andere Seite der Sphäre können wir nicht sehen. Dafür scheint die planetengroße Sonne im Zentrum zu hell. Ebenfalls irritierend finde ich den Wald aus Säulen, der – so weit die Kameras reichen – dem Licht entgegenstrebt. Die Stelen sind so hoch, daß wir ihre Enden nicht erkennen können. Welchem Zweck sie dienen, erschließt sich uns nicht.
Im Gegensatz zu den grauen Tunnelwänden erkennen wir jetzt aber wieder Farben. Die Innenseite der Sphäre ist deutlich erkennbar aus verschiedenen Metallen gefertigt. Es gibt auch transparente Bereiche, hinter denen sich Hohlräume in verschiedenen, pastelligen Farbtönen verbergen.
»Schau, dort wohnen die Bewohner dieser Sphäre wohl.«
Herb hat es zuerst erfaßt. Die Schwerkraft wirkt nach innen und was wir sehen, ist sozusagen der teilweise durchsichtige Fußboden des gigantischen Gebäudes, als das man die Sphäre begreifen muß. Wenn es hier Bewohner gibt, dann müssen sie dort leben.
Viel Zeit bleibt uns nicht, uns zu orientieren. Von irgendwo schießt plötzlich ein Greifarm heran und erfaßt die Sonde. Dann wird der Bildschirm schwarz.
»Wie kann all das in so kurzer Zeit geschehen sein?«
Ich habe meinen Partner selten so ratlos gesehen. Dabei weiß er sonst immer alles, das sich mathematisch errechnen läßt.
»Es gibt doch eine ganz einfache Lösung für das, was passiert ist. Genauer: es gibt sogar zwei!«
»Erzähl.«
»Die erste Möglichkeit ist, daß uns Zeit fehlt.«
»Das verstehe ich nicht. Was meinst Du damit.«
»Ich meine, daß die Zeit tatsächlich verstrichen ist, wir uns aber nicht an sie erinnern.«
»Das kann ich mir nicht vorstellen, aber jetzt, wo wir wieder ein Kommunikationsfenster in den Hyperraum geöffnet haben, kann ich das prüfen.«
Er meint den Zeitserver, der die galaktische Standardzeit in alle Teile des bewohnten Universums übermittelt. Herb wischt kurz auf seinem Tablet herum und hat die Antwort.
»Okay, erste Hypothese verworfen. Uns fehlt keine Zeit.«
In diesem Augenblick wird der Bildschirm wieder hell. Wir sehen wieder das Innere der Sphäre. Der Greifarm verschwindet, so schnell, wie er erschienen ist. Die Sonde schwebt vor dem Ausgang des Tunnels, in den sie wieder eintaucht. Für die Rückfahrt drücke ich wieder auf schnellen Vorlauf.
»Siehst Du die Bordzeit der Sonde? Seit etwas sie ausgeschaltet hat, sind mehrere Tage vergangen.«
Herb ist mit der Situation sichtbar überfordert. So überfordert, daß er automatisch wieder damit beginnt, seine Tentakel um den Körper zu wickeln. Er lebt in einer Welt, in der die Naturgesetze absolut gültig sind und sich alles berechnen läßt.
»Damit kommen wir zur zweiten Möglichkeit, all das zu erklären: Die Zeit muß innerhalb der Sphäre anders vergehen als außerhalb.«
»Dazu bräuchte es ein schwarzes Loch oder zumindest eine große Masse in der Nähe.«
»Eine große Masse wie zum Beispiel einen Weißen Zwerg?«
Er scheint nachzudenken, denn er löst seine Tentakel wieder. Dann zeigen sie aber die Geste des Kopfschüttelns.
»Ein schlauer Einwand. Das geben aber weder die Naturgesetze noch die erweiterten Regeln her.«
Natürlich weiß er, daß Raum, Zeit und Masse auf eine kompliziertere Art zusammenhängen, als man es sich anschaulich vorstellen kann. Jede Spezies hat einmal im Verlauf ihres Werdens die Erkenntnisse gewonnen, die uns Menschen unter der allgemeinen und speziellen Relativitätstheorie bekannt sind. Die erweiterten Regeln sind der galaktische Terminus hierfür.
»Wenn es aber nur diese eine Erklärung gibt, dann muß sie doch richtig sein, oder?«
»Manchmal bewundere ich Deine Spezies für ihre Fähigkeit, die Regeln zu ignorieren, wenn sie ihnen nicht in den Kram passen.«
»Wenn Du eine bessere Erklärung hast, dann her damit.«
»Du machst es Dir wieder mal zu einfach. Was ist mit der Möglichkeit, daß wir noch nicht alles wissen?«
»Was könnten wir noch erfahren?«
»Zum Beispiel warum der Speicher der Sonde so voll ist. Einige Tage Telemetrie reichen dafür nicht aus. Dort ist Platz für mehrere Jahre.«
Er hat recht. Manchmal sind es die einfachen Dinge, die ich bei meinem Blick auf das große Ganze übersehe. Ich scanne die Speicherwürfel. Was ich finde, bringt uns zunächst nicht weiter.
»Das meiste sind keine Telemetriedaten. Es sind zwar eindeutig Daten. Nur das Dateisystem ist mir unbekannt. Es scheint… wow, es ist tatsächlich binär.«
»Bi-när?« echot Herb. Das Wort kommt im galaktischen Standard nicht vor.
»Eine sehr einfache Form der Datenspeicherung. Die Daten besitzen kein flexibles Speichersystem, sondern basieren auf den Zuständen Null und Eins.«
»Woher weißt Du solche Dinge?«
»Wir Menschen verwenden seit dem Erstkontakt ebenfalls das flexible System. Vorher haben wir aber ebenfalls binär programmiert.«
»Bi-när. Das ist doch archaisch. So unrationell.«
»Sag das nicht. Es gibt auf der Erde auch heute noch binäre Software. Eine Firma aus dem nördlichen Protektorat produziert ein Betriebssystem für einfache Heimcomputer, das auch heute noch binär kodiert ist. Sie sperren sich standhaft gegen eine Umstrukturierung, weil das System dann nicht mehr abwärtskompatibel wäre.«
»Ihr Menschen macht komische Dinge.«
»Sonst wüßte ich doch nicht…«
In diesem Augenblick geht mein Bildschirm aus. Ich tippe einige Male darauf herum, aber er bleibt tot. Weitere Bildschirme in der Umgebung folgen. Nach kurzer Zeit scheint die gesamte Analysephalanx offline zu sein.
Herb und ich blicken uns ratlos an. Eine Serie von Piepstönen ist zu hören. Dann startet der Phalanxrechner neu.
»Hast Du etwa die Daten der Sonde in den Rechner überspielt?« Herbs Stimme hat einen Unterton, der mir nicht gefällt.
»Natürlich. Das ist doch eine Standardprozedur für Telemetriedaten.«
»Das sind aber keine Telemetriedaten.«
»Willst Du andeuten, daß dieser Binärcode möglicherweise ausführbar ist?«
»Rede nicht so geschraubt. Wonach sieht es denn aus?«
»Warum haben dann die Firewalls nicht reagiert?«
»Weil es keine gibt. Der Phalanxrechner ist nur eine virtuelle Einheit, die vom Hauptcomputer simuliert wird.«
»Dann befindet sich dieser ausführbare Code also nicht im Hauptcomputer?« Mir fällt ein Stein vom Herzen.
»Zum Glück nicht. Da ist aber nicht Dein Verdienst. Paß beim nächsten Mal besser auf.«
»Dann bin ich gespannt, was der Code bewirkt.«
Lange Zeit bewirkt er gar nichts. Ich kenne das von unseren Personalcomputern. Sie sind zwar halbwegs schnell, aber die Startprozedur dauert eine gefühlte Ewigkeit. Das ist der Abwärtskompatibilität geschuldet. Jede neue Programmschicht stellt erst eine Verbindung zu den in der vorigen Instanz geladenen Programmen her, und Programmschichten haben sich über die Jahrtausende einige angesammelt.
Ob das hier vergleichbar ist? Ich weiß es nicht.
»Wenn es dumm kommt, hat der Code die Analyseeinheit zerschossen und wir müssen sie auf die Werkseinstellungen zurücksetzen«, orakelt Herb.
»Vielleicht wäre das sowieso das Schlauste. Vielleicht ist der Code bösartig.«
»Das glaube ich nicht. Wollte die Sphäre uns schaden, hätte sie uns einfach aus dem Orbit gepustet.«
Herbs trockener Kommentar zeigt mir, daß er unsere Differenzen derzeit als beigelegt ansieht. Ein neuer Signalton kündigt eine eingehendes Hyperraumgespräch an. Das Schiff hat mittlerweile wohl seinen Statusbericht zur Gesellschaft gefunkt und jetzt will jemand von denen mehr wissen.
»Ich übernehme im Funkraum«, sagt Herb. »Du überwachst bitte das … was immer dort geschieht.« Er verschwindet durch das Schott. »Faß bitte nichts an, bis ich wieder da bin«, höre ich noch.
Viel zu überwachen gibt es nicht. Immerhin erwacht mein Bildschirm nach kurzer Zeit wieder zum Leben und zeigt mir eine Art Fortschrittsbalken in einem so dunklen Rot an, daß ich ihn zuerst gar nicht als solchen erkenne. Erst als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnehme, fällt er mir auf.
Wenig später kommt mein Partner zurück. Das Zittern seiner Tentakelspitzen signalisiert Streß.
»Wir sollen zurückkommen, sobald wir startbereit sind. Auf der Sternbasis wartet bereits unsere Ablösung.«
»Das bedeutet?«
»Daß wir gefeuert sind. Ich glaube die interessiert gar nicht mehr, was diesmal schiefgelaufen ist. Sie wollen nur noch das Schiff zurück.«
»Klingt als sollten wir uns noch etwas Zeit lassen, bis wir startklar sind.«
»Ich habe nach diesem Gespräch auch nicht das Bedürfnis, mich sonderlich zu beeilen. Ich habe noch nie mit einer derart unangenehmen Spezies zu tun gehabt. Sogar die Sprachausgabe war synthetisch.«
Das ist eigentlich nichts Besonderes. Viele intelligente Lebensformen besitzen nicht die Möglichkeit, sich über Schallwellen zu artikulieren und müssen auf eine künstliche Sprachausgabe zurückgreifen, wenn sie sich in galaktischem Standard verständigen wollen. Ich vermute, daß während des Gespräches noch mehr geschehen ist, er mit mir aber nicht darüber reden will.
In diesem Augenblick verschwindet der Fortschrittsbalken auf meinem Bildschirm und wird durch ein animiertes Piktogramm ersetzt, das sich auf komplizierte Weise immer wieder in sich selbst verschlingt.
»Scheint eine Art Pausenzeichen zu sein.« Herb hat sich wieder beruhigt und seine Tentakelspitzen zittern nicht mehr.
Das Piktogramm verschwindet nach einer Weile und wird ersetzt durch eine Reihe fremdartiger Schriftzeichen. Sie bilden auf dem Bildschirm ein Sechseck. Verständnislos starren wir auf das Bild. Erst nach einigen Sekunden wird uns klar, daß es sich bei den Schriftzeichen um Wortglyphen in galaktischem Standard handelt. Die Anordnung im Sechseck macht es ungewöhnlich schwierig, ihre Bedeutung zu verstehen.
Herb kapiert sie als erster. »Da steht: ‘WIR SIND FERN. WIR WOLLEN REDEN.’«
»Wie kommst Du darauf? Ich lese ‘WIR REDEN FERN. WOLLEN SIND WIR.’«
»Du liest sie falsch herum. Die Sätze bilden zwei Dreiecke, die gegeneinander verschoben sind.«
Jetzt erkenne ich das Muster, das er meint. Auf der antiken Erde gab es dafür ein Symbol namens Davidstern.
»Bist Du sicher, daß es keine andere sinnvolle Kombination gibt?«
»Natürlich.« Wie ich ihn kenne, hat er bereits alle durchgerechnet.
»Und wie antworten wir?«
»Schreib etwas.«
Ich komme mir vor wie ein Schuljunge, als ich unseren Antwortsatz eingebe: ‘WIR SIND SEHR NEUGIERIG, WER IHR SEID.’
Ich drücke die Eingabetaste. Ein lauter Mißton erklingt, aber das, was ich geschrieben habe, erscheint nicht auf dem Bildschirm.
»Was habe ich falsch gemacht?«
»Versuch mal, in Sechsergruppen zu schreiben.«
Ich schreibe ‘WIR SIND NEUGIERIG. WER SEID IHR?’.
Ein anderer Ton ist zu hören. Er klingt wie ein Quittungston. Die Schriftzeichen erscheinen eins nach dem anderen auf dem Bildschirm und bilden ein zweites Sechseck, und zwar in genau der Reihenfolge, wie Herb es vorhergesagt hat. Er ist schon genial auf seine Art.
»Dann haben sie wohl einen Fetisch für die Zahlen drei und sechs«, kommentiere ich.
»Ich denke, daß diese Denkweise ihrer Körpersymmetrie entspricht. Deswegen denkt ihr Menschen ja nur bi-när.«
»Denkt ihr denn quaternär?« frage ich in Hinblick auf seine vier Arme, Beine und Augen.
»Qua-ter-när? Wenn es das heißt, was ich denke, stimmt es. Unsere Mathematik basiert auf den Zahlen vier und sechzehn.«
Die Antwort erscheint in diesem Moment auf dem Bildschirm. Sie lautet: ‘WIR SIND INNEN. WIR ERWARTEN EUCH.’
»Sie wollen also, daß wir sie besuchen.«
»Warg Bolton mit seinem Fetisch für das Offensichtliche.«
Herb kann anscheinend auch ironisch sein. Zu seinen hervorstechenden Eigenschaften gehörte es bisher nicht. Ist das nun gut oder schlecht? Ich beschließe, das zunächst zu ignorieren.
»Wie stellen die sich das vor? Den Tunnel für die Sonde können wir jedenfalls nicht benutzen.«
Als hätte der Rechner die Frage gehört, erscheint auf dem Bildschirm ein weiteres Sechseck.
‘NEHMT DAS SHUTTLE. WARTET AM LANDEPUNKT.’
»Da hast Du Deine Antwort.« Herb gibt ein blubberndes Geräusch von sich, so als würde er gerade mit dem Inhalt des Putzeimers gurgeln. Vielleicht ist das eine Art von Lachen.
»Was wollen wir tun? Der Einladung folgen?«
»Hast Du etwas Besseres vor?« Wieder erklingt der Putzeimer. »Etwas spannenderes werden wir in den nächsten Jahren nicht mehr erleben.«
Er hat recht. Was mir blüht, wenn ich zu meiner Familie heimkehre, kann ich mir lebhaft vorstellen. Schwiegervater wird seinen Einfluß nutzen, um unsere Ehe annullieren zu lassen, wie ich ihn einschätze. Was habe ich also zu verlieren? Ich nicke Herb zu und schreibe die Antwort:
‘WIR BESUCHEN EUCH GERNE. WIR BENÖTIGEN NUR ETWAS ZEIT. DANN KOMMEN WIR.’
Ein doppelter Quittungston erklingt und zwei neue Sechsecke malen sich auf den Bildschirm. Die Antwort kommt prompt:
‘IHR SEID WILLKOMMEN. ZEIT IST IRRELEVANT.’
Der Bildschirm wird wieder schwarz. Nach einer Reihe Piepstönen startet der Phalanxrechner neu und erscheint mit der gewohnten Arbeitsoberfläche, als wäre er niemals offline gewesen. Herb und ich sehen uns verdutzt an.
»Haben wir das gerade geträumt? Und was haben sie mit dem letzten Satz gemeint, daß Zeit irrelevant wäre?«
»Das bedeutet sicher nur, daß sie da schon eine sehr lange Zeit drin sind und sich langweilen.« Herb versucht wieder den Eindruck zu erwecken, als wüßte er schon alles.
»Wenn die Zeit wirklich irrelevant ist, haben sie bestimmt nichts dagegen, wenn wir vorher noch schlafen und uns frischmachen.«
»Wozu? Ich bin doch frisch. Neuer Anzug, Du erinnerst Dich?«
»Aber ich nicht. Eine Schlafperiode oder zwei?«
»Zwei.«
Zwölf Stunden später treffen wir uns auf der Brücke wieder. Das Schiff befindet sich noch im Wartungsmodus und die meisten Vorgänge laufen automatisch ab. Herb schreibt noch einige Routinen und dann geht es los.
»Ich glaube nicht, daß wir hier in den nächsten Hunderttausend Jahren Besuch von außen zu erwarten haben.«
Herb kommentiert staubtrocken, aber goldrichtig. Wir laden etwas Gepäck in den Stauraum und ich kopiere die Wissensdatenbank des Schiffes – viel ist es ja nicht – in die Speicher des Shuttles. Es ist sogar noch Platz für die Karten dieses Galaxiequadranten. Dann starte ich die Triebwerke und Herb läßt die HARKONNEN die Außenluke des Shuttleraums öffnen.
Meter um Meter manövriere ich uns heraus und umkurve einige Metallteile, die in der Hitze des Überriesen geschmolzen sind und jetzt über den Lukenrand ragen. Dann sind wir draußen und sehen die Bescherung zum ersten Mal mit eigenen Augen und nicht gefiltert durch die Kameras einer Sonde.
Das Schiff hat ordentlich einstecken müssen. Es ähnelt derzeit noch stärker einem zusammengeschmolzenen Haufen Altmetall als sonst und die wie Luftballons geplatzten Aufbewahrungseinheiten für unsere gefangenen Gäste verbessern seine Optik nicht.
Doch darum sollen sie sich in der nächsten Raumstation kümmern. Ich fliege unser Shuttle die kurze Strecke zu der Stelle, wo sich der Tunnel für die Sonde geöffnet hatte, und gehe in Warteposition. Kaum sind wir angekommen, öffnet sich vor uns ein Tunnel in für uns angemessener Größe. Ich will gerade die Motoren starten, da bemerke ich, daß uns eine unsichtbare Kraft bereits hineinzieht.
»Wir bekommen einen Autopiloten«, warne ich meinen Partner vor.
»Hoffentlich ist er so gut wie Du. Ich möchte keine Bekanntschaft mit den Tunnelwänden machen.«
Das ist das größte Kompliment, das ich je aus Herbs Kommunikationsmund gehört habe. Mir läuft tatsächlich ein wohliger Schauer den Rücken hinunter. Der weicht aber schnell einem unangenehmen Gefühl, je tiefer wir in den Tunnel eintauchen. Ein wenig fühlt es sich an, wie das Eintauchen in den Hyperraum, nur daß es länger andauert. Meine Haut beginnt zu kribbeln und fühlt sich heiß an. Die Hitze breitet sich nach innen aus. Es fühlt sich an, als hätte ich hohes Fieber.
»Spürst Du das auch?«
»Stimmt, mir ist plötzlich nicht mehr so kalt wie sonst in Deiner Nähe.«
»Freut mich, daß Du endlich meine freundliche Ausstrahlung zur Kenntnis nimmst.« Sarkasmus kann ich auch.
»Hoffentlich ist es bald vorbei, sonst erlebst Du, wie Wasabufleisch aussieht, wenn es halb verdaut ist.«
Dieses Erlebnis bleibt mir zum Glück erspart. Anscheinend wurde unser Shuttle im Tunnel beschleunigt, denn plötzlich schießen wir mit hoher Geschwindigkeit auf der anderen Seite in die Sphäre hinein.
»Ausweichen!«
Vernehme ich da Panik in Herbs Stimme? Zum Glück erinnere ich mich an die Sondentelemetrie und schaffe es, zwischen den Säulen hindurchzukurven. So hoch, wie es auf den Sondenbildschirmen aussah, sind sie dann auch nicht. Schon nach einigen hundert Metern schweben wir über der Konstruktion. Ich bremse uns ab und wende das Shuttle, so daß wir wieder auf die Innenseite der Oberfläche blicken. Ich habe mir die Telemetrie in meiner Kabine ein dutzend Mal angesehen und erkenne schnell die Einzelheiten.
Die Fremden kommunizieren wieder. Diesmal aber klassisch per Funk.
‘IHR MACHT NICHTS. WIR LANDEN EUCH.’
Ich nehme die Finger von den Kontrollen und tatsächlich bewegen wir uns von selbst weiter. Traktorstrahlen sind auch heute noch Science Fiction, aber irgendwie schaffen es die Fremden dennoch, das Shuttle von außen zu manövrieren, ohne ihre Greifarme zu Hilfe nehmen zu müssen. Langsam driften wir über den Wald aus Stelen. Nach einigen Minuten erreichen wir einen kreisrunden, freien Bereich, auf dem sich podestartige Strukturen befinden, die ich mangels besseren Wissens als Gebäude identifiziere.
In der Mitte befindet sich auf solch einem Podest eine runde, dunkelrote Fläche. Auf den Bildschirmen sieht es aus, als bewegten wir uns hinab. Die Schwerkraft zieht aber unverändert in die andere Richtung, also ist es wohl so, daß wir aufwärts auf die Schale zufliegen.
Auf seiner Oberfläche erscheint eine Öffnung. Wir fliegen langsam hinauf/hindurch und halten dann. Die Öffnung schließt sich unter uns so paßgenau, daß wir präzise auf der Platte stehen, als die Kräfte, die unser Schiff bewegen, plötzlich abgeschaltet werden. Ich hätte einen Ruck erwartet, denn um einige Zentimeter verschätzt sich auch der beste Pilot mal.
»Das war die eleganteste Landung, die ich je erlebt habe.« Ich kann meine Überraschung über die Technik der anderen nicht verbergen.
Wir befinden uns nun im runden Innenraum des Podests in einer viele Meter hohen Kammer. Rundherum sind die Wände transparent, so daß es ziemlich hell um uns herum ist.
‘WILLKOMMEN. BITTE WARTEN. WIR SYNTHETISIEREN ATMOSPHÄRE.’
Fasziniert beobachten wir, wie aus Düsen in der Decke Nebel ausgestoßen werden und sich langsam auf uns herabsenken.
»Sag mal, unsere Atmosphäre ist doch nicht gelbgrün. Die werden doch nicht glauben, daß wir Chloratmer sind?«
Herb hat recht. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich sende einen Funkspruch nach draußen: ‘STOP! FALSCHE ATMOSPHÄRE! STICKSTOFF UND SAUERSTOFF.’
Eine Antwort erhalten wir nicht, aber nach wenigen Sekunden schließen sich die Nebeldüsen und es erscheinen Löcher, die die falsche Atmosphäre wieder einsaugen. Nach einigen Minuten befindet sich um das Shuttle herum wieder ein Vakuum.
Ich sende noch ein ‘ACHTZIG PROZENT STICKSTOFF, ZWANZIG PROZENT SAUERSTOFF’ hinterher. Diese Mischung atmen wir auch auf der HARKONNEN. Sie bildet einen guten Kompromiß für alle Sauerstoffatmer.
‘LEBEN AUF SAUERSTOFFBASIS? EIN INTERESSANTES KONZEPT. WIR BENÖTIGEN ZEIT, SAUERSTOFF ZU PRODUZIEREN.’
»Anscheinend können wir unsere neuen Freunde doch noch überraschen.« Wir haben das Unwohlsein durch die Tunnelpassage überwunden und Herb ist wieder ganz der Alte.
»Warum ist denen eigentlich unsere Körperchemie fremd?« frage ich meinen Partner.
»Was sie über uns wissen, befand sich im Computer der Sonde. Das reicht, um galaktisches Standard zu lernen und einiges über unsere Technik. Mehr aber nicht.«
Ich nicke. So besehen, ist es ganz logisch. Die Funkverbindung nach draußen ist stumm und bleibt das auch für die nächsten Stunden. »Wenn denen Zeit nichts bedeutet, kann ich auch so lange ein Schläfchen machen«, witzele ich.
»Gute Nacht. Ich verstehe nicht, wie Du in dieser Situation schlafen kannst.«
Ich lege mich im Fonds des Shuttle auf eine Liege und döse ein wenig. Zuhause auf der Erde, mit Nele und zwei schreienden Kindern im Nebenzimmer lernt man, in jeder Situation zu schlafen. Noch ein Grund, nicht zurückzukehren.
Ich muß wohl doch fest eingeschlafen sein und erwache durch das intensive Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen. Schlaftrunken ziehe ich mir einen Kaffee und stolpere auf die Brücke.
»Da bist Du ja. Ich sende Dir schon seit einer ganzen Weile Signale zum Aufwachen. Wir haben Besuch.« begrüßt mich Herb.
»Du sendest was?«
»Ich habe Dir ein Gefühl geschickt. Unsere purpurfarbenen Freunde müssen meine empathischen Sendefähigkeiten verstärkt haben. Die funktionieren sonst nur mit Angehörigen unserer eigenen Rasse. Am besten klappte das immer mit meinem Couffeder. Wir besaßen beinahe eine telepathische Verbindung.«
»Dein Kuff… ach was soll’s.« Ich versuche am besten gar nicht erst, alles zu verstehen, was er sagt. Dazu genügt mein Koffeinspiegel noch nicht. Ich schaue lieber durch die Fenster nach draußen. Durch die Düsen an der Decke strömt wieder eine neblige Atmosphäre. Diesmal ist sie aber farblos.
»Ist atembar. Ich habe eine Probe genommen. Ist nur noch etwas kalt draußen. Unter dreihundert Kelvin.«
Für mich klingt das gemütlich. Ich sehe mich genauer um und bemerke Bewegungen um uns herum. Aus einem Schlauch, der von der Decke herunterreicht, vermutlich ein Lift, sind zwei Personen ausgestiegen und bewegen sich auf uns zu. Zuerst sehen sie aus, wie die Wagenradwesen, die wir vor der Katastrophe transportiert haben. Dann wachsen ihnen aber plötzlich Arme und Beine und je näher sie uns kommen, desto ähnlicher werden sie uns.
»Wow, eine metamorphe Lebensform!«, staune ich.
»Ich wäre mit der Bezeichnung ‘Lebensform’ vorsichtig.«
»Eine Deiner Intuitionen?«
»Präzise. Ich empfange von ihnen nämlich nichts.«
»Und das bedeutet genau… was?«
»Das ist doch ganz logisch. Wenn das hier wirklich so alt ist, wie Du vermutet hast, glaube ich nicht, daß wir hier noch Leben antreffen. Fleischbasiertes Leben meine ich.«
»Du meinst, das sind Roboter?«
»Ich weiß nicht, was sie sind. Sei einfach offen.«
Ich bin offen. Ich bin sowas von offen. Der Außendruck liegt mittlerweile auf Innenniveau, so daß wir uns in die Schleuse begeben, die Außentüre unseres Gefährts öffnen und vorsichtig ohne Schutzanzug nach draußen schnuppern. Die Luft riecht scharf und metallisch, wahrscheinlich von den letzten Resten der vorherigen Atmosphäre, ist aber atembar. Dennoch werde ich die Schleuse nicht ganz öffnen und diese Luft ins Schiff lassen.
Wir gehen aufeinander zu und bleiben einige Meter entfernt voneinander stehen. Die Physiognomie der anderen verändert sich immer noch. Der eine, der mir gegenübersteht, entwickelt Gesichtszüge und sieht zunehmend menschlich aus. Der andere bemüht sich, so auszusehen wie Herb. Ihm wachsen Tentakel und seine Körperform wird massiger.
»Willkommen auf AZEER«, sagen beide synchron in galaktischem Standard.
»Datenbanken werden eingebunden. Unser Netzwerk lernt. Lernt eure Sprachen.«
»Danke«, antworte ich. »Das ist sehr freundlich. Es fällt uns auch schwer, euch zu folgen, wie ihr eure Sätze in Dreiergruppen aufteilt.«
»Dreiergruppen sagst Du…«, mein Gegenüber zögert, »Jetzt verstehe ich. Ihr denkt anders.«
»Genau.«
»Verstehe… verstehe…« Mein Gegenüber fällt plötzlich in eine Starre, als wäre er eingefroren. Das dauert aber nicht lange. Schon bald spricht er weiter, von nun an flüssig und ohne diesen stolpernden Dreierrhythmus. »Wir glauben, es ist einfacher, wenn wir uns euch anpassen als umgekehrt. In eurer Welt gibt es viele Sprachen. Die Sprache, in der ihr euch untereinander verständigt, ist sehr einfach strukturiert. Wir werden in die Sprachen wechseln, die ihr am besten sprecht.«
Ich nicke. Dann fällt mir auf, daß sie unsere Gesten nicht verstehen können und schiebe ein »Ja, das würde uns freuen!« hinterher, nachdem ich einen Blick mit Herb gewechselt habe. Unsere Gegenüber sehen mittlerweile aus wie Doppelgänger von uns. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt, mich mit meinem Zwilling zu unterhalten.
»Dann ist das beschlossen.«
Mein Gegenüber wechselt ansatzlos in terranisches Hochenglisch, eine Sprache, mit der ich aufgewachsen bin und die jeder Erdbewohner zumindest als Fremdsprache spricht, und Herbs Gegenüber gibt parallel kehlige Laute von sich, die in der Sprache von Herbs Spezies wohl das gleiche bedeuten.
»Auch diese Sprachen besitzen nur einen begrenzten Wortschatz. Einige zehntausend Wörter müssen aber für eine grobe Verständigung genügen.«
Für einige Sekunden irritiert mich Herbs Gegenüber, der sich anhört wie ein Maschinengewehr mit Schluckauf. Ich schaffe es aber schnell, das auszublenden und konzentriere mich auf das menschlich aussehende Wesen. Herb scheint dieses Problem nicht zu haben. Vermutlich funktionieren seine Filtermechanismen besser als meine.
»Ich verstehe. Je komplexer die Sprache, desto besser funktioniert die Verständigung«, antworte ich. »Was ist das für ein Netzwerk, in das ihr unsere Datenbanken eingebunden habt?«
»Das Netzwerk sind wir.«
»Was bedeutet das?«
Mein Gegenüber fällt wieder für eine kleine Weile in Starre. Anscheinend habe ich mit dieser einfachen Frage bereits unsere Verständigung gesprengt. Schließlich antwortet er langsam.
»Das Netzwerk ist alles, was Du hier siehst. Jedes Teil gehört dazu und erfüllt seinen Zweck. Wir sind verbunden mit elektromagnetischen… und anderen Wellen. Alles ist eins.«
Für mich hört sich das an, als beschreibt er eine sehr komplizierte Version unseres Schiffes. Dort ist schließlich auch alles mit allem verbunden.
»Bedeutet das, daß die gesamte Sphäre Teil dieses Netzwerkes ist?«
»Die Sphäre, wie Du sie nennst, ist das Netzwerk. Wir sind AZEER.«
Ich verstehe, was er meint, auch wenn ich die Dimension dieser Antwort kaum glauben kann. Demnach scheint die ganze Sphäre ein einziger, riesiger Computer zu sein. Wenn das wirklich stimmt, dann gibt es im gesamten Universum nichts Vergleichbares. Ich wechsele einen Blick mit Herb. Die Gesten, die er mir mit seinen Tentakeln macht, drücken ebenfalls Skepsis aus.
»Das bedeutet, Du bist AZEER, er ist AZEER«, dabei zeige ich auf das Wesen gegenüber von Herb und mache dann eine ausladende Geste rund um uns herum, »und all das ist auch AZEER?«
»Wir sind eins.«
Okay, sie sind also eins. Sieht aus, als behielte Herb mit seinem Orakeln recht.
»Ihr habt uns Wissen mitgebracht. Dafür danken wir euch. Die Galaxis sieht in eurer Zeit völlig anders aus als in unserer.«
»Was bedeutet ‘in eurer Zeit’?« Anscheinend gibt es immer noch Verständnisschwierigkeiten.
»Eure Zeit… wird berechnet… dreizehnkommaacht Milliarden Jahre Deiner Spezies, unsere Zeit… fünfkommafünf Milliarden Jahre nach dem Ereignis, an dem alles begann.«
»Du meinst den Urknall?«
»So nennt ihr es.«
»Wie nennt ihr es?«
»Die Raumschleife.«
Jetzt geht mir auf, was mein Gegenüber da gerade gesagt hat.
»Soll das bedeuten, daß wir mehr als acht Milliarden Jahre in die Vergangenheit gereist sind? Das glaube ich nicht.«
»Folgt mir.« Unsere Gastgeber entfernen sich mit uns ein Stück vom Shuttle. Dann materialisiert sich plötzlich eine holographische Karte um uns herum. »So sieht es heute aus. Überzeugt euch selbst.«
Verwirrt sehe ich mich um. Als erstes entdecke ich den Kugelsternhaufen. Strahlend hell steht er in der Schwärze des Raums, viel heller als ich ihn in Erinnerung habe. Dann sehe ich den Unterschied. Die meisten Sterne sind blau und gelb, nicht rötlich, wie heute. Größere, etwas verwaschene Bereiche zeugen sogar von aktiver Sternentstehung.
»Das ist fantastisch.« Mehr bekomme ich nicht heraus.
Dann drehe ich mich um. Auf der anderen Seite müßte sich die Milchstraße befinden. Da wir leicht außerhalb der galaktischen Ebene gestrandet sind, blicken wir schräg auf… ja was denn eigentlich? Das ist nicht die vertraute Spirale mit dem hellen Kern aus meiner Erinnerung. Die Spiralarme sind viel kleiner, eigentlich kaum ausgebildet. Der Kernbereich ist größtenteils von Staubwolken verdeckt und strahlt sehr hell an den wenigen Stellen, wo der Durchblick frei ist. Ein Jet aus heißem, ionisiertem Gas schießt senkrecht heraus. Rundherum befinden sich dutzende kleinerer Galaxien und Sternhaufen. Alle schimmern sie bläulich und die meisten besitzen eine irreguläre Form.
»So sah es also früher hier aus.« Herb redet in galaktischem Standard zu mir. »Ich kenne einige Kosmologen auf unserem Planeten, die ihr Geschlecht dafür geben würden, um das hier zu sehen.«
»Ihr was? Ach, schon gut.« Das geht wieder über meinen Verstand, wie so vieles heute.
»Für AZEER ist es genau so faszinierend, zu sehen, wie sich all das hier entwickeln wird.« Mein Zwilling redet wieder englisch und Herbs Gegenüber tut vermutlich selbiges.
»Wie schafft ihr das, ein Tor in eine so ferne Zukunft zu öffnen?«
Mein Gegenüber friert wieder kurz ein. Dann sagt er: »AZEER hat eure kognitiven Fähigkeiten analysiert. Ihr seid nicht in der Lage, die Antwort zu begreifen.«
Ein Kompliment ist das nicht, aber es ist vermutlich wahr. Ich versuche es anders.
»Warum macht ihr das? Warum habt ihr uns geholt?«
»Weil ihr angeklopft habt.«
»Wie konntest Du uns hören, durch neun Milliarden Jahre?«
»Ihr seid nicht in der Lage, die Antwort zu begreifen.«
»Laß gut sein.« Herb stupst mich mit einem Tentakel in die Seite. »Ich frage jetzt.«
Es paßt mir nicht, aber mir fallen gerade nur diese warum-Fragen ein. Also überlasse ich Herb das Feld.
»Wir würden gern eure Geschichte wissen. Woher stammt ihr und wie habt ihr euch zu dem entwickelt, das ihr heute seid?«
»Ihr seid nicht in der Lage…«
»Doch, das sind wir«, unterbricht Herb ihn, »wenn ihr uns nur die Details erzählt, die wir verstehen.«
Beide Gegenüber frieren wieder ein. Dann sagen sie synchron:
»Wir handeln, wie ihr sagt. AZEER erzählt, was ihr wissen wollt. Es fehlen aber viele wichtige Fakten.«
»In Ordnung.«
Aus dem Boden vor mir wächst etwas, das wie eine Art Liegestuhl aussieht. »Unsere Erzählung wird eine Weile dauern. Wir haben die körperlichen Grenzen Deiner Spezies analysiert. Eure Konzentration leidet, wenn ihr lange stehen müßt.«
Ich setze mich und komme halb liegend zur Ruhe. Auch Herb erhält eine Konstruktion, die der Halterung ähnelt, die er auf der Brücke benutzt. Neben uns wachsen Podeste, auf denen sich Schalen mit einer klaren Flüssigkeit befinden. Das Design der Behälter haben sie offensichtlich von den Behältern für Erbrochenes in der Nische abgenommen, in der sich auf dem Shuttle die Krankenstation befindet.
»Es ist Wasser«, sagt mein Doppelgänger, »mit einigen gelösten Komponenten, die zu eurer Körperchemie passen.«
Ich nippe vorsichtig an meinem ‘Glas’ und es schmeckt tatsächlich ausgezeichnet. Säuerlich und belebend mit einer Note von …
»Das ist gut. Sagt mal, ist da Alkohol drin?«
»Was bedeutet Alkohol in diesem Kontext?«
»Ich meine Ethanol.«
»Ein zwanzigster Teil. Eure Datenbank sagt, daß sich Teile eurer Kultur davon ernähren.«
Ich nehme einen großen Schluck, verschlucke mich und benötige eine kleine Weile, um mich wieder zu fassen. Dann trinke ich den Behälter aus.
»Mehr davon.«
Aus dem Nichts füllt sich der Spucknapf wieder. Auch Herb ist mit seinem Getränk sichtbar zufrieden. Seine Tentakelspitzen zittern auf eine Weise, die ich bisher nur ein einziges Mal gesehen habe, als ich ihn heimlich beim Konsumieren eines seiner Pornos beobachtet habe.
Das holographische Galaxienpanorama um uns herum zieht sich zusammen auf die Größe einer Kinoleinwand, die wir von unseren Sitz- oder Liegegelegenheiten mühelos beobachten können. Dann beginnt die zweisprachige Simultanerzählung: …
Dieser Text ist eine Rohfassung in alter Rechtschreibung. Er ist weder überarbeitet noch lektoriert. Jedwede Fehler oder unlogische Passagen, die Du findest, darfst Du behalten 😏
1. Kapitel (Sa)
Von außen wies nichts darauf hin, daß es in der der Villa im noblen Bremer Stadtteil Oberneuland etwas Besonderes zu sehen gab. Gut, das Haus hätte in anderen, weniger exklusiven, Stadtteilen gut und gern ein Dutzend Familien beherbergen können. Auch das gepflegte Grundstück, auf dem es lag, war ein wenig größer als die der Nachbarn in der Straße.
Lediglich mehrere große Limousinen vor der Einfahrt verrieten die Anwesenheit einer Reihe Personen, die sich diese Art der Fortbewegung leisten konnten. Etwas deplatziert wirkte für einen Nichtbremer dagegen ein einzelnes Hollandrad, das einfach an den Zaun gelehnt stand. Der ältere Herr, der zu diesem Vehikel gehörte, betrat gerade das Haus durch den Vordereingang.
»Ich habe mich ein wenig verspätet. Der Geist war willig, aber die alten Knochen haben die Entfernung unterschätzt.«
»Aber das macht doch gar nichts, lieber Henning! Ich bewundere sehr, wie rüstig Du mit beinahe achtzig bist.«
»Das sagt mir jemand, der aussieht wie Fünfzig. Wie alt bist Du eigentlich wirklich, lieber Alasdair? Du machst darum immer ein großes Geheimnis.«
»Du würdest es mir sowieso nicht glauben. Und jetzt komme herein. Wir haben mit dem Mahl auf Dich gewartet.«
»Darüber werden nicht alle Gäste glücklich gewesen sein.« Das fröhliche Augenzwinkern des Gastes war beinahe hörbar.
»Du hast recht. Jens hat sich ein wenig echauffiert.« Beide lachten verhalten. Dann verlor sich das Gespräch im Innern und die Eingangstüre schloß sich.
Heute trafen sich hier die höchsten Kreise der Hansestadt. Der halbe Senat befand sich vor Ort, denn niemand wäre so unklug, eine Einladung der Familie von Hagestolz abzulehnen. Ihre Unternehmen hatten nach dem Krieg die Stadt mit aufgebaut und ihr Einfluß reichte auch heute noch weiter, als die meisten der Anwesenden sich mit ihren begrenzten geistigen Möglichkeiten vorstellen konnten. Verabredungen, die hier getroffen wurden, blieben geheim, denn jemand, der es mit der Diskretion nicht so genau nahm, wurde nie wieder eingeladen.
Die Veranstaltung fand in einer saalartigen Zimmerflucht statt. Auf gegenüberliegenden Seiten des zentralen Areals gab es geräumige Durchbrüche in zwei etwas kleinere Nachbarräume. Die hohe Decke war reich mit Stuck verziert. Ein Kronleuchter mit olympischen Maßen hing so tief herunter, daß jemand, der diesen Raum zum ersten Mal betrat, unwillkürlich den Kopf einzog. Die überwiegend männlichen Gäste standen in Grüppchen beisammen. Dienstfertige Kellnerinnen mit kurzen Röcken wieselten zwischen ihnen hin und her und servierten Getränke und Kanapées. Ein kleines Orchester war in einer helleren Ecke des Hauptraumes platziert und spielte Salonmusik.
Ein junger Mann, der auf der anderen Seite des Saales stand, blickte ausdruckslos über die anwesenden Personen hinweg. So ganz verstand er nicht, warum die Einladungskarte für diesen Abend morgens in seinem Briefkasten gelegen hatte. Vielleicht war eine der hier anwesenden Personen auf ihn aufmerksam geworden; immerhin hatte er gerade sein zweites Staatsexamen beendet und er glaubte, auf der Verleihungszeremonie einige der hier anwesenden Gesichter bemerkt zu haben. Wahrscheinlicher hatte aber seine Mutter ihre Hand im Spiel. Sie förderte ihn, wo sie nur konnte, und bestimmt verdankte er die Einladung ihr.
Der Mann schreckte hoch, als jemand die Hand auf seine Schulter legte.
»Sie müssen Johan Hartung sein. Ich habe mich schon darauf gefreut, Sie endlich kennenzulernen.«
Johan drehte sich um und seine Augen weiteten sich. Er ergriff die ihm angebotene Hand und schüttelte sie mit einer Verve, als wäre sie ein schmutziges Staubtuch.
»Herr von Hagestolz! Ich bin sehr erfreut, daß ich Ihrer Feier beiwohnen darf! Wir sind uns leider noch niemals persönlich begegnet. Womit habe ich die Ehre verdient, Sie kennenlernen zu dürfen?«
»Die Ehre ist auf meiner Seite.« Sein Gegenüber ertrug die Sympathiebezeugung, ohne eine Miene zu verziehen. »Nennen Sie mich Alasdair. Es liegt im Interesse unserer schönen Stadt, junge, aufstrebende Talente frühzeitig in die Entscheidungsprozesse mit einzubinden, die sie später gestalten sollen, wenn meine Generation dafür zu alt ist.«
Johan errötete. Sein Gegenüber traf offensichtlich den richtigen Ton. Dankbar nahm er das Glas Champagner an, das der Patriarch der Hagestolz-Familie ihm entgegenhielt.
»Zum Wohl!«
»Zum Wohl, Herr von Hagestolz … Al… Alasdär.« Johan trank das angebotene Glas mit einem Zug halb leer. »Kann es übrigens sein, daß auf Ihrer Einladung kein Anlaß stand, der heute gefeiert wird?«
»Das liegt durchaus im Bereich der Möglichkeit. Ich gönne mir einige Male im Jahr den Luxus, meine Freunde«, Alasdair von Hagestolz legte dabei wie selbstverständlich seinen Arm um Johan, »zu mir einzuladen. Unser Leben ist zu kurz, um es mit Geschäften und anderen Kalamitäten zu vergeuden, finden Sie nicht?«
»J… j… ja«, stotterte Johan, den die zutrauliche Geste völlig überraschte. Das Blut rauschte ihm in den Ohren und der allgegenwärtige Tinnitus erscholl für einen Augenblick in Martinshornstärke.
»Und jetzt wird es Zeit, daß Sie sich amüsieren.« Der Blick des alten Hagestolz wanderte bereits wieder zwischen den Gruppen anderer Besucher hin und her. »Das Büffet ist eröffnet. Ich wollte mich nur vergewissern, daß Ihnen diese Veranstaltung konveniert. Genießen Sie den Abend. Mein Büro wird Sie in den nächsten Tagen kontaktieren.«
Damit verschwand der alte Mann in der Menge. Im nachhinein hatte er gar nicht so alt gewirkt, wie er angeblich war. Das konnte aber auch professioneller Hilfe geschuldet sein. Johann erkannte ihre Spuren im Gesicht des Patriarchen. Für so etwas hatte er einen Blick.
Er fühlte sich, als habe er gerade das große Los gezogen und stürzte sich ins Vergnügen. Das Büffet kam vom teuersten Caterer der Stadt. Ihr Wagen kam ihm auf dem Herweg entgegen und er dachte sich sein Teil. So lud er sich einen Suppenteller übervoll mit Leckereien, die er sich normalerweise aus Budgetgründen verkniff: Seeteufel und Hummer sowie einen der exquisiten Salate. Das angebotene Brot verschmähte er. Dafür nahm er sich einen Eßlöffel Kaviar aus einem eisgekühlten Schälchen. Auf so einer Veranstaltung mußte der echt sein.
Auf vollen Backen kauend stand er wieder eine Weile an einem Stehtisch. Dann platzierte er den abgegessenen Teller auf dem Champagnertablett einer vorbeikommenden Kellnerin, eilte zurück zu den Futtertrögen, drängelte sich zwischen zwei anderen Gästen hindurch und lud sich einen neuen Teller voll.
Er war nicht mehr hungrig. Dafür hätte die Hälfte seiner ersten Portion genügt. Dennoch stopfte er die dargebotenen Leckereien in einem Tempo in sich hinein, als würden die Märkte am nächsten Tage für immer schließen. Den leeren Teller legte er anschließend achtlos in den Kübel eines großen Philodendrons.
Schließlich stand er in der Nähe der Musiker und betrachtete die wenigen dort anwesenden Frauen mit dem Blick eines Schlachthofbesitzers, der den Wert der Tiere taxiert, die gerade auf seinen Hof getrieben werden.
Meine Güte, das sind keine Titten mehr, das ist ein Gesäuge! Und die Schnepfe daneben hat einen Arsch wie ein Molkereipferd.
»Gehören sie zur Familie? Ich habe Sie hier noch nie gesehen.«
Eine junge Dame mit langen, schwarzen Haaren stupste ihn an.
Johan erstarrte für einen Moment und musterte sie dabei von Kopf bis Fuß. Was er sah, schien ihm zu gefallen.
»Bestimmt haben wir uns schon irgendwo gesehen.«
»Oh, ich glaube, doch nicht.« Sie trat einen Schritt zurück.
»Mit wem habe ich das Vergnügen?«
»Hanna Marquess. Alasdair von Hagestolz ist mein Großonkel.«
»Johan Hartung.«
»Hartung wie der Bürgerschaftspräsident?«
»Genau der. Ich bin sein Sohn.« Er streckte ihr die Hand entgegen.
»Der Bürgerschaftspräsident, dann sind Sie gar nicht verwandt?« Sie ignorierte die Geste.
»Nein, aber was nicht ist … in der nächsten Woche habe ich eine persönliche Unterredung mit Alasdär.«
Johans Gegenüber wirkte nur wenig beeindruckt. »Mein Fehler. Diese Familienähnlichkeit … ich hätte gedacht, der alte Schwerenöter hätte …« Sie brach ab und schüttelte den Kopf.
»Wollen wir später privat irgendwo hingehen?« Diese Schnecke muß ich mir angeln! »Diese Veranstaltung wird ja nicht ewig dauern.«
»Sie haben da was …«
Hanna deutete auf seinen Mund und zog die Oberlippe kraus. Johan nahm sich eine Serviette von einem benachbarten Stehtisch, putzte sich damit ein Kaviarbällchen aus dem Mundwinkel und ließ sie anschließend achtlos fallen. Als er sich wieder umdrehte, war seine schöne Gesprächspartnerin verschwunden.
Versteh einer die Frauen.
Naja, allzu viel Auswahl gab es hier zwar nicht, aber er würde schon jemanden finden, den er mit seinem Charme beeindrucken konnte.
Alasdair von Hagestolz legte auf der anderen Seite des Saals einen Arm auf einem Bistrotisch ab und nippte an seinem Glas, während er das Treiben seines Gesprächspartners von vorhin mit unbewegter Miene beobachtete.
»Was für ein Windbeutel!«, sagte der Mann, der mit ihm am Tisch stand. Sein militärisch kurzer Haarschnitt und eine gewisse Spannung in seiner Körperhaltung wirkten, als gehöre er nicht zu den Gästen. »Ich kann mir nicht vorstellen, was Fräulein Marquess an dem findet.«
»Behandeln Sie ihn trotzdem gut, Ludwig. Er steht unter meinem Schutz!«
Johan Hartung bekam nicht mit, daß über ihn geredet wurde. Gerade als er sich einer anderen Frau näherte, um sie zum Tanz aufzufordern, vibrierte es in der Tasche seines Jacketts. Er sah sich hastig um, ob jemand auf ihn achtete, zog dann das Smartphone heraus und tippte aufs Display.
»Hallo? … Oh Mama, ich habe nicht auf die Nummer gesehen. Die Scheinwerfer blenden gerade ein wenig …Wie, wo bin ich? Heute ist doch die Veranstaltung bei den von Hagestolz in Borgfeld. Hast Du mir nicht die Einladung besorgt … Du hast nicht …? Aber wer hat mich dann hergebeten? … Ist auch egal. Ich habe mit Alasdair von Hagestolz persönlich gesprochen. Er will mich in der nächsten Woche treffen …
Nein, ich finde das überhaupt nicht seltsam. Du wolltest doch, daß ich Karriere mache. Jetzt ist es so weit … Mama, ich bin erwachsen und habe mein Studium beendet. Du willst doch Deinem einzigen Sohn jetzt keine Vorhaltungen machen … Ja, ich passe auf mich auf. Und jetzt wartet ein hübsches Mädel darauf, von mir zum Tanz aufgefordert zu werden … wir sehen uns morgen. Tschüß Mama.«
Er legte auf. Besser ich schalte es ganz aus. Sie bringt es fertig und ruft wieder an. Johan kam nicht mehr dazu, jemanden anzusprechen. Eine leichte Übelkeit, die er auf das Gespräch mit seiner Mutter geschoben hatte, schwoll plötzlich in seinem Innern an.
Habe ich etwas Verdorbenes gegessen? Ha! Diese teuren Cateringdienste kochen alle auch nur mit Wasser. Die werde ich rankriegen dafür! Wo sind nur die verdammten Toiletten?
Verzweifelt blickte er sich um. Das Gesichtsfeld erschien ihm plötzlich seltsam eingeengt. Einer der Angestellten sah, daß etwas nicht stimmte, und wies ihn zu einem Durchgang.
»Toiletten?«, fragte er dort den Herrn, der sich vorhin noch mit Herrn von Hagestolz unterhalten hatte.
»Ganz hinten, am Ende des Ganges links die Treppe hinunter.«
»Da… dan…« Er folgte der Anweisung. Nicht mehr ganz sicher auf den Beinen erreichte er die Treppe. Dort fand er auch endlich das Hinweisschild. Er mußte sich an beiden Geländern festhalten, sonst wäre er gestürzt. Taumelnd eilte er unten in Richtung der ersehnten Türe und riß sie auf.
2. Kapitel (Mo)
»Es ist sechs Uhr. Einen schönen guten Morgen. Es ist Zeit für die Nachrichten. Eine Autobombe ist gerade in der Innenstadt explodiert.«
Kriminalkommissar Torsten Jäger schreckte hoch.
Scheiße, die Woche fängt ja gut an!
»Verzeihung. Eine Autobombe ist gerade in der Hamburger Innenstadt explodiert. Bisher gibt es noch keine Informationen über den Hintergrund dieser Tat. Wir halten Sie während unseres Programms auf dem Laufenden über neue Entwicklungen. Washington. US-Präsident Trump hat während einer Pressekonferenz …«
Okay, das heißt, daß ich noch Zeit habe, aufzustehen, ehe ich im Präsidium auflaufe.
Torsten schaltete mit geschlossenen Augen den Wecker aus, drehte sich um Bett und legte seine Arme um … einen großen Teddy, der seit einiger Zeit den Platz seines Freundes im Bett neben ihm einnahm.
Ach, Václav, wie ich Dich vermisse!
Er atmete einige Male tief durch, richtete sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Blind angelte er mit den Zehen nach den Pantoffeln. Nichts. Er öffnete die Augen. Nichts. Nur das Morgenlicht, das ihn blendete und ein Brummen im Kopf, das langsam anschwoll. Eigentlich mochte er keinen Vodka. Dennoch hatte er am Vorabend die Flasche geext. Die Zeit für leckere Abendcocktails mit Václav war vorbei und das Zeug mußte weg.
Unsicher tastete er sich durch das Zimmer, umschiffte den Stapel mit Václavs gewaschener Wäsche, der neben der Tür säuberlich zusammengelegt auf den Boden lag, und fand seine Pantoffeln schließlich im Bad.
Da stehen sie gut.
Er ließ kaltes Wasser über die Hände fließen, formte damit eine Kuhle, ließ sie vollaufen und tauchte sein Gesicht hinein. Glücklicherweise ließ das Brummen unter der Schädeldecke jetzt nach. Etwas erfrischt stellte er sich unter die Dusche. Danach zog er Schubladen aus der Kommode im Schlafzimmer und öffnete die Schranktür. Er unterdrückte die Verlockung, einfach in einen Trainingsanzug zu schlüpfen. Peter würde darauf gewohnt humorlos reagieren, wenn er so im Präsidium auftauchte. Also zog er ein frisches Oberhemd aus dem Schrank und schlüpfte in die Jeans von letzter Woche. Sie spannte unangenehm beim Zumachen. Mit großer Anstrengung schloß er den obersten Knopf. Es mußte sich wohl die Tage nach einer Nummer größer umsehen. Besser gleich zwei.
Du könntest auch wieder selbst kochen!
Er trank seinen Kaffee auf nüchternen Magen und drückte danach angewidert die leere Vodkaflasche neben den lax zusammengefalteten Pizzakarton in den Müll. Eine Erinnerung weniger. Er las den Einkaufszettel, den er vor dem Schlafengehen geschrieben hatte und strich alles Alkoholische von der Liste.
Salat, Kartoffeln, Gemüse und Obst. Hoffentlich halten die Vorsätze diesmal bis zum Abend.
Sie hielten genau bis zum Schnellimbiß am Präsidium. Mit einigen Donuts und einem großen Milchshake betrat er das Büro.
Moritz, sein Assistent, glänzte durch Abwesenheit. Wenn er nicht gerade Urlaub machte, war er krank oder auf Fortbildung. Derzeit befand er sich wohl in Elternzeit und Torsten würde noch mindestens sechs weitere Wochen allein zurechtkommen müssen.
Seufzend baute er seine Einkäufe auf dem verwaisten Schreibtisch auf. Nur den Milchshake nahm er mit an seinen Platz.
»Du bist spät.«, sagte jemand in der Bürotür.
»Ich weiß. Guten Morgen Peter.«
»Moin. Geht es Dir wieder besser?«
»Geht so.« Torsten rieb sich das Auge, in das er gerade beim Versuch, einen Schluck zu nehmen, den Strohhalm des Milchshakes gestochen hatte.
»Ich kann Dir nicht ewig den Rücken freihalten.«
Torsten seufzte.
»Du brauchst einen neuen Assistenten.«
»Ich habe doch Moritz.«
»Guter Witz. Du benötigst jemanden, der Dir Arbeit abnimmt und Dich motiviert.«
»Dann gib mir Klaus.«
Klaus war Peters persönlicher Assistent und wäre tatsächlich viel besser für den Job geeignet als Moritz. Unglücklicherweise verließ sich auch der Hauptkommissar auf seine Fähigkeiten.
»Ich habe jemand, der die Anforderungen ebenfalls erfüllt. Er hat sich gestern auf die Stelle beworben und er war sehr überzeugend.«
»Moment mal«, Torsten rieb sich immer noch die Augen, diesmal aber ungläubig. »Du hast … eine Stelle ausgeschrieben?«
»Ähm … nicht so direkt. Du arbeitest seit einem Jahr praktisch ohne Hilfe. Klar, daß man dann irgendwann den Überblick verliert.«
»Mein Überblick ist ausgezeichnet. Warum bist Du der Meinung, daß ich Hilfe benötige? Daß sich jemand einfach auf einen Job bewirbt, der nicht ausgeschrieben ist, das glaube ich Dir nicht.«
»Es ist aber so und ich halte ihn für durchaus geeignet, Dir zu helfen.«
Peter trat jetzt ins Zimmer. Ihm folgte ein schlaksiger, junger Mann, der Peter deutlich überragte. Da er den Kopf gesenkt hielt, fiel das aber erst auf den zweiten Blick auf.
»Torsten, dies ist Maximilian Waldgänger. Er wird Dich in der nächsten Zeit unterstützen.«
»Bitte nennen sie mich Max«, sagte der kaum vernehmbar. Er blickte auch jetzt nicht auf und versteckte seine Hände in den Taschen seiner Jeans.
Torsten blickte zunächst fassungslos auf Peter und betrachtete dann seinen Begleiter genauer. Was er sah, gefiel ihm nicht.
Er mochte gerade Zwanzig sein, mindestens zehn Jahre jünger als er selbst auf jeden Fall. Der hagere, fast knochige Körper, der strubbelige, schwarze Flattop, der fehlende Bartwuchs und die abstehenden Ohren unterstrichen diesen Eindruck noch. Das viel zu große T-Shirt hing über die Hose, etwas, das er Václav nie hätte durchgehen lassen.
Daß Peter dazu nichts gesagt hatte, wunderte ihn. Die Turnschuhe hatten bessere Zeiten gesehen und auch der kleine Rucksack, den er bei sich trug, wirkte nicht ganz sauber. Selbst die Auszubildenden in den Großraumbüros im Erdgeschoß kleideten sich sorgfältiger.
»Peter, ich brauche wirklich keine Hilfe.« Torsten bemühte sich, sein Mißfallen zu unterdrücken.
»Das ist keine Bitte. Ich benötige Dich voll einsatzbereit.«
»Ich bin einsatzbereit!«
»Das bist Du nicht!« Torsten zuckte ob des plötzlichen scharfen Tons zusammen. »Ich bin nicht blind, also verkaufe mich nicht für dumm. Du wirst Dir in nächster Zeit helfen lassen, ob es Dir paßt oder nicht.« Peter drehte sich um. »Und bring wieder Ordnung in Dein Privatleben«, sagte er noch im Gehen.
Eine kleine Weile blieb es ruhig im Büro. Dann stand Torsten auf, atmete tief durch und reichte dem anderen die Hand.
»Sie sind also Max. Ich bin Torsten. So ganz verstehe ich nicht, was Sie hier wollen. Nach diesem Fall im letzten Sommer halten mich doch sowieso alle für seltsam.«
»Was ich hier will, ist, daß Sie mir eine Chance geben!« Max schien gerade all seinen Mut zusammenzunehmen und blickte sein Gegenüber direkt an. »Und ich finde Sie gar nicht seltsam.«
Torsten blickte kurz in eisblaue Augen, aber schon hatte Max seinen Blick wieder gesenkt. Gleichzeitig nahm er einen starken Geruch wahr. Es kam ihm so vor, als befünde sich im Zimmer irgendwo ein nasses Tier. Er zog die Nase kraus und bemühte sich, flach zu atmen.
»Das freut mich«, antwortete er gepreßt.
»Nur das mit dem Bandenkrieg, das habe ich Ihnen keine Sekunde abgenommen.«
Torstens Mundwinkel zuckten. Das wunderte ihn auch nicht. Nur war es mit der Wahrheit in diesem Falle so eine Sache …
Auf der Suche nach einigen vermißten Personen aus der Schwulenszene waren sie einem Escort namens Paolo Costa auf die Spur gekommen, dessen empathische Fähigkeiten derart stark waren, daß man sie mangels eines besseren Terminus nur als paranormal bezeichnen konnte.
Die Polizei war ihm aber nicht als Einzige auf der Spur und bevor sie ihn zu fassen bekamen, kam es auf einem alten Militärgelände im Umland, wo sich der Mann aufhielt, zu einem Showdown zwischen zwei Gruppen. Er führte zu vielen Toten, die laut Gerichtsmedizin alle fast zeitgleich einen Schlaganfall erlitten.
Die wenigen Überlebenden dieses Abends waren nicht sehr gesprächig und das spärliche, das er ihnen entlocken konnte, enthielt keinerlei Fakten, die er hätte in einen Bericht schreiben können. Die sich widersprechenden Aussagen waren teilweise an Absurdität kaum zu überbieten. Bis heute hatten sie diesen Fall nicht aufklären können.
Der Verdächtige, ein junger Mann namens Paolo Costa, blieb seitdem verschwunden. Offiziell war er bei diesem Vorfall gestorben. Torsten glaubte aber nicht so recht daran.
Der Bandenkrieg war die offizielle Version, auf die er sich mit Peter und der Staatsanwältin geeinigt hatte.
Unglücklicherweise erzählten einige der bei diesem Einsatz anwesenden Beamten ungeachtet ihrer Verschwiegenheitspflicht Details über einen Wahnsinnigen, der all die Morde quasi im Alleingang begangen habe.
Die meisten lachten sie aus.
Torsten hatte seitdem aber einen gewissen Ruf weg.
»Das ist Ihr gutes Recht. Eine andere Version habe ich aber nicht«, erwiderte er.
»Ich verstehe.«
»Das glaube ich kaum.« Torsten machte eine Handbewegung in Richtung des verwaisten Schreibtisches von Moritz. »Richten Sie sich dort ein. Und dann erzählen Sie mir bitte, wie Sie den Hauptkommissar dazu gebracht haben, Sie mir zuzuweisen.«
»Das war einfach.« Max stellte seinen Rucksack auf den Tisch und entnahm ihm einen Stapel notdürftig gehefteter Blätter, die er ihm reichte. »Gestern gab es einen Polizeieinsatz in Borgfeld. Ich war … zufällig vor Ort und habe anschließend alle Informationen gesammelt und zusammengestellt.«
»Was für Informationen?«
»Lesen Sie selbst. Hier kommt schon mal der offizielle Teil.«
Max hob den Beutel an, in dem Torsten seine Donuts verstaut hatte und warf einen Blick hinein. Sofort begannen seine Augen zu leuchten.
»Bedienen Sie sich ruhig. Ich muß eigentlich sowieso abnehmen.« Torsten blätterte bereits in der Akte. »Ein Vermisstenfall also. Ein prominenter Fall, wie es aussieht.«
»Ist diese Familie von Hagestolz denn prominent?«
»Sie sind wohl nicht von hier?«
»Stimmt.«
Max hatte seinen Donut geradezu inhaliert, wischte sich die Finger an der Tüte ab und senkte den Blick wieder.
»Jetzt verstehe ich immerhin, warum dieser Ordner hier gelandet ist. Wer diesen Leuten indiskrete Fragen stellt, muß mit dem Risiko leben, daß sie sich hinterher beim Polizeipräsidenten beschweren. Das ist den anderen Teams wohl zu heikel.«
»Ihr Hauptkommissar wirkte jedenfalls erleichtert, als ich ihm diese Lösung vorgeschlagen habe.«
»Da haben Sie beide mir ja etwas Schönes eingebrockt. Wie kommt es überhaupt, daß er auf Sie gehört hat?«
»Ich konnte ihn davon überzeugen, daß Sie der Einzige sind, der diesen Fall aufklären kann.«
Torsten fühlte sich plötzlich, als wäre die Wirkung der Flasche Vodka vom Vorabend noch nicht ausgestanden. Ein dumpfer Druck benebelte seine Sinne und er stützte seinen Kopf in die Hände.
»Ist etwas nicht in Ordnung? Sie sehen blaß aus.«
»Es geht gleich wieder. Ich glaube, ich brauche ein Aspirin.«
»Sekunde.«
Max verschwand aus dem Büro und kam nach erstaunlich kurzer Zeit mit einem Glas Wasser und einem Blister zurück. Torsten drückte eine Tablette heraus und trank das Glas mit wenigen Schlucken ganz leer.
»Danke. Wie haben Sie so schnell …?«
»Geben Sie es zu: Sie brauchen mich … meine Hilfe.«
Max grinste linkisch, als er das sagte.
»Gar nichts brauche ich! Außerdem haben Sie mit Ihrer Antwort gleich drei neue Fragen aufgeworfen, die mir wesentlich mehr im Magen liegen als die Frage, warum der Hauptkommissar auf Sie gehört hat.«
Max blickte wieder zu Boden. Jedenfalls sah es zunächst so aus.
»Nehmen Sie sich, so viel Sie wollen. Ich sehe doch, wie scharf Sie auf die Donuts sind.«
Es dauerte keine drei Minuten, dann war die Tüte leer und flog zusammengeknüllt in den Papierkorb.
»Die Krümel und den Zuckerguß hätten Sie wenigstens drin lassen können. Sie wirken, als hätten Sie eine Woche nichts gegessen. Werden Sie so schlecht bezahlt?«
»Ich habe … ein Problem mit meinem Stoffwechsel.« Max’ Stimme klang kaum vernehmbar. »Er läuft manchmal so auf Hochtouren, daß ich mit dem Essen nicht nachkomme.«
»Sie sollten das untersuchen lassen.«
»Das … habe ich. Ich muß damit leben.«
»Okay, und jetzt beantworten Sie bitte meine anderen Fragen. Wenn Sie mein Assistent werden wollen, erwarte ich plausible Antworten.«
»Ähm … welche Fragen?«
»Zeigen Sie mir, daß Sie sie antizipieren können.«
»Okay.« Max blickte wieder zu Boden, aber Torsten hatte das Gefühl, daß er diesmal dabei lächelte. »Den Hauptkommissar zu überzeugen war einfach. Er traut zwar Ihren diplomatischen Fähigkeiten nicht, aber letztlich ist er froh, den Fall von der Backe zu haben. Die zweite Frage, die nach dem inoffiziellen Teil der Informationen, die ich Ihnen gegeben habe, kann ich Ihnen erst morgen beantworten. Ich weiß, wo sie liegen, aber ich muß sie erst … holen. Daraus ergibt sich dann auch, warum Sie eine von lediglich zwei Personen im Präsidium sind, die diesen Fall aufklären können.«
Max blickte wieder zu Boden und wirkte auf einmal so katatonisch, als hätte ihn der Wortwechsel völlig erschöpft. Torsten sah sich das einige Zeit an. Dann resignierte er.
»Okay, Sie wollen Ihre Chance. Da ich heute wohl nichts mehr aus Ihnen herausbekomme, erhalten Sie sie morgen. Bis dahin werden Sie aber noch einige Dinge für mich erledigen.«
Max atmete tief durch und hob seinen Blick kurz. »Ja?«
»Ist der Vorgang schon digitalisiert?«
»Nein.«
»Erledigen sie das als erstes. Ich erwarte die Informationen morgen früh in meinem Rechner vorzufinden.« Torsten reichte ihm die Akte zurück.
»Ich kümmere mich darum.« Max erhob sich und machte Anstalten, den Raum zu verlassen.
»Ich bin noch nicht fertig!«
Der Angesprochene erstarrte in der Bewegung und senkte seinen Blick wieder.
»Danach werden Sie duschen. Sie riechen ein wenig nach … nach Haustier.«
»Ich … habe einen Hund.«
»Okay, nach Hund also. Besorgen Sie sich auch etwas Vernünftiges zum Anziehen. So kann ich Sie nicht nach Borgfeld mitnehmen. Eigentlich kann man Sie so nirgendwohin mitnehmen.«
Max errötete tief und blickte so starr auf den Boden, als wolle er ein Loch hineinbrennen, in das er versinken konnte.
»Und essen Sie bitte genug. Nicht, daß Sie mir unterwegs zusammenklappen.«
»Jawohl Herr … Torsten.«
»Und nun verschwinden Sie. Ich habe noch zu tun. Morgen früh Punkt Neun.«
»Jawohl.«
Max verschwand im Flur. Torsten blieb nachdenklich zurück. Zumindest hatte er – wenn auch mit Mühe – seine spontane Aversion zurückhalten können. Auch wenn es sonst nicht seine Art war, Kollegen zu siezen und jüngere schon gar nicht, gab ihm das in diesem Fall die Möglichkeit, ein wenig Distanz aufzubauen. Falls dieser Junge sein Äußeres in den Griff bekam und falls seine Antworten ihn morgen zufriedenstellten, würde er ihm eine Chance geben. Eigentlich wirkte er auf ihn zu unreif für solch einen Job, aber man würde sehen.
Torsten erledigte etwas Büroarbeit, die über das Wochenende aufgelaufen war. Sie ging ihm jetzt angenehm flüssig von der Hand. So befremdend dieser Vormittag in Teilen abgelaufen war, so hatte er ihn doch aus seiner Trübsal herausgerissen und auf andere Gedanken gebracht.
Zwischendurch sah er die Protokolle der Befragungen durch, die jetzt einer nach dem anderen in sein Postfach tröpfelten. Vermißt wurde ein Mann namens Johan Hartung. Er wurde zuletzt auf einer Veranstaltung im Hause von Hagestolz gesehen. Dort fiel sein Verschwinden aber niemandem auf. Laut der Aussagen mehrerer Hausangestellter schien ihm plötzlich übel geworden zu sein. Als er nicht wieder von den Toiletten zurückkam, nahm man an, daß er ein Taxi genommen habe und nach Hause gefahren sei.
Vermißt gemeldet hatte ihn erst am Folgetag seine Mutter. Deren Aussage war wesentlich umfangreicher und steckte voller Details, die mehr über das Mutter-Sohn-Verhältnis aussagten als über den Vermißten.
Vielleicht ist er einfach abgehauen, weil er es mit ihr nicht mehr ausgehalten hat. So ganz verstand er nicht, warum er sich mit solch einem Fall beschäftigen mußte, denn es gab derzeit keinerlei Anhaltspunkte, daß diesem Johan Hartung etwas anderes zugestoßen sei, als daß er irgendwo seinen Rausch ausschlief. Normalerweise regelten so etwas die Reviere vor Ort.
Er stand auf, ging zu Peters Büro und trat ein, ohne anzuklopfen. Als er sah, daß sein Vorgesetzter telefonierte, setzte er sich auf den Besucherstuhl und wartete, bis das Gespräch beendet war und Peter von seinem Notizblock aufblickte.
»Was willst Du noch? Ich dachte, wir hätten alles geklärt.«
»Haben wir nicht. Das hier ist doch kein Fall für uns.«
»Nicht direkt. Allerdings gibt es da zusätzliche Gesichtspunkte, die wir berücksichtigen müssen.« Peter fixierte dabei einen Punkt auf seinem Schreibtisch.
»Okay, wer ist der Vermißte bzw. wer ist seine Mutter?«
»Sie ist … ihr verstorbener Mann war lange Jahre Präsident der Bürgerschaft.«
»Okay, daher kenne ich den Namen. Und sie hat so viel Einfluß?«
»Sie nicht, aber einige der Leute, die sie kennt und anscheinend um Hilfe gebeten hat. Glaube mir, daß ich keine andere Wahl habe, als jemand darauf anzusetzen.«
»Aber warum ich und vor allen: warum dieses Kind?«
»Weil Du jemanden brauchst, der Dir wieder die Laufarbeit abnimmt und weil sonst niemand … Du weißt, daß Du nicht sehr beliebt bist seit dieser Sache damals.«
»Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Außerdem bin ich nicht derjenige, der über Paolo Costa geredet hat.«
»Natürlich nicht. Du hast den Fall seinerzeit fast im Alleingang gelöst und deshalb halte ich Dir auch den Rücken frei.«
»Das sehe ich.«
»Versteh mich doch. Irgend jemand muß es tun und die Leute, die mir im Nacken sitzen, erwarten, daß es jemand Kompetentes ist. Du bist mein bester Mann.«
»Wow, ein Lob aus Deinem Munde. Ich werde mir den Tag rot im Kalender anstreichen.«
»Übertreib es nicht!«
»Und dieses … dieser Max Waldgänger überzeugt mich auch nicht. Er läßt sich jedes Wort aus der Nase ziehen und erzählt etwas von inoffiziellen Informationen, die er mir bis morgen besorgen will.«
»Er war sehr begierig darauf, mit Dir zusammenzuarbeiten. Hoffentlich ist es nicht, weil er Dich lediglich … interessant findet. Ich weiß ja nicht, was man in Deiner Szene anstellt, um jemanden näher kennenzulernen.«
»Es gibt keine besonderen Umgangsformen und es ist nicht meine Szene. Manchmal weiß ich nicht mal, ob es in Bremen überhaupt eine Szene gibt, die diesen Namen verdient.« Torsten bemerkte, daß er sich gerade in Rage redete und bemühte sich, seinen Ärger zu kanalisieren. »Außerdem glaube ich nicht, daß dieser Junge schon einmal Sex hatte und daß Du ihn für schwul hältst, wundert mich.«
Der Hauptkommissar zuckte bei der Nennung des Wortes schwul zusammen, sagte aber nichts.
»Gut, an Deinen Vorurteilen arbeiten wir später. Jetzt werde ich die Befragung nachholen, die man gestern offensichtlich vergessen hat.«
»Sei bitte vorsichtig. Diese Leute werden nicht zögern, uns das klarzumachen, wenn Du sie vor den Kopf stößt.«
»Besitzen sie mehr Einfluß als die Mutter des Vermißten? Vielleicht sollte ich es darauf anlegen. Ich wollte diesen Fall nicht. Wenn es denn einer ist.«
»Das meinst Du nicht ernst.«
»Es gibt keinen Grund für sie, nicht mit mir zu reden. Und wenn ihnen meine Fragen nicht gefallen, stecken sie in der Sache mit drin.«
Torsten stand auf und ging grußlos. Jetzt galt es, diese Angelegenheit schnellstmöglich zu klären. Mit Chance hatte dieser Hartung sich bereits wieder irgendwo gemeldet und wenn nicht …
Er suchte aus den Protokollen dessen Handynummer heraus. Die ermittelnden Beamten hatten gestern bereits mehrfach versucht, dort anzurufen, strandeten aber auf der Mailbox.
So erging es auch Torsten.
Er setzte sich kurz an seinen Rechner und schrieb eine Auskunftsanfrage an den Provider, dem die SIM-Karte im Handy des Vermißten gehörte. Dann druckte er aus den spärlichen Unterlagen einige Bilder aus, auf denen der Vermißte einigermaßen klar zu erkennen war. Danach verließ er das Präsidium und stieg auf sein Fahrrad. Wenn er es schon nicht schaffte, wieder Gewicht zu verlieren, wollte er zumindest fit bleiben.
Als er die Heerstraße stadtauswärts fuhr, erschien es ihm, als folge ihm jemand. Er drehte sich mehrmals um, entdeckte aber nichts außer einem streunenden Hund, der eine kurze Strecke hinter ihm herlief und dann in die Grünanlage des Rhododendronparks abbog.
Vielleicht sitzt irgendwo ein Spanner hinter einem Fenster.
Sowas sollte es geben. Am besten ignorierte er das Gefühl. Er trat in die Pedale und kam etwas außer Atem nach einer Weile in der Seitenstraße im noblen Stadtteil Oberneuland an, in der sich das Haus derer von Hagestolz befand. Alte Bäume standen auf beiden Seiten und überschatteten die Straße. Zusammen mit den blickdicht bewachsenen Hecken an den Grundstücksgrenzen ergab sich der Eindruck, durch einen grünen Tunnel zu fahren.
Es gibt wohl schlimmere Schicksale als hier zu leben.
In großzügig bemessenen Abständen befanden sich Einfahrten zu den Grundstücken. Vor einem besonders großen Areal befand sich sogar ein Tor.
Hier muß es sein, auch wenn sie alles gut gegen Einblick geschützt haben. Die Hausnummer stimmt. Verflixt, was riecht hier so stark nach Katzenurin?
Mit Genugtuung nahm er zur Kenntnis, daß die Buchsbaumhecke im nächsten Sommer nicht mehr hier stehen würde. An mehreren Stellen zeigten sich nämlich kleine, gelbe Bereiche.
Der Gestank ist bald weg. Die Zünsler werden dafür sorgen.
Er drückte den Klingelknopf an der Gegensprechanlage neben dem Tor.
»Hallo?«
»Jäger, Kriminalpolizei. Ich hätte noch einige Fragen.«
»Melden Sie sich bitte vorher an.«
»Ich kann Sie auch vorladen, wenn Ihnen das lieber ist.«
Eine Antwort erhielt er nicht, aber der Summer ertönte und ein Torflügel schwang auf. Dahinter offenbarte sich eine Reetdach-Villa auf einer großzügigen Fläche mit englischem Rasen. Nach hinten schlossen sich einige Nebengebäude an. Er schob sein Rad die Einfahrt entlang und lehnte es neben der Eingangstüre an die Wand.
»Hinten herum. Und nehmen Sie bitte Ihr Gefährt mit.« Auch die Eingangstür besaß eine Sprechanlage.
Gehorsam schob er sein Rad den Kiesweg entlang, der links um die Villa herumführte. Trotz ihrer Größe wirkte sie dabei nicht klotzig. Der Architekt verstand offensichtlich sein Handwerk und hatte die Konturen mit einer Vielzahl geschwungener Linien abgemildert.
Hinter dem Haus nahm ihn eine Dame in Empfang. Das glatte und faltenlose, dezent geschminkte Gesicht hätte durchaus einer Zwanzigjährigen gehören können, die Pigmentflecken auf dem freien Stück Haut über dem Dekolleté aber nicht.
»Ihren Dienstausweis bitte!«, sagte sie jetzt barsch.
»Torsten Jäger, Kriminalkommissar.« Torsten zeigte ihn vor, nachdem er sein Fahrrad wieder gegen die Wand gelehnt und sich dafür einen giftigen Blick eingefangen hatte. »Und mit wem habe ich die Ehre?«
»Valerie Hagestolz-Böhm.« Sie studierte das Dokument akribisch und tippte einige Daten in ihr Smartphone. Dann öffnete sie eine Flügeltüre schritt hindurch und winkte ihm, ihr zu folgen.
Torsten sah sich um. Der Raum besaß die Dimension einer Dreizimmerwohnung und wurde offensichtlich als Diele genutzt. Davon zeugten einige Bauernschränke und ein überdimensionales Buffet. Alle Möbel waren sorgfältig restauriert worden und auf dem Buffet stand auf einem Platzdeckchen eine große, eiförmige, pastellfarbene Vase, bei deren Anblick sich Torsten spontan an Bord des Raumfrachters Nostromo versetzt fühlte. Mit einem leisen Schaudern wandte er sich der Dame zu, die ihn hereingebeten hatte.
»Ich bin eine Cousine des Hausherrn. Wie kann ich Ihnen noch helfen?«
»Waren Sie bei der Feier vorgestern Abend anwesend?«
»Es handelte sich um einen Empfang.«
»Okay. Waren Sie bei dem Empfang vorgestern Abend anwesend?«
»Nein. Das heißt, nur am frühen Abend.«
»Wo waren Sie danach?«
»Fragen Sie mich allen Ernstes nach einem Alibi? Solch eine Behandlung sind wir von Ihrer Behörde nicht gewohnt.«
»Und ich bin es nicht gewohnt, daß in einem Haus wie dem Ihrigen Leute einfach verschwinden. Außerdem befremdet es mich, daß Sie die Sache gleich so hoch hängen, wo ich Ihnen doch nur freundlich eine Frage gestellt habe.«
»Ich war bei den Nachbarn.« Sie wies auf das Haus nebenan. »Die Herrschaften sind gerne unter sich. Meine Anwesenheit wurde nur zu den Vorbereitungen benötigt.« Ihr Mienenspiel zeigte eine Mischung aus Ärger und Verlegenheit.
»Ist denn jemand hier, der mir mehr sagen kann?« Torsten verhielt sich taktvoll und bohrte nicht weiter nach.
»Die Caterer möglicherweise.«
»Es kann doch nicht sein, daß von der ganzen Familie niemand anwesend war.«
»Der Hausherr natürlich, Alasdair von Hagestolz, und Hanna glaube ich.
»Dann möchte ich mit beiden Personen reden.«
»Sie wollen den Hausherrn vernehmen? Das dürfte Konsequenzen für Ihre berufliche Laufbahn haben.«
»Zunächst wird es Konsequenzen für Sie persönlich haben, wenn Sie nämlich meine Ermittlungen behindern. Wollen Sie das?«
Torsten sah, daß er hier mit Freundlichkeit nicht weiterkam. Er hatte nicht vor, sich einschüchtern zu lassen und ließ es daher auf eine Konfrontation mit der Doppelnamendame ankommen.
»Na, na, na, hier will doch sicher niemand einen Streit vom Zaun brechen, oder?« Die sonore Stimme gehörte einem Herrn, der plötzlich neben ihnen stand, ohne daß einer der Beiden ihn kommen gesehen hatte. Beide zuckten synchron zusammen.
»Alasdair, dieser Herr möchte mit Dir …«
»Ich habe alles vernommen. Eure Unterredung hört man im ganzen Haus. Danke, daß Du versucht hast, mich zu schützen. Ich übernehme das jetzt. Du kannst Dich bestimmt anderswo nützlich machen.«
Valerie Hagestolz-Böhm sah aus, als wolle sie widersprechen, aber etwas in der Stimme des Patriarchen hielt sie davon ab. Mit einem gemurmelten »Ja, ich habe noch zu tun« entfernte sie sich.
»Kommissar, ich freue mich, Sie kennenlernen zu dürfen. Wie geht es Ihnen?« Torsten schüttelte die dargebotene Hand und registrierte verwundert die Kraft des Händedrucks. Er nahm sein Gegenüber genauer in Augenschein. Auch dieses Gesicht erschien alterslos. Allerdings wirkte es natürlicher als die Züge der Dame eben. Die moosgrünen Augen strahlten und er hielt sich mit einer Spannkraft aufrecht, die er einem – wie alt mochte er sein? Sicher Achtzig – jährigem nicht zugetraut hätte.
»Herr von Hagestolz, die Ehre ist auf meiner Seite. Ich freue mich, daß Sie Zeit für mich finden.«
»Valerie versucht, unangenehmes von mir fernzuhalten, aber ich habe gehört, daß Herr Hartung vermißt wird. Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen. Er wirkte etwas derangiert, als ich ihn zuletzt sah.«
»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«
»Vorgestern Abend auf unserem Empfang. Ich rede mit all meinen Gästen, auch wenn ich nicht weiß, wer ihn eingeladen hat.«
»Er war ohne Einladung hier?«
»Sicher nicht. Dann hätte man ihn nicht hereingelassen. Ich meine nur, daß er nicht auf der Gästeliste stand, als ich sie zuletzt gesehen habe. Jemand muß ihn nachträglich hinzugefügt haben.«
»Was meinten Sie mit derangiert?«
»Ich möchte den Herrn nicht kompromittieren.«
»Ich verstehe.«
Torsten blickte sein Gegenüber fragend an und tatsächlich fügte der nach kurzem Nachdenken noch etwas hinzu.
»Er hat in kurzer Zeit sehr viel gegessen und getrunken. Möglicherweise ist ihm das nicht bekommen. Zuletzt eilte er in Richtung der sanitären Örtlichkeiten.«
»Haben Sie ihn danach noch gesehen?«
»Leider nein. Ich hätte die Unterhaltung gern vertieft. Der junge Mann war … vielversprechend.«
Ihre Cousine erwähnte eine Hanna. Vielleicht weiß sie mehr.«
»Hanna Marquess ist meine Großnichte. Sie wohnt nicht hier, aber wenn Sie mir Ihre Karte überlassen, sorge ich dafür, daß sie sich bei Ihnen meldet.«
»Das ist sehr freundlich.« Torsten reichte ihm seine Visitenkarte. Ihre Hände berührten sich kurz und der andere klopfte ihm mit der anderen Hand wie beiläufig auf den Ellenbogen.
»Und jetzt habe ich zu tun. Sie haben bestimmt keine Fragen mehr an mich. Fahren Sie jetzt zurück. Sie finden allein hinaus.«
Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte er plötzlich gebrechlich und man sah ihm sein Alter an. Dann fing er sich wieder und verließ rasch den Raum.
Torsten ging wortlos nach draußen, nahm sein Rad, schob es zurück ums Haus und die Einfahrt entlang. Der Torflügel schwang auf und er fand sich auf der Straße wieder.
Was war das gerade? Ich hätte nachhaken müssen, aber ich bin einfach grußlos gegangen.
Aus dem Augenwinkel sah er einen Hund über die Straße laufen, aber als er hinblickte, war dieser schon verschwunden. Kopfschüttelnd setzte er sich auf sein Rad und fuhr in Richtung Stadt.
Wie er zurück zum Polizeipräsidium gekommen war, hätte er später nicht erklären können. Er schreckte hoch, als er ein lautes Fingerschnippen hörte und jemand einen Kaffeebecher mit einem leisen Knall vor ihm auf dem Tisch absetzte, und blickte in die Augen seines neuen Helfers.
»Sie sehen aus, als könnten Sie den brauchen.« Max’ Lächeln war kaum wahrnehmbar.
»Wie … wie lange sitze ich schon hier?«
»Nur ein paar Minuten. Sie sahen müde aus, als Sie zurückkamen. Wie ist die Befragung gelaufen?«
»Wenn ich das wüßte. Ich habe mit Alasdair von Hagestolz gesprochen. Er hat mit dem Vermißten geredet und ihn zuletzt auf dem Weg zu den Toiletten gesehen. Er wollte das Gespräch mit ihm vertiefen … hat er zumindest gesagt. Dann hat er mich weggeschickt.«
»Sie haben sich wegschicken lassen?«
Torsten trank einige Schlucke aus dem Becher. Das Getränk war kein Kaffee, aber es belebte ihn.
»Ja, seltsam was?«
»Trinken Sie noch etwas. Wenn Sie ausgetrunken haben, wird Ihnen besser gehen.«
»Was ist das?«
»Eine spezielle Kräutermischung mit Honig.«
»Die haben Sie einfach so dabei. Was bewirkt sie?«
»Sie schmeckt gut und entspannt. Mir schien, daß sie das jetzt brauchen.«
Torsten trank den letzten Schluck und fühlte sich tatsächlich erfrischt. Seine Konzentration kehrte zurück und mit ihr die Fragen.
»Was zur Hölle ist mit mir passiert? Ich erinnere mich nicht, wie ich zurückgekommen bin. Ein Wunder, daß ich keinen Unfall mit dem Rad gebaut habe.«
»Was ist das letzte, an das Sie sich erinnern?«
»Ich habe dem alten von Hagestolz meine Visitenkarte gegeben. Dann hat er mich irgendwie komisch angefaßt und gesagt, ich solle gehen.«
»Was hat er genau gesagt?«
»Ich … ich … weiß es nicht. Ich wollte ihn noch etwas fragen, aber mir ist plötzlich nichts mehr eingefallen. Da erschien es mir ganz natürlich, zu gehen.«
Beide schwiegen für eine Weile, aber in Torsten arbeitete es sichtbar. Schließlich hieb er mit der Faust auf den Tisch, daß der Löffel im Becher leise klirrte.
»Verdammt will ich sein. Ich dachte immer, ich wäre gegen Hypnose Immun. Vor allem wundere ich mich, wie schnell er das geschafft hat.«
»Geben Sie Blitzhypnose in die Suche ein. Ich denke, das erklärt es.«
Torsten tippte eine Weile auf seiner Tastatur herum. Dabei wurden seine Augen immer größer. Schließlich schüttelte er heftig den Kopf. Dann winkte er Max herbei und streckte die Hand aus.
»Torsten.«
»Max.«
»Okay«, Torsten blickte auf die Uhr, »nachdem das geklärt wäre, machen wir für heute Feierabend. Was machst Du noch?«
»Essen kaufen!«
»Witzbold. Vorher kommst Du mit mir. Ich habe etwas für Dich.«
»Okay?«
»Wir treffen uns um 19 Uhr am Leibnizplatz.«
»Okay.«
Max erhielt keine Antwort auf die nicht gestellte Frage. Sie räumten ihre Sachen zusammen, verließen gemeinsam das Büro und gingen wortlos über das Gelände. Vor dem Haupteingang trennten sich ihre Wege. Max ging stracks in Richtung Straßenbahn und Torsten bog zum Fahrradständer ab.
Als Max am Leibnizplatz pünktlich um Sieben eintraf, erwartete Torsten ihn bereits. Er nickte ihm zu, deutete dann in eine Richtung und Max trottete gehorsam neben ihm her.
Torsten war zwar mit dem Fahrrad erschienen, schob es aber einfach nur. Die tiefstehende Sonne warf lange Schatten und ein kühler Wind strich durch die Seitenstraßen mit den Altbremer Häusern.
An einem Imbiß stoppten sie kurz und Torsten kaufte zwei Döner.
»Damit kannst Du öffentlich auftreten.« Er staunte immer noch über die Geschwindigkeit, mit der Max sein Essen vertilgte. Er selbst hatte nur einige Bissen geschafft, da hatte Max seine Tüte schon leer gegessen. »Du kannst den Rest von meinem auch noch haben, wenn Du magst.«
»Mmmhh …«
Kopfschüttelnd verfolgte er den Rest des Mahls. Max ließ lediglich ein Stück Brot übrig.
Danach gingen sie weiter.
»Warte hier.«, sagte Torsten, als sie vor seinem Haus ankamen. Er schob sein Rad in den Hausflur, verschwand kurz in seiner Wohnung und kehrte mit zwei gut gefüllten, großen Plastikbeuteln zurück, die er Max reichte.
»Die sind für Dich. Václav ist nicht ganz so groß wie Du, aber ihr habt die gleiche Figur. Er wird seine Sachen nicht mehr abholen und solange sie bei mir liegen, vergiften sie meine Gedanken.«
»Das kann ich nicht annehmen.«
»Natürlich kannst Du. Ich tue das ganz eigennützig. Nun nimm schon. Nur waschen mußt Du sie selbst. Bei mir sind sie ziemlich eingestaubt.«
Max bedachte Torsten mit einem langen Blick. Dann nickte er ihm zu, nahm die Beutel, drehte sich um und zog wortlos ab.
3. Kapitel (Di)
Torsten fühlte sich viel besser, als er am nächsten Morgen aufstand. Gut, daß der Vodka alle war. Der frische Salat, den er sich vor dem Schlafengehen noch zubereitet hatte, tat ihm gut und kaum, daß er im Bett lag, schlief er auch schon.
So betrat er schon um halb Neun das Präsidium. Auf dem Flur traf er Peter.
»Gute Arbeit, Torsten!«, begrüße der ihn.
»Du kennst doch meinen Bericht noch gar nicht.«
»Das muß ich nicht. Ich hatte heute morgen keine Beschwerde auf meinem Schreibtisch und keinen Polizeipräsidenten in der Leitung. Irgendwas mußt Du also richtig gemacht haben.«
»Du mich auch.«
Torsten ließ seinen Vorgesetzten stehen und marschierte zu seinem Büro. Dort traf er Max, der gerade vor einem großen Stapel belegter Brote saß.
»Mahlzeit.«
»Mmh…mmh.«
»Die neuen Sachen stehen Dir.«
»Dan…ke.«
Max schluckte den letzten Bissen hinunter. Er trug tatsächlich ein T-Shirt und eine Jeans von Václav und wirkte so wesentlich ordentlicher als am Vortag. Auch der Geruch nach nassem Hund hatte sich zugunsten eines leichten Zitronenaromas verflüchtigt.
»Wo hast Du eigentlich meine Akten hingeräumt?« Torsten blickte entgeistert auf seinen leeren und blitzsauber gewischten Schreibtisch.
»Dorthin.« Max deutete auf den Metallschrank für die Hängeregistraturen.
»Bist Du verrückt? Die Papiere waren säuberlich geordnet! Wie soll ich jetzt …«
Torsten wollte aufspringen, als sein Blick auf den Desktop seines Rechners fiel. »Wieso ist der an? Was ist …«
Auf dem Desktop befanden sich eine Reihe neuer Ordner mit Namen wie ‘offene Fälle’, ‘geschlossene Fälle’, ‘Notizen’, ‘Faxe’ und ‘Privat’.
»Warst Du das?« Max nickte. »Woher zur Hölle kennst Du mein Paßwort?«
»Das klebte an Deinem Bildschirm.« Max hielt ein Post-it hoch und biß seelenruhig in das nächste Brot. »Ich bin schon zwei Stunden hier und habe in der Zwischenzeit Deine Unterlagen gescannt und sortiert.«
Als er sah, daß sein Gegenüber kurz davor war, ihn anzuschreien, fügte er noch ein »Ich hole Dir einen Kaffee.« hinzu und verließ den Raum mit verblüffender Geschwindigkeit, nicht ohne das angebissene Brot mitzunehmen.
Torsten blieb heftig atmend zurück. Was bildet dieses Kind sich ein? Er soll mich entlasten und nicht meine Ordnung durcheinanderbringen!
Testweise klickte er auf den Ordner ‘offene Fälle’. Darunter befanden sich mehrere Unterordner. Unter ‘Johan Hartung’ stieß er auf die chronologisch geordnete Liste der bisherigen Unterlagen zum Fall. In einige PDFs hatte Max Kommentare eingefügt, teilweise mit Fragen, die sich Torsten auch gestellt hatte. Der Provider von Hartungs Handy schrieb, daß das Telefon zuletzt in Borgfeld eingebucht war und seit dem frühen Sonntagmorgen ausgeschaltet sei.
Als letztes fand er ein Textdokument mit einer Zusammenfassung dessen, was er Max von der Befragung am Vortag erzählt hatte. Als dieser mit zwei Bechern zurück kam und einen vor Torsten auf den Tisch stellte, klickte der sich zunehmend fasziniert durch die anderen Ordner. Am längsten verweilte er unter ‘Notizen’, in dem sich handschriftlich gefüllte Zettel befanden.
»Die habe ich alle dort abgelegt, weil ich Deine Schrift nicht so gut lesen kann.«
»Warst Du in einem früheren Leben Diplomat?« Torsten lachte auf. »Ich kenne meine Klaue. Meine Güte, den Zettel suche ich seit Tagen. Wo hast Du den gefunden?«
»Den?« Max warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm. »Der klebte unter der Tastatur. Zu viel Zucker im Kaffee ist ungesund.«
»Okay. Ich denke, ich kann damit leben. Trotzdem wirst Du mich beim nächsten Mal vorher fragen, verstanden?«
»Klar.« Max setzte sich wieder an seinen Platz und griff zum nächsten Brot. »Wasch machn wir heude?« nuschelte er zwischen zwei Bissen.
»Zunächst wirst Du mir mehr über den inoffiziellen Teil Deiner Recherchen im Fall Hartung erzählen.«
»Moment«, Max klickte an seinem Rechner einige Male mit der Maus und schrieb einige Anschläge auf der Tastatur, »jetzt sieh auf Deinen Desktop.«
Torsten fixierte den Bildschirm, auf dem in diesem Augenblick eine neue Verknüpfung namens ‘Top Secret’ erschien.
Das gefällt mir nicht. Ich muß unbedingt mein Paßwort ändern!
Er öffnete den Link. Der zugehörige Ordner enthielt Fotos einer Reihe alter Zeitungsausschnitte. Der Jüngste von 1979 stammte aus den Bremer Nachrichten und erregte sofort Torstens Aufmerksamkeit. ‘Senatorensohn vermißt! Wie uns die Polizei erst heute mitteilte, wird bereits seit mehr als einer Woche der 28-jährige Alexander Timpe vermißt. Der Sohn der Bildungssenatorin wurde zuletzt auf einer Party in der Nobeldisco “Radscha” gesehen. Für Hinweise, die zum Auffinden von Alexander Timpe führen, haben die Eltern eine Belohnung von 5.000 DM ausgesetzt.’
Das Foto dazu erschien ihm vage bekannt, verriet aber durch das grobe Raster zu wenige Details.
»Das ist ja ziemlich genau vierzig Jahre her.«
»Fast auf den Tag genau.«, bekräftigte Max.
Torsten sah die weiteren Ausschnitte durch. 1938 in den Bremer Nachrichten mit Weser Zeitung, 1860 und 1899 wieder in den Bremer Nachrichten’ sowie einige noch ältere Quellen. Immer ging es um mehr oder weniger prominente junge Männer, die vermißt wurden.
»Du willst doch nicht sagen, daß es da einen Zusammenhang gibt?« Torsten warf einen strengen Blick auf Max, der die Augen senkte und schwieg. »Wo hast Du die Zeitungsausschnitte überhaupt her?«
»Auf einem Dachboden … gefunden.«
»Weiß der Hauptkommissar davon?«
»Nein.« Max folgte einer Fliege an der Fensterscheibe mit seinem Blick.
»Warum nicht?«
»Das mußte ich nicht. Er war von Anfang an der Meinung, daß nur Du diesen Fall lösen kannst. Ich habe ihn nur darin bestärkt und mich ins Spiel gebracht.«
»Ja, ja, seine Beweggründe kenne ich.« Torsten stutzte. »Moment, Du hast Dich ins Spiel gebracht? Was ist denn mit Deinen Beweggründen?«
»Ja.« Max’ Gesichtsfarbe verdunkelte sich um einige Nuancen. Er knetete seine Hände eine kleine Weile unter dem Tisch. Torsten wartete geduldig, bis er weitersprach. »Es war meine Chance, endlich richtige Polizeiarbeit zu machen. Deswegen bin ich hier.«
»Max, die ganze Geschichte bitte.«
Sein Gegenüber sank ob des kalten Tonfalls auf seinem Stuhl zusammen. Kurz sah es so aus, als würde er die Fassung verlieren. Dann sagte er noch leiser, so als würde er ein Selbstgespräch führen: »Ich arbeite eigentlich im hausinternen Botendienst.«
»Warst Du jemals auf der Polizeischule?«
»Ich habe die Aufnahmeprüfung nicht geschafft. Ich bin nicht … sportlich genug.« Max’ Stimme war jetzt kaum noch zu hören. Mit hochrotem Kopf saß er da wie ein Häufchen Elend.
Torsten unterdrückte energisch den Impuls, ihn in den Arm zu nehmen und zu trösten. Er sollte einfach eine vermißte Person finden und dieser Junge hatte seine Nachforschungen gerade unnötig verkompliziert. Was stellte er sich vor, wie die Arbeit hier ablief? Mit diesen alten Zeitungsausschnitten konnte man jedenfalls nichts anfangen. Das hier war ein Fall aus der Gegenwart und er würde diesen Johan Hartung bald ausfindig machen, ihn am Schlafittchen packen und bei seiner Mutter für das fällige Donnerwetter abliefern.
Er schluckte seinen Ärger hinunter – allzuviel war es nicht – und bemühte sich um einen sachlichen Tonfall.
»Max, Du mußt doch verstehen, daß das so nicht geht. Ich muß hier professionell arbeiten und dazu brauche ich Mitarbeiter, die für ihren Job auch qualifiziert sind.«
Sein Gegenüber nickte kaum wahrnehmbar. Dann hob er den Kopf und sah ihm ins Gesicht. In seinen Augen standen Tränen.
»Paß auf, wir machen einen Deal. Ich will Dir nicht schaden. Du hast schließlich nichts Böses gewollt. Ich werde also das, was hier gestern und heute passiert ist, unter der Decke halten. Ich erwarte aber, daß Du ab morgen wieder beim Botendienst arbeitest.«
»Aber der Hauptkommissar …«
»Ich rede mit ihm. Er wird das verstehen.«
Max zog ein überdimensionales Stofftaschentuch aus der Tasche seiner Jeans und schnaubte geräuschvoll hinein.
»Danke«, flüsterte er kaum hörbar.
»Und jetzt nimm Dir den Rest des Tages frei. In dieser Verfassung bist Du für niemanden eine Hilfe.«
Wortlos stand Max auf, griff seine Tasche und stopfte das letzte Brot hinein. Dann schlich er mit eingezogenem Kopf aus dem Büro.
Torsten griff zum Hörer und wählte eine Nummer.
»Hausverwaltung?«
»Jäger, Kripo Bremen, Guten Tag. Sie verwalten doch die Wohnanlage Grollander Grün?«
»Stimmt, womit kann ich helfen?«
»In einem Ihrer Apartments wohnt ein Johan Hartung. Er wird seit einigen Tagen vermißt. Ich möchte mir seine Wohnung ansehen.«
»Ah, das stand in der Zeitung. Bei uns ist das also.«
»Ich bin in einer halben Stunde vor der Anlage. Ich benötige jemanden mit einem Generalschlüssel.«
»Ich kümmere mich darum. Wie war noch Ihr Name?«
»Torsten Jäger, Kriminalpolizei. Bis gleich.«
Ich nehme besser den Wagen. Das Erlebnis gestern reicht mir.
Er legte auf und saß noch für einige Minuten dumpf brütend vor seinem Rechner. Bevor er den Ordner schloß und den Rechner sperrte, druckte er einen der Scans aus, faltete ihn zusammen und steckte ihn in seine Jacke.
Er ging spazieren. Um ihn herum befanden sich die wuchtigen Mauern des Kreuzgangs, die die Gartenanlage begrenzten. Ein Rosenstock wuchs an der Apsis der Kirche. Er ging dort hin und betrachtete, wie er über ein Dutzend Meter Höhe, die die halbrunde Mauer hochwuchs. Wie alt mochte er sein? Fünfhundert Jahre? Er erinnerte sich, daß er den Stock früher schon gesehen hatte, als er noch viel kleiner war. Er brach eine der Blüten und roch daran. Ein schwacher, feiner Duft mit einer leichten Note von Vanille. Früher hatte man aus den Blütenblättern Rosenöl gekocht. Heute diente der Strauch nur noch als Touristenattraktion.
Ein hoher Pfeifton weckte ihn. Johan Hartung richtete sich in seinem Bett auf und suchte nach der Quelle des Störgeräusches. Erst nach einiger Zeit ging ihm auf, daß der Lärm nur in seinem Kopf stattfand. Dieser verfluchte Tinnitus! Gegen besseres Wissen hielt er sich die Ohren zu und sah sich um.
Er befand sich in einem nicht allzu hohen Raum, der geschmackvoll tapeziert war. Wilde Rosen rankten die Wände empor, so gut gezeichnet, daß sie beinahe dreidimensional wirkten. Die kleinen, vergitterten Fenster unter der Decke ließen auf Keller oder Souterrain schließen. Draußen schien die Sonne und schickte ihre Lichtfinger bis auf den Fußboden vor seinem Bett.
Wo war er hier. Das letzte, an das er sich erinnerte, war der Empfang, auf den man ihn eingeladen hatte. Gutes und reichliches Essen. Die spöttischen Augen einer Frau. Wie hieß sie noch? Ah, Hanna! Ein Anruf. Natürlich Mama, die ihm Vorhaltungen machte. Übelkeit. Er ging zu den Toiletten und dann? Schwärze. Jetzt war er hier aufgewacht.
Er schwang die Beine aus dem Bett und wollte zur Tür gehen, die sich in einigen Metern Entfernung an der gegenüberliegenden Wand befand. Ein lautes Klirren und ein schmerzhafter Ruck an einem Fußgelenk und er fand sich auf dem Fußboden liegend wieder.
»Verflucht! Was …«
Jetzt entdeckte er das Fußeisen, das um seinen Knöchel lag und dessen Kette zu einem dicken Stahlring führte, der in die Wand eingelassen war. Mit einer Verwünschung, die einem Gangsta-Rapper alle Ehre gemacht hätte, richtete er sich wieder auf und stellte sich auf seine Beine, die sich überraschend wackelig anfühlten.
»Hallo! Ist hier jemand? Hey! Hört mich einer?«
Er mußte nicht lange rufen. Geräusche hinter der Tür verrieten, daß sich jemand näherte. Gespannt blickte er auf die sich öffnenden Türschlitz, aber die Person, die hindurch kam, kannte er nicht. War das ein Wachdienst?
»Sie können Alasdair sagen, daß ich wieder wach bin und daß es mir gut geht. Bitte machen Sie mich jetzt los.«
»Wer ist Alasdair?«
»Ist er nicht da? Wo bin ich dann? Warum bin ich hier?«
»Sie hatten einen kleinen Unfall und benötigten unsere Hilfe.« Die Miene des schwarz gekleideten Herren ließ keine Rückschlüsse zu, wie er das meinte.
»Sie können mich jetzt wieder losmachen. Bitte! Ich bin wach und es geht mir gut.«
»Das werde ich nicht tun.«
»Warum nicht? Bin ich hier gefangen?«
»Selbstverständlich nicht. Sie benötigen einige Tage Ruhe und eine spezielle Therapie. Dann können Sie wieder nach Hause.«
»Ich bin in einer Klinik? Wohin hat man mich gebracht? Dr. Heines oder Joseph Stift?«
»Zunächst müssen Sie etwas essen. Sie waren einige Tage bewußtlos.«
Der Mann, der seine Fragen ignorierte, verschwand kurz im Türrahmen und kehrte dann mit einem Tablett zurück, auf dem je eine Flasche Wasser und Wein sowie zwei Gläser und ein großer Teller mit Abdeckhaube standen. Als er die Haube anhob, verbreitete sich der Duft von frisch gebratenem Fleisch im Zimmer und Johan Hartung erkannte, wie groß sein Hunger war.
Die Türe seines Zimmers – oder besser seiner Zelle – schloß sich und Johan nahm an dem Tisch Platz, auf den der Wachmann – oder was auch immer er war – das Tablett gestellt hatte. Seine Kette reichte genau bis hierhin. Gierig aß er, was er auf dem Teller fand. Das Essen schmeckte ausgezeichnet, ebenso wie der Pomerol. Seine Wärter wußten zumindest zu leben. Nur das Wasser besaß einen undefinierbaren Nachgeschmack.
Wie lange war er schon hier? Einige Tage hatte der Wachmann gesagt. Warum erinnerte er sich an nichts? Hatte man ihn mit dem Essen vergiftet, um ihn hierher zu verschleppen, wo immer das war? Seine Gedanken verwirrten sich und eine lähmende Müdigkeit ergriff Besitz von seinem Körper. Er schaffte es gerade noch bis ins Bett zurück, ehe seine Beine nachgaben. Kraftlos lag er auf der Decke. Das letzte, was er sah, ehe er wegdämmerte, war, daß sich die Tür öffnete und jemand hineinkam, der nach Pfleger aussah. Er schob einen Infusionsständer vor sich her, an dem eine ganze Reihe Flaschen baumelten.
Johan Hartungs Wohnung war sicher teuer eingerichtet. Der etwas wahllosen Zusammenstellung der Möbel entnahm Torsten aber, daß hier jemand noch nicht zu seinem Stil gefunden hatte. Er öffnete alle Räume, um sich einen Überblick zu verschaffen, und fand erwartungsgemäß niemanden vor.
»Geben Sie mir ein paar Minuten«, sagte er zu dem Angestellten der Hausverwaltung, der ihn am Eingang der Anlage erwartet und hierher geführt hatte. »Es wird nicht lange dauern.«
»In Ordnung. Ich warte hier so lange.«
Dann sah er sich genauer um. Die Plastikblumen auf den Fensterbänken hatte schon länger niemand mehr abgestaubt. Die juristische Fachliteratur im Arbeitszimmer sah aus wie frisch gekauft, ebenso der protzige Gaming-Laptop auf dem Schreibtisch.
Torsten schaltete ihn ein. Beinahe ohne Zeitverzögerung erschien der Bildschirm mit der Pin-Abfrage.
Na, einige Versuche habe ich wohl frei.
Er tippte aufs Geratewohl ‘1234’ ein. Zu seiner größten Überraschung wurde er sofort auf den Desktop weitergeleitet.
Herrje, der Vermißte ist wohl ein schlichteres Gemüt.
Mit wenigen Mausklicks verschaffte er sich einen Überblick über die Laufwerke. Kopfschüttelnd zog er anschließend sein Handy aus der Tasche und rief seinen Vorgesetzten an.
»Held, Kriminalpolizei?«
»Ich bins, Peter. Ich bin gerade Hartungs Wohnung. Hier steht ein Laptop mit Paßwort ‘1234’ und unverschlüsselten Laufwerken.«
»Nicht Dein Ernst?«
»Doch. Meine Frage wäre: Soll ich ihn mitnehmen, damit wir ihn nach Anhaltspunkten auf Hartungs Verbleib untersuchen können? Wir haben schließlich keine Gefahr im Verzuge und er ist erst zwei Tage verschwunden.«
»Keine Gefahr im Verzuge? Guter Witz. Ich habe gerade mit seiner Mutter gesprochen. Sie sagt, wir sollen Himmel und Hölle in Bewegung setzen. Bring alles mit, was uns irgendwie weiterhelfen kann. Sie hat bereits nach Deiner Nummer gefragt und will Deine Arbeiten beschleunigen.«
»Dann packe ich ihn ein und sehe mich nach Notizblöcken et cetera um. Vielleicht hatte er an dem Abend noch eine Verabredung. Um den Durchsuchungsbeschluß kümmerst Du Dich?«
»Bis Du zurück bist, hast Du ihn auf Deinem Tisch.«
Torsten legte auf und sah sich weiter um, fand aber in der gesamten Wohnung weder Papier noch einen Stift. Im Schlafzimmer stand er kopfschüttelnd vor einem großen Haufen gebrauchter Unterwäsche und sonstiger Kleidung, die wild durcheinandergeworfen waren.
Abschleppen wollte er in dieser Nacht definitiv niemanden. Zumindest nicht zu sich nach Hause.
Er durchsuchte die Taschen der Hosen nach Hinweisen. Außer gebrauchten Taschentüchern fand er aber nichts und war dabei froh, daß er Handschuhe anhatte.
»Den Laptop muß ich mitnehmen«, sagte er zu dem Hausmeister, der ihm die Wohnung aufgeschlossen hatte und reichte ihm seine Visitenkarte. »Schreiben Sie mir bitte eine Mail. Sie erhalten dann von mir einen Scan des Durchsuchungsbeschlusses, der gerade ausgestellt wird.«
»Danke.« Der Mann wirkte erleichtert.
»Bekommen Sie oder Ihre Kollegen eigentlich mit, ob Herr Hartung Besuch empfängt, Freundinnen, Kommilitonen oder so?«
»Ich habe noch nie jemanden bei ihm gesehen. Außer seiner Mutter natürlich«, setzte der Wachmann schnell hinzu. »Die kommt regelmäßig. Ansonsten lebt er wie ein Einsiedler.«
»Würden Sie auch Ihre Kollegen fragen?«
»Selbstverständlich, Herr Kommissar.« Der Mann nahm den Ausdruck von Hartungs Paßbild entgegen, das Torsten ihm gab und wandte sich dann zum Gehen.
»Wissen Sie, ob Herr Hartung einen Festnetzanschluß besitzt?«, rief Torsten ihm hinterher.
»Ich glaube nicht. Die Kabel liegen zwar, aber die Wohnanlage besitzt ein leistungsfähiges zentrales Wi-Fi, das alle Bewohner benutzen können. Niemand macht sich die Mühe, noch etwas Eigenes anzumelden. Falls Sie mich nicht mehr brauchen, würde ich jetzt gerne …«
»Gehen Sie schon. Ich finde allein hinaus.«
»Danke, Herr Jäger. Ziehen Sie einfach die Tür ins Schloß, wenn Sie gehen.« Der Hausmeister machte kehrt und entfernte sich.
Torsten nahm sein Smartphone und fotografierte Teile der Wohnung. Die Bilder würden nützlich sein, falls er ein Profil des Verschwundenen erstellen mußte. Anschließend stöpselte er den Laptop aus und legte ihn zusammen mit seinem Zubehör in einen überdimensionalen blau-gelben Einkaufsbeutel, die er in der Küche neben diversen abgegessenen Tellern fand.
Als er mit den beschlagnahmten Gegenständen die Wohnung verlassen wollte, prallte er im Eingang mit einer Dame zusammen, die gerade dabei war, die Türe von außen aufzuschließen.
Bevor er sie genauer in Augenschein nehmen konnte, zog sie bereits ihr Telefon und hielt es ans Ohr.
»Sieh an, ein Einbrecher. Habe ich Sie auf frischer Tat ertappt, wie es aussieht, was?« Sie warf einen vielsagenden Blick auf seine Tasche, aus der eine Ecke der Tastatur herausragte. »Dann wollen wir mal die Polizei rufen. Kommen Sie nicht auf den Gedanken, sich zu entfernen. Ich kann nämlich Karate!«
»Das wird nicht nötig sein.« Torsten zückte seinen Dienstausweis. »Sie sind Herrn Hartungs Mutter, vermute ich?«
»Ah, dann sind Sie bestimmt ein Assistent von Hauptkommissar Held.« Sein »Nein« und den Ausweis nicht zur Kenntnis nehmend, redete sie einfach weiter. »Man muß nur hoch genug in der Hierarchie ansetzen, hat schon mein Mann, Gott hab’ ihn selig, immer gesagt. Sonst macht man den Leuten keine Beine …«
Torsten setzte seine Tasche ab und nutzte die Zeit, in der sie weiterplauderte, um die Dame vor sich genauer in Augenschein zu nehmen. Sie hatte die Sechzig bereits überschritten und trug ihr weißes Haar straff nach hinten gekämmt und am Hinterkopf zu einem Dutt aufgetürmt. Wasserblaue Augen mit langen, künstlichen Wimpern, die Helmut Kohl alle Ehre gemacht hätten und ein ausführliches Make-up verdeckten ihr Gesicht mehr, als daß sie den Blick zum Rasten einluden. Strenge Falten um ihre Mundwinkel verrieten aber, daß sie wohl nicht oft lachte und auch das graue Kostüm mit den violetten Applikationen wirkte alles andere als heiter und beschwingt.
»… und für das da haben Sie sicherlich einen Durchsuchungsbefehl dabei?«, beendete sie ihre Ausführungen und wies auf den Inhalt der Tasche.
»Mit Verlaub, dürfte ich bitte zunächst Ihren Ausweis sehen?«
Torstens Tonfall war wohl etwas scharf geraten, denn die Dame zuckte zusammen, ehe sie ihn mehr überrascht als zornig anblickte.
»Das ist nicht Ihr Ernst? Jeder Mensch in dieser Stadt kennt mich!«
»Wir wurden uns noch nicht vorgestellt, also wenn ich bitten darf?«
»Hier.« Sie zog ein Portemonnaie wie einen Colt aus ihrer echsenledernen Handtasche, klappte es auf und zückte ihre Ausweiskarte.
Torsten studierte sie kurz. »Danke, Frau Kassandra Hartung«, sagte er.
»Hartung vom Donnerbach bitte. So viel Zeit muß sein!«
»Wie Sie wünschen, Frau Hartung vom Donnerbach.« Torsten mußte sich ein Lächeln verkneifen. »Der Durchsuchungsbeschluß liegt übrigens auf meinem Schreibtisch im Präsidium. Es sah nicht so aus, als würde er benötigt werden und der Hauptkommissar hat mir nahegelegt, mich mit meinen Ermittlungen möglichst zu beeilen. Wenn Sie wünschen, bringe ich die Sachen zurück in die Wohnung und gehe den Beschluß holen. Dann wird heute aber vermutlich nicht mehr viel geschehen.«
»Schon gut, schon gut«, antwortete sie fahrig. »Was erwarten Sie denn auf seinem Rechner zu finden? Ihnen ist sicherlich klar, daß Sie nicht ohne weiteres Zugriff darauf nehmen können. Mein Sohn ist immerhin studiert und ein absoluter IT-Profi.«
»Glücklicherweise beschäftigen wir ebenfalls IT-Profis«, erwiderte Torsten mit feinem Lächeln. »Wir schaffen das schon.«
»Dann will ich Sie nicht weiter aufhalten.« Sie machte Anstalten, an ihm vorbei in die Wohnung zu gehen.
»Einen Augenblick noch«, hielt Torsten sie auf. »Weswegen sind Sie eigentlich hier?«
»Ich bin seine Mutter. Ich brauche keinen Grund!«, antwortete sie, um nach kurzem Zögern doch noch eine Erklärung hinzuzufügen: »Ich hole seine Wäsche. Diese Wäscherei, in die er seine Sachen bringt, … sauber mag die Kleidung ja nach dem Waschen sein, aber vom Hemdenbügeln haben die keine Ahnung.«
»Viel Spaß.« Torsten dachte mit leisem Grausen an die schmutzigen Haufen in der Wohnung. »Aber wo wir uns hier gerade so schön unterhalten, würde es Ihnen etwas ausmachen, mir mit eigenen Worten zu berichten, was Sie dazu bewogen hat, nur wenige Stunden nach seinem Verschwinden Ihres Sohnes bereits eine Vermißtenanzeige zu erstatten?«
»Weil ich seine Mutter bin und er unser gemeinsames Mittagessen am Sonntag noch nie hat ausfallen lassen!« Sie runzelte dabei die Stirn, als hätte Torsten ihr einen unsittlichen Antrag gemacht.
»Die Möglichkeit, daß er seinen Rausch ausgeschlafen hat oder vielleicht für einige Tage weggefahren ist, haben Sie nicht in Betracht gezogen?«
»Haben Sie Kinder?«, entgegnete sie scharf, wartete seine Antwort aber nicht ab. »Eine Mutter spürt es, wenn ihr Kind sie braucht. Er hat sich bereits bei unserem Telefonat am Vorabend seltsam verhalten.«
»Warum seltsam? Davon stand nichts in Ihrer Aussage.«
»Weil Ihre Schreibkraft mir nicht richtig zugehört hat, deshalb.«
»Ich entschuldige mich für diese Nachlässigkeit. Würden Sie es mir bitte noch einmal erzählen, damit ich es Ihrer Aussage hinzufügen kann?« Torsten war sich noch nicht sicher, ob er das Gespräch amüsant finden sollte, oder anstrengend.
»Er hat sich nicht gemeldet. Er ruft mich sonst immer Punkt Zweiundzwanzig Uhr an, bevor er zu Bett geht. Daraufhin habe ich ihn angerufen.«
»Erinnern Sie sich, zu welcher Uhrzeit das war?«
»Zweiundzwanzig Uhr Fünf.«
Okay, ich glaube, das Gespräch wird anstrengend.
»Hat er sich gemeldet?«
»Nicht sofort. Er schien abgelenkt zu sein. Das kenne ich von ihm nicht, wenn wir telefonieren. Er war auf einem Empfang bei der Familie von Hagestolz. Ich fand das verwunderlich.«
»Wie ist er an diese Einladung gekommen?«
»Das ist ja das Seltsame. Normalerweise kümmere ich mich um solche Angelegenheiten, aber ich wußte davon nichts. Juckelchen … ähm … mein Sohn dachte auch, daß ich die Einladung organisiert habe, aber diesmal war ich es nicht. Die Familie von Hagestolz wählt sich sehr genau aus, wenn sie zu sich einladen und ich stehe leider nicht auf Ihrer Liste.«
»Eine Person Ihres Ranges? Wie konnte das passieren?« Torsten mußte sich ein Grinsen verbeißen.
»Mir ist das auch ein Rätsel. Seit mein Mann verstorben ist, riß der Kontakt urplötzlich ab. Ich habe Alasdair zuletzt auf Dieters Begräbnis gesehen und was soll ich Ihnen sagen, er hat mir nicht einmal mehr kondoliert! Wie finden Sie das?«
»Was für ein unhöflicher Mensch!«
Im nächsten Augenblick hoffte Torsten, daß seiner Gegenüber das Zucken um seine Mundwinkel entgangen war.
»Ja, nicht? Ich habe wieder und wieder versucht, den Kontakt herzustellen, aber nicht eine einzige Antwort erhalten. Immerhin ist er … aber das geht Sie nichts an. Deswegen war ich ja so verblüfft, daß Juckel … mein Sohn eingeladen wurde.«
»Das kommt mir auch seltsam vor. Und er hat Ihnen nichts davon erzählt?«
»Nicht das Geringste. Dabei berichtet er sonst immer alles, das ihn bewegt. Ich hätte wenigstens erwartet, daß er mich mitnimmt. Stattdessen hat er mich aus der Leitung komplimentiert, weil er eine Dame zum Tanz auffordern wollte.«
Vielleicht hat er es ja deswegen nicht erzählt.
»Ist das ungewöhnlich für ihn?«
»Sogar sehr. Er trägt mich ansonsten auf Händen! Besonders seltsam fand ich übrigens, daß er sagte, daß er in der kommenden Woche ein Treffen mit dem alten Alasdair hätte. Das hätte er mir doch vorher erzählen können!« »Das finde ich ebenfalls sehr ungewöhnlich.«
Torsten vermutete nur, daß sich seine Gründe von denen seiner Gesprächspartnerin unterschieden.
»Ach, Sie sind ja so ein charmanter Mann und Sie wissen, wie man sich gegenüber Höhergestellten verhält. Wären Sie so freundlich, mir Ihre Telefonnummer zu geben, damit ich mich von Zeit zu Zeit über den Fortschritt Ihrer Nachforschungen informieren kann?«
Torsten erstarrte innerlich. Das fehlte noch, daß er dieser Dame jetzt mehrmals täglich Bericht zu erstatten hatte!
»Das wäre aber nicht angemessen, Frau Hartung vom Donnerbach«, antwortete er stockend. »Ich stehe doch in der Rangfolge viel zu weit unten. Der Hauptkommissar gibt Ihnen sicher jede Auskunft, die Sie haben wollen.«
»So habe ich das noch gar nicht bedacht. Sie haben völlig recht!«
Mit diesen Worten betrat sie die Wohnung Ihres Sohnes und schlug die Türe hinter sich zu, ohne sich zu verabschieden.
Torsten lächelte und war froh, diese Kuh so einfach vom Eis bekommen zu haben. Derzeit warf diese Untersuchung noch mehr Fragen auf als sie beantwortete. Tief in Gedanken verließ er das Gebäude und betrat den Innenbereich. Der lag inmitten dreier Wohngebäude und bestand überwiegend aus einer kurz gemähten Rasenfläche, die von einem gepflasterten Weg umrahmt wurde.
Mitten auf der Wiese stand ein Hund, der Torstens Bewegungen interessiert verfolgte. Sein schwarz-weiß geflecktes Fell und die längliche Körperform erinnerten Torsten an eine Reportage über Hütehunde, die er kürzlich gesehen hatte. Als er spontan einige Schritte auf ihn zuging, setzte sich der Vierbeiner und blickte ihn dabei unverwandt an.
Torsten näherte sich bis auf einige Meter. Der Hund beobachtete ihn wachsam aus blauen Augen, wie Torsten wahrzunehmen meinte, und begann, vorsichtig mit seiner Schwanzspitze zu wedeln. Dann sprang er auf, lief davon und verschwand in einem Hauseingang.
Lächelnd ging Torsten zurück zu seinem Wagen. Er mochte Hunde, auch wenn ihm klar war, daß ihm in seiner derzeitigen beruflichen Situation nicht genügend Zeit für einen vierbeinigen Hausgenossen blieb. Er drückte auf eine Taste des Schlüssels, es klickte, er stieg ein und fuhr zurück ins Präsidium.
Den restlichen Tag verbrachte er in seinem Büro am Rechner. Er scannte den Durchsuchungsbeschluß, den er tatsächlich absprachegemäß auf seinem Schreibtisch vorfand, und leitete ihn an die Hausverwaltung von Hartungs Wohnanlage weiter.
Die neue Ordnung, die Max Waldgänger in seine Unterlagen gebracht hatte, gefiel ihm zunehmend gut. Sein Helfer hatte die digitale Kopie seiner Unterlagen so sortiert, daß er alles beinahe auf Anhieb fand, etwas an dem sein wirklicher Assistent Moritz immer kläglich gescheitert war, wenn er es denn einmal versuchte.
Woher zur Hölle weiß dieser Junge so genau, wie ich geistig sortiert bin? Er kann das doch nicht in mir gelesen haben.
Ganz ernst meinte er diesen Gedanken nicht, aber jene Ermittlung im vergangenen Jahr geisterte immer noch durch seine Gedanken. Da niemand eine rationale Erklärung für die Ereignisse geben konnte, die zum Tod von dreiundfünfzig Menschen geführt hatten, blieb für Torsten nur die unbefriedigende Erklärung, daß Paolo Costa möglicherweise wirklich paranormale Fähigkeiten besessen hatte.
Das konnte man in keinen Bericht schreiben, ohne das Risiko einzugehen, hinterher wieder Streife laufen zu müssen und natürlich hatte er das auch nicht getan. Er war seitdem aber offener geworden, und wenn sich Dinge nicht anders erklären ließen, bemühte er sich, seinen Geist frei von vorgefaßten Meinungen zu halten.
Besonders lange studierte er am Ende den Top Secret Ordner. Was, wenn an Max’ Überlegungen doch etwas dran war? Nur um diese Möglichkeit auszuschließen, sollte er sich bei der örtlichen Tageszeitung einmal umsehen.
Und wenn etwas dran ist, was mache ich dann?
Aber die Wahrscheinlichkeit war groß, daß er sich damit nicht befassen mußte. Bestimmt tauchte Johan Hartung in den nächsten Tagen wieder wohlbehalten auf und präsentierte ihnen eine plausible Erklärung für alles. Glücklicherweise geschah es nur selten, daß eine vermißte Person für alle Zeit verschwunden blieb.
Ich brauche einen Assistenten, verdammt noch mal! Ich kann nicht auf Dauer alles selbst erledigen. Peter hat leider recht. Ich werde ihn morgen fragen, ob er mir einen seiner eigenen Assistenten, am besten Klaus, für eine Weile überläßt.
Er schrieb eine Mail an den Caterer, der am vergangenen Wochenende den Empfang im Hause von Hagestolz verköstigt hatte, und bat darum, die an jenem Abend anwesenden Mitarbeiter kurzfristig für eine Befragung zur Verfügung zu halten. Danach führte er ein Telefonat mit der Tageszeitung und vereinbarte einen Termin mit der Leiterin des Archivs. Anschließend legte er das Telefon aber nicht weg, sondern holte einige Male tief Luft und wählte eine weitere Nummer.
Nach einer Weile wurde abgenommen und eine weibliche Stimme meldete sich.
»Hagestolz-Böhm?«
»Jäger, Kriminalpolizei.«
»Sie? Ich dachte, wir hätten Ihnen klargemacht, daß Ihre Anwesenheit in unserem Hause nicht erwünscht ist.«
»Das muß mir entgangen sein. Ich melde mich diesmal aber vorher an, denn ich muß Sie mit ein oder zwei Leuten besuchen, um Ihre Angestellten zu befragen.«
»Daß Sie sich anmelden, ist rücksichtsvoll von Ihnen. Heute geht es aber auf keinen Fall mehr. Herr von Hagestolz befindet sich in einer … medizinischen Behandlung, die auf keinen Fall unterbrochen werden darf. Danach geht er immer zu Bett.«
»Ich verstehe. Wie wäre es mit morgen?«
»Fünfzehn Uhr würde uns passen. Bis dahin kann ich auch alles Personal einbestellen, das am Sonnabend Dienst hatte. Hoffentlich können Sie die Befragung kurz halten. Wir sind derlei Störungen nicht gewohnt.«
»Fünfzehn Uhr also. Ich kann Ihnen versichern, daß auch ich nicht das Bedürfnis verspüre, mich bei Ihnen länger als nötig aufzuhalten.«
Torsten drückte fahrig die rote Taste. Glücklicherweise wurden auch bei ihnen vor einigen Monaten die Tischtelefone durch zeitgemäßere schnurlose Exemplare ersetzt, sonst hätte er wohl den Hörer aufgeknallt.
Anschließend beendete er seine Arbeit für den Tag und verließ das Präsidium. Den Dienstwagen ließ er stehen und stieg stattdessen auf sein Rad. Zwar war die Jahreszeit bereits fortgeschritten, aber der warme Fahrtwind und die Bäume, die noch voll im Laub standen, wirkten eher, als wäre es noch Hochsommer.
Er fuhr seine Lieblingsstrecke. Sie war zwar ein wenig länger, führte dafür aber durch eine Reihe von Grünanlagen auf den Fluß zu, dem er anschließend den Osterdeich entlang folgte.
Auf der Weserbrücke hielt er an, lehnte sich an das Geländer, schloß die Augen und badete sein Gesicht in den Strahlen der Sonne, die bereits tief über dem Häuserriegel des Teerhofs stand. Dabei ließ er den Tag Revue passieren.
Hatte er sich gegenüber Max korrekt verhalten? Definitiv ja, denn er erfüllte die formalen Anforderungen an einen Assistenten nicht. Wobei, falls das wirklich nur der mangelnden körperlichen Fitneß geschuldet war, sollte er das vielleicht nicht zu hoch hängen. Auch er selbst hatte den Sporttest seinerzeit nur um Haaresbreite bestanden. An Auffassungsgabe schien es Max jedenfalls nicht zu mangeln. Karriere würde er wohl nicht machen, aber als Assistent war er mehr als brauchbar gewesen.
Vor allem hat er mich auf andere Gedanken gebracht. Ich habe zwei Tage lang nicht an Václav gedacht und konzentriert gearbeitet. Ist das nicht mehr wert als ein Stück Papier, auf dem ‘bestanden’ steht?
Das Licht der tiefstehenden Sonne wandelte sich von Gelb über Golden zu einem satten Orange. Nasse Ränder auf der Felsenböschung unter ihm zeugten davon, daß die Flut mittlerweile ihren Höhepunkt überschritten hatte.
Torsten ließ es geschehen und genoß diese Zeit der inneren Ruhe, während hinter ihm Fußgänger, Radler und Autos die alte Brücke passierten.
Eine Möwe lauerte über ihm in der Luft auf unaufmerksame Touristen, die für einen Moment nicht auf ihr Essen achtgaben.
Erst als ein kühler Windhauch über seinen aufgeheizten Körper blies, verließ er seinen Gedankenpalast und stieg wieder auf. Während er durch die Neustadt radelte, verfestigte sich in ihm das Gefühl, daß da noch etwas war, das er Max hatte fragen wollen, etwas Wichtiges sogar. Beinahe hatte er die Frage schon gefunden, aber als er sich zu stark auf sie konzentrierte, verflüssigte sie sich wie Butter in der Sonne und rann ihm durch die Finger.
Er hatte wohl etwas lange auf der Brücke gerastet, denn es dämmerte bereits, als er die kleine Parkanlage hinter der Oberschule passierte. Die Straßenbeleuchtung hatte sich noch nicht eingeschaltet und so nahm er die kleine Menschenansammlung unter den Bäumen am Rande des eingezäunten Basketballspielfelds nur grob im Vorbeifahren wahr.
Vier junge Männer standen um einen fünften herum. Etwas in der Körpersprache der Personen erregte aber seine Aufmerksamkeit. Hatte da jemand drohend den Arm gehoben und die Hand zur Faust geballt? Vielleicht sollte er sich das näher ansehen.
Er hielt an, lehnte sein Rad an einen Baum und schlenderte wie ein Spaziergänger in die Richtung, in der er die Gruppe wahrgenommen hatte. Schon nach wenigen Metern kamen sie hinter einigen Büschen in Sicht.
»Kein Handy, sagst Du?«, rief einer der Männer. »Habt ihr gehört, der Waldi hat kein Handy? Ooh, wie traurig! Und das sollen wir Dir glauben?«
»Hier, schaut doch selbst, meine Taschen sind leer.«
Diese Stimme kenne ich!
»Was meint ihr, wollen wir das dem Waldi abkaufen? Du mußt uns bezahlen, wenn Du hier in einem Stück wegkommen willst. Hast Du das verstanden?«
»Aber ich habe auch kein Geld. Das wißt ihr doch.«
»Du mußt uns bezahlen. Was meint ihr, wie soll er uns bezahlen, wenn er kein Geld dabei hat?«
»Meine Sneakers sind ziemlich eingesaut«, sagte eine andere Stimme. »Los, Waldi, leck sie sauber!«
»Meine auch«, sagte ein Dritter. »Los, auf die Knie mit Dir!«
»Nee, auf alle Viere gehört unser Waldi.« Das war die erste Stimme, anscheinend der Anführer. »Na komm, sei ein braver Hund. Oder müssen wir Dich zwingen?«
»Ihr könnt mich nicht zwingen!«
»Ach was, wird unser Waldi widerborstig? Los, runter … AUTSCH! Er hat mich gebissen!«
In diesem Augenblick strich ein leichter Wind von der Gruppe herüber zu ihm und kitzelte seine Nase. Für einen Augenblick roch es ein wenig nach Zitrone.
Und nach nassem Hund!
»Darf ich fragen, was das hier wird?« Mit wenigen Schritten hatte Torsten die kurze Distanz überbrückt und zückte seine Dienstmarke.
»Scheiße, ein Bulle, haut ab!«
Die Vier stoben auseinander. Drei von ihnen verschwanden im Nu von der Bildfläche. Den Vierten hatte Torsten an seiner Jacke zu fassen bekommen.
»Ey, isch hab nix getan! Laß misch gehn!«
Max, der sich bereits auf den Knien befand, blickte überrascht auf seinen Retter, sagte aber nichts.
»Ihren Ausweis bitte!«
Der junge Mann, den Torsten am Schlafittchen gepackt hatte, zuckte unter seinem Kommandoton zusammen und zog das Gewünschte aus einer Jackentasche.
»Dann wollen wir mal sehen.« Torsten ließ ihn los und ging mit dem Ausweis einige Schritte zur nächsten Laterne. Dort fotografierte er ihn mit seinem Smartphone, ehe er ihn zurückreichte. »Okay, Tayfun Yıldırım, das war ja eine wahnsinnig mutige Aktion, vier Leute gegen einen. Sie sollten sich jetzt bei Ihrem Opfer entschuldigen.«
»Aber ich …«
»Das war kein Vorschlag«, unterbrach ihn Torsten rüde. »Und ich rate Ihnen: meinen Sie es ernst! Dann verzichtet dieser Herr vielleicht auf eine Anzeige wegen Nötigung und Raub, für die Sie und Ihre tapferen Freunde sonst eine Weile in den Bau gehen.«
Der Angesprochene schwieg eine Weile. Erst als Torsten sein Telefon erneut zog und eine Streife herbeirufen wollte, hörten sie ein leises »Ey, es tut mir leid. War nicht so gemeint. Kommt nicht wieder vor.«
»Genügt Ihnen das als Entschuldigung?«, fragte Torsten Max in offiziellem Tonfall.
»Sicher«, antwortete der ebenfalls leise.
»Okay, dann können Sie jetzt gehen. Und falls Sie diesem Herrn noch einmal begegnen, grüßen Sie ihn freundlich. Ich weiß jetzt, wo Sie wohnen!«
Torsten gab dem Jugendlichen, den er aufgegriffen hatte, mit dieser Drohung seinen Ausweis zurück. Der steckte ihn ein und spurtete dann los in die Dämmerung.
»Komm mit, Max. Wir müssen reden.« Torsten steckte das Handy ein und ging zurück in Richtung seines Rades.
Der Angesprochene rappelte sich auf und trottete hinterher.
»Als erstes: Bist Du verletzt?«, fragte Torsten, während er sein Rad weiterschob.
»Nur in meinem Stolz«, kam die Antwort, »aber das heilt wieder.«
»Wer waren diese Leute?«
»Ehemalige Mitschüler. Sie haben mich früher schon manchmal abgezogen. Ich habe vorhin nicht aufgepaßt und mich von ihnen überrumpeln lassen.«
»Waldi, so, so. Das ist kein schöner Spitzname.«
»Ich habe ihn mir nicht ausgesucht.«
Es war mittlerweile zu dunkel, um erkennen zu können, ob Max dabei errötete. Schweigend gingen sie weiter.
»Danke Torsten«, sagte der Gerettete dann. »Du hättest ja einfach weiterfahren können. Hattest Du mich erkannt?«
»Nicht gleich. Es war nur eine Ahnung.«
»Deswegen bist Du wohl Kommissar und ich nur Botenjunge.«
Den traurigen Tonfall, in dem er das sagte, konnte Torsten nicht mißverstehen.
»Denk Dir nichts dabei«, sagte er lahm. Die Dinge waren, wie sie eben waren.
»Hoffentlich findest Du bald einen Assistenten.«
»Mach Dir darum keine Gedanken«, sagte Torsten. Im selben Moment fiel ihm auf, daß das schroffer als beabsichtigt klang und er bemühte sich um einen freundlicheren Tonfall. »Was machst Du heute noch?«
Er sah im Licht einer Straßenlaterne, die sich gerade eingeschaltet hatte, wie Max mehrmals schnell und tief Luft holte. Beinahe sah es aus, als ob er hechelte.
»Hast Du Lust, Essen zu gehen?«, sagte er dann so leise, daß Torsten es erst nach einer Gedenksekunde verstand. »Ich lade Dich ein.«
Er fühlt sich mir gegenüber verpflichtet, weil ich ihn da rausgehauen habe. Ich muß professionell bleiben, sonst mache ich mich angreifbar!
»Klar, warum nicht?«, antwortete er.
Wenn ich mitgehe, muß er sich mir gegenüber nicht mehr schuldig fühlen. Professionell sein kann ich später immer noch.
»Da vorne links ist ein Grieche in der Straße. Ist das okay?«
»Ich mag griechisch«, antwortete Torsten.
Und es ist preiswert!
Sie bogen gerade in die Straße ab, da leuchtete es ihnen schon blau-weiß an der nächsten Ecke entgegen. Torsten kettete sein Rad an einen Laternenpfahl. Anschließend betraten sie das Restaurant.
Max war hier offensichtlich Stammgast, denn er wurde vom Tresen aus gleich mit Handzeichen gegrüßt. Einer der Kellner kam auf ihn zu, umarmte ihn und küßte ihn auf beide Wangen. Das schien ihn nicht zu überraschen, auch wenn er die Zärtlichkeit mehr erduldete als genoß.
Auch Torsten bekam einen Handschlag. Ihr Gegenüber erhielt vom Tresen aus einen Wink, nickte und führte sie zu einem freien Zweiertisch im hinteren Bereich.
»Mehr haben wir nicht. Ist voll heute«, sagte der Kellner entschuldigend, reichte die Karten und wandte sich dann an Max:
»Einmal wie immer?«
»Jepp, die Überraschungsplatte bitte.«
»Die nehme ich auch«, sagte Torsten.
Die Brauen des Kellners zogen sich nach oben und Torsten fühlte sich unter seinem prüfenden Blick kurz wie ein Lamm auf der Schlachtbank.
»Sind Sie sicher?«, fragte er dann. »Wollen Sie nicht erst in die Karte schauen?«
Torsten folgte dem Rat und erschrak, als er sah, daß Max die größte Zweipersonenplatte für sich bestellt hatte. Er suchte sich dann doch einen kleineren Grillteller aus und bestellte lieber einen großen Salat dazu.
»Du scheinst öfter hier zu sein«, versuchte er danach ein Gespräch in Gang zu bringen.
»Ich mag griechisches Essen. Hier gibt es immer genügend Fleisch.« Max guckte begehrlich auf die Nachbartische, wo die Gäste bereits aßen.
»Du machst mir Angst.«
»Es ist wirklich nur mein Stoffwechsel.«
Das sollte wohl beruhigend klingen. Als Torsten dann sah, welche Mengen an Essen der Kellner ihnen nach dem Begrüßungsouzo heranschleppte, blieb ihm vor Überraschung der Mund offen stehen. Seine eigene Portion erschien ihm bereits so groß, daß er bezweifelte, alles aufessen zu können. Die Berge an Fleisch vor seinem Gegenüber hätten ihm aber bis zur Brust gereicht, wäre Max nicht so hochgewachsen gewesen.
»Dein Magen muß ein anatomisches Wunder sein«, sagte er nur staunend.
»Wie gesagt: das ist nur schneller Stoffwechsel. Denk Dir bitte nichts dabei.«
»Gibt es auch einen Namen für das Syndrom?«
Max war bereits mit Essen beschäftigt und blieb ihm die Antwort schuldig.
Torsten konzentrierte sich in den nächsten Minuten auf seinen eigenen Teller. Der Salat war frisch und appetitlich angerichtet und das Fleisch auf den Punkt gegart. Komisch, daß er dieses Restaurant noch nie besucht hatte, obwohl auch er nur wenige Straßen weiter wohnte. Ach ja, Václav mochte kein Griechisch und allein machte Essengehen keinen Spaß.
Der Gedanke an seinen Exfreund schmerzte nicht mehr so sehr wie sonst. Vielleicht hieß das, daß er bald über die Sache hinwegkam.
Der Kellner brachte ihnen eine dritte Flasche Wasser. Nachdenklich betrachtete Torsten die beiden leeren Flaschen, die vor ihnen auf dem Tisch standen. Als die Bedienung sie abräumte, stießen sie mit einem leisen Klirren gegeneinander.
Zwei Flaschen …
Zwei …
ZWEI!
»Jetzt weiß ich, was ich Dich fragen wollte!«, rief Torsten.
»Mich fragen?« Max hatte seine Platte in Rekordtempo in sich hineingeschaufelt und blickte lüstern auf die beiden Lammkoteletts, die Torsten noch nicht gegessen hatte.
»Du hast mir gesagt, es gäbe zwei Personen, die in der Lage wären, diesen Fall zu lösen.«
»Ißt Du das da noch?«
»Na los, nimm schon. Wer ist die zweite Person?«
»Danke.« Max gabelte sich geschickt die beiden Fleischstückchen und legte sie auf seinen Teller. »Die zweite Person ist Oberkommissar Aaron Weißhaupt.«
»Was zur Hölle … Wie kommst Du gerade auf den?«
»Wir kommen rum im Botendienst, und ich habe überall zugehört. Weißhaupt und Du, ihr habt eines gemeinsam.« Max knabberte bereits am Knochen des zweiten Koteletts herum.
»Da bin ich aber gespannt. Hoffentlich ist es nicht das, was ich denke.«
»Du meinst, daß ihr beide schwul seid? Darüber wird zwar auch getratscht, aber das spielt für den Dienst keine Rolle.«
»Da bin ich aber beruhigt.« Torsten bemühte sich, nicht allzu sarkastisch zu klingen. »Was ist es dann?«
»Ihr habt Dinge erlebt, die sich mit Logik, Wissenschaft und gesundem Menschenverstand nicht erklären lassen. Das hat euch offener gemacht. Ihr beide tut Fakten nicht gleich ab, nur weil sie nicht ins Bild passen.«
»Fakten wie diese Ereignisse, die sich alle vierzig Jahre wiederholen, meinst Du?«
Sein Gegenüber schwieg und blickte in sein Wasserglas.
»Damit ich das richtig verstehe. Du sagst also, daß dieser verschwundene Partygänger sich zu einem Fall entwickeln wird.«
»Ich bin mir sicher.«
»Warum?«
Max schwieg und trank sein Glas so langsam leer, daß Torsten Sorge bekam, er würde sich an seinem Inhalt verschlucken.
»Ich werde mal zahlen«, sagte er dann.
»Nochmals danke für die Einladung«, sagte Torsten, »aber ohne meine Frage zu beantworten, kommst Du hier nicht weg.«
»Und wenn es keine Antwort gibt?«
»Du meinst, Du weißt Dinge einfach? Dir ist klar, wie sich das anhört.«
Max schwieg eine ganze Weile. Dann winkte er ihrem Kellner und vollführte dabei mit der Hand die ‘Unterschreiben’-Geste. Der kam kurz darauf mit einem Teller, auf dem die Rechnung lag und zwei weiteren Ouzos.
»Zum Wohl!«
»Zum Wohl.«
Beide stießen die Schnapsgläser aneinander und leerten sie in einem Zug. Max legte einige Scheine auf den Teller und stand dann abrupt auf.
»Laß uns gehen.«
»Es ist geschehen«, sagte Max draußen, »und es wird wieder geschehen.«
»Das schließt Du aus einer Handvoll Zeitungsausschnitte, die Du auf einem Dachboden gefunden hast.«
Sie standen unter einer Laterne und sahen sich in die Augen. Max’ Iris wirkte bei diesem Licht nicht mehr blau, sondern beinahe schwarz.
»Laß uns das ein anderes Mal klären«, bat er plötzlich. »Es ist spät und … Ich habe gleich noch eine Verabredung.« Er streckte Torsten die Hand entgegen.
»Viel Spaß.«
Der Händedruck war überraschend kräftig und schon entfernte der junge Mann sich. Er schien es plötzlich eilig zu haben und kurz bevor er aus Torstens Blickfeld entschwand, begann er sogar zu laufen.
Torsten sah ihm nachdenklich hinterher. Offensichtlich erwartete Max von ihm, daß er den Zusammenhang, den er da konstruiert hatte, einfach glaubte. So arbeiten wir nicht. Das ist das Erste, was er lernen muß.
Torsten drehte sich um, schloß sein Rad auf, setzte sich auf den Sattel und fuhr in Richtung seiner eigenen Straße.
Hoffentlich wird der Besuch im Pressehaus keine Zeitverschwendung.
Dieser Text ist eine Rohfassung in alter Rechtschreibung. Er ist weder überarbeitet noch lektoriert. Jedwede Fehler oder unlogische Passagen, die Du findest, darfst Du behalten 😏
Das Universum des Moíra-Zyklus
In den ersten drei Bänden des Zyklus haben unsere Protagonisten herausgefunden, dass unsere Welt einige kleine, aber wichtige Eigenschaften aufweist, die sich mit dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht erklären lassen. Die meisten Abweichungen lassen sich auf zwei Singularitäten zurückführen, die 2016 am CERN bei Genf und 2018 in Novaya Kalami bei Krasnojarsk bei einem fehlgeschlagenen Experiment im Hauptbeschleuniger auftraten.
Diese Anomalien führen in ein Paralleluniversum, das durch die Schwerkraft mit unserem verbunden ist und in dem alles aus Antimaterie besteht. Während die Dimensionspforte in Genf winzig ist, mißt die zweite Pforte etwa einen Meter im Durchmesser und ist damit groß genug, um mehr hindurchzuschicken als Protonen.
Heute, etwa zwanzig Jahre später, hat sich in der Welt viel verändert. Sie ist in große Blöcke und deren Einflußsphären aufgeteilt. Diese mißtrauen einander und üben sich in markiger Rhetorik gegenüber den als Feinden empfundenen anderen Konglomeraten.
Einzig Indien und ein kleines Bündnis überwiegend westeuropäischer Staaten – Reste der ehemaligen Europäischen Union – bemühen sich um einen eigenen Weg.
Im Bestreben, sich gegenseitig zu übertreffen, haben die Böcke zunächst eigene Weltraumstationen im Erdorbit errichtet, um später von ihnen aus die Besiedlung des Mondes in die Wege zu leiten. Dort existieren mittlerweile rund ein Dutzend Bodenstationen.
Wie auf dem Mutterplaneten kocht auch hier jeder sein eigenes Süppchen …
Prolog
Das Licht in dem geräumigen Wohnzimmer unterm Dach war heruntergedimmt. Auf der Sofalandschaft saßen im Halbrund um einen großen Couchtisch auf einer Seite zwei Frauen mittleren Alters, dann kamen zwei ähnlich alte Männer und auf der dritten Seite saßen zwei Teenager, unverkennbar Geschwister. Auf dem Tisch war ein überdimensionales Spielbrett aufgebaut, Spielsteine standen darauf herum und diverse Stapel von Karten verteilten sich scheinbar zufällig auf dem Brett. Ein Tablet lag mitten in diesem geordneten Chaos und zeigte eine laufende Nachrichtensendung.
»Sag mal, Rice, warum habt ihr damals eigentlich ausgerechnet dieses Haus gekauft?« Das junge Mädchen versetzte einen Spielstein, tippte etwas in ihr Phablet und zog anschließend eine Karte. »Du bist dran, Danyel«, stupste sie ihren Bruder an.
»Was ist mit diesem Haus, Danice?« Maurice Belloumi runzelte die Stirn, wie meist, wenn ihn jemand mit seinem Spitznamen ansprach.
»Ich hab im Extranet der Justizpolizei was zu diesem Haus gefunden. Der Bouqueval-Fall. Ist schon eine Weile her.«
»Wie kommst Du in unser Extranet?« Maurice’ gebräuntes Gesicht färbte sich eine Schattierung dunkler.
»Du solltest Dich abmelden, ehe Du aufs Klo gehst.«
»Du erzählst mir nicht gerade, daß Du meine Sitzung gekapert hast?«, grollte Maurice so laut, daß sein Freund Mike Peters reflexartig den Kopf zwischen die Schultern zog.
»Und wenn schon?«, entgegnete Danice mit unschuldigem Augenaufschlag.
»Du weißt, daß man heute für weniger ins Gefängnis kommt«, fragte Maurice rhetorisch.
»Dann muß unser Vater aber mit.« Danyel legte einen Arm um seine Schwester. Dann zog er ebenfalls einen Stein und tippte in seine Smartwatch. »Du bist dran, Maman.«
»Das hat euch bestimmt Ángel gezeigt.« Die Angesprochene zog ebenfalls und sah ihre Partnerin auffordernd an.
»Du hast die Kategorie vergessen, Amélie«, entgegnete die.
»Wie jetzt?«
»Du mußt Deinen Spielzug wenigstens kategorisieren. Sonst gilt er nicht.«
»Ach verdammt«, Amélie tippte ebenfalls etwas in ihr Smartphone. »Manchmal wünsche ich mir die Zeiten von Mensch-ärgere-Dich-nicht zurück. Letzte Nacht habe ich davon geträumt, daß alle Spielfiguren plötzlich lebendig wurden, so wie bei Beetlejuice.«
»Was ist Bieteldschus?«, fragte Danyel verständnislos.
»Ein alter Spielfilm aus meiner Jugend.«
»Ah, ein Stummfilm!« Danyel zwinkerte seiner Schwester verstohlen zu.
»Marie, sag Du doch auch mal was!«, klagte Amélie und beendete ihre Eingabe. Ein neongrünes Leuchten wanderte einmal über alle Spielfelder. Anschließend strahlte ihr Spielstein hell auf. »Habe ich jetzt gewonnen?«
»Als könntest Du kein Wässerchen trüben.« Mike lächelte Amélie freundlich an. »Und am Ende ziehst Du uns alle über den Tisch. Was ist denn jetzt mit unserem Haus?«, wandte er sich anschließend an Danice.
»Vor etwa zwanzig Jahren hat hier ein Drogendealer gelebt. Der muß eine ziemliche Nummer gewesen sein. Sein Name war …«
»Omar Mansour!«, krähte Danyel. »Und Paps hat ihn eingebuchtet.«
»Kann es sein, daß Du mir damals etwas verschwiegen hast, Rice?« Auf Mikes Stirn erschienen wie auf Kommando einige dicke Falten.
»Was soll das? Du nennst mich doch sonst nicht Rice«, knurrte Maurice zurück. »Was meinst Du, warum das Haus so günstig zu haben war?«
»Bedeutet das, daß er hier auf der Matte steht, sobald er aus dem Gefängnis kommt?«
»Mach Dir nicht ins Hemd. Das dauert noch viele, viele Jahre. Wenn überhaupt. Immerhin sitzt er wegen Mordes!«
»Vielleicht gibt es hier ja noch ein Versteck, wo er sein Geld gehortet hat«, riet Danyel. »Eine Schatzsuche wäre wirklich hypie.«
»Oder wir wandern alle auf diese neue Mondstation aus, die die Amis gerade eröffnet haben.« Auch Danice klang eher begeistert als verängstigt. »Dorthin verfolgt er uns bestimmt nicht.«
»Möglicherweise tut er das nicht. Ihr macht euch aber keine Vorstellung, wie hart das Leben dort oben ist, oder?«. Mike wirkte nur wenig beruhigt ob dieser Aussicht. »Außerdem müßt ihr bis dahin noch Wissenschaftler werden. Die werden euch nicht einfach durchfüttern.«
»Ich fange im nächsten Sommer an, zu studieren«, tönte Danyel. »Daß ich eine Klasse übersprungen habe, wird sich im Lebenslauf doch bestimmt gut machen, oder?«
»An Selbstbewußtsein mangelt es Dir jedenfalls nicht.« Mike schüttelte lächelnd den Kopf. »Du packst das schon.«
»Sag mal, Maurice, ist das da Jean Lambert auf Deinem Tablet?«, unterbrach Marie das Gespräch.
Der Angesprochene blickte kurz auf das Display, tippte in dessen Ecke und Sekunden später erschien der Inhalt auf einem metergroßen Bildschirm, der in eine Wand eingelassen war. »Das muß ich sehen.«
Jean Lambert war ein guter Freund von Maurice und hatte ihm als Teamleiter der GIGN wiederholt bei gefährlichen Einsätzen zur Seite gestanden. »Ich verstehe das nicht«, murmelte der verständnislos. »Jean ist jetzt Bereichsleiter. Warum, verdammt, läßt er sich interviewen? So funktioniert Terrorbekämpfung nicht.«
Die Reporterin schien ähnlicher Meinung zu sein. »Es ist sehr unüblich, daß die französische Terrorabwehr sich an die Öffentlichkeit wendet«, sagte sie gerade. »Ich gehe also davon aus, daß etwas Schwerwiegendes vorgefallen sein muß.«
»Sie haben recht.« Jeans Stimme hatte über all die Jahre ihren knurrenden Unterton nicht verloren, der den Eindruck erweckte, daß sich hinter der nächsten Straßenecke ein Raubtier zum Sprung duckte. »Deswegen habe ich Sie auch zum Place de la Concorde bestellt und darauf bestanden, daß Sie alles live senden.«
»Woher weiß ich, daß Sie wirklich zur GIGN gehören? Den Patch auf Ihrer Jacke kann ja jeder tragen.«
»Das soll mal jemand versuchen.« Jean lachte kehlig. »Amtsanmaßung ist ein sicherer Weg ins Gefängnis.«
Er lehnte dabei lässig an einem Metallzaun mit vergoldeten Spitzen. Hinter ihm ragte der Obelisk empor, dessen Silhouette den Platz beherrschte.
»Schon gut, schon gut«, beschwichtigte die Interviewerin. »Unsere Zuschauer sind sehr gespannt auf das, was Sie uns erzählen wollen.«
»Dann hören Sie gut zu.«
Der Kameramann verstand sein Geschäft und zoomte so weit heran, daß man nur noch Gesicht und Oberkörper von Jean sah. Der blickte jetzt direkt in die Kamera, als er fortfuhr:
»Ich muß Ihnen mitteilen, daß uns Informationen über eine nie dagewesene Bedrohung unseres Landes vorliegen. Ich finde, die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, davon zu erfahren.«
Jean holte tief Luft und wollte offenbar weiterreden. Dann fuhr er zurück, als hätte ihm jemand einen Schlag gegen den Oberkörper versetzt. Auf dem weißen T-Shirt, das er unter seinem Fliegerblouson trug, breitete sich ein roter Fleck aus. Er riß die Augen weit auf und öffnete den Mund, wohl um etwas zu sagen. Stattdessen spuckte er einen Schwall Blut in Richtung Kamera, ehe er langsam am Zaun herunterrutschte und aus dem Blickfeld der Kamera verschwand. Ein lauter Schrei verriet, daß die Reporterin gerade ihre Contenance verlor. Die Kamera zoomte wieder heraus und zeigte eine rote Lache, die sich in erschreckender Geschwindigkeit unter Jeans leblosen Körper auf dem Pflaster ausbreitete.
Von allen Seiten tauchten wie aus dem Nichts Personen auf und umstellten Jean, so daß sein Körper aus dem Blickfeld verschwand. Ein Mann hielt eine Dienstmarke in die Kamera.
»Das Interview ist beendet. Bitte verlassen Sie den Platz. Es gibt hier nichts mehr zu sehen.«
Für einige Sekunden blieb die Kamera noch auf Sendung und zeigte, daß ihr Träger offenbar rüde herumgerissen und weggeführt wurde. Die Reporterin – immer noch fassungslos – stotterte eine halb artikulierte Frage.
Eine Antwort erhielt sie nicht. Die Übertragung brach ab und auf dem Bildschirm erschien ein Moderator, den die Entwicklung der Dinge ebenso kalt erwischt hatte wie alle anderen, und der um Worte rang.
»Was zur Hölle war das gerade?« Mike blickte sich entgeistert um.
»Sie haben Jean umgebracht!« Im Aufspringen warf Maurice beinahe den massiven Tisch um und stieß anschließend eine so rasche Folge arabischer Flüche aus, daß niemand mehr folgen konnte.
»Wer ist sie?« Marie bewahrte als Einzige in der Runde die Fassung und schaltete den Bildschirm aus.
»Warum tust Du das?«, fragte Mike.
»Weil die auch nicht mehr wissen als wir jetzt und entsetzt und betroffen sind wir gerade selbst.«
Die Zwillinge saßen zusammengekauert da. Ihre Mutter murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und griff nach Maries Hand.
Dann – wie auf Kommando – plapperten alle wild durcheinander. Durch das hohe Redetempo, das die Franzosen so meisterhaft beherrschen, klang es, als wäre eine Bombe in einen Hühnerhof eingeschlagen.
»Ruhe!« Maries Erfahrung mit der Koordination von Arbeitsgruppen und die besondere innere Schwingung in ihrer Stimme bewirkten, daß sie trotz des Lärms jeder hörte und der Geräuschteppich schon bald wieder zusammengerollt in seiner virtuellen Ecke lag. »Maurice, Du hast meine Frage nicht beantwortet.«
»Ich habe letzte Woche mit Jean gegessen. Er stand noch mehr unter Dampf als sonst«, brummte der.
»Hat er Dir erzählt, woran er gearbeitet hat?«
»Das tun wir nie. Geheimhaltung.«
»Im Zweifelsfall eine neue Verschwörung des Kreml«, warf Danyel altklug ein. »Die sind doch heute für alles Böse in Europa verantwortlich.«
»Falls das ein Scherz sein sollte, überleg Dir besser ein unverfängliches Thema.« Maurice’ Blick ließ seinen Sohn zusammenzucken. »Du hast nämlich keine Ahnung!«
»Ich schätze, die lustige Stimmung für den Spielenachmittag ist passé.« Bis auf Maurice mußten bei Amélies trockener Bemerkung alle lächeln. »Wir sollten besser gehen, was meinst Du, Marie?«
Die Angesprochene nickte. »Brauchst Du Unterstützung, Mike?«, fragte sie und machte mit einer Hand eine Telefonieren-Geste.
Mike nickte. »Später gerne. Dann kommt mal gut heim. Schade, daß Lucky nicht mitgekommen ist.«
»Lachesis ist einige Tage länger in Cambridge geblieben als ich.« Amélie nahm ihr Jäckchen von der Garderobe und hängte sich ihre Tasche um. »Die Trimesterabschlußfeier war ihr wichtiger.«
»Sie ist erwachsen«, fügte Marie hinzu. Gemeinsam mit ihren Kindern verließen die beiden Mikes und Maurice’ Haus.
»Scheißescheißescheiße!«
Mike wollte seinen Freund in den Arm nehmen, aber der stieß ihn unwirsch zurück.
»Laß mich. Ich muß Dampf ablassen und die Sorte Abreagieren, die ich jetzt brauche, verträgst Du nicht. Ich werde eine Runde laufen. Dann wird es wieder besser.«
»Ich komme mit.«
»Ich komm schon klar!«
»Das weiß ich, aber trotzdem mußt Du solche Krisen nicht mit Dir allein ausmachen.« Mike zog sich Turnschuhe an und griff eine schwarze Rollmütze von der Hutablage.
»Du bist süß.« Maurice’ Augen schimmerten feucht, eine Regung, die er sich nur in Gegenwart seines Freundes gestattete.
»Ich weiß, aber das macht Jean nicht wieder lebendig. Laß uns eine Stunde rausgehen. Vielleicht wissen sie dann schon mehr, wenn wir zurückkommen.«
Kapitel 1. Anohka
Sie drehte den Kopf mit aller Kraft zur Seite und sah aus dem Fenster. Gerade durchstießen sie die letzten Wolken der unteren Stratosphäre. Der Himmel färbte sich mit jedem Kilometer dunkler und die ersten Sterne erschienen bereits am Firmament.
Anokha Merkator war noch nicht in der Lage, diesen Anblick so richtig zu genießen. Zu stark preßte sie die Beschleunigung in die Polster ihres Sitzes. Aber sie war so stolz, daß sie es endlich geschafft hatte. Jahrelange, harte Arbeit, endlose Tests und Monate intensiven Trainings zahlten sich jetzt aus.
Über dem Horizont erschien gerade eine schmale Mondsichel.
Das soll meine neue Heimat werden? Ich kann das immer noch nicht glauben. Fünf Jahre.
So lange hatte sie sich verpflichtet. So lange würde sie in der neu errichteten Basis Ganesha City leben. Sie lag inmitten eines Kraters am südlichen Ende des Mare Nubium auf der erdzugewandten Seite des Erdtrabanten. Dort würde sie wohnen und wissenschaftlich arbeiten.
»Himmelszentrum Bengaluru an Raumfähre Gandhi, Statusbericht!«, schnarrte es aus einem Lautsprecher.
»Raumfähre … Gandhi hier.« Anokha versuchte erfolglos, zu verbergen, wie schwer ihr jedes Wort fiel, das sie aus dem zusammengequetschten Brustkorb preßte. Sie sah sich im Cockpit um und wechselte einen Blick mit ihrer Nachbarin. Die nickte ihr zu und brachte sogar die Andeutung eines Lächelns zustande. »Alle Werte normal. Der Start verläuft planmäßig«, sagte sie dann.
»In wenigen Minuten wird sich Ihre Trägerrakete automatisch abkoppeln und zur Erde zurückkehren. Wir übergeben jetzt an Orbitalstation Indus VII. Sie wird Ihren restlichen Flug überwachen.«
»Indus VII hier, wir haben mitgehört. Entspannen Sie sich. Wir senden Ihnen einen Leitstrahl und bringen Sie sicher durch den Friedhofsorbit.«
Anokha atmete tief durch. Heutzutage war es zu riskant geworden, sich nur auf das Radar zu verlassen, wenn man ins All startete. Zu groß das Risiko, mit einem Bruchfragment oder einem toten Netzwerksatelliten zu kollidieren, die mittlerweile zu Hunderttausenden die Erde umkreisten. Die Sensoren der Station über ihnen tasteten die Umgebung viel kleinteiliger ab, als die Instrumente der Fähre das gekonnt hätten, und berechneten einen sicheren Kurs, dem der Bordcomputer nur folgen mußte.
Dennoch fühlte sie sich unwohl beim Blick auf den Radarschirm. Schon erschienen die ersten Signale an seinem Rand und die Triebwerke und Manövrierdüsen ihres Transportmittels würden bald Arbeit bekommen.
Eine dumpfe Explosion schallte durch die Kabine. Abrupt setzte die Schwerelosigkeit ein und ein Schwindel vernebelte ihr Gesichtsfeld für einen Moment. Jetzt war sie froh über die Anschnallgurte, die sie bis eben noch als Belastung empfunden hatte, weil sie ihren Oberkörper zusätzlich einschnürten. Vermutlich würde sie sonst anfangen zu schweben und durch die Kabine treiben. Dann gewann sie die Kontrolle zurück. Natürlich wußte sie, wie man sich bei Schwerelosigkeit zu bewegen hatte. Oft geübte Abläufe waren das. Niemand würde sie hier hilflos sehen.
»Abkopplung erfolgreich«, funkte der Techniker, der von oben ihren Flug überwachte. »Bitte starten Sie jetzt Ihre Triebwerke.«
»Bestätigt!« Ihre Nachbarin wischte über einen der Bildschirme in ihrer überbreiten Armlehne. Eine Vibration und ein Summen zeigten, daß die Wasserstofftriebwerke zu arbeiten begonnen hatten. Allmählich setzte wieder Schwerkraft ein und näherte sich Werten, die die Besatzung als angenehm empfand.
»Indus VII an Raumfähre Gandhi. Der Leitstrahl steht. Wir übernehmen jetzt.«
»Raumfähre Gandhi bestätigt«, sagte Anokhas Nachbarin. »Wir sind eingeloggt.«
»Ich könnte etwas zu trinken brauchen«, meldete sich eine männliche Stimme.
»Ein paar Stunden mußt Du noch durchhalten, Shantimay«, antwortete Anokha. »Du kennst die Vorschriften. Sobald wir auf der Station sind, kannst Du trinken, so viel Du willst.«
»Da gibt es aber keine Schwerkraft und ich muß an so komischen Beuteln herumnuckeln. Ich könnt jetzt sterben für ein Kingfisher.«
»Achtung, Kollisionsalarm!«, meldete sich wie auf Kommando die mechanische Stimme des Bordcomputers.
Alarmiert blickte Anokha auf das Radar, auf dem sich ein rot blinkendes Signal bedrohlich schnell dem Zentrum des Kreises näherte.
Ein Ruck ging durch die Fähre, als die Manövrierdüsen ansprangen und ihren Kurs leicht änderten, so daß das Signal das Zentrum des Kreises knapp verfehlte.
»So wörtlich hatte ich das nicht gemeint«, maulte Shantimay.
»Beschwer Dich nicht!«, wies ihn Rashpal, die Kommandantin der Fähre, zurecht. »Du weißt, daß der Kurs knapp berechnet ist. Je weniger Treibstoff wir verbrauchen, desto mehr können wir auf Ganesha abliefern.«
»Ich dachte, die neuen Sonnenkollektoren arbeiten planmäßig.«
»Das tun sie auch. Die Energie reicht aber derzeit gerade für die Station, nicht dafür, Wasser und Wasserstoff aus Mondgestein zu gewinnen.«
»Sie werden über unsere Ladung froh sein«, ging Anokha beruhigend dazwischen. »Die frischen Zellen und vor allem die Leichtpolymerakkus werden die Situation deutlich verbessern. Dann gibt es auch Arbeit für mich.«
»Eine Biologin auf diesem Felsklumpen. Was wir brauchen, sind mehr Geologen.«
»Wenn Du irgendwann etwas anderes essen willst als Weltraumrationen, solltest Du hoffen, daß meine Hydrokulturen ein Erfolg werden«, konterte Anokha.
»Du solltest wenigstens Hopfen anbauen.«
»Guter Witz. Zu wenig Ertrag auf viel zu viel Raum. Auf Dein Kingfisher wirst Du für lange Zeit verzichten müssen.«
Shantimay schob die Unterlippe vor und schwieg.
»Wenn ihr mit Kabbeln fertig seid, könntet ihr euch wieder auf die Instrumente konzentrieren!«
Anokha zuckte zusammen und gehorchte.
Die nächste Zeit blieb es still an Bord. Den Satellitenfriedhof hatten sie mittlerweile passiert und näherten sich dem Zwischenziel ihrer Reise im geostationären Orbit. Der Kurs war so berechnet, daß sich der Anflug nur darin äußerte, daß die Schwerkraft in der Kabine mehr und mehr nachließ. Die Anziehungskraft der Erde erledigte den Rest, so daß ihre Relativgeschwindigkeit zur Raumstation nur noch gering war, als sie schließlich nicht nur auf dem Radar auftauchte, sondern sich auch im Sichtfeld von einem hellen Stern zu einer modularen Struktur vergrößerte.
Das Andocken an das Schleusenmodul verlief schnell und routiniert. Rashpal flog nicht zum ersten Mal ins All und die Stationsbesatzung erhielt regelmäßig Besuch zum Austausch von Besatzungsmitgliedern oder – in den letzten Jahren immer häufiger – durch Transitflüge zum Mond.
»Wow, euer Laderaum ist aber exorbitant groß«, staunte der Stationskommandant nach einer herzlichen Begrüßung. »Ich wußte, daß sie ein neues Fährenmodell schicken, aber der Unterschied ist frappierend. Die neuen Trägerraketen müssen gewaltig sein.«
»Einen erheblichen Teil beanspruchen die Treibstofftanks.« Anokha hatte sich ihres Raumanzuges entledigt und hielt sich an einer Strebe fest, damit sie nicht – wie die anderen – in Zeitlupe durch den Innenraum trudelte. »Die Fähre ist speziell für Pendelflüge zum Mond konzipiert, damit wir möglichst viel Ladung abliefern können, auch Wasserstoff und Sauerstoff.«
»Die Fähren der Amerikaner und Russen sind noch größer«, behauptete ein Mann aus der Runde unvermittelt.
»Das glaube ich nicht«, antwortete Rashpal, ohne nachzudenken. »Es gibt technische Grenzen und gegen die Gesetze der Physik können auch die anderen nichts ausrichten.«
»Was ich persönlich für unsinnig halte, ist jedenfalls das Kontaktverbot zu den anderen Mondstationen.«
Das Stationsmitglied, das das gesagt hatte, fing sich von seinem Kommandanten einen strafenden Blick ein.
»Wir wollen nicht über Politik reden«, beendete dieser den Wortwechsel, noch ehe sich eine Diskussion entspinnen konnte.
Anokha nahm sich einen der angebotenen Getränkebeutel, öffnete ihn und saugte daran. Fruchtige Süße mit einer bitteren Note breitete sich in ihrem Mund aus. Eistee, dachte sie. Bestimmt wieder so ein Wunderwerk moderner Lebensmittelchemie.
Daß ihr Heimatland sich eine neutrale Stellung zwischen den östlichen und den westlichen Blöcken erhalten konnte, bedeutete nicht, daß die gegenseitigen Beziehungen spannungsfrei waren. Aber darüber redete man nicht in der Öffentlichkeit.
Sie nutzte die wenigen Stunden, die sie als Gäste auf der Orbitalstation verbrachten, für gymnastische Übungen, für die in der engen Kabine der Fähre kein Platz war. Später, auf dem langen Flug zum Mond, würde sie dafür dankbar sein.
»Grüßt mir Lakshmi«, trug ihnen der Stationskommandant auf, als sie sich herzlich voneinander verabschiedeten. »Sagt ihr, ich habe sie nicht vergessen.«
»Kennst Du die Kommandantin näher«, fragte Rashpal.
»Ist schon länger her. Wir hatten mal … aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.« Mit einer fahrigen Geste wandte er sich ab und schwebte davon.
Sie stiegen wieder in ihre Anzüge, hangelten sich durch die Korridore zur Andockschleuse und verließen die Station. Ihr Schiff legte ab und brachte sich mit den Manövrierdüsen zunächst in sichere Entfernung, ehe Rashpal die Haupttriebwerke startete.
»Möchte jemand zu Hause anrufen, solange wir im Funkbereich der Station sind?«, fragte sie dann.
Anokha nickte und startete eine App auf ihrem Tablet. »Merkator hier. Ein Amt bitte.«
»Ein Amt …«, gluckste der Funker. »Aus welchem Jahrhundert stammst Du nochmal? Kommt sofort.«
Nach kurzer Zeit hörte sie einen Signalton und wählte die Nummer ihrer Eltern. Es knackte in den Lautsprechern, dann hörte sie ein Freizeichen und den Rufton. Sie wartete geduldig, bis ein Klicken ihr verriet, daß jemand abgenommen hatte.
»Merkator?«
»Hallo Mutter, geht es Dir gut?«
»Ah, unser Schandfleck, schön, daß Du Dich auch mal meldest!«
Anokha runzelte die Stirn. Das Verhältnis zu ihren Eltern war seit längerer Zeit gespannt. Sie billigten ihren Entschluß nicht.
»Das wird unser letztes Telefonat sein. Wir werden künftig asynchron miteinander sprechen müssen. Der Relaissatellit an L1 besitzt nur eine Datenleitung.«
»Davon verstehe ich nichts. Daß es mir gut geht, ist nicht Dein Verdienst. Ramesh Chand hat es immer noch nicht verwunden, daß Du seinen Antrag abgelehnt hast.«
»Das ist nicht mein Problem.« Anokha bemerkte, daß sie schroffer klang als beabsichtigt und mäßigte ihren Ton: »Ich lebe mein eigenes Leben und will etwas für unser Land erreichen.«
»Du würdest viel mehr erreichen, wenn Du unsere Traditionen achten würdest.« Jetzt klang die Stimme der Mutter schroff.
»Mutter, wir wollen jetzt nicht streiten. Erzähl mir lieber, was Raj macht.«
»Er hat Tage gebraucht, um sich von seiner Examensfeier zu erholen, der Süße. Aber jetzt besitzt er seinen Master. Ist das nicht toll?«
Ich besitze einen Doktorgrad. Ist das nicht auch toll?
Die Gegenfrage verkniff sie sich. Stattdessen antwortete sie: »Natürlich freue ich mich für ihn. Er hat für sein Alter schon viel erreicht und wird es weit bringen.«
»Vater hat auch schon eine Frau für ihn ausgesucht. Nächste Woche fliegt er nach Chennai, um über die Mitgift zu verhandeln.«
»Weiß Raj das schon?«
»Wozu? Er wird begeistert sein. Er ist ein guter Sohn und achtet die Tradition.«
Zahlt er auch die Raten für euer Haus? Ach nein, das tue ich ja.
Anokha seufzte innerlich. Sie hatte auf einen versöhnlicheren Tonfall gehofft.
»Dann drücke Raj von mir. Und grüße Vater, wenn Du es für angebracht hältst.«
»Das werde ich nicht tun. Dazu hast Du ihn zu schwer enttäuscht.«
»Wie Du meinst.« Kurz angebunden beendete Anokha das Gespräch. »Die anderen wollen auch noch telefonieren. Ich wünsche euch alles Gute. Ganesha soll euch segnen.«
Ich hatte gehofft, sie würde meinen Entschluß am Ende verstehen. Ich werde das irgendwie abschütteln müssen.
Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Vor ihrem geistigen Auge tauchten Bilder aus ihrer Kindheit auf. Wie sie im Urlaub am Strand von Kochi spielten. Vater, wie er Raj lachend in die Luft warf, wieder auffing und der Junge vor Freude quietschte.
»Laß nicht zu, daß sie es zu Deinem Problem machen.« Anokha schreckte hoch und sah, wie die spröde Kommandantin ihr auf einmal warm zulächelte. »Letztlich sind sie nur neidisch, denn sie können nicht, was wir können und wissen nicht, was wir wissen.«
»Danke, Rashpal. Und das, was sie erreichen könnten, versagen sie sich, weil sie an Überlieferungen hängen, die vor Jahrhunderten noch einen Sinn ergeben haben.«
Die nickte und widmete sich wieder der Steuerung.
Der Rest des Fluges verlief ereignislos. Nachdem sie Reisegeschwindigkeit erreicht hatten, saßen sie angeschnallt in ihren Raumanzügen und beobachteten schweigend, wie die Kugel ihres Reisezieles langsam wuchs. Nach einer Weile meldete sich die Mondstation und sendete ihnen einen neuen Leitstrahl. Anokha spielte auf einem Tabletbildschirm herum, der die Perspektive einer Außenkamera zeigte. In Gedanken zoomte sie in verschiedene Regionen auf der Oberfläche hinein.
Wie dreidimensional das alles wirkt! Warum gibt es auf dem Mond eigentlich keine Farben? Auf der Erde haben wir so viele bunte Gesteine, und selbst die Oberfläche des Mars ist rot von Eisen. Hier aber gibt es nur Graustufen.
Beim Vergrößern einer Region fiel ihr ein kleiner Lichtpunkt im Schatten eines Ringwalls nahe des Nordpols auf. Das mußte SUPREMACY sein, die zweite Bodenstation der Amerikanischen Föderation. Es hieß, sie bauten dort Wasser ab und versorgten ihre andere Station damit über Bodenfahrzeuge.
Eigentlich sollten sie alle Stationen damit versorgen. Ich finde es kindisch, daß sie ihre Machtspielchen hier oben fortsetzen. Wir müssen unser Wasser aus dem wenigen Treibstoff gewinnen, den die Fähre der Station überlassen kann, ehe sie zurückfliegt.
Plötzlich änderte sich der Bildausschnitt, den die Besatzung durch die Fenster sah. Der Mond – mittlerweile füllte er das Blickfeld komplett aus – bewegte sich zur Seite und wurde durch einen Sternenhimmel ersetzt. Das leuchtende Band der Milchstraße wanderte durch das Bild und schließlich sahen sie ihren blau-weißen Heimatplaneten. Wieder zündeten die Triebwerke – diesmal, um zu bremsen –, und versorgten sie für eine Weile wieder mit Schwerkraft.
Unter ihnen lagen der Atlantik und Amerika. Versonnen betrachtete sie mehrere Wolkenspiralen, die – wie auf einer Perlenkette aufgereiht – nördlich des Äquators die Karibik ansteuerten.
Ich hätte nie erwartet, daß unsere Welt von oben so schön aussieht!
Natürlich wußte sie das bereits, aber selbst jemand zu sein, der die Erde aus dem Weltall beobachten konnte, verursachte in ihr ein ehrfürchtiges Staunen, dem sie sich nicht entziehen konnte.
Das Gefühl, dabei in ihrem Sitz auf dem Rücken zu liegen, versetzte Anokha in einen angenehm schläfrigen Zustand. Shantimay schnarchte leise, aber Rashpal saß angespannt in ihrem Sitz und tippte von Zeit zu Zeit auf ihre Kontrollen.
»Gibt es Ärger?«, fragte Anokha müde.
»Nein, warum?«
»Weil Du noch arbeitest.«
»Arbeit …« Die Kommandantin warf ihr einen Blick zu und lächelte erneut. »Ich spiele Sudoku, um wachzubleiben.«
Anokha lächelte zurück und entspannte sich wieder. Erst unmittelbar vor der Landung, als die Manövrierdüsen die Fähre in eine horizontale Position drehten, schreckte sie hoch.
Mit einem leichten Ruck setzte das Schiff präzise vor der Zugangsschleuse auf dem Boden auf.
»Ganesha an Ghandi. Wir installieren jetzt den neuen, direkten Zugang zur Fähre«, hörten sie eine weibliche Stimme über Funk. »Das wird uns später das Entladen erleichtern. Haltet die Daumen. Es ist eine Premiere.«
»Hoffentlich gibt es genügend Stauraum«, erwiderte Rashpal knapp. »Wir haben sogar einen Rover für euch an Bord.«
»Stauraum haben wir reichlich. Die letzte Lieferung von der Erde haben wir bereits verbaut. Aber der Rover wird sehr nützlich sein. Es gibt mögliche Lagerstätten für Rohstoffe in der Umgebung, die wir unbedingt genauer untersuchen müssen.« Danach blieb es für einige Zeit still. Die Passagiere beobachteten über die Außenkameras, wie zwei Personen in Raumanzügen ein kurzes Stück eines viereckigen Tunnels herbeitrugen und es mittig zwischen Schleusentür und der Einstiegsluke des Shuttles positionierten.
Erstaunlich! Auf der Erde würden sie einen Gabelstapler benötigen, um das Gewicht zu bewegen.
Die beiden Träger stiegen in das Tunnelstück hinein und kurz darauf schoben sich nach beiden Seiten Verlängerungen heraus. Ein leichter Ruck ging durch das Schiff, als das Tunnelsegment mit einem Schnappen in eine Führung auf der Außenseite der Hülle einrastete.
»Wir untersuchen jetzt auf Dichtigkeit und danach belüften wir den Tunnel. Eure Außenanzüge braucht ihr bei uns nicht.«
Die Premiere zog sich eine ganze Weile hin, bis endlich alles geprüft war und sie die Atmosphäre einströmen hörten. Währenddessen entledigte sich die Besatzung ihrer Schutzkleidung, die sie zur Sicherheit während des ganzen Transfers getragen hatten.
Was würde ich jetzt für eine Dusche geben!, dachte Anokha, als ihr bewußt wurde, wie durchgeschwitzt sie war. Aber wenigstens die Toilettengänge werden durch etwas Schwerkraft wieder sehr erleichtert werden.
Das sagte sie aber nicht.
Ihre Mitreisenden wirkten ähnlich befreit, als sie die schwere Ausrüstung abgelegt hatten.
»Meint ihr, daß es auf Ganesha schon einen Raum gibt, in dem ich meine Muskeln trainieren kann?« Shantimay warf sich in Pose, damit beide Frauen seinen Oberkörper gebührend bewundern konnten.
»Arbeite einfach härter als andere. Dann brauchst Du keinen Fitneßraum«, kommentierte Rashpal trocken.
In diesem Moment hämmerte jemand an die Außenwand des Schiffes. »Ihr könnt rauskommen«, meldete sich zeitgleich die Funkerin der Station. »Das Begrüßungskomitee und die Jubelchöre warten schon.«
Anokha mußte kichern. Die Perspektive auf fünf Jahre Arbeit an diesem Ort kam ihr auf einmal gar nicht mehr so fremd und kalt vor.
Sie zwängten sich durch den zugestellten Frachtbereich und öffneten das Schott von innen. Am anderen Ende der kurzen Tunnelstücks standen mehrere Personen und winkten ihnen zu.
»Kommt her. Hier ist Platz für ein Willkommen«, rief ihnen eine Frau zu, die den Abzeichen an ihrer Uniform nach die Leiterin der Station sein mußte. »Mein Name ist Lakshmi.«
»Wir haben schon von Dir gehört.« Shantimay warf sich in die Brust. »Der Kommandant der Indus singt Lobeshymnen.«
»Du mußt Shantimay sein.« Lakshmi zog die Nase kraus. »Dein Ruf eilt Dir voraus.«
»Was für ein Ruf?«, echote der Angesprochene dümmlich.
»Und ich bin Anokha«, sprang die ihrem Kollegen bei und streckte ihrem Gegenüber die Hand entgegen.
Lakshmis Händedruck war fest und herzlich. »Willkommen, alle beide! Wir können einige weitere Hände gut gebrauchen. Shantimay, Du siehst aus, als könntest Du morgen beim Entladen der Fähre helfen und Du, Anokha, schaffst es hoffentlich, die Hydrokulturen im Frachtraum zum Leben zu erwecken. Wenn wir selbst etwas produzieren können, müssen wir weniger Lebensmittel importieren, vom frischen Sauerstoff ganz zu schweigen.«
»Das Himmelszentrum plant, den Stützpunkt in absehbarer Zeit weitgehend autark zu machen.«
»Dazu wird mehr nötig sein als die Hydrokulturen.« Lakshmi lächelte verhalten. »Wir müssen Rohstoffe erschließen und Fabriken errichten. Bisher wissen wir nicht einmal, wo wir suchen müssen.«
»Das ist mein Einsatz.« Shantimay grinste breit. »Ich kann den Rover fahren. In den Karten der Umgebung habe ich bereits eine Reihe Stellen markiert, wo wir zu suchen beginnen können.«
»Das ist ein Anfang. Schauen wir, wohin er uns führt.« Lakshmi wirkte nicht überzeugt.
Kapitel 2. Mike
»Wenn Sie mich zu solch unchristlicher Zeit herzitieren, ist immer etwas im Busch.« Verlagsdirektor Mike Peters rührte gedankenverloren in seinem Kaffee. »Glücklicherweise mußte Maurice heute noch früher aufstehen als ich. Sonst könnten Sie mit mir noch nicht viel anfangen.«
»Das ist mir bewußt.« Victor Pompier lächelte ihn wissend an. »Außerdem habe ich Sie nicht her zitiert. Sie sind schließlich schon einige Jahre der alleinige Chef. Ich übe nur noch eine beratende Tätigkeit aus.«
»Es fällt schwer, alte Gewohnheiten abzulegen. Sie waren einfach zu lange mein Vorgesetzter.«
»Dann sollten Sie sich jetzt davon lösen, Mike. Ich bin nämlich hier, um mich von Ihnen zu verabschieden.«
»So plötzlich?« Mike zog die Augenbrauen hoch. »Ich hatte gehofft, daß Sie uns noch eine Weile erhalten bleiben.«
»Ich habe mein halbes Leben dem Magazine de la Science gewidmet. Es wird Zeit, etwas Neues zu beginnen.«
»Was planen Sie?«
»Es ist mir gelungen, kurzfristig ein Ticket für eine Round-the-World-Kreuzfahrt zu ergattern. Ich werde ein halbes Jahr weg sein.«
»Meinen Glückwunsch, Victor«, strahlte Mike. »Diese Reisen sind doch sehr gefragt.«
»Ein Teilnehmer ist überraschend verstorben und ich stand auf der Warteliste. Ich fliege schon nächste Woche nach Miami.«
»Kann ich Sie bei den Vorbereitungen unterstützen?«, bot Mike an.
»Das schaffe ich allein, aber falls Sie jemand wüßten, der in meiner Abwesenheit die Blumen gießt, wäre das schön. Die Gärtnerei, wo ich sie sonst hingeben würde, hatte so schnell keinen Termin frei.«
»Das kann ich«, versicherte Mike. »Sie freuen sich doch bestimmt schon sehr.«
»Definitiv. Ich will noch etwas von der Welt sehen, solange ich noch fit genug dafür bin. Irgendwann in den nächsten Jahren werden meine Gelenke mir den Spaß an allzuviel Bewegung verderben.«
»Dann besser jetzt als nie«, bekräftigte Mike.
»Außerdem bin ich mir absolut sicher, daß Sie meine Ratschläge schon lange nicht mehr benötigen.«
»Vermutlich nicht. Wir stehen nicht mehr so unter Druck wie in meinen Anfangsjahren. Da fallen die Entscheidungen leichter.«
»Ist Ihnen aufgefallen, daß wir keine Krise mehr meistern mußten, seit Sie vor zwanzig Jahren zum Verlagsleiter ernannt wurden?«
»Ähm …« Mikes Blick verschleierte sich kurz, dann lächelte er. »Das liegt aber nicht an mir, sondern daran, daß zwischen den Gruppen Moíra und dem Konsortium seitdem Burgfrieden herrscht.«
»Ein Burgfrieden, den Sie arrangiert haben.« Pompier erhob sich. »Jetzt muß ich los. Meine Physiotherapeutin wartet. Die Schlüssel lasse ich Ihnen schicken.«
»In Ordnung.« Mike drückte Pompier herzlich die Hand und geleitete ihn dann nach unten.
Auf dem Rückweg hielt ihn Marie auf. »Ich habe die Tickets für Chicago auf Dein PDA überspielt.«
»Herrje, ich bin ja nächste Woche auch weg. Und ich habe Pompier versprochen, seine Blumen zu gießen.«
»Er hat mich ebenfalls instruiert.« Marie kniff ein Auge zusammen. »Wir managen das schon gemeinsam.«
»Ach, Marie, wenn ich Dich nicht hätte …«
»… und die dicken Kartoffeln!«
Mike lachte so laut, daß Amélie aus ihrem Büro herausschaute. »Ist etwas passiert, das ich wissen müßte?«
»Laßt uns einen Chai zusammen trinken«, schlug Mike vor.
»Ich kümmere mich!« Marie verschwand in der Küche. Mike folgte Amélie in ihr Büro, das früher einmal sein Büro gewesen war. Er selbst hatte Pompiers Räumlichkeiten unterm Dach übernommen, sobald der seinen Posten an ihn übergeben hatte.
Kurz darauf saßen alle drei mit je einem großen Becher Tee um Amélies Schreibtisch herum. »Ist etwas?«, fragte die, als ihr auffiel, wie Mike auf seinem Stuhl herumrutschte, um eine bequemere Sitzposition zu finden. »Maurice?«
»Nein, der ist diesmal unschuldig.« Mike lächelte gequält. »Es ist mein Rücken. Ich muß beim Aufstehen eine falsche Bewegung gemacht haben.«
»Frag mich mal nach Hitzewallungen.« Amélie tupfte ihre Stirn mit einem Taschentuch ab und fächelte sich anschließend frische Luft zu.
»Ist etwas mit der Klimaanlage?«
»Die rettet uns allen das Leben.« Amélie atmete tief ein und aus. »Nein, ich fürchte, es sind die Wechseljahre. Wir werden alle nicht jünger. Mir graut schon vor dem Heimweg. Vierzig Grad finde ich schwer auszuhalten. Dabei haben wir noch nicht einmal Sommer.«
»Die Bürgermeisterin sollte auch die Straßen mit Solarzellen überdachen lassen und die ganze Stadt klimatisieren.« Marie lächelte in ihren Becher hinein. So ganz ernst meinte sie diese Bemerkung wohl nicht.
»Eine schöne Vorstellung«, lachte Mike, während er etwas auf seinem PDA studierte. »Sag mal, Marie, fehlen da nicht noch die Visa für den amerikanischen Wirtschaftsraum?«
»Das wird wieder eine knappe Chose. Die Hegemonie zieht immer mehr Personal aus der Botschaft ab, hat man mir gesagt.«
»Was wollen die mit ihrem Isolationismus eigentlich beweisen?«, schimpfte Mike.
»Keine Ahnung. Mit Logik kommst Du jedenfalls nicht weiter. Wir müssen uns damit arrangieren.«
»Dann sollen sie wenigstens ihre Visa digitalisieren«, grummelte Mike. »Indien hat doch vorgemacht, daß das geht.«
»Sie werden es schon merken. Spätestens, wenn die wirklich wichtigen Konferenzen künftig in Bengaluru stattfinden.«
»Warum nimmst Du eigentlich nicht einfach online teil?«, fragte Amélie.
»Weil ich das für einen Notbehelf halte. Ich finde, daß man die wirklich interessanten Zusammenhänge erst vor Ort erkennt. Außerdem besteht der Vertreter des Panamerican Scientific auf einem persönlichen Treffen«, fügte Mike hinzu. »Sie wollen uns nämlich ihre Inhalte anbieten und vielleicht auch welche von uns in Lizenz nehmen.«
Amélie wirkte zufriedengestellt, denn jetzt lächelte auch sie in ihren Becher.
Kapitel 3. Paolo
[NEUSORGE]
ETWAS BESCHÄFTIGT DICH, PAOLOCOSTA.
Paolo schreckte von dem Text hoch, dem er sich gerade halbherzig gewidmet hatte. Die Informationen über die Entwicklung auf der Erde, die Oleg ihm regelmäßig durch das Dimensionsportal schickte, waren nicht immer so leicht zu verdauen wie seine Lebensmittellieferungen.
Er versuchte noch einmal, die Zeilen zu fixieren, aber die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen.
Ich mache mir Sorgen um meine Heimat, sendete er in der Sprache der Gefühle, in der er sich mit seinen Gastgebern verständigte.
In einem der großen Fenster, die seinen Lebensraum hier begrenzten, konnte er die purpurnen Gestalten seiner Lieblingsfamilie erkennen. Sie war diejenige, die seinerzeit durch die Anomalie mit ihm kommuniziert hatte, die ihre beiden Planeten verband und zu ihr fühlte er sich am meisten hingezogen.
Wie zwei an der Basis zusammengewachsene Bäume standen sie da. Zwei knollenartige Verdickungen zwischen den vielen zweigähnlichen Ausläufern trugen eine Reihe stielförmiger Knospen. Sie stellten eine Art Augen dar und waren ihm fast alle zugewandt.
[FRAGMUTUNG]
WARUM SORGST DU DICH? DEINE HEIMAT IST HIER BEI UNS.
Das weiß ich. Paolo lächelte. Danke, daß ihr mich darauf hinweist. Dennoch beschäftigt es mich, daß es auf der Erde nicht gut läuft. Ich mache mir Sorgen um meine Freunde.
[UNVERGNATION]
DEINE FREUNDE SIND NICHTEMPATHEN. SIE KÖNNEN DIR NICHT GEBEN, WAS WIR DIR GEBEN.
Ich habe bei euch Frieden gefunden. Dafür bin ich euch dankbar.
Paolo zog sich ein wenig zurück und blendete die Gefühle seiner Gastgeber aus. An diesem Punkt würden sie nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen und er hatte keine Lust, das Thema erneut zu vertiefen. Die Az’e’ess, so hießen die Wesen, bei denen er seit nunmehr zwanzig Jahren lebte, folgten festen Grundsätzen, mit denen sie die REINHEIT-DER-FAMILIE schützten, sprich, ihre eigene Existenz. Frühere Kontakte mit nichtempathischen Wesen waren für sie nicht gut ausgegangen und sie hatten sich schließlich in diesen einsamen Winkel der Galaxis zurückgezogen, in dem es keine Planeten gab, an denen andere Spezies Interesse haben konnten.
Im Laufe der Jahre hatte er sich das zusammengereimt, denn je direkter er danach gefragt hatte, desto schwammiger wurden die Antworten, die er erhielt. Die Az’e’ess behandelten ihn gut und sie vermittelten ihm immer das Gefühl, daß er hier willkommen war. Willkommener als auf der Erde. Dort würden seine empathischen Fähigkeiten über kurz oder lang dazu führen, daß man ihn gefangennahm und Experimente an ihm durchführte. Oleg war ein mächtiger Mann, aber er würde ihn nicht dauerhaft davor schützen können. Zu sehr unterschied Paolo sich von seinen Mitmenschen.
Jemand, den er sehr haßte, hatte ihn einmal als Singularität bezeichnet. Er war die einzige Person mit dieser Gabe, das Zufallsprodukt einer Reihe von Mutationen. Wie eine Antenne empfing er die Gefühle der Lebewesen in seiner Umgebung und konnte auch seine eigenen Emotionen nach außen senden. Diese Fähigkeit bildete bei ihm einen sechsten Sinn und ging weit über das intuitive Einschätzen der Stimmung eines Gegenübers anhand seiner Körpersprache hinaus, zu dem wir alle mehr oder weniger in der Lage sind.
Auf der Erde war er mit dieser Gabe unsozialisierbar. Selbst seine engsten Freunde Mike und Maurice strengte es an, längere Zeit mit jemandem zusammen zu sein, der jede kleinste Regung wahrnahm, vor dem man nichts zurückhalten konnte.
Der Einzige, der das schaffte, war ausgerechnet Ángel, jener verschlossene Mann, der ihm zweimal das Leben gerettet und ihn während der langen Phasen seiner körperlichen und seelischen Genesung begleitet hatte. Irgendwie brachte er es fähig, ihn als die Anomalie zu akzeptieren, die er darstellte, und dabei ruhig und gelassen zu bleiben.
[ENTSCHEIDNIS]
DU MUẞT NACHDENKEN. WIR KOMMEN SPÄTER WIEDER.
Paolo sah seine Lieblingsfamilie sich in Richtung des purpurnen Hains entfernen, in dem sie am Rande einer Oase mit ihren Artgenossen lebten. Seinen eigenen Lebensbereich hatten sie ein ganzes Stück außerhalb ihrer Siedlung in einer sandigen Ebene gebaut. Falls sich durch einen Unfall ihre Atmosphäre mit seiner vermischen würde, gäbe es eine große Explosion. So hatte es ihm Mike einmal erklärt.
Glücklicherweise war das nie geschehen.
Über der Sandebene veränderte sich die Farbe des Himmels. Der bläuliche Gelbton, in dem der Himmel bei dem hier normalen, trockenen Wetter strahlte, begann, vom Horizont her rasch dunkler zu werden.
Die Abenddämmerung ist das nicht. Der Schatten, den sein Haus in der hinter ihm stehenden Sonne warf, verriet ihm, daß es erst früher Nachmittag sein konnte. Paolo kniff die Augen zusammen. In einiger Entfernung sah er gelbliche Schleier und darüber ein Wetterleuchten. Sie kamen rasch näher.
Er konzentrierte sich und sendete eine Warnung in den Hain.
Ein Sandsturm! Er wird bald hier sein.
[VERSTÄNDBARKEIT], antworteten ihm mehrere der dortigen Familien und WIR KÜMMERN UNS trug den Engrammstempel seiner Lieblingsfamilie.
Kurz darauf flackerte die Luft um sein Gebäude herum. Ein bläulicher Schirm trübte die Sicht auf die Umgebung und Paolo spürte die statische Ladung, die das elektrische Feld verursachte. Diese technische Lösung war nicht perfekt, aber sie würde den meisten Sand und den Wind von ihm fernhalten. Die Az’e’ess konnten sich und ihre Siedlung mit dem eigenen elektrischen Feld schützen, das sie wie alle Lebewesen auf Enewah ständig produzierten. Die Blitze des Unwetters wurden dabei abgeleitet und unterstützten nebenbei die Energieversorgung der Gemeinschaft.
Der elektrische Schutzschirm besaß noch eine unangenehme Eigenschaft: Er schnitt ihn von dem steten Untergrundrauschen an Gefühlen ab, das die Siedlung fortwährend produzierte. Paolo hatte sich im Laufe der Zeit so daran gewöhnt, Teil dieses Kollektivbewußtseins zu sein, daß sein Fehlen ein permanentes Unwohlsein verursachte, das mit zunehmender Dauer stärker wurde.
Ich muß dagegen ankämpfen. Spätestens bei meinem nächsten Besuch auf der Erde muß ich damit wieder zurechtkommen.
Der Sturm dauerte viele Stunden. Die elektrisch aufgeladenen Sandkörner, die gegen seinen Schutzschild prasselten, erzeugten ein weißes Rauschen, das für sich allein einschläfernd gewirkt hätte. Über allem lag aber ein konstantes Brüllen, das der Sturm hervorbrachte.
Auf der Erde hätte sich das wie ein lauter und tiefer Orgelton angehört. In der Wasserstoff/Kohlendioxidatmosphäre, die seinen Lebensraum umgab, erzeugte der Sturm aber ein nervenzerfetzendes, schrilles Kreischen.
Wie gut, daß meine Familie nicht hören kann.
Wie gut, daß es Abhilfe dagegen gab. Oleg versorgte ihn über die regelmäßigen Transporte mit allem technischen Spielzeug, das Geld kaufen konnte. Dazu gehörten auch schallabsorbierende In-ears. Gleich nach dem ersten Sturm, nach dessen Abklingen er mit seinen Nerven am Ende war, erhielt er sie. Er verstand nicht, wie sie funktionierten, aber er genoß es, sich aus der Welt ausklinken zu können, und stattdessen entspannende Musik hören zu können.
Oleg erwartete von Paolo natürlich eine Gegenleistung. Auf dessen Bitte konstruierten die Az’e’ess ihm eine digitale Schnittstelle für das mit einer der ersten Lieferungen mitgeschickte Ultrabook. Seitdem führte Paolo ein Tagebuch, chattete mit Oleg und Xandr und stellte seinen Gastgebern gelegentlich Fragen in Olegs Auftrag.
Über Olegs VPN konnte er sogar Mike erreichen. Besonders freute er sich aber, daß er von nun an auch Kaan kontaktieren konnte, seinen früheren Geliebten. Stundenlang schrieben sich die beiden und einige Zeit später, nach einem Upgrade der Schnittstelle, genügte die Datenrate sogar für einen Videochat.
Im Laufe der Jahre hatte sich mit Kaan mehr ein Business-as-usual eingespielt. Zwar telefonierten sie noch regelmäßig. Sein Freund trauerte ihm nicht mehr hinterher, führte jetzt sein eigenes Leben und hatte sich damit abgefunden, daß er Paolo nur noch gelegentlich für kurze Zeit sehen konnte.
[FRAGSTELLUNG)
DER STURM IST VORBEI
Paolo schreckte aus dem Dämmerzustand hoch, in den ihn die akustische Berieselung versetzt hatte. Als er die Plugs aus den Ohren zog, war es tatsächlich wieder ruhig. Gerade wurde der Schutzschirm abgeschaltet und etwas Sand rieselte auf das Haus herunter. Draußen trübten noch feine Teilchen die Luft und einige Staubteufel tänzelten über die Ebene. Dicht über dem Horizont kämpfte sich die Sonne durch den abziehenden Sturm, der ihr sattes Orange in ein tiefes Rot verwandelte.
Er sah seine Lieblingsfamilie aus dem Wohnhain sich auf seine Behausung zubewegen. Überraschenderweise begleiteten sie mehrere andere Pärchen. Er hatte gelernt, seine Gastgeber an Feinheiten des Wuchses und des Arrangements ihrer Sprößlinge voneinander zu unterscheiden. Die Begleiter gehörten zu den Familien, die die Ansiedlung leiteten, zu der sein Wohnbereich gehörte.
Ich bin wach, sendete er. Ist etwas geschehen? Hat der Sturm die Siedlung beschädigt?
Die Antwort erhielt er überraschenderweise von allen Familien gleichzeitig. Die leicht asynchronen Emotionen erzeugten bei Paolo eine spontane Gänsehaut.
[ÜBERZEUTIGUNG]
DAS IST UNMÖGLICH.
[WICHTIGKEIT]
ES GIBT NEUIGKEITEN. WIR HABEN WIEDER KONTAKT!
Was für einen Kontakt meint ihr?, sendete Paolo ratlos zurück.
[KATEGOZEUGUNG]
ES GIBT NUR EINEN KONTAKT! DEN KONTAKT ZU ANDEREN EMPATHEN!
Ihr meint, euer Kollektiv hat Kontakt mit anderen Empathen hergestellt?
[FREUREGUNG]
NICHT EIN EMPATH. EIN GANZER PLANET! WIR HATTEN KONTAKT MIT ZWEI VERBUNDENEN EINHEITEN.
Die Erregung der Az’e’ess griff auf Paolo über. Es gab also noch mehr Empathen im Universum. Aber etwas war seltsam.
Warum kommt ihr mit mehreren Familien, um mir das zu erzählen. Ich bin doch nicht wichtig.
Die Antwort warf ihn beinahe aus seinem Sitz und ließ ihn erregt keuchen:
[IRREKTUR]
DU BIST WICHTIG! SIE SIND SAUERSTOFFATMER WIE DU. DU MUẞT SIE FÜR UNS BESUCHEN!
Kapitel 4. Anokha
Genußvoll hielt sie ihr Gesicht in den heißen Wassernebel und ließ die Tropfen an ihrem Körper kondensieren und herunterlaufen. Wasser war bei dieser Dusche nicht allzuviel im Spiel. Die eigentliche Reinigung besorgten Ultraschallwellen, ganz ohne Seife. Dennoch fühlte sie sich erfrischt und erholt, als wenig später andere Düsen die Feuchtigkeit wieder aus der Kabine absaugten, sie trocken pusteten und die zurückgewonnene Flüssigkeit den Aufbereitungstanks zuführten.
Sie nahm ihre Kleidung aus einem versiegelten Fach in der Wand und zog sich wieder an. Dann verließ sie die Kabine und betrat den Gemeinschaftsraum.
»Diese Schalldusche ist der Hammer«, sagte sie zu Lakshmi.
»Sie war Teil der letzten Lieferung, bevor Shantimay und Du unsere Runde komplettierten.« Die Stationsleiterin strich sich eine rötliche Haarsträhne aus dem Gesicht. »Die Projektleitung meinte wohl, daß wir Anspruch auf etwas mehr Komfort hätten, wenn wir schon die nächsten fünf Jahre hier verbringen müssen.«
»Diese feuchten, vorgeseiften Läppchen, die man auf Indus VII verwendet, gehen auf lange Zeit gar nicht.«
»Zugestimmt. Zehn Minuten und maximal wöchentlich während des Tages lautet die Anweisung aus Bengaluru. Das Ding saugt die neuen Speicher schneller leer als die Sonne sie auffüllen kann.«
»Langt deren Kapazität schon, um über die zweiwöchige Nacht zu kommen?«
»Nope.« Lakshmi brachte es fertig, nur die linke Braue zu heben, etwas, das Anokha jedes Mal mißlang, wenn sie es versuchte. »Dafür haben wir Elektrolysezellen. Sonst würde es hier schnell kalt werden.«
»Haben wir denn schon genug Energie, damit ich mit meiner Arbeit anfangen kann?«
»Der Computer sagt ja. Du kannst im Laborcontainer ein Beet herrichten. Was bekommen wir denn als erstes?«
»Salat und Zwiebeln, dachte ich«, antwortete Anokha. »Die sind robust und bringen schnell Ergebnisse. Außerdem verursachen sie kaum Abfall.«
»Zugestimmt.«
»Dann fange ich am besten gleich mit Aufbauen an.« Jetzt hob Anokha die Brauen. »Kann mir jemand dabei helfen? Einige Bauteile sind zu schwer für eine Person.«
»Du brauchst keine Hilfe.«
Die Angesprochene räusperte sich und verließ den Raum. Natürlich nicht, hier wog ja alles nur ein Sechstel! Wie hatte sie das vergessen können? Vor ihrem geistigen Auge sah sie die Szene, in der zwei Männer, die sie mittlerweile als Aryan und Valin kannte, den schweren Transporttunnel ganz allein zwischen Fähre und Basis positioniert hatten.
»Shantimay macht heute seinen ersten Ausflug auf dem Rover. Am Abend erwarte ich eure Berichte«, rief ihr die Kommandantin hinterher.
Anokha widerstand der Versuchung, albern durch die Gegend zu hüpfen. Sie würde nur gegen die Decke prallen und vielleicht sogar schmerzhafte Bekanntschaft mit Ecken und Kanten machen. Das Gehen fühlte sich zwar nicht mehr nach Schwimmen an, wie auf der Orbitalstation. Dennoch verließ sie das Gefühl nicht, sich andauernd in Zeitlupe zu bewegen. Solange sie das nicht in den Griff bekam, sah sie sich lieber vor.
Vor der Tür zu ihrem Arbeitscontainer lungerte zu ihrer Überraschung Shantimay herum.
»Ich fahre erst in einer Stunde«, beantwortete er ihren fragenden Blick. »Da dachte ich, ich kann Dir ein wenig helfen.«
»Danke, das ist lieb.« Anokha lächelte erfreut. »Wobei Lakshmi mich gerade darauf aufmerksam gemacht hat, daß wir keine starken Männer brauchen werden, so leicht, wie hier alles ist.«
»Meine Stunde kommt schon noch«, strahlte Shantimay sie an. »Und mit zwei Händen mehr geht es sicher schneller.«
»Recht hast Du.« Anokha öffnete die Tür. »Dann laß uns mal sehen, was wir haben.«
In der folgenden halben Stunde bauten sie gemeinsam den ersten hydroponischen Behälter vor der Längswand des Containers auf. Ihr Arbeitskollege plauderte sonnig vor sich hin, verhielt sich dabei aber überraschend geschickt, als er die Vielzahl an Sensoren verkabelte, die in Becken und Abdeckung integriert waren.
»Meine Güte, bist Du schnell!«, staunte Anokha. »Ich hätte Dir nicht so viel Feingefühl zugetraut, mit … mit Deinen …«
»Sag’s ruhig: grobe Pranken!« Shantimay lachte leise. »Meine Eltern wollten, daß ich Hockeyspieler werde. Ich mochte aber Badminton lieber. Und ich konnte Dinge reparieren, die andere wegwerfen wollten. Ich hätte gern ein Handwerk gelernt, aber ich mußte studieren. Tja, und hier bin ich nun.«
Shantimay lachte so ansteckend, daß Anokha einstimmte.
»Es ist gut, daß Du hier bist«, raunte sie ihm zu, als sie hinter sich das Schnappen der Türverriegelung hörte und Lakshmi eintrat.
»Solltest Du nicht schon umgezogen sein?«, tadelte sie Shantimay, der gerade seine Hände hinter dem Rücken versteckte. »Du mußt den Rover noch vorbereiten.«
»Er hat mir geholfen«, antwortete Anokha für ihn. »Ich habe … ihn darum gebeten.«
»Alles im Griff. Dann fange ich mal an.« Shantimay warf Anokha einen dankbaren Blick zu und verließ den Container.
»Nimm ihn nicht in Schutz!« Lakshmis Tonfall hatte an Schärfe gewonnen.
»Das tue ich nicht!«, verteidigte sich Anokha. »Ich hätte Stunden gebraucht, um die Verdrahtung richtig hinzubekommen. Für ihn waren es nur ein paar Handgriffe.«
»Dann hoffe ich, daß seine Erkundungstouren für uns genauso wertvoll werden, wie seine Handgriffe offensichtlich für Dich.«
Ich werde mir jetzt verdammt noch mal kein schlechtes Gewissen machen lassen. Sie ist nicht meine Mutter!
»Kann ich noch etwas tun, wenn ich hier fertig bin? Du kommst doch nicht ohne Grund«, klopfte sie daher auf den Busch.
»Du lenkst ab.«
»Tue ich nicht!«
Anokha erwiderte den scharfen Blick der Kommandantin unbewegt und hoffte, daß die jetzt zu einem sachlichen Umgangston zurückkehrte.
»Du kannst wirklich etwas tun.« Jetzt klang die Stationschefin verlegen. »Stelle uns bitte aus den Vorräten für später ein Essen zusammen. Ich habe einfach ins Regal gegriffen und hatte dabei kein glückliches Händchen.«
»Das schaffe ich.« Anokha lächelte erleichtert.
Mutter hat mir Kochen beigebracht. Sie wollte, daß ich der Familie keine Schande mache, wenn ich ein besseres Hausmädchen bei Ramesh Chand gewesen wäre, dem Ehemann, den sie mir zugedacht hatte.
Das sagte sie aber nicht, sondern wandte sich dem Kühlbehälter zu, in dem die Sämlinge für die Hydroponik lagen.
Lakshmi sah ihr kurz zu. Dann erlosch ihr Interesse ebenso schnell, wie es aufgeflammt war und sie schlug die Tür hinter sich zu.
Anokha dachte eine Weile über die erste Anpflanzung nach. Schließlich entschied sie sich dafür, das Beet in eine nährstoffärmere und eine nährstoffreichere Hälfte zu teilen. In erstere bereitete sie Salat und Kressesamen vor, für die andere suchte sie Karotten und Zwiebeln aus.
Das wächst alles schnell und die Jungs und Mädels haben gleich etwas Abwechslung, sobald ich die ersten Salate zubereiten kann.
Schließlich war sie mit ihrer Vorbereitung zufrieden und schloß die Boxen. Dann öffnete sie die Wasserzufuhr, justierte die Nährstoffgabe und stellte pH und Salzmenge ein. Als letztes schaltete sie das Pflanzlicht an und betrachtete ihr Werk.
So müssen sich die Götter gefühlt haben, als sie Pflanzen und Tiere erschufen. Sie kicherte innerlich, aber ein wenig stolz war sie doch. Jetzt hängt alles davon ab, ob wir es schaffen, die Umweltbedingungen hier konstant zu halten.
»Du hast gerade ein Viertel unserer Wasservorräte verbraucht.« Lakshmi klang vorwurfsvoll, als sie in den Gemeinschaftsraum zurückkehrte.
»Sieh es als Investition in die Zukunft. Wir gewinnen doch ständig frisches Wasser aus der Elektrolyse.«
»Zugestimmt.« Die Kommandantin wandte sich ihren Instrumenten zu und wirkte glücklicherweise nicht, als wolle sie das Thema jetzt vertiefen.
Anokha nahm ein Tablet zur Hand und vertiefte sich in eines der Manuale, die technische Details der hydroponischen Anlage beschrieben, mit denen sie bisher noch nicht beschäftigt hatte.
Eine andere Tür öffnete sich und Aryan kam herein. »Shantimay ist jetzt auf dem Rückweg«, berichtete er. »Er sagt, er habe etwas gefunden. Valin betreut ihn. Ich brauche gerade etwas Stille um mich. Ich wußte nicht, daß jemand so viel reden kann.«
Anokha kicherte und fing sich einen strafenden Blick der Kommandantin ein.
»Wir brauchen unbedingt eine Kaffeemaschine«, sagte Aryan, nachdem er sich ein Päckchen Wasser aus einem Vorratsbehälter gegriffen hatte und lustlos daran herumnuckelte. »Ich bin schon gespannt, wie man bei einem Sechstel G kochen kann.«
»Vorher müssen wir erst den Luftdruck erhöhen«, wiegelte Lakshmi ab. »Mit der halben Atmosphäre, die wir hier derzeit haben, können wir zwar atmen, aber das Wasser siedet schon bei siebzig Grad. Ich weiß nicht, wie der Kaffee dann schmeckt.«
»Die nächsten Pendelflüge bringen doch bestimmt auch frische Luftflaschen mit, oder?«
»Die nächsten Pendelflüge bringen vor allem neue Container mit. Dafür brauchen wir die frische Luft.«
»Nichts darf man.« Sein ansteckendes Grinsen sagte, daß er das nicht ernst meinte.
Danach senkte sich Stille über die Runde …
Kapitel 6. O’waktr
Der Lärm, als jemand an die Tür der Wohneinheit hämmerte, hätte Tote zum Leben erweckt, aber O’waktrs Spezies besaß glücklicherweise keinen Gehörsinn. Dennoch nahm das Wesen die Vibrationen wahr, die sich in Wänden und Boden fortpflanzten und – besser noch – es spürte die Präsenz des anderen. Eine bekannte Präsenz.
Mit einer Bewegung, die auf einem Planeten mit weniger als 1,5 G Schwerkraft leichtfüßig erschienen wäre, schwang das Wesen seine vier säulenartigen Beine von der Konstruktion herunter, auf der es halb saß und halb lag. Mit einem der vier tentakelartigen Fortsätze, die ihm als Arme dienten, tippte es auf ein Display und die Tür schwang auf.
»Ich freue mich, euch so schnell wiederzusehen«, begrüßte es seinen Besucher mit einigen schnellen Bewegungen seiner Tentakel und synchronen Lippenbewegungen seines Kommunikationsmundes. »Willkommen in meinem bescheidenen Zuhause, Haikiri.«
»Ihr untertreibt, wie immer.« Das andere Wesen verstand und antwortete auf die gleiche Weise. »Ihr lebt in einer exklusiven Gegend.«
Ein Blick aus dem Fenster zeigte gedrungene, betongraue Gebäude, zwischen denen eine grüne, dschungelartige Vegetation wuchs. Die Exklusivität dieser Gegend erschloß sich daraus nicht unmittelbar.
»Meine … Dienste sind bei geschäftlichen Verhandlungen … wertvoll genug«, antwortete O’waktr zögernd und wies auf ein weiteres Sitz-Liegemöbel.
Beide nahmen Platz und arrangierten ihre zahlreichen Gliedmaßen.
»Es freut mich, daß ihr eure … eure Anomalie mittlerweile nutzbringend einzusetzen versteht.« Haikiri verknotete zwei seiner Tentakel kurz zu einem komplizierten Muster, um sie gleich wieder zu lösen. »Als ihr mir damals im Institut vorgestellt wurdet, hätte ich nicht erwartet, daß ihr es jemals schafft, euch in die Gemeinschaft zu integrieren.«
»Zu der Zeit war ich noch ein Kind, kaum dreißig Jahre alt, das die eigenen Eltern verstoßen hatten.«
»Ihr habt euch weiterentwickelt und schafft es, daß sich niemand mehr in eurer Gegenwart unbehaglich fühlt. Ihr könnt stolz darauf sein.«
»Besonders stolz bin ich darauf, daß ich euch als Freund bezeichnen darf«, antwortete O’waktr und streckte Haikiri zwei seiner Tentakel entgegen.
Das andere Wesen erwiderte die Geste und beider Tentakel wanden sich für kurze Zeit umeinander. Draußen flog mit ohrenbetäubendem Knattern eine Personentransportdrohne vorbei. Die beiden nahmen den Lärm nicht wahr und genossen den Augenblick der Zweisamkeit.
»Ich vermute, daß ihr nicht unserer Freundschaft wegen hier seid«, sagte O’waktr, nachdem sie ihre Tentakel wieder entflochten hatten.
»Direkt auf den Punkt, wie immer.« Haikiris Kommunikationsmund verzog sich zu etwas, das in ihrer Welt ein Grinsen darstellte. »Meine Mitarbeiter reden immer erst den Putz von den Wänden herunter, ehe sie ihre Absichten kundtun.«
»Was kann ich denn tun?«
»Es ist so, daß unser Institut nicht mehr die seiner Bedeutung angemessene Förderung erhält. Heute könnten wir jemanden wie euch nicht mehr so individuell betreuen, wie es uns damals möglich war. Daher…«
»Soll ich einen Abschläger holen?«, schnitt ihm O’waktr das Wort ab.
»Was?«
»Für den Putz an den Wänden.«
Haikiri stutzte und stieß dann ein Geräusch aus, das nach einer Mischung aus Rülpser und Schluckauf klang und richtete drei seiner vier Stielaugen auf das Gegenüber. Das vierte Auge versuchte, über die flache Erhebung auf dem tonnenförmigen Rumpf zu blicken, die bei seiner Spezies den Kopf darstellte. Es gelang ihm aber gerade so eben nicht.
»Wir brauchen eure Hilfe. Ich brauche eure Hilfe.« Haikiri neigte seinen Körper ein wenig in O’waktrs Richtung, damit ihn auch das vierte Auge sehen konnte. »Ein neuer Sponsor hat sich gemeldet. Ein großzügiger Sponsor, der alle unsere Probleme auf einen Schlag lösen könnte. Wir sind uns aber über seine Absichten nicht klar. Ich hätte gern, daß ihr die Verhandlungen überwacht.«
»Ich verstehe. Wenn euch jemand anlügt, erkenne ich es und vielleicht sogar die Absicht dahinter.«
»Genau. Es gibt nur ein Problem. Wir können nicht…«
»Ich erwarte keine Gegenleistung. Nicht von euch. Ich verdanke euch alles, was ich heute bin.« O’waktr erkannte in den Gefühlen seines Gegenübers klar den Grund seiner Verlegenheit und enthob ihn dieser. »Wann beginnen die Besprechungen?«
»In sechzehn Tagen, wenn ihr es möglich machen könnt.«
O’waktr hielt kurz Zwiesprache zu seinem mathematischen Gehirn und antwortete dann: »Das paßt mir. Ich werde mir für euch einige Tage freimachen.«
Das Wesen spürte die Erleichterung des Gegenübers wie eine Welle zu sich herüberrollen.
»Ihr lebt selbstverständlich bei uns«, versicherte ihm Haikiri.
»Ich fühle mich höchst geehrt«, erwiderte O’waktr förmlich, denn Haikiri stand in der kastenartigen Struktur dieser Gesellschaft gleich mehrere Ebenen über ihm. Leute seines Ranges kümmerten sich üblicherweise nicht um die Bedürfnisse der Niederen.
»Sendet mir eine Nachricht, wenn ihr bereit für die Abreise seid. Ich kümmere mich um die nötigen Genehmigungen für den Transport.« Haikiri erhob sich und deutete mit einer Geste an, gehen zu wollen.
O’waktr stand ebenfalls auf und entriegelte den Eingang für seinen Gast. Noch einmal berührten sich ihre Tentakel, dann verließ Haikiri den Wohnbereich.
Nachdenklich stapfte der Zurückgebliebene zu einer metallisch schimmernden Fläche, die an einer der Wände seiner Behausung angebracht war, und berührte sie mit zwei Tentakeln. Ein irisierendes Leuchten lief rundherum und in der Mitte der Fläche leuchteten eine Reihe von Glyphen auf. Das Wesen berührte mehrere von ihnen in so rascher Folge, daß ein menschliches Auge ihnen nicht zu folgen vermochte.
In der Wand öffnete sich ein Fach, aus dem es mehrere Schälchen mit Inhalt unterschiedlicher Konsistenz entnahm. Da es diesen mit sichtbarem Appetit verzehrte, schien es sich um Nahrung zu handeln. Einiges davon bewegte sich noch. Bei einigen flinken wurmartigen Geschöpfen mußte O’waktr sich mit Schlucken beeilen, damit sie ihm nicht wieder aus seinem Eßmund herauskrochen …
Mike Gorden – Neutronenreiter – Moíra-Zyklus Teil 3 (Cover)
Table of Contents
Das Universum des Moíra-Zyklus
In den ersten beiden Bänden des Zyklus haben unsere Protagonisten herausgefunden, dass unsere Welt einige kleine, aber wichtige Eigenschaften aufweist, die sich mit dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht erklären lassen. Die meisten Abweichungen lassen sich auf eine Singularität zurückführen, die 2016 am CERN bei Genf bei einem fehlgeschlagenen Experiment im Hauptbeschleuniger auftrat.
Diese Anomalie führt in ein Paralleluniversum, das durch die Schwerkraft mit unserem verbunden ist und in dem alles aus Antimaterie besteht. Diese Antimaterie kann jederzeit in unsere Welt eindringen und bildet eine ständige Gefahr. Außerdem ereignen sich im Umfeld dieser Pforte paranormale Phänomene.
Zum Glück ist das nicht allgemein bekannt und niemand hat ein Interesse daran, eine Massenpanik auszulösen. Neben den Wissenschaftlern vor Ort und Professor Walter Stein aus Paris weiß nur das Team des Pariser Journalisten Mike Peters davon. Er ist dem Phänomen seinerzeit durch hartnäckige Recherchen auf die Spur gekommen. Auch die wissenschaftliche Geheimgesellschaft Moíra, der Professor Stein angehört, ist informiert und hat in der Vergangenheit bereits Feuerwehr gespielt.
Problematischer ist die Mitwisserschaft eines aus Russland gesteuerten Firmenkonsortiums. Es versucht, aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die dem Phänomen zugrunde liegen, Kapital zu schlagen. Nach einer gescheiterten Einmischung in das Geschehen am CERN im vergangenen Jahr ist es jedoch vorerst ruhig geworden …
Die ersten Prints sind eingetroffen!
Neutronenreiter – Prolog (22.12.2017)
Professor Walter Stein saß zusammengesunken in seinem Rollstuhl. Bei seinen letzten Aufenthalten in der Kolonie hatte ihm noch ein schlichter, hölzerner Liegestuhl genügt, doch mittlerweile fühlte er sich zu schwach, um aus eigener Kraft aufzustehen. Seine einst so wachen und interessierten Augen lagen tief in ihren Höhlen. Wer ihn heute sah, mochte nicht glauben, dass dieser Mann einmal ganze Hörsäle in seinen Bann gezogen hatte.
Die Luft flimmerte jetzt am Mittag vor Hitze, aber Walters Stuhl stand im lichten Schatten einer Araukarie, die ihn vor der direkten Sonne schützte. Auf dem Tischchen neben ihm lag ein Buch aufgeschlagen auf dem Gesicht. Auf dessen Rücken stand der Name des Autors: Isaac Asimov. Den Rest Kaffee im Becher daneben hatte Walter schon eine Zeit lang nicht mehr angerührt. Trotz der Wärme hatte er sich die Decke bis unters Kinn gezogen. Nur seine knochigen Hände lagen unbedeckt auf den Stuhllehnen. Über sie spannte sich dunkle Haut dünn wie Pergament.
»Hallo Walter, wir haben Besuch.«
Er schreckte aus seinem Dämmerzustand hoch und erblickte zwei Frauen vor sich. Er kniff die Augen zusammen.
»Klotho, wie schön, dass du mir ein wenig Gesellschaft leistest! Mein Betreuer hat mich vorhin hierher geschoben und es mir gemütlich gemacht.«
»Dies ist einer der schönsten Orte im Tal. Man überblickt die ganze Siedlung. Ich bin auch gern hier«, sagte Klotho Papantoniou. Sie leitete das Projekt und verdankte es nur ihrer Vorsicht und der Abgeschiedenheit dieses Ortes in den Hochanden, dass ihre Organisation Moíra nahezu ungestört arbeiten konnte.
Aus einem mitgebrachten Baumwollbeutel zog sie eine Thermoskanne und drei Becher, die sie auf das Tischchen stellte und mit Tee füllte. Währenddessen trat die zweite Person heran. Sie stellte zwei Klappstühle auf, die an der Araukarie gelehnt hatten.
Walter musste die Augen erneut zusammenkneifen, damit er auch sie erkannte.
»Amélie, was für eine Freude! Besuchen Sie Ihre Mutter?«
Diese wich dem fragenden Blick aus, als das Wort Mutter fiel. »Ich bin viel zu selten hier«, murmelte sie schließlich.
»Wie geht es Ihnen? Hatten Sie eine angenehme Reise?«
»Es ging. Ich wurde im Flieger gut versorgt. Nur der Jetlag macht mir etwas zu schaffen.«
»Wo ist eigentlich Logan?« Walter blickte sich um. »Sie haben doch Ihren Freund nicht zu Hause gelassen?«
»Leider doch. Er befindet sich wieder mal auf etwas, das er Klantreffen nennt. Er macht immer ein großes Brimborium darum. Weiß der Himmel, was die da treiben. Aber ich werde es bald herausfinden. Bei einem der nächsten Male darf ich nämlich mit.«
»Mir scheint, die Monate des Zusammenlebens haben Ihnen gutgetan. Sie vermissen ihn jetzt bestimmt.«
»So richtig wohnen wir noch nicht zusammen. Wir sehen uns nur an den Wochenenden. Er studiert ja in Cambridge, aber wir besuchen uns wechselseitig. Trotzdem frisst es an mir, dass wir uns so wenig sehen.«
Walter warf ihr einen prüfenden Blick zu und wechselte dann das Thema.
»Ich freue mich, dass wenigstens Ihr beide etwas Leben in die leeren Räume meines Pariser Hauses bringt.«
»Und ich bin froh, dass wir dort wohnen dürfen.« Amélie setzte sich Walter gegenüber und lächelte ihn an. »Es fühlt sich zwar immer noch nach der Flucht an, die es eigentlich war, aber ich habe in der Stadt gute Freunde, die mich auffangen, wenn mir mal wieder die Decke auf den Kopf fällt.«
»Hoffentlich haben Sie das Attentat in der Zwischenzeit verarbeitet.«
»Ich beschäftige mich. Es war ein ziemlicher Schock für mich, als ich erkannte, dass man einen Romeo eingesetzt hat, um über mich Druck auf meine Mutter auszuüben. Die Arbeit hilft mir, darüber hinwegzukommen. Meine Kurse am St. John’s kann ich glücklicherweise auch online halten. Die Collegeleitung hat Verständnis für meine Situation.«
Walter versuchte erfolglos, sich in seinem Rollstuhl ein wenig aufzurichten. Amélie bemerkte das, erhob sich, half ihm dabei, zog anschließend seine Decke wieder hoch und legte ihm ein Kissen in den Rücken. Klotho reichte währenddessen die Teebecher herum, aus denen es aromatisch duftete.
»Auf das junge Paar!« Walter tat so, als würde er seinen Gesprächspartnern zuprosten. »Und auf Ihre Mutter, die mir hier in den letzten Wochen meines Lebens Unterschlupf gewährt.«
»Ich wünschte, du wärst früher zum Arzt gegangen.« Klotho blickte ihn an und kniff die Augen ein wenig zusammen. Ob sie das Licht blendete oder ob eine Träne in ihrem Augenwinkel schimmerte, konnte Walter nicht genau erkennen. »Vielleicht hätten sie dir dann noch helfen können.«
»Das lässt sich nicht mehr ändern. Ich hatte ein erfülltes Leben. Eigentlich bedauere ich nur eines: dass ich nicht mehr Zeit mit dir verbracht habe.«
»Da haben wir uns wohl nichts geschenkt«, sagte Klotho und strich ihm zärtlich mit dem Handrücken übers Gesicht. »Ich fand auch viel zu lange, dass das Wort Liebe in meinem Leben keinen Platz hat.«
Walter schmiegte seine Wange an ihre Hand.
»Walter … es ist so, dass … dass ich … dass wir …« Amélie blickte hilfesuchend zu ihrer Mutter, die ihr liebevoll zunickte und den Faden aufnahm:
»Wir müssen etwas Persönliches mit dir bereden. Etwas, das ich dir schon lange hätte sagen sollen.«
»Dann mal raus damit«, ermutigte Walter sie.
»Du hast mich nie gefragt, wer eigentlich Amélies Vater ist.«
»Ich weiß erst seit einem Jahr, dass du ihre Mutter bist, und war mir nicht sicher, ob ich das Recht habe, diese Frage zu stellen.«
»Du erinnerst dich an das Konzert im Central Park 1981?«
»Wie könnte ich das je vergessen? Ich habe dort einen der schönsten Abende meines Lebens verbracht und hatte eine bezaubernde Frau an meiner Seite.« Walter warf Klotho einen wehmütigen Blick zu.
»Du bist immer noch der alte Charmeur.« Klotho trank einen Schluck Tee und war froh, dass sie Becher benutzten, und keine Tassen, sonst hätte Walter am Klappern auf der Untertasse gemerkt, wie sehr ihre Hand zitterte. »Nun, es ist so, dass Amélie neun Monate nach dieser wunderbaren Nacht geboren wurde, von der ich übrigens keine Minute bereue.«
Walter wirkte von einer Sekunde auf die andere so abwesend, dass die beiden Frauen ihn besorgt beobachteten. Er stellte seinen Teebecher ab, legte den Kopf zurück und kurz schien es so, als wolle er einschlafen.
Klotho wollte gerade eine Frage stellen, als er die Augen wieder aufschlug.
»Wir haben nie über diese Nacht gesprochen. Du bist zu emanzipiert und ich war zu schüchtern.« Walter sprach ruhig und sachlich, aber seine Stimme vibrierte stärker, als sie das sonst tat. »Eigentlich weiß ich aber schon lange, dass du, Amélie, meine Tochter bist. Seit dem Moment, in dem ich dein Alter erfahren habe. Ich kann doch rechnen. Komm, lass dich umarmen.«
Amélie beugte sich zu ihm herüber und schlug die Decke ein wenig zurück. Dann stand sie auf, kniete sich neben seinen Stuhl, nahm Walter vorsichtig in die Arme und strich ihm zärtlich über die verbliebenen Haare. Sie hielten sich eine Zeit lang umschlungen und Walter gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Letztlich brach Klotho das Schweigen: »Ich bin übrigens an dieser Situation schuld. Ich habe Amélie gebeten, das Geheimnis für sich zu behalten. Ich hatte Angst, dass es dich und mich angreifbar macht.«
»Du und deine Neurosen. Einen Teil der Schuld trage ich aber selbst. Ich habe unseren Kontakt viel zu oft nur auf das Geschäftliche beschränkt. Das bereue ich schon lange.« Walter löste sich aus Amélies Umarmung und senkte seinen Blick kurz, ehe er fortfuhr: »Ich kann es dir nicht verübeln, dass auch du deine Prioritäten gesetzt hast.«
Klotho und Walter führten diese kurze Unterhaltung in einem so abgeklärten Tonfall, als handelten sie gerade einen Mietvertrag aus. Amélie blickte einige Male zwischen beiden hin und her und schüttelte dabei den Kopf. Sie fixierte schließlich eine Wurzel, die am Boden zwischen ihren Füßen verlief, redete erst nach einer ganzen Weile weiter, und rang sichtlich um Formulierungen:
»Liebe Mama, lieber … Vater … es ist ja schön, dass ihr euch gegenseitig von aller Verantwortung freisprecht. Ich hätte mir als Kind dennoch gewünscht, dass ihr mehr für mich da gewesen wärt. Ihr beide!«
Ihre Augen blitzten dabei und ihre Stimme klang auf einmal so zornig, dass Klotho und Walter einen betretenen Blick wechselten.
»Stattdessen habe ich Jahre in Internaten verbracht.« Klotho machte eine Handbewegung, um sie zu unterbrechen, aber Amélie redete einfach weiter: »Mama, mir ist klar, dass du im Rahmen deiner Möglichkeiten alles für mich getan hast, und schlecht ist mir die Schule auch nicht bekommen. Ich habe dort gelernt, mit dem zu leben, was ich erhalte. Aber deine Geheimnisse für mich zu behalten, ist manchmal verdammt schwer. Erwartet also bitte keine Absolution von mir!«
Sie blinzelte einige Male und wischte sich mit dem Ärmel fahrig durchs Gesicht. Dann rappelte sie sich auf und hastete wieder ins Tal hinunter. Einige Male wäre sie beinahe auf der abschüssigen Strecke ausgerutscht. Sie wurde erst langsamer, nachdem sie den Steg hinter sich gelassen hatte, der einen den Araukarienhügel umfließenden Bach überquerte.
Walter erkannte, dass Klotho ihr folgen wollte, und hielt sie zurück.
»Warte bitte. Du weißt schon, dass sie recht hat. Wir waren beide keine guten Eltern.«
»Natürlich weiß ich das, verflucht! Ich fühle mich nur gerade selbst zum Heulen.«
Walter hob die Augenbrauen über Klothos unerwarteten Gefühlsausbruch.
»Ich mich doch auch. Zum Glück packen mich die Schmerzmittel in Watte, sonst …« Auch Walter musste schlucken.
»Ich bin immer irgendwelchen Sachzwängen gefolgt«, schimpfte Klotho. »Ich hätte mich stattdessen auch einmal nach meinen Gefühlen richten sollen. Sie hat völlig recht, sauer zu sein.«
»Besser, die Einsicht kommt spät, als nie. Ich fühle mich jedenfalls erleichtert, dass die Fakten jetzt auf dem Tisch liegen. Dann habe ich mein Testament nicht umsonst geändert.«
»Du hast … was bitte?«
»Mein Testament. Schon vor einigen Monaten. Amélie soll mein Haus bekommen. Sie wohnt sowieso schon dort und weitere Verwandte habe ich nicht mehr. Mein Geld geht an deine Organisation verbunden mit einer Bitte.«
»Du hast Hintergedanken? Wie ungewöhnlich.«
Normalerweise kamen die Hintergedanken von Klotho.
»Ich möchte, dass du ein Auge auf Monsieur Peters hast. Ihr werdet bald vor einer Herausforderung stehen, die ihr nur gemeinsam lösen könnt.«
»Was für eine Herausforderung meinst du?«
»Es ist nichts, worauf du dich vorbereiten könntest. Sorge bitte nur dafür, dass Peters dich erreichen kann, wenn es soweit ist.«
»Ich werde darüber nachdenken.« Klotho wich Walters Blick aus. »Du klingst übrigens gerade wie Kassandra von Troja.«
»Oh, ich habe noch mehr Prophezeiungen. Vergiss nur bitte nicht, dass Kassandra am Ende immer recht hatte, obwohl ihr niemand geglaubt hat.«
»Bist du sicher, dass du nicht fieberst? Es ist heiß, aber du hast dich unter deiner Decke verkrochen, als wäre es tiefster Winter.« Klotho fühlte mit der Hand seine Stirn.
»Es ist wohl so, dass man in meiner Situation für Entwicklungen empfänglicher wird, die man sonst nicht wahrnimmt. Ich möchte dich aber um noch etwas bitten. Es wird sich für dich verrückt anhören.«
»Noch verrückter?« Eine steile Falte zeigte sich auf Klothos Stirn.
»Ja. Ich glaube daran, dass wir nach unserem Tod in den Erinnerungen der anderen weiterleben. Wenn ich dich in deinen Träumen besuche, musst du mir zuhören. Versprichst du mir das?«
Klotho nahm Walters Hände in ihre. »Mich besuchen? Du drückst dich gerade ziemlich schwer verständlich aus. Na gut, ich verspreche es. Auch wenn ich nicht verstehe, welchen Sinn das haben soll.«
»Das wirst du noch.«
»Warum gibst du mir das Gefühl, als wüsstest du etwas, das ich nicht weiß?«
»Ich kann nicht darüber reden. Die Oberste Temporale Direktive gilt nicht nur für Zeitreisen.« Walter zuckte einige Male mit den Nasenflügeln, als müsse er einen Niesreiz unterdrücken. »Und jetzt geh zu deiner Tochter – unserer Tochter – und bitte sie für mich um Verzeihung.«
»Wenn, dann für uns beide! In diesem Punkt hast du recht, auch wenn ich gerade das Gefühl habe, dass du ansonsten ziemlichen Unsinn redest.« Mit diesen Worten erhob sie sich und verschob seinen Rollstuhl so weit, dass er auch für die nächsten Stunden im Schatten des Baums bleiben würde. »Ich lasse dich später abholen. Schlaf jetzt ein wenig.«
»Schlafen kann ich noch genug.«
Walter blickte ihr nach, bis sie den Steg über den Bach überquert hatte. Dann nahm er sein Buch wieder zur Hand und las weiter. Aber nicht lange, dann fielen ihm die Augen zu und er ließ das Buch sinken. Die ruckartigen Bewegungen seiner Augäpfel unter den geschlossenen Lidern verrieten, dass er träumte.
Klotho fand ihre Tochter weiter unten am Bach sitzend. Sie hatte Schuhe und Socken ausgezogen, die Hosenbeine hochgekrempelt und kühlte ihre Füße im strömenden Wasser. Klotho blieb kurz bei ihr stehen, dann entledigte sie sich ihrer Sandalen und ließ sich neben ihr nieder.
Beide saßen schweigend da und blickten auf die Paneele des Solarkraftwerks, die sich die gegenüberliegenden Hügel hochzogen.
Erst nach einigen Minuten unterbrach Klotho die Stille:
»Du hast völlig recht, mein Kind. Was ich dir zugemutet habe, ist nicht in Ordnung.«
»Das war es nie.« Amélies Stimme schwankte. »Ich weiß schon, dass ich mit Verpflichtungen aufgewachsen bin, denen ich mich nicht entziehen kann. Mir ist nur gerade klar geworden, wie schön es hätte sein können, wenn ihr beide zusammen gelebt hättet. Das hat mich für einen Augenblick überwältigt.«
»Ich kann dich nur in meinem und Walters Namen um Verzeihung bitten. Wir wissen jetzt auch, dass wir es zusammen hätten viel schöner haben können. Wir standen uns selbst im Weg.« Sie legte versuchsweise einen Arm um Amélies Schultern und – als die sich der Liebkosung nicht entzog – zog sie sie an sich. »Ich habe gedacht, ich schaffe das allein. Du musst mir nur glauben, dass ich dich über alles liebe und dass sich daran nie etwas ändern wird.«
»Das weiß ich doch, Mama.« Amélie erwiderte die Zärtlichkeit und streichelte ihrer Mutter über den Handrücken. »Komm, lass uns zu Walter zurückgehen. Ich habe nicht mehr viel Zeit, um meinen Vater kennenzulernen.«
»Ich glaube, er schläft jetzt. Lassen wir ihn erst einmal in Ruhe. Heute Abend ist auch noch Gelegenheit.«
»Heute und die nächsten Tage. Ich bleibe über die Feiertage hier.«
Klotho blickte zur Seite, sodass ihre Tochter nicht sehen konnte, dass sie lächelte. Ein glückliches Lächeln.
Mike Gorden – Neutronenreiter – Rückseite und Klappentext
Kapitel 1. Mike und Maurice (25.02.2018)
»Hast du eigentlich immer noch diese Tagträume?«
Maurice lag neben seinem Freund auf dem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Im Webradio liefen Chansons.
Mike las in einem Buch von Frank Schätzing, das ihn ziemlich absorbierte, denn es dauerte ein wenig, bis er antwortete:
»Selten, aber sie sind nie ganz weg. Gestern Abend habe ich mich auf einmal wieder an meine Studentenzeit in Bielefeld erinnert und bin erst nach ein paar Minuten wieder in die Realität zurückgekehrt.«
»Bielefeld? Kenn ich nicht.«
»Da hast du nichts verpasst. Sogar die Deutschen sagen im Scherz, dass es diese Stadt gar nicht gibt.«
»Wie bist du eigentlich nach Paris gekommen?«
»Es war ein deutsch-französisches Studium. Die erste Hälfte in Deutschland, den Rest in Paris.«
»Dieses Bielefeld liegt also in Deutschland?«
Mike warf seinem Freund einen scharfen Blick zu, doch dessen Gesichtsausdruck ließ nicht erkennen, wie er das meinte.
»Du verarschst mich gerade, oder?«
»Ja.«
Mike legte sein Buch beiseite, drehte sich zu seinem Freund und umarmte ihn zärtlich. Der ließ sich das knurrend gefallen.
»Weißt du, dass mir deine Wohnung richtig gut gefällt?«, sagte Mike. »Ich habe mich gleich in sie verliebt, als du nach dem Messerstich im Krankenhaus lagst und ich deine Blumen gegossen habe.«
»Sie ist größer als deine«, erwiderte Maurice. »Das ist nen Vorteil. Aber manchmal wird es mir zu eng. Dann bin ich froh, wenn du unter der Woche wieder in deine Wohnung zurückfährst und ich meine Ruhe habe. Außerdem gefällt mir die Gegend nicht mehr.«
Sein Freund nickte. Maurice’ Wohnung lag im neunzehnten Arrondissement im Norden von Paris und grenzte an die Banlieue, die Vorstadt. Seit einer heftigen Auseinandersetzung mit Omar, einem der dortigen Bandenchefs, verließ er die Wohnung eigentlich nur noch, um ins Zentrum zu fahren, und ließ sich im Viertel kaum noch blicken. Nur die Wochenenden verbrachten sie in letzter Zeit meist gemeinsam hier, denn Mikes Apartment im Marais war auf Dauer zu klein für zwei Personen.
»Vielleicht sollten wir uns eine größere Wohnung suchen.«
»Du verarschst mich.«
Maurice zeigte seine Gefühle nur ungern und setzte selbst seinem Freund gegenüber oft ein Pokerface auf.
»Nein!« Mike richtete sich ein wenig auf und stützte sich auf die Ellbogen. »Ich träume sogar manchmal nachts davon, dass wir zwei zusammenwohnen. Wäre das so schlimm?«
»Weiß nicht.«
Immerhin bügelte Maurice das Thema nicht gleich in seiner schroffen Art ab. Das zeigte Mike, dass er sich auch schon mit dem Gedanken beschäftigt hatte.
»Hast recht, es läuft in letzter Zeit gut mit uns«, stellte Maurice nach kurzem Überlegen fest. »Als wir zusammen auf der Insel Urlaub gemacht haben, dachte ich zwischendurch, wir sehen uns danach nie wieder.«
»Ja, aber dann haben wir doch den Dreh bekommen. Ich glaube, jeder braucht einfach genug Raum für sich, wo er sich austoben kann und wo wir uns auch mal aus dem Weg gehen können, wenn es mal nicht so läuft oder einer eine Auszeit braucht. Dann könnte es klappen.«
»Ich denk drüber nach.«
»Soll ich in den nächsten Wochen mal auf die Suche gehen?«
»Ich denk drüber nach!«
Mike kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass er das Thema erst einmal nicht wieder anschneiden durfte. Aber er fand, dass es besser lief, als er erwartet hatte. Und Maurice vergaß so etwas nicht. Irgendwann würde er es von sich aus zur Sprache bringen, und dann konnten sie weitersehen. Bei den Mieten in Paris würden sie ohnehin mit spitzem Bleistift rechnen müssen, wenn sie eine größere Wohnung suchten.
Lächelnd legte er sich wieder auf den Rücken und nahm sein Buch zur Hand.
Lange konnte er aber nicht weiterlesen.
»Diese rechte Schmierseite ist nicht gut auf euren Verlag zu sprechen. Gabriel sagt, die hetzen nicht nur gegen die Stadtverwaltung, sondern auch gegen linke Pseudowissenschaftler. Damit meinen sie euch.«
»Damit kann ich leben.« Mike blickte von seinem Buch auf, wirkte aber nicht sonderlich beunruhigt. »Wir haben letztes Jahr mit einigen Artikeln klar Stellung gegen eine ihrer populistischen Kampagnen bezogen.«
Mike arbeitete als Redaktionsleiter beim Magazine de la Science, einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift. Mit Hilfe von Informationen der Gruppe Moíra war es ihnen gelungen, zahlreiche wissenschaftliche Studien als Fälschungen zu entlarven. Der Boulevard Atlantique, ein rechtspopulistisches Nachrichtenportal, wollte diese in großem Stil herausbringen und fiel dank Mikes Enthüllungsartikel damit auf die Nase.
»Wenn sie eine Chance sehen, euch ans Bein zu pinkeln, werden sie die nutzen.«
Mike zog erst die Augenbrauen hoch. Dann grinste er.
»Um in deiner Diktion zu bleiben: Was kümmert es den Baum, wenn sich eine Wildsau daran scheuert?«
»Diktion? Rede verständlich mit mir!«
»Entschuldigung. Ich meinte die Ausdrucksweise.«
»Du musst sie trotzdem ernst nehmen.«
»Ich weiß, dass sie Verbindungen bis weit in die politische Mitte besitzen. Ich denke inzwischen, dass der Hedgefonds, der die Zeitschrift letztes Jahr zwischenzeitlich übernommen hatte, auch aus dieser Ecke kam. Nachdem wir ihn wieder aus dem Verlag gedrängt hatten, haben mehrere Firmen ihre Anzeigen bei uns gekündigt. Dank der Hilfe von Moíra konnten wir das auffangen, aber das Signal, dass wir aufpassen müssen, ist klar.«
»Der Untersuchungsrichter ist immer noch besorgt, dass dieser Geheimbund euch beeinflusst. Auch Lefebvre ist nicht gut auf sie zu sprechen.«
»Sie liefern uns wirklich nur Artikel. Du musst mir glauben, dass von dieser Seite keine Gefahr droht.«
»Du sagst mir nicht alles«, stellte Maurice lakonisch fest.
»Gleichfalls«, kam die trockene Antwort. »Nicht nur du musst Stillschweigen bewahren, wenn ihr bei der Kriminalpolizei einen Fall aufklären wollt. Auch ich darf nicht über alle Firmeninterna reden. Bisher sind wir auf dieser Basis doch immer gut miteinander ausgekommen.«
Maurice nickte und schwieg. Zufrieden wirkte er nicht, denn er nahm die Arme hinter seinem Kopf hervor und setzte sich murrend auf die Bettkante.
Mike Gorden – Neutronenreiter – Blick nach innen
Kapitel 2. Oleg (26.02.2018)
»Großvaters Verfügung für diesen Fall lässt keinen Spielraum für Interpretationen.«
»Das sehe ich auch so.«
Die beiden Männer, die sich auf Russisch unterhielten, standen am Krankenbett eines hochbetagten Mannes. Die Monitore am Kopfende zeigten eine Reihe von Vitalwerten an. Spritzenautomaten surrten und ein Bündel von Schläuchen führte dem Patienten Medikamente und Nährstoffe zu.
Verkrampft lag er unter einer dünnen Decke. Zu keinem Zeitpunkt seines langen Lebens konnte man ihn als dick oder auch nur wohlgenährt bezeichnen. Doch jetzt bestand sein Körper nur noch aus Haut und Knochen. Der Kopf ähnelte mehr einem Totenschädel als einem lebendigen Wesen und die milchblauen Augen, vor deren Blick einst Konzernchefs und Präsidenten gezittert hatten, waren geschlossen.
»Der Arzt sagt, er wird nicht mehr aufwachen. Das bedeutet, dass ich ab sofort die operative Leitung des Konsortiums übernehme. Bereiten Sie die nötigen Papiere vor. Wir wollen keine Zeit verlieren. Ich möchte vermeiden, dass unter den Mitgliedsorganisationen Unruhe wegen der Nachfolge entsteht.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Lassen Sie mich jetzt bitte allein, Juri. Ich will mich verabschieden.«
»Jawohl!« Der ältere Mann hob die Hand, als wollte er salutieren, brach die Geste jedoch ab und entfernte sich wortlos. Schon in der Tür zückte er sein Handy und tippte die erste Nachricht.
Der Jüngere holte sich einen Hocker heran und setzte sich an eine Seite des Bettes. Er nahm die Hand des Kranken und legte sie zwischen seine eigenen. Kalt fühlte sie sich an. Die Kälte des nahen Todes. Bis zuletzt hatte er sich an das Leben geklammert und darauf bestanden, die Geschäfte selbst weiterzuführen.
Oleg erinnerte sich an die regelmäßigen Diskussionen, die der alte Mann mit seinen Pflegern um eine Erhöhung der Schmerzmitteldosis geführt hatte. Nur damit konnte er überhaupt noch am Leben teilnehmen. Vor einigen Tagen war er aber dann doch zusammengebrochen und lag seitdem im Koma. Zu lange hatte er seinen Körper geschunden, um noch eine Woche, einen Tag, eine Stunde mehr herauszuholen. Jetzt waren auch seine letzten Reserven aufgebraucht.
Wie kein anderer vor ihm hatte er dem Konsortium, einem weltweiten Zusammenschluss finanzstarker Unternehmen mit anderen, mehr oder weniger geheimen Organisationen, in den letzten Jahrzehnten seinen Stempel aufgedrückt. Mit unnachgiebiger Härte hatte er die Gruppe durch die Wirren der Jahrzehnte nach Gorbatschow und Reagan geführt und zu einem Machtfaktor in der Weltpolitik gemacht, an dem kein Herrscher und keine Regierung vorbeikam.
Von der Öffentlichkeit blieb dies weitgehend unbemerkt. Der Alte, wie ihn seine Untergebenen mehr angst- als respektvoll nannten, hatte alle Fäden im Hintergrund gezogen.
Jetzt war es Zeit für ihn, abzutreten.
Schon seit einigen Jahren hatte er seinen Enkel in die Leitung der Geschäfte mit einbezogen und er, Oleg Fjodorowitsch Melnikow, fühlte sich bereit. Niemand würde seine Ansprüche bestreiten.
»Machs gut, Großvater«, flüsterte er und drückte die knochige Hand, die unter der Decke hervorlugte. »Du wärst nicht einverstanden mit dem, was ich jetzt tue, aber du hast deine Schmerzen lange genug ertragen.«
Ein tiefer, stöhnender Atemzug kam als Antwort und ein Zittern lief durch den ausgezehrten Körper.
Oleg erhob sich und verließ das Krankenzimmer.
Draußen wartete ein Arzt auf ihn.
»Schalten Sie bitte seine Ernährung ab und geben Sie ihm genügend Schmerzmittel. Ich will nicht, dass er leidet. Jetzt nicht mehr.«
Kapitel 3. Logan (So. 04.03.2018)
Eine dampfende Portion Toad in the Hole hatte er sich auf den Teller geladen. Logan hatte sich an seinem Lieblingslieferdienst für einige Zeit sattgegessen und kochte daher wieder selbst.
Während er aß, verfolgte er die Nachrichten. Ein Reporter berichtete ausführlich über einen russischen Dissidenten und seine Tochter, die tagsüber bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury gefunden worden waren. Noch wusste niemand genau, was passiert war, aber der Name Sergei Skripal machte das Ereignis zu einer Schlagzeile. Stockend gab ein Wissenschaftler Auskunft über ein möglicherweise verwendetes Gift und ein Korrespondent von irgendwo berichtete über das, was man derzeit über russische Verschwörungen zu wissen glaubte.
Logan ließ das kalt. In den nächsten Tagen würde sich alles zu einem Bild sortieren.
Unter der Woche verbrachte er die meiste Zeit bei der Datenanalysefirma, wo er ein Praktikum ergattert hatte. Am St. John’s College besuchte er nur noch wenige Vorlesungen, denn sein Studium hatte er fast beendet. Zweiwöchentlich fuhr er für ein verlängertes Wochenende zu seiner Freundin Amélie nach Paris; an den anderen Wochenenden besuchte sie ihn meist. So sahen sie sich regelmäßig, obwohl Logan beschlossen hatte, zunächst in Cambridge zu bleiben und sein Studium zu beenden.
Nur an diesem Wochenende konnten sie sich nicht sehen, denn seine Freundin musste gestern zu einer Testamentseröffnung in Paris. Professor Stein, den er nur aus ihren Berichten kannte, war Ende Februar gestorben und anscheinend war er Amélies Vater. Das bisschen, das sie ihm dazu anvertraut hatte, ließ aus seiner Sicht Fragen offen. Überhaupt wußte er bisher erstaunlich wenig über ihre Familie. Offenbar musste er sich bei ihr erkundigen, wenn sie ihm von sich aus nichts erzählte.
Ich wünschte mir so sehr, sie wäre jetzt hier! Heute würde ich sie bestimmt alles fragen.
Nach dem Essen war er durstig. Zu viel Salz in der Kröte und ein verliebter Koch, dachte er und holte sich ein Glas Wasser aus der Küche. Seinen Durst stillte das jedoch nicht, und so beschloss er, in einen Pub zu gehen. Er zog sich um und stapfte dann die Treppen hinunter zum Ausgang der Wohnanlage.
Vor einer Tür im Erdgeschoss fand er eine volle Plastiktüte. Er warf einen Blick hinein, rümpfte die Nase und lächelte. Misses Cartwright hatte ihren Müll vor die Tür gestellt. Sie war über neunzig, und seit er hier wohnte, erledigte er regelmäßig ihre Besorgungen, kaufte für sie ein und erklärte ihr wöchentlich die Kontoauszüge. So nahm er den Beutel und schmiss ihn in den Container vor dem Haus.
Als er die Apartmentanlage Pinehurst verließ, peitschte ein böiger Westwind feinen Nieselregen übers Land. Er schlug den Kragen seiner Lederjacke hoch und machte sich auf den Weg zur King’s Parade. In die Pubs dort gingen die Leute, die er kannte.
Der Regen fiel so fein, dass man ihn in den Straßenlaternen nicht erkannte. Nur wenn er mit der Hand den direkten Laternenschein vor den Augen abdunkelte, sah er die Tröpfchenschwaden im Halo der Lampen vorbeiziehen.
Sein Smartphone klingelte. Er zog es aus der Jackentasche und nahm den Anruf entgegen, ohne aufs Display zu schauen: »Hallo?«
»Rate mal, wer da ist?«
Die vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung brachte ihn zum Schmunzeln.
»Lassen Sie mich raten, Ma’am«, antwortete er und bemühte sich um einen besonders breiten schottischen Akzent. »Sie sind der Lieferdienst, der mich gerade nicht zu Hause angetroffen hat?«
»Blödmann«, kicherte die Stimme. »Ich bin’s, Amélie.«
»Weiß ich doch.« Logan musste lächeln, als stände seine Freundin jetzt neben ihm. »Dich erkenne ich schon am Klingeln.«
»Wo bist du? Hört sich an, als wärst du draußen.«
»Ich bin unterwegs zu einem Pub. Mir ist langweilig.«
»Da wäre ich so gern dabei! Ich brüte immer noch über Vaters Testament und kann es nicht fassen, dass ich dieses riesige Haus geerbt habe.«
»Hat er dir nichts davon gesagt, als du ihn vor Weihnachten besucht hast?«
»Nein. Mama wusste es, aber sie hat wieder nichts erzählt.«
»Kann es sein, dass ihr alle etwas wenig miteinander redet?«, fragte Logan konsterniert.
Kurze Zeit blieb es still am Telefon. »Das ist eines der größeren Mankos in meiner Familie«, antwortete Amélie dann gedehnt. »Aber lass uns darüber bitte nicht am Telefon sprechen.«
»In Ordnung. Aber als Hausbesitzerin in Paris bist du jetzt eine heiße Partie. Willst du dann überhaupt noch mich, den armen Studenten?«, überspielte Logan seine Frage, die offensichtlich unangenehm für seine Freundin gewesen war.
»Natürlich will ich Dich! Zum ersten Mal in meinem Leben läuft wirklich alles richtig!«
Logan lächelte glücklich. »Ich vermisse dich. Ich würde jetzt auch viel lieber mit dir ausgehen.«
»Keine Sorge, wir sehen uns bald wieder häufiger. Vielleicht kann ich sogar eine Woche bei dir bleiben. In dem leeren Haus fühle ich mich, als ob mein Vater ständig hinter jeder Ecke lauert.«
»Das wäre toll. Wir könnten unseren Aufenthalt in Schottland am kommenden Wochenende verlängern. Was meinst du? Bei uns wird eine Goldene Hochzeit gefeiert. Du wirst viele Leute kennenlernen, die mir wichtig sind.«
Amélie ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. Logan blieb stehen und wartete gespannt.
»Darauf freue ich mich. Das geht bestimmt. Vielleicht verstehe ich danach besser, wie ihr Kerrs so tickt.«
»So schlimm ist es nicht. Wenn wir jemanden mögen, dann richtig. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass dich jemand nicht mag.«
»Keine böse Schwiegermutter?«
»Schwiegermutter setzt voraus … möchtest du …« Logan rang nach den richtigen Worten, »dass ich dir … einen Antrag mache, so richtig formell, auf Knien und so?«
Stille in der Leitung. Logan befürchtete, sich im Ton vergriffen zu haben, und wollte seine Bemerkung schon als Scherz relativieren. Da antwortete Amélie:
»Ein Antrag? Du gehst ja ran! Wobei … wenn ich es recht besehe, denke ich darüber auch schon eine Weile nach.«
»Ein Glück.« Logan fiel ein Stein vom Herzen. »Ich hatte schon Angst, wir hätten uns falsch verstanden. Dann verloben wir uns also demnächst?«
»Ja, es wird Zeit. Du hast mich im letzten Jahr sehr glücklich gemacht.«
»Dito!« Sein Herz machte einen Hüpfer. »Darf ich dann also ankündigen, dass wir zusammen erscheinen?«
»Natürlich! Soll ich uns ein Hotelzimmer buchen?«
»Das brauchst du nicht. Wir fahren erst nach Perth und übernachten bei Mutter. In meinem alten Kinderzimmer steht jetzt ein französisches Bett. Dann reisen wir in die Highlands. Die Feier findet auf dem Gutshof meines Großonkels statt. Dort gibt es genügend Zimmer für alle.«
»Bei deinem Hang zu Untertreibungen bedeutet Gutshof vermutlich, dass er ein Schloss besitzt.«
Logan war froh, dass Amélie jetzt nicht sehen konnte, wie er errötete. »Du glaubst nicht, wie ich mich freue«, wich er aus.
»Ich doch auch! Weißt Du, da ist nämlich noch etwas, was ich Dir unbedingt erzählen muß. Ich … Wir …«
»Ja?«, fragte Logan, als seine Freundin ihren begonnenen Satz nicht zu Ende brachte.
»Oh, es klingelt. Da kommt mein Essen. Wir reden später, okay?«
»Klar doch!«
Logan verabschiedete sich, legte auf und setzte seinen Weg fort. Bald schon lief er durch die Trumpington Street und erblickte vor sich die Lichter der Läden in der King’s Parade.
Er betrat gleich den ersten Pub an einer Straßenecke. Vor dem Tresen reihten sich Gäste und es dauerte ein wenig, bis er sich mit einem Lager versorgen konnte. Mit seinem Getränk in der Hand schlenderte er durch die Tische und entschied, sich nicht zu den College-Kommilitonen zu setzen, sondern zu Rashid, einem der IT-Betreuer seines Praktikums.
Er hatte sich mit ihm schon mehrfach und länger unterhalten. Rashid war im Gegensatz zu manchen Berufskollegen kein Nerd und kannte durchaus andere Gesprächsthemen als Serverkonfigurationen und Netzwerkroutinen. In seinen wachen, braunen Knopfaugen saß schnell der Schalk, wenn er Zweifel an der Auffassungsgabe seines Gegenübers bekam.
Heute wirkte er aber nicht, als fände er etwas lustig. Um seine Augen lagen Schatten und die Brauen hatte er so tief gezogen, dass er gerade noch darunter hervor gucken konnte.
»Kommst du von der Arbeit? Du siehst müde aus«, fragte Logan nach dem Begrüßungshandschlag.
»Ist nur viel zu tun. Das Netz macht Probleme. Wir haben zu viel Traffic für zu wenige Ressourcen.«
»Hoffentlich sind keine Hacker drin«, scherzte Logan.
»Es ist nicht leicht, die Rechner in Schuss zu halten, an denen ihr Praktikanten ab morgen wieder arbeiten sollt. Noch ein paar Jahre und du findest sie im Museum wieder«, sagte Rashid anstelle einer Antwort. Beide lachten, aber Rashid erwiderte Logans Blick nicht und schien gedanklich mit etwas anderem beschäftigt zu sein.
»Störe ich?«
»Nein, nein, es ist nur gerade alles nicht einfach. Der Teamleiter gibt manchmal komische Anweisungen, aber das soll dich nicht belasten.«
Logan nickte. Er hatte einige der Teamleiter bei seiner Einstellung kurz gesehen und empfand sie als ziemlich unzugänglich. Keine Sympathieträger, mit denen man sich gerne verbrüderte.
»Falls du Hilfe brauchst … du weißt ja, was ich kann und was nicht.«
»Die Art Hilfe benötige ich nicht, aber vielleicht brauche ich die Tage mal jemanden zum Reden. Du hast eine freundliche Seele. Meine Familie erkennt so etwas sofort.«
Logan lächelte überrascht. Dann zog er sein Handy und öffnete eine SMS.
»Gib mir deine Nummer.« Er tippte die Zahlen in das Adressfeld, schrieb ‘Ich bin Logan Kerr’ in die Nachricht und schickte sie an Rashid. Der öffnete sie und lächelte ebenfalls. Ein kurzer Fingerwirbel auf dem Display und Logans Handy pingte ebenfalls. ‘Danke. Rashid Anand’. Beide lächelten und steckten ihre Telefone wieder ein.
»Das ist doch ein Scherz mit der Seele, oder?«, fragte Logan unsicher.
»Jein. Meine Familie ist kastenlos. Für uns ist es auch heute noch überlebenswichtig, sofort einschätzen zu können, wie jemand drauf ist und wie etwas gemeint ist.«
Logan verstand. Im letzten Jahr war er mehrfach unsanft darauf gestoßen, dass er mit seinem Wissen in vielen Bereichen erst an der Oberfläche kratzte. Ein Kampf weltumspannender Geheimorganisationen um ein geöffnetes Dimensionsportal mit spukhaften Fernwirkungen hatte sein Leben auf den Kopf gestellt. Die Welt voller Wunder, die sich ihm offenbart hatte, war komplexer, als er gedacht hatte. So nahm er Rashids treffsichere Intuition nur als eine weitere von vielen Besonderheiten hin.
Mike Gorden – Neutronenreiter und Emoath
Kapitel 4. Paolo (04.03.2018)
Jeden anderen hätte dieser schnelle Schlag ins Land der Träume befördert. Dennoch tauchte Paolo beinahe elegant darunter hinweg und stand Sekundenbruchteile später hinter seinem Gegner. Der fuhr herum und schlug erneut zu. Paolo parierte mit dem Unterarm und lenkte den Schlag knapp an seinem Kopf vorbei.
Mit einem Judogriff nutzte er den Schwung seines Gegners aus und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Ein Tritt gegen die Kniescheibe und er flog krachend zu Boden und landete auf dem Rücken. Paolo kniete sich über ihn und setzte ihn mit zwei gezielten Handkantenschlägen gegen die Halsschlagadern außer Gefecht.
Langsam richtete er sich wieder auf, kaum außer Atem. Der andere würde einige Zeit benötigen, um sich zu erholen.
»Gut gemacht. Du hast meinen besten Mann besiegt. Und du hast deine Gabe nicht mal eingesetzt.«
Ángel, der den Kampf aus einigen Metern Entfernung verfolgt hatte, trat an Paolo heran und wollte ihm mit seiner Pranke auf die Schulter schlagen. Mit einer neuen, schnellen Bewegung wich der ihm aus und brachte seinen Trainer so ebenfalls aus dem Gleichgewicht.
»Treib es nicht zu weit.« Das sollte bedrohlich klingen, aber Ángels Augen lachten dabei, etwas, das man bei ihm sehr selten sah. Fast konnte man glauben, dass er den hochgewachsenen jungen Mann mit den strahlend blauen Augen mochte. »Du hast sie doch nicht eingesetzt, oder?«
»Frag ihn selbst, wenn er wieder wach ist.« Paolo brauchte seine besonderen Fähigkeiten nicht mehr. Die Fähigkeiten, wegen derer er sich hier aufhielt. Es genügte ihm, dass er die Absichten seines Gegners einen Sekundenbruchteil vorher erkannte. »Er hat gut gekämpft.«
»Ich kann dir nichts mehr beibringen. Nur ein bedeutsames Manko hast du noch.«
»Welches?« Verwirrt blickte Paolo auf.
»Lerne Spanisch, oder wenigstens Englisch. Mein Deutsch ist besser geworden.« Paolo nickte. »Aber diese Worte sind Folter für meine Stimme.«
»Lo intentaré. Lo prometo.«
»Du mich auch.«
»Bring mir lieber mehr über Geschichte bei. Cédric hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Vergangenheit zu kennen.«
Cédric, Paolos einziger Freund, war viel zu früh in einer ebenso grausamen wie sinnlosen Auseinandersetzung gestorben. Vielleicht hätte er ihn sogar lieben können, doch das Schicksal hatte ihnen diese Chance verwehrt. Er konnte froh sein, selbst mit dem nackten Leben davongekommen zu sein.
Ángel hatte ihn seinerzeit gerettet, den Bewusstlosen einfach über die Schulter geworfen und hierher gebracht. Zwei Monate lang hatte Paolo fiebernd und fantasierend im Hospital gelegen. Der Entzug brachte ihn beinahe um. Erst nach und nach funktionierten seine Organe wieder richtig.
Sobald er aufstehen konnte, begannen Ángel und seine Leute mit dem Training, um die letzten Reste der Chemikalien aus seinem Körper zu vertreiben.
Jetzt fühlte er sich wieder so kräftig und beweglich wie früher und langsam fragte er sich, warum er hier war. Wo er sich derzeit aufhielt, spielte für ihn keine Rolle. Er hätte sowieso nicht gewusst, dass es ein Land namens Chile gab und wo es lag. Der Schulunterricht in den Heimen, in denen er einen Großteil seiner Kindheit verbracht hatte, verdiente diesen Namen nicht.
Ángel konnte mit seiner Bitte nichts anfangen. »Ich kann dir zeigen, wie man kämpft oder wie man einen Computer bedient. Geschichte habe ich auch nie gelernt. Frag Klotho, ob sie einen Lehrer für dich hat, wenn du das wirklich willst. Sie kann dir helfen.«
Paolo hatte Klotho einige Male kurz gesehen. Sie hatte an seinem Bett gestanden, als er zum ersten Mal wieder aus dem künstlichen Koma erwacht war, in das man ihn versetzt hatte. Sie schien hier alles zu kontrollieren. Wenn es um sie ging, empfing er von allen nur Gefühle wie Respekt und Hochachtung.
»Weißt du, was sie mit mir vorhat?« Seltsam, dass ihm diese Frage erst jetzt einfiel.
»Nein. Sie weiht uns nicht in alles ein. Sie will uns schützen.«
»Kann ich mit ihr reden?«
»Ich werde es ihr sagen.«
Klotho hatte tatsächlich Zeit für ihn. Sogar derart schnell, dass er sich fragte, ob sie nur auf seine Bitte gewartet hatte. Schon am Nachmittag holte Ángel ihn aus dem Zimmer, in dem er seine Zeit verbrachte, wenn er nicht trainierte.
Klotho begrüßte ihn im Garten ihres Bungalows.
»Paolo, ich freue mich, Sie zu sehen. Bitte setzen Sie sich.«
Sie deutete auf einen Stuhl, der ungewöhnlich weit von ihr weggerückt war. Hier draußen im Sonnenschein wirkte die schlanke Frau mit den kurzen, weißen Haaren älter, als er sie in Erinnerung gehabt hatte, irgendwie zerbrechlich. Aber das lag sicher daran, dass er sie auch im Sitzen um einen Kopf überragte.
Sie musterte ihn so durchdringend, dass er sich fragte, ob sie vielleicht auch seine Gabe besaß.
Ángel hielt sich im Hintergrund und schaffte es, ungeachtet seiner eher kompakten Statur beinahe unsichtbar zu werden.
»Sie haben sich gut gemacht, Paolo. Ángel sagt, Sie wären völlig wiederhergestellt.«
Erst jetzt begriff Paolo, was ihn an ihren Worten irritierte. Sie sprach Deutsch mit ihm und ihr Deutsch war ausgezeichnet! Ángel strengte sich zwar an, aber das hörte man auch bei jedem Wort, das er sprach.
»Ich fühle mich gesund und einsatzbereit. Wofür auch immer, Frau … Klotho.«
»Nennen Sie mich einfach Klotho. Das tun hier alle. Meinen Nachnamen können Sie sowieso nicht aussprechen.« Sie lächelte ihn dabei an und gab ihm damit das Gefühl, hier willkommen zu sein. »Ángel sagt, Sie benötigen einen Lehrer?«
»Ich möchte gerne lernen. Ich weiß so wenig über die Welt. Wo ich herkomme, hat man sich nur für meine Fähigkeiten interessiert, nicht für mich.«
»Ich verstehe. Natürlich sind Sie wegen Ihrer Fähigkeiten hier, das muss ich zugeben. Ich schätze, ich könnte Sie sowieso nicht anlügen.« Wieder dieses Lächeln, bei dem er sich wohl fühlte. »Aber ich finde, wir sollten zuerst schauen, was wir tun können, um Ihnen zu helfen. Alles andere wäre unfair.«
»Danke, dass Sie das so sehen.«
Auch Paolo versuchte ein Lächeln, das aber weniger selbstverständlich wirkte als bei Klotho. Früher hatte er es nicht auf solche Details achten müssen. Die Droge, die er genommen hatte, hatte seine Sinne so sehr geschärft, dass er automatisch die richtigen Worte gefunden hatte.
»Es ist leider so, dass Ángel und ich außer den deutschen Söldnern die einzigen Personen hier sind, die Ihre Sprache sprechen. Deswegen kann ich Ihnen leider kurzfristig keinen Lehrer besorgen. Wie gut können Sie lesen?«
»Geht so. Einige Sätze sind okay, aber mit längeren Texten habe ich Probleme.«
»Gut, dann müssen wir auch an Ihrer Lesekompetenz arbeiten. Solange Sie hier sind, kümmere ich mich darum, dass Sie lernen können, was immer Sie wollen.«
Paolos Lächeln geriet jetzt wesentlich natürlicher, denn er fühlte sich wirklich erleichtert.
»Wir machen Folgendes: Ich lasse Ihnen Unterrichtssendungen in Ihrer Sprache herunterladen, die Sie sich ansehen werden. Sie interessieren sich für Geschichte, hat Ángel gesagt?«
»Ja, Geschichte muss wichtig sein. Ich will verstehen, warum Menschen manchmal so sind, wie sie sind.«
Paolo erinnerte sich nur ungern an eine Situation, die ihm aus dem Ruder gelaufen war, weil er nicht verstanden hatte, wie sein Gegenüber tickte. Cédric hatte ihn damals gerettet und ihm hinterher erklärt, dass der Mann ein Nazi gewesen sei und dass es wegen solcher Leute vor langer Zeit einen Weltkrieg gegeben habe.
»Sie werden mehr als nur Geschichte lernen müssen, fürchte ich, aber wir werden dort einen Schwerpunkt setzen. Sie bekommen außerdem begleitende Texte zu den Sendungen, die Sie bitte versuchen, durchzulesen, auch wenn Ihnen das am Anfang schwerfallen wird. Ich möchte außerdem, dass Sie Erdkunde lernen. Ohne sie funktioniert Geschichte nämlich nicht. Alles andere hängt davon ab, wie schnell Sie lernen.«
»Danke … Klotho. Sie sagten vorhin: solange ich hier bin. Warum bin ich denn hier?«
»Zunächst einmal sind Sie hier, weil Sie an dem Ort, von dem Sie gekommen sind, gestorben wären. Der Platz hier, den wir Die Kolonie nennen, ist nämlich in erster Linie eine Zuflucht. Zweitens sind Sie hier, weil Sie mit den Fähigkeiten, die Sie besitzen sollen, helfen können, diesen Zufluchtsort zu beschützen. Es gibt anderswo auf der Welt viele Menschen, mächtige Menschen, die unsere Kolonie finden und zerstören wollen.«
»Ich will Ihnen gerne helfen, wenn ich das kann.«
»Dazu muss ich mehr über Sie wissen. Ángel sagt, dass Sie in Deutschland empathische und vielleicht sogar telepathische Anlagen besaßen. Allerdings standen Sie damals auch unter dem Einfluss eines Medikaments, das Ihre Fähigkeiten verstärkt oder sogar erst verursacht hat. Was können Sie jetzt noch, nachdem Sie clean sind?«
»Angelo sagt, die Droge hätte mich beinahe umgebracht.«
Paolo konnte den Namen inzwischen ebenso gut aussprechen wie ein Spanier. Dennoch hielt er an Angelo fest. Ángel war einverstanden gewesen, von ihm so genannt zu werden, als sie sich kennengelernt hatten, und Paolo war sich sicher: Es gefiel ihm sogar.
»Er hat recht. Ihr Leben hing zwischendurch am seidenen Faden und wir hätten Sie beinahe verloren.«
»Angelo hat mir verboten, hier irgendjemanden länger zu berühren. So habe ich früher Verbindung zu anderen Menschen aufgenommen. Deshalb kann ich Ihre Frage nur teilweise beantworten. Ganz verschwunden ist meine Gabe jedenfalls nicht. Ich spüre die Gegenwart anderer Leute, wenn ich ihnen nahe genug bin, und kann ihre Gefühle grob einschätzen. Bei Ihnen spüre ich vor allem Einsamkeit und Trauer. Sie haben vor kurzem jemanden verloren. Um mehr zu spüren, müsste ich Sie berühren. Darf ich …?«
»Das kommt nicht in Frage!« Paolo spürte fast körperlich, wie sie zurückwich. »Ihre Auskunft genügt mir.« Ihr durchdringender Blick richtete sich auf Ángel. »Haben Sie ihm etwas über mich erzählt? Irgendetwas?«
»Nein.«
»Okay.« Sie wandte sich wieder Paolo zu: »Es fällt mir schwer, zu glauben, dass Sie das können, aber derzeit habe ich keine bessere Erklärung. Ángel hat gesagt, dass Ihre Fähigkeit auch auf größere Distanz wirkt?«
»Damals stand ich noch unter dem Einfluss der Droge. Momentan reicht sie einige Meter weit. Maximal. Ich weiß mehr, wenn ich wieder jemanden berühren darf.«
»Ich verstehe. Dann müssen wir eine Person finden, die Sie berühren können, ohne das Risiko, dass sie einen Schock fürs Leben bekommt.«
Paolo erzählte ihr nicht, dass er die Stille um sich herum sehr erholsam fand. Früher, als seine Fähigkeiten durch die Droge verstärkt worden waren, war es ihm schwergefallen, sich selbst von der Menge zu isolieren, wenn er sich unter Menschen befunden hatte. Die Gedanken und Gefühle der anderen bildeten ein Netz um ihn herum, in dem er sich regelmäßig mit seinen eigenen Gedanken verfangen hatte. Das hatte ihn enorm angestrengt. Jetzt ging alles viel einfacher.
»Ich mache es.« Ángel hatte sich entschlossen. »Ich weiß, worauf ich mich einlasse, denn du hast mich schon einmal berührt. Versprich mir nur, dass du vorsichtig bist. Ich will nicht Maricón werden.«
»Das wirst Du nicht«, versprach Paolo leise. Fast wirkte er in diesem Augenblick schuldbewusst.
Paolo erhob sich und trat auf Ángel zu. »Gib mir deine Hand«, bat er ihn. Der streckte sie zögernd aus. Der breite, starke Mann musste sich dazu überwinden und verkrampfte. Vorsichtig legten sie ihre Hände ineinander. Es dauerte ein paar Sekunden, dann nahmen sie sie wieder auseinander.
»Es ist okay.« Ángel wirkte erleichtert. »Ich spüre zwar etwas, es fühlt sich freundlich an, nein es ist Freundschaft. Kommt das von dir?«
»Ja, das bin ich. Ich mag dich. Nicht sexuell«, fügte er zur Sicherheit hinzu. »Ich spüre deine Gefühle jetzt intensiver als vorher. Ich glaube, ich sollte sie aber nicht benennen. Es war ein Fehler, dass ich das vorhin getan habe«, wandte er sich mit unerwarteter Einsicht an Klotho. »Es tut mir leid.«
»Schon gut. Ich hatte Sie darum gebeten. Ich war nur nicht darauf vorbereitet, dass Sie das wirklich können, was man über Sie sagt.«
»Wenn Sie wissen wollen, wie stark meine Gabe ohne die Droge noch ist, bringen Sie mir einen Mann, mit dem ich Sex haben kann.« Er bemerkte, wie Klotho die Augen erstaunt aufriss und fügte schnell hinzu: »Dafür habe ich damals die Droge erhalten. Ich habe als Escort gearbeitet und viel Geld für meinen Boss verdient.«
Klotho warf einen durchdringenden Blick auf Ángel. »Mir scheint, ich habe über das damalige Projekt noch nicht alles erfahren. Holen Sie das bitte bis morgen nach.«
»Selbstverständlich«, beeilte sich Ángel zu versichern.
Kapitel 5. Mike (05.03.2018)
Sie schliefen aneinander gekuschelt in ihrem Bett in Maurice’ Wohnung. Mike erwachte, als er so etwas wie ein Räuspern hörte. Schlaftrunken richtete er sich auf.
Vor seinem Bett stand eine dunkle Gestalt.
Adrenalin schoß durch Mikes Kreislauf. Ein Einbrecher?
Er rüttelte seinen Freund an der Schulter. Der ließ aber nur ein leises Brummen hören und wälzte sich auf die andere Seite. Angstvoll tastete Mike nach dem Lichtschalter.
Als die Nachttischlampe endlich leuchtete, erkannte er den Schatten.
»Walter!«
Professor Walter Stein trug die gleiche Kleidung wie an jenem Abend, an dem sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Der Abend, bevor er Paris verlassen hatte, um in der Anlage seiner Freundin Klotho Papantoniou im chilenischen Hochland seine letzten Wochen zu verleben.
»Um Gottes willen, haben Sie mich erschreckt. Augenblick, Sie sind doch tot! Das verstehe ich nicht.«
»Nur weil wir etwas nicht verstehen, heißt es nicht, dass es göttlich ist. Es bedeutet nur, dass wir es nicht verstehen.«
Diese Art Aphorismen waren typisch für den Professor. Mike beruhigte sich, beugte sich zu Maurice hinüber und stupste ihn an.
»Das ist zwecklos. Er wird nicht aufwachen. Und selbst, wenn Sie es schaffen, könnte er mich nicht sehen. Ich existiere nur in dem Traum, den Sie gerade träumen.«
»Ich träume? Aber das fühlt sich alles so real an!«
»Das tun Träume manchmal. Ich kenne diese Erfahrung bereits. Für Sie ist es heute das erste Mal.«
»Wenn ich träume, dann müsste doch … Moment.«
Mike drehte sich um und sah auf den Radiowecker, der auf Maurice’ Nachttisch stand. 02:30 Uhr. Dann blickte er wieder auf Walter. Der stand noch da. Dann schaute er auf die Uhr: immer noch 02:30 Uhr. Nein, gerade sprang die letzte Ziffer um: 02:31 Uhr. Er nahm das Buch von seinem eigenen Nachttisch: Die Tyrannei des Schmetterlings. Darin hatte er vor dem Einschlafen gelesen.
»Das ist kein Traum«, stellte er dann fest.
»Bevor ich Ihnen erkläre, was Sie gerade erleben, schlage ich vor, dass wir uns von nun an duzen.« Mike nickte zögernd. »Du bist im letzten Jahr mein engster Freund gewesen, fast wie ein Sohn. Nur für Klotho habe ich noch mehr empfunden, aber das … ist kompliziert. Momentan hältst du mich sowieso nur für ein Hirngespinst, also was soll’s?«
Mikes Verwirrung wuchs mit jeder Sekunde. Das konnte kein Traum sein, denn die Ziffern auf dem Wecker änderten sich nicht willkürlich, wenn er sie ein weiteres Mal betrachtete. Andererseits sprach er gerade mit jemandem, der vor knapp zwei Wochen gestorben war. Dass Walter ihn dabei anlächelte, wie ein Grundschullehrer, der einem zurückgebliebenen Schüler etwas Grundlegendes erklärt, machte die Sache nicht besser.
»Wer bist du? Anders gefragt: Was bist du?«
Die Anzeige des Weckers auf Maurice’ Nachttisch sprang auf 02:32 Uhr.
»Ich bin der Walter Stein, den du aus deinen Erinnerungen kennst. Du musst meinen Aufzug entschuldigen. Ich trage nur das, was du mir angezogen hast. Du bist ja auch nicht angemessen gekleidet.«
Mike blickte an sich herunter. Dann fiel ihm ein, dass er ja immer nackt schlief, und reflexartig zog er die Decke etwas höher. Walters Lächeln verwandelte sich in ein heiteres Grinsen, als er das sah.
»Keine Sorge, sogar ich weiß, wie ein anderer Mann aussieht. Ich entdecke an dir nichts Neues.«
»Und wenn … Du hättest dich vorher anmelden müssen. Dann hätte ich mir einen Schlafanzug angezogen. Wobei dann Maurice blöd geguckt hätte.«
»Willst Du wissen, warum ich hier bin?«
»Klar! Vermutlich nicht, um einfach mal ungezwungen über alte Zeiten zu plaudern.«
Mike überlegte, ob es sich bei Walters Auftauchen um eine neue Variation seiner Tagträume handelte, verwarf den Gedanken aber.
»Leider nein. Ich wünschte mir, es wäre anders. Weißt du, vor fast einem Jahr hatte ich mit Martin O’Connor ein sehr ähnliches Gespräch.«
Mike hob die Brauen. »Aber da war der doch schon längst tot!«
»Genau. So wie ich jetzt. Aber er ist in meinen Träumen herumgespukt und hat Dinge gewusst, die er nicht wissen konnte. Er hat es mir damals erklärt.«
»Was? Dass es ein Leben nach dem Tode gibt?«
»So einfach ist das nicht. Wir leben weiter in den Erinnerungen der Menschen, die uns geliebt haben. Aber seit dieses Dimensionstor im CERN geöffnet ist und das andere … Aber das tut noch nichts zur Sache … Seither können wir unter bestimmten Umständen zu diesen Menschen Kontakt aufnehmen. Bei mir sind es leider nur zwei: Klotho und du.«
»Was für Umstände?«
»Ich habe versucht, mit Klotho so zu reden, wie ich es jetzt mit dir tue. Leider ist ihr Geist nicht so offen wie deiner. Sie verleugnet mich.«
»Ich habe Klotho als harte Führungspersönlichkeit erlebt, aber eines ist sie nicht: flexibel. Vielleicht handelt sie nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Eventuell trauert sie auch noch zu stark um Dich. Gib ihr Zeit.«
»Das kann ich leider nicht. Ihr werdet bald vor einer Herausforderung stehen. Ihr würdet sie auch ohne meine Hilfe irgendwie meistern, aber die Möglichkeit, wenigstens einen von euch erreichen zu können, gibt mir das Gefühl, auf meine alten Tage noch etwas bewirken zu können.«
»Du sprichst in Rätseln, aber das ist ja nichts Neues. Auf meine alten Tage klingt übrigens lustig, wenn das ein Toter sagt.«
»Wenn du morgen früh aufwachst, wirst du alles zunächst für einen Traum halten. Du wirst es Maurice erzählen. Er wird dir sagen, dass du beim Abendessen nicht zwei Nachschläge hättest nehmen sollen. Weißt du übrigens, dass es sich total süß anhört, wenn er schnarcht?«
Mike schaute sein Gegenüber ungläubig an. »Du siehst aus wie Walter, aber du benimmst dich nicht wie er.«
»Das scheint eine Nebenwirkung meines jetzigen Zustandes zu sein. Ich bin der Walter, der ich hätte sein können, wenn ich mir nicht zeitlebens selbst Beschränkungen auferlegt hätte. Auch Martin O’Connor verhielt sich mir gegenüber viel offener, als ich ihn in Erinnerung hatte.«
»Muss ich jetzt etwa damit rechnen, dass du dich für den Rest meines Lebens durch meine Träume plauderst? Wie soll ich da zur Ruhe kommen?«
Mikes Blickwinkel auf dieses Erlebnis änderte sich sukzessive. Die Unterhaltung war skurril, aber verdammt noch mal, sie machte auch Spaß.
»Keine Sorge. Heute besuche ich dich nur, um sicherzugehen, dass du mir zuhörst, wenn es soweit ist.«
»Wenn was wie weit ist? Du hast wohl mit dem Orakel von Delphi zu Abend gegessen.«
»Gib es zu: Dafür magst du mich doch!« Walter kicherte unbeherrscht, etwas, das Mike noch nie bei ihm erlebt hatte und das deshalb nicht zu seiner Beruhigung beitrug. »Aber im Ernst: du bist noch nicht bereit, mir zu glauben. Alles hat seine Zeit.«
»Wenn du das sagst …«
»Schlaf dich jetzt erst mal aus. Morgen hast du einen anstrengenden Tag vor dir. Es gibt Ärger in der Redaktion.«
Walter erhob sich und löste sich in einer Nebelwolke auf. Mike sank kopfschüttelnd in die Kissen zurück und schlief den Rest der Nacht traumlos.
Am nächsten Morgen konnte er sich an den Traum in allen Einzelheiten erinnern, was ihm sonst selten passierte. Beim gemeinsamen Frühstück berichtete er Maurice davon.
»Ich bin froh, dass ich nicht mehr träume«, sagte der und stellte seinen Kaffeebecher ab. »Als wir zwei uns kennengelernt haben, haben mich meine Träume ziemlich genervt.«
»Ich erinnere mich«, kommentierte Mike. »Einmal hast du mir deswegen sogar die Freundschaft gekündigt. Mich irritiert nur, wie realistisch der Traum sich angefühlt hat. Ich hätte schwören können, dass ich wach bin.«
»Vielleicht hättest du gestern Abend nicht zweimal Nachschlag nehmen sollen.«
Kapitel 6. Oleg (06.03.2018)
Nur einen Tag, nachdem sein Großvater gestorben war, begannen die Arbeiter, auf einem Friedhof im Norden von Krasnojarsk mit Pressluftbohrern das Grab in den noch vom Winter gefrorenen Boden zu stemmen. Oleg verlor keine Zeit. Es hätte nicht dem Willen des Verstorbenen entsprochen, alles mit wochenlanger Trauer lahmzulegen. Er achtete seine Religion, aber auf eine pragmatische Art. So plante Oleg die orthodoxe Trauerfeier so kurz wie möglich und lud nur den engsten Familienkreis dazu ein.
Für einen Oligarchen verhielt er sich damit sehr ungewöhnlich. Üblicherweise nutzte die gesamte Führungsebene eine Trauerfeier zur Selbstdarstellung. Bei der Größe des Konsortiums hätte Oleg damit mühelos ein Fußballstadion füllen können. Dass er das unterließ, sorgte allseits für Verwunderung, hatte für ihn aber den Vorteil, dass er nur seinen eigenen Sicherheitsdienst zur Absicherung der Veranstaltung einsetzen musste.
Die Wachleute lungerten jetzt zwischen den umstehenden Büschen herum und wirkten so unauffällig wie Nonnen als Linienrichterinnen eines Fußballspiels.
Er würde dafür in den kommenden Monaten auf die eine oder andere Art geradestehen müssen, dass er das Begräbnis und vor allem die anschließende Trauerfeier privat hielt.
Alles konnte er dennoch nicht abbügeln. Seine Mutter und eine Tante bestanden darauf, dass wenigstens eine Rede zu Ehren des Verstorbenen gehalten wurde. Sie hatten dafür extra einen Redenschreiber und einen Trauerredner engagiert, damit alles seiner gesellschaftlichen Bedeutung gerecht wurde.
Nach dem Ende der Gebets- und Weihrauchzeremonie dauerte diese Rede nochmals eine gefühlte Ewigkeit. Die ganze Familie hatte sich um die Grabstelle herum versammelt. Nach einer Viertelstunde setzte Schneeregen ein. Ungeduldig trat Oleg von einem Fuß auf den anderen. Nahm diese Ansprache denn gar kein Ende? Mit einer fahrigen Bewegung nahm er ein angeweichtes Stück Brot vom Tisch mit dem Leichenschmaus, und schluckte es angewidert hinunter.
Langsam wurde nun der glänzend lackierte Sarg an Seilen in die Grube hinabgelassen. Oleg beobachtete den Vorgang genau, denn die vier Träger hatten bereits beim Auszug aus der Kapelle mit dem massiven Eichenmöbel etwas überfordert gewirkt. Der Priester goss währenddessen den Inhalt einer Flasche Weins kreuzförmig über den Sarg. Um ein Haar hätte er dabei auf dem glitschigen Boden das Gleichgewicht verloren und wäre selbst in die Grube gestürzt.
Dann – endlich – endete die Zeremonie mit einem letzten Segen und die Trauergäste zogen geschlossen in Richtung des Hauptweges, der zum Ausgang führte.
Nur Oleg schlug den Mantelkragen hoch, blies seine Kerze aus, legte sie achtlos auf einen Grabstein in der Nähe und bog danach in einen schmalen Weg ab, der zu einem Nebenausgang führte. Dort wartete bereits sein Wagen und er konnte ungesehen von hier verschwinden.
»Sie müssen sich das nicht antun.« Mit diesen Worten wurde unerwartet ein Golfschirm über ihm aufgespannt. Oleg drehte sich um und erblickte ein Gesicht, das ihm vage bekannt vorkam. Es dauerte einen Moment, bis er es einordnen konnte.
»Was macht schon ein bisschen Regen?«, fragte er dann. »Sie sind Pjotr Maksimow?«
»Genau. Wir kennen uns von den Videokonferenzen Ihres werten Großvaters, denen Sie beiwohnen durften. Ich bin der Sektionschef für Europa. Ich möchte Ihnen mein tief empfundenes Beileid aussprechen. Als ich hörte, was geschehen ist, bin ich sofort in den nächsten Flieger gestiegen.«
»Danke.«
Oleg ignorierte die ausgestreckte Hand und fragte sich, wie der Mann es geschafft hatte, an seinen Leuten vorbei auf die private Familienfeier zu gelangen.
»Wir haben uns übrigens bereits während Ihres Studiums in Cambridge kennen gelernt. Sie haben einige meiner Vorlesungen besucht. Mittlerweile finde ich dafür leider keine Zeit mehr, weil die Leitung meiner Firmen und die Arbeit für das Konsortium mich voll in Anspruch nehmen.«
»Nehmen Sie es mir nicht übel, aber das ist lange her. Ich erinnere mich nicht.«
Oleg versuchte, möglichst abweisend zu klingen, denn er empfand das Gespräch zum jetzigen Zeitpunkt als anstrengend.
»Das macht doch nichts!« Unglücklicherweise kam seine Botschaft nicht an. »Wir können in den nächsten Monaten sicher unsere alte Freundschaft wiederauffrischen. Sie brauchen meine Hilfe bei der Leitung des Konsortiums und ich habe eine Reihe von profitablen Ideen, die ich Ihnen gerne vorstellen möchte.«
»Hat das nicht Zeit? Heute ist ein Tag der Trauer und des Gedenkens.«
»Ihr Großvater hätte das möglicherweise anders gesehen.«
Besass dieser Mensch überhaupt kein Feingefühl? Dann musste er auch keines zeigen.
»Möglicherweise hätte er das«, erwiderte er darum schroff. »Mein Großvater ist aber nicht hier. Lassen Sie sich bitte in der nächsten Woche von meiner Assistentin einen Termin geben. Dann können wir über alles reden. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.«
Oleg schob den Schirm beiseite, ließ seinen Gesprächspartner stehen und eilte zum Seitenausgang. In Gedanken setzte er einen neuen Punkt auf seine Agenda für die nächsten Wochen: Informationen über die anderen Entscheidungsträger im Konsortium einholen. Er hätte das schon vor Monaten tun müssen, sobald sich die Entwicklung abgezeichnet hatte. Vor allem Maksimow hätte er genau unter die Lupe nehmen müssen.
Er verließ den Friedhof. Vor dem Seitenausgang parkte, wie verabredet, seine Limousine. Ein Mitarbeiter öffnete ihm die Tür und er stieg ein.
»Zum Landeplatz«, wies er den Fahrer an. »Geben Sie Bescheid, dass der NH90 startklar gemacht wird.«
Er schrieb eine Nachricht an den Inhaber des Restaurants, zu dem der Rest seiner Familie unterwegs war und bat darum, ihn mit unaufschiebbaren, dringenden Geschäften zu entschuldigen. Das bevorstehende familiäre Beisammensein würde ohne ihn stattfinden. Zu viele Familienmitglieder ertränkten regelmäßig ihren Kummer – ob echt oder vorgetäuscht – in Wodka.
Einem guten Wein oder auch einem Obstler war er nicht abgeneigt, aber diese Gelage ekelten ihn an, seit ihn einer seiner Onkel bei einer Familienfeier mit Wodka abgefüllt hatte. Nach dem ersten Glas hatte er sich ausgezeichnet und sehr erwachsen gefühlt. Nach mehreren weiteren Gläsern hatte aber seine Erinnerung ausgesetzt und er bekam auch später nicht mehr zusammen, was an jenem Abend geschehen war. Erst am nächsten Tag war er wieder zu sich gekommen und hatte es gerade noch bis ins Bad geschafft, bevor er sich übergeben musste.
Seine Mutter hatte ihm als Erstes eine Standpauke gehalten. Danach fragte sie ihn aus. Als Nächstes hielt sie seinem Vater eine Standpauke. Die lauten Stimmen drohten, seinen Kopf zum Platzen zu bringen. Er fühlte sich tagelang so schlecht, dass er sich zunächst schwor, im Leben nie mehr einen Tropfen Alkohol anzurühren.
Ganz so genau nahm er seinen Schwur später nicht mehr, aber er wusste seitdem präzise, wann er mit Trinken aufhören musste.
Nur Wodka rührte er nie wieder an.
Zu seinem Großvater hielt er seit diesem Erlebnis eine gewisse Distanz. Er respektierte, dass dieser ihn liebte und nach Kräften förderte. Dass er an jenem Abend aber mit in der Runde gesessen hatte und nicht eingeschritten war, das vergaß er ihm nicht.
Sie erreichten den Landeplatz in einem separat zugänglichen Außenbereich des Flughafens und er stieg in den Hubschrauber, der kurz darauf abhob. Da er von Anfang an vorhatte, am selben Tag zurückzufliegen, reiste er ohne Gepäck. In Nowaya Kalami fühlte er sich viel mehr zu Hause als in Krasnojarsk. Außerdem lag dort sein Herzensprojekt direkt vor der Haustür.
Offiziell gab es an dieser Stelle nur eine Goldmine, Olimpiada, die größte Russlands, deren Krater die Landschaft auf Dutzenden von Quadratkilometern verschandelten. Der wahre Schatz lag unter der Erde, gut versteckt vor neugierigen Satellitenaugen: ein Teilchenbeschleuniger, dessen Leistung die des LHC am CERN weit in den Schatten stellte.
Angefangen hatte es alles mit dem Prototyp eines Fusionskraftwerks, das der Alte dort in den Zweitausendern hatte errichten lassen. Leider hielt die technische Entwicklung mit den hochfliegenden Plänen seines Großvaters nicht Schritt und so schlummerte der Beschleuniger, der das Herzstück des Kraftwerks bilden sollte, viele Jahre nahezu ungenutzt im Boden der Taiga. Erst in den letzten Jahren war die Anlage dank Olegs Initiative instandgesetzt, grundlegend renoviert und auf den neuesten Stand der Technik gebracht worden.
Die Neuigkeiten von den Geschehnissen am CERN lenkten das Projekt dann in eine neue Richtung. Sie fielen genau in Olegs Fachgebiet und lösten bei ihm einen kreativen Schub aus. Innerhalb weniger Monate entwickelte er eine eigene Theorie der zugrundeliegenden Physik, die bis auf wenige Details mit den Überlegungen von Walter Stein übereinstimmte.
Oleg interessierten an dieser Entwicklung allerdings vorrangig die praktischen Einsatzfelder. Schon bevor sein Großvater im Geheimen Antimaterie aus der Anomalie im CERN extrahieren ließ und von einer Bombe träumte, arbeitete er bereits an der Konstruktion einer neuartigen Anlage zur Energieerzeugung, die den Beschleuniger mit Strom versorgen sollte. Ein Bauwerk, das er aus Sicherheitsgründen nicht in besiedelten Gebieten errichten konnte, denn der Brennstoff, mit dem es lief, zerstrahlte beim bloßen Zusammentreffen mit herkömmlichen Stoffen zu ungeheuren Mengen reiner Energie und musste daher besonders abgeschirmt werden.
Seit einer Woche lief das Kraftwerk bereits mit der Antimaterie, die sie im vergangenen Jahr in der Schweiz abgezweigt hatten, und gestern hatten sie den Beschleuniger zum ersten Mal auf volle Leistung hochgefahren. Falls Olegs Berechnungen stimmten – und bisher hatten sie das immer –, dann musste sich heute eine neue Pforte öffnen.
Sie waren noch im Anflug auf Nowaya Kalami, als unvermittelt eisige Kälte seinen Körper flutete und ihm am ganzen Körper die Haare zu Berge standen. Sein Magen revoltierte und er schmeckte säuerliches, halb verdautes Brot im Mund. Ein intensives Déjà-vu manifestierte sich in seinen Gedanken. Wann und wo hatte er das schon einmal erlebt?
Dann fiel es ihm ein: Es war letztes Jahr in Genf gewesen. Damals hatte er mit einer Delegation russischer Wissenschaftler die Anlagen des CERN besucht und auch die Kaverne mit dem ATLAS Experiment besichtigt. Nur wenige Leute wussten damals von der Anomalie und außer dem Institutsdirektor hatte nur er Kenntnis davon, dass sie zu dieser Zeit vom Konsortium zur Gewinnung von Antimaterie genutzt wurde. Selbst Pjotr Maksimow, Teil der Delegation, wie er sich plötzlich erinnerte, wusste davon nichts.
Dort war ihm ebenfalls eine seltsame, atmosphärische Spannung aufgefallen, die in der Maschinenhalle geherrscht hatte. Außer ihm schien sie niemand registriert zu haben. Sie war nicht so intensiv gewesen wie jetzt, aber … sollte etwa …?
Er reagierte sofort und zückte sein Smartphone. »Geht es los?«, fragte er als erstes, nachdem sich die Verbindung aufgebaut hatte.
»Moment, ich sehe nach. Oh, es scheint, als wären die Detektoren gestört. Ich kümmere mich darum.«
»Die Detektoren sind in Ordnung. Starten Sie sofort Tsarítsa 1!«
Dieses Programm war eine reine Vorsichtsmaßnahme. Er hatte den schweren Unfall beim ersten Öffnen der Anomalie in Genf bereits ins Kalkül gezogen und einen Umkreis von fünfzig Metern um die Stelle, an der sich die neue Pforte bilden sollte, so geplant, dass dort niemand vor Ort sein musste. Außerhalb von Wartungsarbeiten konnte dort alles automatisch erledigt werden.
Jetzt wurde dieser Bereich noch einmal erweitert, alle Mitarbeiter in das oberirdische Kontrollzentrum evakuiert und der Beschleuniger parallel heruntergefahren.
Minuten später landete der Helikopter. Oleg sprintete über das kleine Flugfeld auf den Eingangsbereich zu. Aus der Luft konnte man diesen nicht erkennen, denn er lag tief unter einem Überhang. Niemand hätte hier mehr erwartet als einen der Erkundungsstollen, wie sie regelmäßig in den Untergrund getrieben wurden. Niemand ahnte, dass dahinter Kernforschung auf einem Niveau betrieben wurde, das die Kollegen in Genf und Batavia hätte vor Neid erblassen lassen.
Wenig später betrat er den Kontrollraum. Während ihn der Leiter der Spätschicht informierte, standen sie vor einer Monitorwand, die zeigte, was unten in der inneren Halle geschah. Wie am Beschleuniger in Genf gab es auch hier einen Wald von Detektoren, der sich um eine Stelle im Beschleunigerring gruppierte. In der Mitte dieser Anordnung ließ sich eine massive zylindrische Form erahnen, die allein die Größe eines Tennisplatzes einnahm.
Stefano Magnone, der neue Direktor des CERN, hätte sie vermutlich als eine stark vergrößerte Version der Black Box identifiziert, mit der das Konsortium dort im vergangenen Jahr Antimaterie gewonnen hatte.
Derzeit zeigten die Monitore nur eine Außenansicht des Geräteparks.
»Hat sich in der Kammer schon etwas ereignet? Wie weit sind wir?«
»Sie hatten völlig recht. Bereits kurz vor Ihrer Warnung haben die Detektoren völlig verrückt gespielt. Die meisten maßen plötzlich gar nichts mehr, obwohl der Protonenstrahl bis dahin jede Menge Kollisionen auf dem Target produziert hatte. Kurz darauf haben wir die ersten Zerfälle von Antimaterie gemessen, hauptsächlich Wasserstoff und Helium. Wie Sie vorhergesagt haben, stiegen sie für eine Zeit exponentiell an, aber dann flachte die Kurve schnell ab, sodass es nicht zu einer Antimaterie-Explosion auf dem Target kam. Seither scheint sich eine Art Gleichgewicht eingestellt zu haben. Die Zerfälle befinden sich auf hohem Niveau, aber weit unterhalb der Sicherheitsschwelle, für die die Anlage konzipiert wurde.«
»Okay. Dann sehen wir uns mal an, was wir geschaffen haben. Entfernen Sie das Target und lassen Sie uns einen Blick in die Kammer werfen.«
Es dauerte einige Minuten, in denen das hauchdünne Metallplättchen langsam aus dem Strahlengang des Beschleunigers gezogen wurde. Als die Detektoren nur noch eine geringe Reststrahlung anzeigten, aktivierten sich die Innenkameras. Zentimeterdicke Abschirmungen fuhren beiseite und ein Fenster auf der Monitorwand, das bisher schwarz gewesen war, gab den Blick auf das Innere der Black Box frei.
»Auf den ganzen Monitor!«, befahl Oleg. »Und dimmen Sie die Beleuchtung.«
Im hellen Schein der Lampen konnten sie zunächst nicht viel erkennen. Dann, als das Umgebungslicht im Raum fast erloschen war, zeichnete sich auf dem Bildschirm ein kreisrunder Bereich ab, der bläulich schimmerte und von einem silbernen Ring umgeben war, dessen Kante sich in ständiger Bewegung zu befinden schien.
»Das ist mehr, als ich erwartet hatte«, staunte Oleg.
»Das bläuliche Leuchten, ist das etwa Tscherenkow-Strahlung?«
»So sieht es aus. Wir blicken auf einen echten Ereignishorizont und wir werden die Wunder erforschen, die dahinter auf uns warten.«
Sie verharrten eine ganze Zeit vor der Aufnahme, die im schwachen Licht zwar etwas unscharf und verrauscht wirkte, aber für die Forschung ähnlich bahnbrechende Erkenntnisse produzieren würde, wie es die ersten Nebelkammeraufnahmen von Antiteilchen in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts getan hatten. Oleg konnte sich nicht daran sattsehen.
»Das Bild sieht viel detaillierter aus, als ich erwartet hatte. Wie hoch ist eigentlich die Vergrößerung?«
Der Schichtleiter antwortete stotternd: »Das … das ist … das ist keine Vergrößerung!«
Sah man sich das CERN auf dem Stadtplan an, so erschien es wie ein eigener Stadtteil von Genf. Die Route de Meyrin teilte das Gelände in zwei unterschiedlich große Teile. Auf dem kleineren Teil befanden sich die Gebäude des ATLAS Experiments. Unter ihnen, in 100 m Tiefe, verlief ein Teil des 27 km langen Ringes, in dem Atomteilchen auf beinahe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt wurden. In einer großen Halle zeichneten dort Myriaden von Detektoren akribisch jedes Zerfallsereignis auf, dessen sie habhaft werden konnten.
Es gab mehrere dieser Experimente, die über den Verlauf des Beschleunigerrings verstreut lagen. Insgesamt arbeiteten mehrere tausend Personen hier im Grenzbereich zwischen der Schweiz und Frankreich. Stefano Magnone beging heute seinen letzten Arbeitstag. Die Ereignisse dieses Jahres hatten ihm zugesetzt. Ein fehlgeschlagenes Experiment schlug unabsichtlich eine kleine Pforte in ein Paralleluniversum, in dem alles aus Antimaterie bestand. Dieses Loch im Universum verursachte einen schrecklichen Unfall. Seine Folgen konnte man auch heute spüren, denn der Forschungsbetrieb in der Anlage lief immer noch nicht wieder in normalen Bahnen.
Sein Körper zeigte ihm mittlerweile deutlich, daß er ihn nicht mehr so belasten konnte wie früher. Der Streß in der Zeit, als sie noch einen neuen Antimaterieausbruch befürchten mußten, führte bei ihm zu einer permanenten Magenreizung, die er nur durch intensive ärztliche Behandlung im Griff behielt. So nahm er nach einigem Zögern das Angebot des Instituts an, sich frühverrenten zu lassen. Zudem bot man ihm für sein Ausscheiden eine überraschend hohe Abfindung.
Mike Gorden Der gefrorene Urknall
Ein wenig wunderte er sich, wo das CERN so viel Geld hernahm, aber letzten Endes konnte ihm das auch egal sein. Er hatte Freunde und eine Familie, die ihn viel zu selten sahen und die geradezu begeistert waren, daß er ab nächster Woche zu Hause bleiben durfte. Außerdem lief die Zusammenarbeit mit Dr. Lies, der mittlerweile vom Leiter der Anlage zum Institutsdirektor aufgestiegen war, nach wie vor nicht sonderlich gut.
Er behandelte ihn zwar meistens ausgesucht höflich. Unter der Oberfläche blieb er aber das gleiche Ekel, als das er sich nach dem Ausfall der Institutsleiterin vor einigen Monaten erwiesen hatte. Stefanos Albträume verschwanden mit dem Erlöschen der Dimensionspforte im Detektor wieder, aber wer wußte schon, wie lange das anhielt, sobald Lies das Arbeitstempo wieder anzog.
Nur seine Mitarbeiter taten ihm leid. Er hatte ihnen durch seine unangreifbare Position das Leben etwas leichter machen können. Das fiel jetzt weg. Zum Glück hatte sich ausgerechnet Aurel Favre in den letzten Monaten sehr positiv entwickelt. Er würde nach ihm den Posten des technischen Leiters einnehmen und Stefano konnte sich keine bessere Besetzung vorstellen. Die Erlebnisse, die zu Favres Zusammenbruch geführt hatten, waren vergessen. Er kam jetzt mit allen gut aus, auch mit Dr. Lies, und sein sensationelles Gespür für die Befindlichkeiten des Maschinenparks, der hier unten in der Detektorkammer lief, hatte sich nicht geändert.
Ihm gegenüber saßen gerade Urs, Francine und Jacques. Sie vier waren seit Jahren ein gut eingespieltes Team und verstanden sich auch ohne viele Worte. Sie tranken schweigend ihren Kaffee. Auf dem Tisch stand ein Käsekuchen, den Francine gebacken hatte. Daneben befanden sich ein kleiner Stapel Teller und ein Becher mit Kuchengabeln.
»Wo bleibt Aurel?« brach Jacques das Schweigen. »Ich habe mir extra das Mittagessen verkniffen, als ich gehört habe, daß Du Käsekuchen mitbringst. Jetzt habe ich Hunger.«
»Halte durch«, sagte Francine und fügte mit einem Blick auf sein deutlich spannendes Jackett hinzu: »Du wirst schon bis dahin nicht verhungern.«
Favre kam nach wenigen Minuten mit einem Schreibblock unter dem Arm an, entschuldigte sich fahrig für die Verspätung und setzte sich zu den anderen. Francine schnitt Stücke von ihrem Kuchen ab und verteilte sie in der Runde, bis jeder einen gefüllten Teller vor sich stehen hatte.
»Laßt es euch schmecken«, sagte sie schließlich. »Ich finde es jammerschade, daß Du in Rente gehst, Stefano, aber ich wüßte auch niemanden, der es mehr verdient hätte als Du.« Die anderen nickten und langten zu.
»Danke euch allen«, antwortete der geschmeichelt. »Ich werde das hier vermissen. Auch wenn ich mich zu Hause sicher keine Minute langweilen werde. Wir haben noch viel vor. Eine längere Reise zum Beispiel.«
»Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich euch beneide«, sagte Favre.
»Und ich erst«, ergänzte Francine. »Sag mal, Aurel, ist etwas nicht in Ordnung mit Dir? Du hast seit einigen Tagen rote Augen. Eine Allergie?«
»Es ist nichts. Ich habe schlecht geschlafen. Du hast sicher auch schon die große Einkaufsliste für nächsten Monat bekommen?« Francine nickte.
»Bin ich froh, daß ich mich damit nicht mehr befassen muß«, sagte Stefano. »Mein Internist meinte letzten Monat, daß ich kurz vor einem Magengeschwür stünde und in Zukunft unbedingt ruhiger leben muß. Ich will gar nicht mehr wissen, was Dr. Lies für die nächste Zeit alles plant.«
»Dr. Lies plant in der Tat einiges«, klang es von der Zimmertüre. »Aber es stimmt, daß Sie sich damit nicht mehr belasten müssen, Dr. Magnone. Die Meßwerte im Detektor sind wieder normal und wir können endlich auch im ATLAS neue Experimente durchführen. Natürlich unter Berücksichtigung der Ereignisse des Frühjahrs und mit aller gebührenden Vorsicht.«
Lies trat ein und trug eine Magnumflasche Champagner mit sich, die er mit einem Schwung auf den Tisch stellte, daß die Löffel auf den Untertassen leise klirrten.
»Wir haben doch sicher Gläser hier?« fragte er in die Runde. »Heute wollen wir unseren Monsieur Magnone noch einmal hochleben lassen.«
Urs stand auf und holte sechs Gläser aus der benachbarten Küche. Lies öffnete die Magnum und füllte die Gläser mit ungeahnter Professionalität, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten.
»Zum Wohl«, sagte er, nachdem sie alle angestoßen hatten. »Auf unseren lieben Dr. Magnone, der uns leider verlassen muß. Heute ist Ihr Tag. Genießen Sie ihn!«
Kaum hatten sie angestoßen, hatte er es aber auch schon wieder eilig. »Ich würde gerne noch ein wenig hierbleiben, aber ich muß jetzt zu einer Telefonkonferenz mit einer Investorengruppe. Sie verstehen das doch sicher«, sagte er augenzwinkernd in die Runde und verschwand so lautlos, wie er gekommen war.
Alle saßen verblüfft und wortlos zusammen, bis Francine das Wort ergriff: »Kann es sein, daß er sich wirklich geändert hat?«
»So fröhlich und aufgeräumt wie heute habe ich ihn noch nie gesehen«, fügte Jacques hinzu.
»Vielleicht hat er eingesehen, daß man ein Institut nicht als Alleinherrscher führen kann und gibt sich Mühe.«
»Vielleicht hat er auch nur Kreide gefressen«, sagte Urs.
Der Champagner schmeckte allen. Lies hatte sich nicht lumpen lassen und so hielt die Flasche nicht lange vor. Stefano konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann er zuletzt im Institut so fröhlich gewesen war.
Leicht angeheitert löste sich die Runde nach einer Weile auf. »Leute, ihr wißt, daß ihr viel mehr für mich seid als nur Teamkollegen. Ihr seid über die Jahre meine Freunde geworden. Du auch, Aurel!« sagte er einem sichtlich überraschten Favre. »Darum fällt es mir auch wirklich schwer, zu gehen. Aber es muß sein. Es war eine schöne Zeit mit euch, aber ich habe jetzt einen neuen Lebensabschnitt vor mir, auf den ich mich freue. Ich hoffe, daß wir uns bald einmal wiedersehen.«
Beifälliges Nicken in der Runde zeigte ihm, daß er allen aus der Seele gesprochen hatte. Stefano umarmte jeden einzelnen zum Abschied herzlich und verließ danach beschwingt den Raum. Er fuhr zum letzten Mal mit dem Aufzug nach oben, spazierte durch die Halle, nickte den Wachmännern zu und ging über den Parkplatz zu seinem Wagen. »Francine, meinst Du, ich darf noch ein Stückchen von Deinem Käsekuchen essen?« fragte Jacques unten.
Kapitel 1. Mike (01.01.2017)
Mike Peters stand vor einem Abzug, in dem sein Experiment lief. Die Vorbereitungen dafür kosteten ihn den ganzen Vormittag und so hatten sie bereits Nachmittag, als er den Temperaturregler des Heizpilzes endlich hochdrehen konnte. Er kochte einen Grignard und wartete, daß der ansprang. Aber die Magnesiumspäne glänzten und glitzerten nur im Schein des Halogenstrahlers und machten keine Anstalten, sich mit dem Reagenz zu verbinden.
Er schwitzte. Etwas stimmte mit der Klimaanlage nicht. Er schob in Gedanken seine Schutzbrille nach oben, damit sie nicht von innen beschlug und stellte den Magnetrührer eine Stufe höher. Die einzelnen Späne konnte er jetzt kaum noch erkennen. Die ganze Flüssigkeit glänzte, als handele es sich um Quecksilber. Der Rotationstrichter in der Mitte des Kolbens vertiefte sich. Kein Erfolg.
Er erinnerte sich an eine Aphorismensammlung, die im Fachbereich kursierte. Ein kleines Büchlein mit Sprüchen der Professoren, die ein Assistent zusammengetragen hatte und die für jeden Problemfall Aufmunterung versprachen. ‘Ob ein Grignard anspringt oder nicht, das hängt gelegentlich auch vom Stand der Gestirne ab.’ stand dort zu seinem Problem geschrieben. ‘Vielleicht stehen die Gestirne heute ja falsch’, dachte Mike sich und drehte den Temperaturregler des Heizpilzes weiter nach oben.
»Schon wieder ohne Schutzbrille?« erklang eine spöttische Stimme hinter ihm. Mike fuhr zusammen und erblickte Lies, einen der Postdocs, die das Drittsemesterpraktikum im Auftrag eines Organik-Professors durchführten. »Arbeite doch wenigstens hinter der Schutzscheibe!« sagte er, und zog eine in den Abzug eingebaute Plexiglasscheibe nach unten, bis sie sich zwischen Mike und seinem Experiment befand. »So geht das!«
Mike zog die Brille schuldbewußt wieder ins Gesicht. »Wenn Du weiter so herumschleichst und Leute erschreckst, passiert eines Tages wirklich genau der Unfall, den Du mit Deiner Warnung vermeiden willst.«
»Ich bin hier bald weg. Ich habe gerade eine Zusage bekommen. Nächsten Monat fahre ich in die Schweiz. Du aber befindest Dich erst am Anfang Deines Studiums und wenn Du nicht lernst, die Regeln zu befolgen, wirst Du nicht weit kommen.«
Mike hörte ein leise Zischen und konzentrierte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Grignard. Leider zu spät, denn der war nun doch noch angesprungen. Aufgrund der höheren Temperatur allerdings viel zu schnell. Die Reaktionsflüssigkeit hing zusammen mit einigen, verbliebenen Magnesiumspänen in den Schlangen des Rückflußkühlers und in der Vorlage, in der sich eigentlich nur das spätere Reaktionsprodukt hätte sammeln sollen. Er hatte heute also umsonst gearbeitet. Morgen würde er einen neuen Ansatz starten müssen, um das Praktikum erfolgreich zu absolvieren. Vorher mußte er alles putzen und trocknen. Sorgfältig und lange.
»Danke!« sagte er frustriert und drehte sich wieder um. Lies hatte sich aber schon wieder entfernt. Genauso lautlos, wie er plötzlich hinter ihm gestanden hatte.
Mike erwachte und rieb sich die Augen. Ein gräulicher Lichtbrei drang durch die dicht geschlossenen Vorhänge. Draußen mußte bereits heller Tag sein. Es dauerte ein wenig, bis er erkannte, daß er zu Hause in seinem Bett lag. Gelegentlich suchten ihn immer noch diese Erinnerungsschübe heim.
Es handelte sich dabei um Nachwirkungen eines nicht dreidimensionalen Panoramas, das er sich vor gut einem halben Jahr angesehen hatte und dessen verstörenden Anblick seine Gehirnzellen nur mittelgut vertragen hatten. Von Zeit zu Zeit rächten sie sich bei ihm und schickten ihm Erinnerungen an unangenehme Situationen, von denen er gehofft hatte, sie niemals wieder erleben zu müssen.
In den letzten Monaten kamen diese Schübe seltener, so daß ihn dieser jetzt kalt erwischt hatte. Bestimmt war die Silvesterparty im Cox am vergangenen Abend schuld. Es ging hoch her und sie alle hatten den Abend über einiges getrunken. Der Mitternachtschampagner aufs Haus vertrug sich nicht gut mit den Bieren, die Mike bis dahin trank.
Danach zogen sie um die Häuser. Er erinnerte sich, daß er sehr eng mit einer Dragqueen tanzte, die ihn auf ihren Highheels um gut einen Kopf überragte, obwohl er wirklich nicht klein war. Hatte er Martin und Marie wirklich Hand in Hand an der Tanzfläche gesehen? Er bedauerte, daß Maurice sich von dieser Art Veranstaltungen immer fernhielt. Er tanzte viel lieber mit ihm.
Mehrere Nummern später ertönten die ersten Klänge von ‘Salma Ya Salama’ und einige arabisch kostümierte Go-Go-Tänzer stürmten die Bühne über der Tanzfläche. Die Stimmung im Club war am Überkochen und Mike verausgabte sich beim Tanz völlig.
Dann stand plötzlich dieser zartgliedrige, verhuschte Junge vor ihm. Mike erinnerte sich gut. Es handelte sich bei Gilles eigentlich um einen Bekannten von Maurice. Er arbeitete in der IT der Polizei und sie kannten sich vom Sehen. Offiziell bekam er erst mit ihm zu tun, als er Sébastien Girouds Notebook aus der Forensik abgeholt hatte.
Bei Sébastien hatte es sich um seinen engsten und eigentlich einzigen Freund gehandelt. Sie kannten sich aus ihrer Studienzeit. Er wurde im vergangenen Jahr ermordet und sein Tod nahm Mike sehr mit. Im Zuge der polizeilichen Untersuchungen geriet er kurzzeitig ins Visier der Ermittler und lernte dabei Maurice kennen. Sébastien hatte Mike zum Vollstrecker seines digitalen Testaments eingesetzt, so daß er nach Abschluß der Untersuchungen sein persönliches Notebook erhielt.
Mike flirtete beim Abholen des Geräts ein wenig mit Gilles und der hatte ihm daraufhin seine Handynummer zugesteckt. Danach telefonierten sie einige Male. Eigentlich fand Mike ihn zu schüchtern und eher ein bißchen langweilig. Gestern abend war Gilles aber wie ausgewechselt, redete wie ein Wasserfall und wich ihm nicht von der Seite.
Und jetzt hatten sie Neujahr und er konnte ausschlafen. Sie konnten ausschlafen. Mike drehte sich noch einmal im Bett um und umarmte den Körper, der neben ihm schlief. »Guten Morgen Gilles«, sagte er zärtlich. »Ein frohes neues Jahr!«
Kapitel 2. Martin (02.01.2017)
Die Dunkelheit draußen begann gerade, einem kraftlosen Grau zu weichen, das die Umgebung mehr zukleisterte als erhellte. Martin Moser ging durch die Redaktion des ‘Magazine de la Science’, einer populärwissenschaftlichen Monatszeitschrift, und leerte die kleinen Papierkörbe an den Arbeitsplätzen in einen großen Müllsack. Die Putzkolonne hatte es in der Nacht wohl besonders eilig gehabt. Als ausgesprochener Morgenmensch entfaltete er seine größte Produktivität, wenn er allein war. Deshalb begann er seinen Tag gerne vor allen anderen.
Er hatte unlängst eine halbe Stelle bekommen und arbeitete jetzt als Schnittstelle zwischen dem ‘Magazine’ und einer Reihe von Forschern. Klotho Papantoniou, die Leiterin einer geheimen Organisation von Wissenschaftlern mit dem erklärten Ziel, die Menschheit vor sich selbst zu schützen, löste damit ein Versprechen ein, das sie im letzten Jahr Mike Peters, seinem Chef gegeben hatte.
Sein Team und Moíra, so hieß die Organisation, hatten mit vereinten Kräften einen katastrophalen Unfall am Large Hadron Collider im CERN verhindern können.Mike Peters hatte dadurch eine Art Vertrauensstatus für diese Organisation erlangt und erhielt von Zeit zu Zeit Informationen über sensible Forschungen.
Nicht alle dieser Forschungen führten auch zu Artikeln, die es bis in die Printversion schafften. Einiges hielt man für zu komplex für die Leser des ‘Magazine’, und plazierte sie in speziellen Fachmagazinen. Andere Themen erwiesen sich als zu brisant, um sie gleich zu veröffentlichen. Unterm Strich konnten sie aber genügend publizieren, um die Verlagsleitung bei Laune und seinen Arbeitsplatz sicher zu halten.
Martin hatte die Aufgabe, diese Kontakte zu koordinieren. Viele dieser Wissenschaftler lebten in Ländern, die die Freiheit der Forschung einschränkten. Wenn sie sich am wissenschaftlichen Diskurs in ihren Fachgebieten beteiligen wollten, konnten sie das nicht auf öffentlichen Wegen tun. Martin schrieb viele Mails, warb um Vertrauen, stellte anonyme Postfächer bereit, organisierte verschlüsselten Speicherplatz auf den Servern von Moíra, auf dem die Forscher ihre Arbeiten ablegen und sich austauschen konnten und hielt Mike über die Ergebnisse auf dem Laufenden.
Er hatte jetzt Zeit und Geld, um ein wenig Sport zu treiben, und wirkte wesentlich reifer und erwachsener als früher. Seine Haut war reiner und man hatte ihn sogar schon einmal laut lachen gehört. Schüchtern verhielt er sich immer noch, aber innerhalb des Redaktionsteams galt er als vollwertiger Mitarbeiter und alle erkannten seine Leistungen an.
Marie Bouesnard erschien im Eingang des Großraumbüros, in dem sich ihre Arbeitsplätze befanden. Sie trug eine große Einkaufstasche und schien etwas außer Atem zu sein. Ihr sonst immer perfektes Makeup konnte selbst nach einem Tag die Spuren der Neujahrsnacht nicht ganz verdecken. Am Silvesterabend unternahmen sie alle mit Mike und einigen seiner Freunde im Marais etwas und draußen wurde es bereits hell, als er wieder nach Hause kam.
Martin und Marie kamen sich in den letzten Monaten näher. Ihr berufliches Verhältnis hatte sich zu einer engen Freundschaft gewandelt. Martin glaubte sich zu erinnern, daß sie frühmorgens sehr eng miteinander getanzt hatten. Vielleicht handelte es sich dabei aber auch um Wunschdenken, denn über die letzten Stunden der Nacht hatte der Alkohol einen Schleier des Vergessens gezogen.
»Coucou Martin!« rief sie ihm fröhlich entgegen. »Ist sonst schon jemand da?«
»Salut Marie«, antwortete Martin im gleichen Tonfall, der ihm immer noch schwerfiel. »Wir sind die ersten. Wie immer.«
»Sehr gut. Ich habe nämlich Croissants eingekauft und möchte sie unauffällig in Mikes Büro aufbauen.«
»Eine gute Idee!« sagte Martin erfreut und Marie verschwand im Büro.
»Bring schon mal die Kaffeemaschine zum Laufen«, rief sie ihm durch die halb geöffnete Tür zu.
Er folgte ihrer Bitte. Den Job machte er sogar besonders gerne. Die Verlagsleitung hatte dem Büro nämlich zu Weihnachten einen Kaffeevollautomaten spendiert, der sich auf dem heutigen Stand der Technik befand und seinen Namen verdiente. Chromglänzend stand er auf der Arbeitsfläche der Büroküche und war darauf programmiert, auf Knopfdruck etwa ein Dutzend Kaffee-, Tee- und Kakaospezialitäten zuzubereiten. Kein Vergleich zu der bitteren, schwarzen Brühe, die sein vorsintflutlicher Vorgänger in Plastikbecher ausgespien hatte.
Er schaltete die Maschine ein und beobachtete fasziniert die vielen Blinklichter, die nacheinander aufleuchteten, während sich die Maschine aufheizte. Er drehte den Wasserhahn wieder auf und kontrollierte den Füllstand der Kaffeebohnen, die jetzt für jeden Becher frisch gemahlen wurden. Eigentlich wäre das Aufgabe der Praktikanten gewesen, aber Martin störte sich nicht daran.
Vor gar nicht so langer Zeit war er selbst noch einer gewesen. Daß er heute nicht wieder auf der Straße stand, wie seine damaligen Praktikumsgenossen, verdankte er nur einer Reihe von Zufällen und seinen Beziehungen zu einer Gruppe von Hackern. Nur mit ihrer Hilfe hatten sie bei der großen Krise am CERN im vergangenen Jahr in die dortigen Systeme eindringen und einen vorzeitigen Neustart des Beschleunigers unterbinden können.
Die nächsten Gesichter erschienen zwischen den Schreibtischen. Auch die anderen Bereiche der Redaktion kamen jetzt zur Arbeit, die meisten mehr oder weniger verkatert von den vergangenen Feierlichkeiten. Beatrice Rousseau aus der Archäologie trug eine überdimensionale Sonnenbrille und bemühte sich, von möglichst wenigen Leuten gesehen zu werden. Als Marie ihr ein lautes »Coucou, ma Chérie! Gehen wir heute als Elton John?« entgegenschmetterte, zuckte sie gequält zusammen und verschwand mit verblüffender Geschwindigkeit hinter ihrem Rechner.
Zwei Personen schienen neu hier zu sein. Sie standen einige Zeit unsicher im Eingangsbereich herum. Martin erkannte sie als die beiden neuen Praktikanten, die heute ihren ersten Arbeitstag hatten. Er ging auf sie zu.
»Willkommen im Team!« begrüßte er sie. Er führte die beiden, die sich ihm als Guillaume Garçon und Emil Rotik vorstellten, zu ihren neuen Arbeitsplätzen und wies sie ein.
Guillaume wirkte ein wenig zappelig und nervös, was auch seinem hageren Körperbau und den langen Gliedmaßen geschuldet war. Martin beschäftigte sich zuerst mit ihm. Er stellte ihm beiläufig einige technische Fragen und die Antworten stellten ihn zufrieden.
»Ich will etwas mit IT studieren, hab aber in diesem Jahr keinen Studienplatz bekommen«, sagte er, als er seinen Rechner hochfuhr. Martin konnte von oben auf seinen Kopf sehen und war für einen Moment fasziniert von den blonden Haaren, die so hell aussahen, daß sie fast transparent wirkten und man meinte, durch sie hindurch auf seine Kopfhaut blicken zu können.
»Du wirst sehen, daß Du hier etwas nützliches mit Deiner Zeit anfangen kannst«, antwortete er. »Unser Netzwerk ist nicht ganz unkompliziert und Leute, die zwischendurch auch mal ein paar Zeilen Code schreiben können sind bei uns besonders willkommen.«
Guillaume selbst stellte auch Fragen zur Struktur des Netzwerks in der Redaktion. Er wirkte auf Martin wach und interessiert und war nicht auf den Mund gefallen. Er würde sich bestimmt nützlich machen können.
Kleiner und kompakter stand Emil neben ihm. »Ich stamme aus Brno«, sagte er und rollte das ‘r’ dabei so, daß Martin keinerlei Zweifel an seiner tschechischen Herkunft hatte.
»Ich bin eigentlich Grafiker, auch kein schlechter, aber ich gehöre nun mal zur … wie sagt ihr … ‘Generation Praktikum’?«
Da jetzt auch Mike auftauchte, nahm Martin sie gleich mit in dessen Büro. »Was auch immer ihr hört, redet ihn bitte immer mit ‘Mike’ an, niemals mit ‘Michel’, wenn euch euer Leben lieb ist«, sagte er unterwegs halb im Scherz zu den beiden. Mike redete nie darüber, warum er seinen wirklichen Vornamen nicht mochte, aber er reagierte meist ziemlich humorlos, wenn man ihn so nannte. Martin geriet vor einiger Zeit auf diese Art auch einmal in seine Schußlinie und erinnerte sich nicht gerne an diesen Abend.
Mike holte aus dem kleinen Kühlschrank, den sie im letzten Jahr gekauft hatten, zwei Flaschen Champagner. Passende Gläser dafür gab es nicht und so mußten sie sich mit dem Restbestand Plastikbecher aus dem alten Kaffeeautomaten behelfen. Das störte aber niemanden.
Nachdem er den Champagner eingegossen hatte und sich alle ein frohes neues Jahr wünschten, hielt Mike eine kleine Begrüßungsansprache und bezog die beiden neuen Praktikanten gleich mit ein, die zu Beginn noch etwas verloren in einer Ecke standen.
»Ihr seid hier zunächst nur auf Zeit«, sagte er zu ihnen. »Aber während dieser Zeit seid ihr Teil eines Teams. Ein Team, dessen Aufgabe es ist, jeden Monat einige spannende und gut recherchierte Artikel für das ‘Magazine’ beizusteuern. Jeder von uns hat besondere Fähigkeiten, aber nur gemeinsam schaffen wir es, ein konstant gutes Ergebnis abzuliefern.«
Guillaume und Emil nickten. »Ihr werdet euch in den nächsten Tagen in der Gruppe umsehen. Zusammen werden wir herausfinden, wo und wie ihr euch am besten einbringen könnt. Danach werdet ihr einem von uns zugeteilt. Wenn es euch hier gefällt, wenn ihr gut seid und euch unentbehrlich macht … fragt Martin. Der hat es geschafft.«
Martin fühlte sich plötzlich unwohl. Als Vorbild fand er sich nicht sonderlich geeignet und er hätte sich jetzt am liebsten hinter seinen Rechner zurückgezogen. Aber Mike sagte die Wahrheit. Er hatte sich hier wirklich unentbehrlich gemacht und dabei gelernt, Verantwortung zu übernehmen.
»Sieht so aus, als hättest Du die beiden in den nächsten Tagen an der Backe«, neckte ihn Marie, als sie wahrnahm, daß die beiden Neuen ihre Aufmerksamkeit nun auf ihn fokussierten.
»Keine Sorge, wir lassen Dich nicht hängen«, sagte Mike freundlich. »Finde einfach heraus, was die Jungs können und reiche sie dann einem von uns weiter. Martha, unsere Bildredakteurin«, Mike blickte dabei auf eine rundliche, farbige Dame, die in der Runde saß, »beklagt sich beispielsweise seit Monaten, daß ihr die Bildrecherche zu viel wird, seit unsere Produktivität im letzten Jahr so gestiegen ist.«
Martha nickte eifrig. »So, und nun langt zu. Marie, Du hast uns einen prima Start ins neue Jahr verschafft. Das werden wir Dir nicht vergessen!«
»Ich werde Dich dran erinnern, wenn ich hier das nächste Mal am Wochenende auflaufen muß, mon cher Michel«, kicherte Marie und Mike seufzte.
»Also ich finde, Michel ist ein schöner Name«, sagte Guillaume. »Meine Maman war ja so fantasielos!« Er stockte abrupt, als ihm das eisige Schweigen in der Gruppe auffiel. Dann schlug er sich dramatisch die Hände vors Gesicht.
»Oh, mon dieu! Ich muß mal eben … für kleine Königstiger«, hörten sie noch. Dann klappte die Bürotür hinter ihm.
»Ich habe das Gefühl, hier sind Homosexuelle im Saal.« Mit dieser Bemerkung rettete Marie die Situation und alles löste sich in fröhlichem Gelächter auf.
»Womit das geklärt wäre.« Selbst Mike mußte lachen.
»War ich damals auch so leicht zu durchschauen?« fragte er später im Gedanken an seinen eigenen ersten Tag in dieser Gruppe.
»Viel leichter.« Marie legte verschwörerisch einen Finger über ihre Lippen.
»Ich muß an mir arbeiten.«
Kapitel 3. Maurice (02.01.2017)
Maurice saß in einer Shishabar in Saint Denis und trank einen gewürzten Tee. Die Bar lag nur einige Straßen entfernt von dem Viertel, in dem er aufgewachsen war. Draußen gingen gerade die Laternen an. Der Barmann hatte das Licht gedimmt, so daß man trotz des Dunstes im Laden durch die großen Fensterfronten die Straße beobachten konnte.
Die Straßenlaternen offenbarten ihm ein ödes Panorama. Nur wenige Leute – meist handelte es sich um Männer – trauten sich bei Dunkelheit noch auf die Straße. Bei den Hochhausblöcken auf der anderen Straßenseite hatte es sich früher einmal um zeitgemäße und moderne Wohnanlagen gehandelt. Nach einigen Jahrzehnten ohne jegliche Renovierung verströmten die Plattenbauten mit ihren winzigen Appartementzellen aber einen eher morbiden Charme.
Die meisten trugen auf ihrem Balkon eine Satellitenschüssel, so daß im Halbdunkel der Laternen und der Lichter in den Fenstern der Eindruck entstand, als wären die ganzen Blöcke über und über von einem monströsen Pilz überwuchert. Maurice besuchte diesen Laden heute nicht wegen des Ausblicks.
Ihm gegenüber saß Tahir Habib, ein Bekannter aus den Jahren, in denen er hier noch gelebt hatte. Tahir sah auch heute noch gut aus. Er lachte viel und seine Augen strahlten dabei, so daß sich jeder in seiner Gegenwart wohl fühlte. Maurice erinnerte sich, daß er ihn für kurze Zeit sogar geil gefunden hatte, als sie im selben Studio trainiert hatten.
Mittlerweile hatte aber ein geregeltes Eheleben seine Spuren hinterlassen. Sein Leib und auch seine Gesichtszüge bekamen Fülle und er bewegte sich gemächlicher als früher. Dennoch – wenn er einen seiner Witze riß und ihn dabei frech angrinste – fühlte Maurice sich um viele Jahre zurückversetzt in die Zeiten, in denen sie an jedem Wochenende zusammen um die Häuser zogen.
»Du solltest uns mal wieder besuchen, Rice«, sagte Tahir gerade zu ihm. »Nadine würde Dich gern kennenlernen. Ich hab ihr viel von unsern gemeinsamen Zeiten erzählt.«
Maurice zuckte zusammen, als er den Spitznamen hörte, mit dem man ihn damals immer gerufen hatte. »Ja, unsere Zeiten warn echt die besten. Du und ich im Sportstudio. Ich hab Deine Gewichte halten müssen. Hab mich echt zu lange in Paris verkrochen. Wird Zeit, daß sich das ändert. Ich hab das hier vermißt.«
»Ich Dich auch. Das Sportstudio hatt ich verdrängt. Aber es hat immer Spaß gemacht, mit Dir auf die Piste zu gehn, als Du Deine erste eigene Bude hattest. Wo wohnste jetzt eigentlich?«
»Der Name Nadine klingt aber nich, als hätt Dein Vater die Frau für Dich ausgesucht.« Maurice tat so, als hätte er die Frage nicht gehört.
»Natürlich nich. Du hättest seinen Blick sehn sollen, als ich sie ihm vorgestellt hab. Aber ich bin rechtzeitig bei ihm ausgezogen. Hab nen Job gefunden in nem Callcenter. Für ne kleine Wohnung hier reichts und Nadine verdient auch noch was dazu.«
Tahir sprach manche Worte noch wie ein Banlieusard, ein Akzent, den auch Maurice mit der Muttermilch aufgesogen hatte. Seit er im Marais arbeitete, hörte er ihn nur noch selten.
»Guter Mann!« sagte er anerkennend zu Tahir. »Ich find auch, daß Ehe was mit Liebe zu tun haben sollte, und nicht mit religiösen Vorschriften, die seit Jahrhunderten keiner mehr versteht.«
Maurice lehnte sich mit dieser Bemerkung ziemlich weit aus dem Fenster. Immerhin war Tahir sicherlich Moslem und erwartete das auch von ihm. Er tippte aber darauf, daß sein Gegenüber eine eher liberale Einstellung dazu hatte, wenn er schon wegen seiner Frau einen Bruch mit dem Elternhaus riskierte. Außerdem hatte ihre Unterhaltung sowieso nur dann Sinn, wenn er mit ihm zumindest auf dieser Ebene offen sprechen konnte.
Tahir lachte nur kurz auf. »Recht haste. Du mußtest Dich im letzten Sommer auch Deiner Haut wehren, hab ich gehört. Dein Vater hatte doch nen richtig großes Ding mit Dir geplant, als Du im Krankenhaus lagst. Das hat hier ordentlich Wellen geschlagen, als er unverrichteter Dinge wieder abziehn mußte.«
Damit hatte Maurice die Klippe umschifft. Er hakte diesen Punkt innerlich ab und lächelte dann gequält, bevor er Tahir antwortete: »Das war verflixt knapp. Gut, daß ich Freunde hab, die mir damals geholfen haben, sie abzuwimmeln. Außerdem steh ich nicht so auf Frauen.«
»Das hab ich mir früher schon gedacht. Du warst zu schüchtern mit den Mädels. Was haste seinerzeit eigentlich genau mit Marlon angestellt? Der hat mich regelmäßig abgezogen und weil er mich mit etwas erpreßt hat, konnt ich mich auch nich richtig wehren gegen ihn. Von einem auf den andern Tag hat er mich in Ruh gelassen und ich hatt immer den Verdacht, daß Du Deine Finger im Spiel hattest.«
»Das willste nich wissen. Glaub mir. Womit hat er Dich denn erpreßt?«
»Ach, es war nix. Dein Vater ist jedenfalls stocksauer wegen der abgesagten Hochzeit. Solltest Dich dort besser nicht mehr sehen lassen. Ich hab mitbekommen, daß Deine Brüder Dich suchen und zur Rede stellen wollen.«
»Meine Brüder können mich mal.«
»Nimm das nicht auf die leichte Schulter, Rice!« Tahir blickte plötzlich sehr ernst. »Ich seh Dir an, daß Du Dich Deiner Haut wehren kannst. Aber gegen nen Messer im Dunkeln bist auch Du machtlos. Treib Dich lieber nicht zu oft hier in den Vorstädten rum. «
Maurice wußte aus eigener Erfahrung, wie machtlos er gegen einen Messerstich war, der unerwartet kam. »Ich seh mich schon vor. Wollt auch nur ein bißchen über alte Zeiten reden. Ist lange her, daß ich zuletzt hier war. Was machen eigentlich Omar und seine Gang? Dealen die immer noch mit allem, das sich nicht wehrt?«
»Omar is ne ziemliche Nummer geworden in den letzten Jahren.« Tahir schien der Themenwechsel eher unangenehm zu sein. »Der kontrolliert den Handel in einigen Straßen hier und einige Mädels hat er auch laufen. Hier in Saint-Denis und im Achtzehnten am Boulevard Barbès. Noch einer, vor dem Du Dich vorsehen mußt. Omar ist nachtragend und hat nicht vergessen, was Du damals mit Marlon gemacht hast. Was immer es war. Der war nämlich in seiner Gang. Außerdem biste jetzt Pariser. Damit haste eh nen schweren Stand.«
»Omar hat keine Beweise, daß ichs war. Schon gar nicht jetzt, wo die Sau sitzt.«
»Beweise haben Omar immer herzlich wenig interessiert. Ich warn Dich: Laß Dich nich mit ihm ein!«
»Und die andern Jungs aus unserer Schulzeit, was haben die gemacht?«
»Die meisten sind in Omars Gang. Ein, zwei Streber sind nach Paris gegangen. So wie Du.« Dabei zwinkerte Tahir ihm zu und Maurice grinste linkisch zurück. »Fast alle Mädchen haben geheiratet und stehn jetzt irgendwo in den umliegenden Wohnblöcken hinterm Herd. Nur zwei sind nicht mehr hier, aber die waren auch häßlich wie die Nacht. Wahrscheinlich warnse gefrustet, weil sie keiner wollte.«
Maurice war unangenehm berührt, entschloß sich aber, nichts draus zu machen. »Weißte, wo man Omar jetzt finden kann?« fragte er Tahir noch.
»Er hat nen Club draußen in Val-d’oise.« Tahir nannte eine Adresse. »Da hängt er meist rum. Aber ich hab Dich gewarnt. Das ist ne ganz eigene Welt. Nicht mal die Flics trauen sich dorthin!«
»Ich hab schon gehört, daß man sich von der Gegend besser fernhält. Und auch im Achtzehnten gehen komische Dinge vor. Haben da nich am Wochenende wieder Autos gebrannt bei Stalingrad, nachdem die Flics dort Leute verhaftet hatten?«
»Genau. Und man sagt, daß Omar dabei seine Finger im Spiel hatte. Wie bei fast allem, was da an Scheiße passiert. Der, den sie tot in einem der Autos gefunden haben … wer weiß, wer weiß.«
Maurice horchte auf. »Weißte mehr darüber?«
»Nein, nein. Hab eh grad zuviel gesagt. Über sowas redet man nich an Plätzen, wo die Wände Ohren haben.«
Maurice zahlte seinen Tee. »Hab verstanden und werd mich vorsehn. Danke, Tahir. Bist nen echten Freund. Ich freu mich, daß wir uns wieder getroffen haben. Und grüß Nadine von mir. Unbekannterweise.«
»Mach ich«, antwortete Tahir und umarmte Maurice herzlich. »Und meld Dich mal wieder, Rice. Wies Dir ergangen ist und so. Meine Einladung steht!«
»Ich versuchs.«
Maurice verließ die Bar. Tahir sah ihm noch eine Weile nach. Als er um die nächste Ecke verschwunden war, zog er sein Handy und wählte eine Nummer. »Rice ist wieder im Lande«, sagte er, als die Leitung stand. »Genau, der Rice.«
»Es ist absolut erstaunlich, wie jung Sie sind«, sagte sein Gegenüber. »Würde ich es nicht besser wissen, hätte ich Probleme zu glauben, dass Sie schon volljährig sind.«
»Ich bin Zweiunddreißig«, antwortete Leblanc. »Und es ist mir egal, ob Sie mir das glauben. Sie sind schließlich nicht hier, weil Sie einen Lustknaben suchen. Oder habe ich Ihr Angebot da falsch verstanden?«
Der Mann machte eine heftige Armbewegung, behielt aber die Fassung. »Werden Sie nicht frech, oder ich nehme Sie beim Wort.«
Mit einem »Schon gut. Meine Qualitäten befinden sich zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen«, überspielte Leblanc seine Unsicherheit.
»Das weiß ich. Meine Frage ist: Können Sie auch liefern, bevor die Wahlkämpfe für 2017 beginnen? Der ‘Boulevard Atlantique’ benötigt etwas Vorlauf, um die Daten auszuwerten.«
»Lassen Sie Ihre Leute schon mal die Auswertungen schreiben.«
Sein Verhandlungspartner wirkte nicht wie ein Sympathieträger, aber da konnte er mithalten. Soziale Interaktionen hatten dem eigenen Vorteil untergeordnet zu sein. Er konnte schon als Kind nicht den Sinn von Konzepten wie ‘Freundschaft’ oder gar ‘Liebe’ erfassen und verhielt sich in jeder Situation rein opportunistisch. Damit hatte er zwar alle seine selbst gesteckten Ziele erreicht, entwickelte sich aber zu einem sehr einsamen Menschen. Nicht, dass ihn das gestört hätte. Leblanc tat eben, was getan werden mußte, um Leblanc auf seinem Weg voranzubringen. Ohne Rücksicht und ohne Skrupel.
»Die Auswertung meiner Daten wird einige Zeit in Anspruch nehmen«, fuhr er fort. »In einigen Monaten erhalten Sie die ersten Lieferungen und können damit beginnen, die Social Media in Frankreich nach den Vorstellungen Ihrer Auftraggeber zu beeinflussen. Der Front National wird begeistert sein.«
»Wie kommen Sie auf die Idee, der ‘Boulevard Atlantique’ würde Aufträge vom Front National entgegennehmen? Das ist eine absurde Unterstellung.«
Die Entgegnung kam ein wenig zu schnell und scharf, wie ein oft einstudierter Reflex.
»Wie Sie meinen. Das spielt auch keine Rolle, solange Ihre Bezahlung stimmt.«
»Sie werden zufrieden sein, wenn wir es sind.« Die Diktion des anderen klang monoton, so als hätte er als Kind an einem Sprachfehler gelitten, den er nur mit therapeutischer Hilfe bewältigen konnte. »Die besprochene Anzahlung wird Ihnen noch heute in Bitcoin zugehen. Hoffentlich sind Ihre Daten seriöser als diese neue ‘Währung’.«
»Sie werden finden, dass Ihre Investitionen bei mir gut angelegt sind. Niemand anderes besitzt Zugang zu solchen Daten und ist gewillt, diesen mit Ihnen zu teilen.«
»Ich darf aber im übrigen davon ausgehen, dass Sie dieses einmalige Angebot nur uns machen. Mein Auftraggeber liebt keine Überraschungen und neigt dann zu unüberlegten Reaktionen.«
»Ich verstehe. Diese fetten Kaufleute in den Chefetagen wissen gar nicht, auf was für einem Schatz sie sitzen.«
»Und sie werden es auch nie erfahren, wenn es nach uns geht. Wie ich sehe, haben wir uns verstanden. Noch etwas: sollte bei Ihren ‘Ausarbeitungen’ etwas schieflaufen, werden wir jede Verbindung zu Ihnen abstreiten.«
»Ich weiß mich schon meiner Haut zu wehren.« Leblanc lächelte kalt. Er hatte – und der andere wußte das – keine Hemmungen, anderen weh zu tun. Seelisch und körperlich. Hauptsache, es brachte ihn selbst voran.
»Ihr Ruf ist Ihnen bereits vorausgeeilt.«
»Dann sind wir uns einig?«
»Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit mit der ersten Lieferung. Der ‘Boulevard Atlantique’ wartet nicht gerne.« Der Mann zahlte seine Schokolade mit behandschuhten Händen und verschwand wortlos aus dem kleinen Bistro in der Seitenstraße. Leblanc tat dasselbe. Er zog aus seiner Tasche einen Streifen Kaugummi, wickelte ihn aus, warf das Papier achtlos weg und schob ihn sich zwischen die schmalen Lippen. Dann schlenderte er kauend die Champs-Élysées in entgegengesetzter Richtung hinunter und lächelte dabei, als hätte er sich soeben mit einem guten Freund getroffen.
Mike Gorden: Gefahr von der anderen Seite – Das Universum im Tautropfen (Cover)
Kapitel 2. CERN (03.05.2016)
Doktor Jürg Sellmann hatte heute das Gefühl, außerhalb seines Körpers zu stehen. Eine seltsame Spannung lag in der Luft, wie er sie seit seinem Arbeitsantritt vor acht Jahren noch nicht erlebt hatte. Dabei lief doch alles nach Plan.
Vielleicht kam dieses komische Gefühl daher, dass er in der vergangenen Nacht so furchtbar geträumt hatte. Er befand sich im ATLAS Detektor des LHC. Es war furchtbar heiß. Der riesige Zylinder der Detektorkammer pulsierte hypnotisch im Rhythmus der Maschinen. Er betrachtete fasziniert dieses Pulsieren, das ihm vorher noch nie aufgefallen war. Die Luft um die Kammer herum flirrte vor Hitze und die Oberfläche der Detektorkammer spiegelte wie eine Landstraße in der Mittagssonne.
Das Pulsieren wurde stärker und stärker. Fast, als wäre die Kammer ein Lebewesen. Dann wurde sie plötzlich durchscheinend in der Hitze. Er konnte durch die massive Wand in ihr Inneres sehen. Dieses war leer, nicht von zahllosen Schichten von Kühlschlangen, Leitungen und Detektoren erfüllt, wie es eigentlich sein sollte. In der Mitte schwebte eine kleine, silberne Kugel, deren Oberfläche ebenfalls im Rhythmus des Ganzen mit pulsierte. Sie sah aus wie ein einziger, übergroßer Tropfen Quecksilber und schien wie von selbst zu wachsen.
Die Wände des Detektors verschwanden ganz und er befand sich allein in der Halle mit dieser metallisch glänzenden Flüssigkeit. Ihre Form veränderte sich, während das Pulsieren gleichzeitig immer langsamer wurde. Die Kugel wandelte sich zu einer furchterregenden Fratze. Sie verließ das ehemalige Zentrum der Kammer und schnappte nach ihm. Er wollte weglaufen, kam aber nicht von der Stelle. Die Umgebung um ihn herum fühlte sich an wie Treibsand. Die Fratze kam immer näher. Er schrie laut auf in Panik. Danach wachte er schweißgebadet auf.
Ein Albtraum. Das passierte einfach von Zeit zu Zeit. Er schälte sich aus den Decken und spürte, dass ihm der Schweiß in einer kleinen Pfütze auf der Brust stand. Nachdem er sich aus dem katatonischen Zustand gelöst hatte, in dem der Traum ihn zurückließ, sah er durch die Vorhänge, dass die Sonne schon aufgegangen war und beschloss aufzustehen. So traf er heute schon um sieben Uhr im Büro ein.
Das Protonen-Kollisions-Experiment lief seit über einer Woche genau im Rahmen seiner Parameter. Er selbst hatte sie mit berechnet. Tag für Tag pumpten sie Energie in das Synchrotron. Kollisionen von Atomkernen im Höchstenergiebereich erwiesen sich als Jungbrunnen für die physikalische Grundlagenforschung. Erst vor wenigen Jahren wurde genau hier das Higgs-Teilchen nachgewiesen und das Standardmodell so glänzend bestätigt.
Jetzt wollten sie darüber hinaus. Irgendwo dort draußen lauerten Bestätigungen für verschiedene Theorien. Oder eben nicht, wenn sie nichts fanden. Seit Jahren untersuchte eine der am CERN beteiligten Organisationen das Verhalten der Atome bei hohen und höchsten Energien. In diesem Jahr hatten sie Meßzeit auf dem Large Hadron Collider bekommen und die durften sie nicht vergeuden. Seit dem Neustart des Systems nach der Winterpause beschossen sie eine nur 100 µm dicke Folie aus Platin mit Protonen ständig wachsender Energie. Traf solch ein fast lichtschneller Wasserstoffkern auf einen Atomkern der Platinfolie, zerplatzte dieser und es entstanden große Mengen exotischer Teilchen, deren Zerfallsreaktionen sie emsig studierten.
In den Daten des Vorjahres fanden Sie Hinweise auf eine Anomalie bei einer Teilchenmasse von 750 GeV. Falls sich dahinter ein neues, bisher unentdecktes, Elementarteilchen verbarg, so galt es das jetzt zu verifizieren.
Jürg schrieb an einem Artikel, den er in einigen Wochen zur Veröffentlichung einreichen wollte und sah nebenher die Tabellen durch, die das Netzwerk auf seinen Bildschirm im Büro lieferte. Nichts Auffälliges. Ein bißchen weniger Energieausstoß als sein sollte, aber alles noch im Rahmen der Meßgenauigkeit. Das passierte öfter. Alles im Plan. Auch, dass der Bildschirm zwischendurch kurz schwarz wurde, gehörte dazu. Seine neue USB-Maus meldete sich von Zeit zu Zeit ab und wollte dann vom Betriebssystem wiedergefunden werden.
So früh am Tag brachte er bis auf einen oder zwei Kaffee nichts herunter. Vor allem heute nicht, wo die Nacht solche Spuren hinterlassen hatte. Der Appetit kam erst nach zwei bis drei Stunden. Genau jetzt. Jürg spazierte gemächlich in die Institutskantine und steckte seine Mitarbeiterkarte in den Heißgetränkeautomaten, der mit all seinem blitzenden Chrom ziemlich protzig aussah. Er wählte eine heiße Schokolade, nahm sich einige Stücke Gebäck vom Buffet und setzte sich damit in den fast leeren Pausenraum. Beate, seine Frau, brachte jetzt wohl gerade die Kinder zur Schule. Danach machte sie Homeoffice. Telefonieren mit der Zentrale und mit den Kunden der Bank, für die sie arbeitete.
Sparverträge liefen derzeit wegen der niedrigen Zinsen nicht gut. Aber Immobilien konnte sie gut verkaufen. Wenn ihre Bank denn an welche herankam. Im Großraum Genf gab es nur wenige freie Objekte. Ein komplizierter Markt, den er nie richtig verstanden hatte. Er liebte seine Frau gerade, weil ihr immer wacher Verstand darin aufging.
Heute hatten sie sich zum Mittagessen verabredet. Am Nachmittag gab es nichts für ihn zu tun. Sie würden die Kinder zusammen aus der Schule holen und über die Grenze ins Vitam nach Neydens fahren. Eine Geburtstagsüberraschung für die Jüngste. Ein ruhiger Tag in einer ruhigen Woche. Jürg ließ sich Zeit beim Frühstück und beeilte sich auch auf seinem Rückweg in sein Büro nicht sonderlich.
Ein Fehler, wie sich sofort herausstellte. Als er das Zimmer betrat, sah er schon aus der Entfernung, dass etwas nicht in Ordnung war. Er eilte an die Bildschirme. Die Energiezufuhr durch hochbeschleunigte Protonen war online und befand sich auf stabilem, immer leicht steigendem Niveau. So hatten sie das Experiment geplant. Sie suchten nach ungewöhnlichen Ereignissen in den Myriaden von Kollisionen, die in jeder Sekunde in der Detektorkammer stattfanden.
Er klickte sich durch die Menüs und kontrollierte die Detektoren, die diese Zerfallsereignisse maßen und protokollierten. Die meisten zeigten nicht mehr das übliche Gewimmel verschiedenster Peaks, sondern Nullinien! Der Energieausstoß des Systems hatte sich stark verringert und sank weiter. Nur einige sehr hochenergetische Zerfallsereignisse wurden noch angezeigt.
Wo blieb diese Energie? Die Daten, die ihm der Bildschirm anzeigte, standen in krassem Widerspruch zum Energieerhaltungssatz. Ein Meßfehler? Er wagte sich nicht vorzustellen, was im Speicherring passieren konnte, wenn weiter Energie in ein System gepumpt wurde, das sie nicht vollständig wieder abgab.
Plötzlich poppten Fehlermeldungen auf seinem Bildschirm auf. Die Verbindung in die Kammer schien gestört zu sein. Die Detektoren gingen nacheinander vom Netz. Jürg löste Alarm aus und initiierte eine Notabschaltung.
Der Alarm ging los, aber das System reagierte nicht. Sein Bildschirm wurde wieder schwarz und meldete sich nach einigen Sekunden mit einem Netzwerkfehler. Eigentlich hätte das Beam Protection System bereits ohne sein Zutun vollautomatisch den Protonenstrahl unterbrechen und ihn in den Strahlstopper umleiten müssen, wenn etwas nicht ordnungsgemäß lief. Warum zur Hölle geschah das nicht? Er eilte in den großen Kontrollraum, der einige Zimmer weiter lag. Dort herrschte ebenfalls Unruhe.
»Die Verbindung in die Kammer ist gerade zusammengebrochen. Wir müssen notabschalten! Hat jemand von euch noch Verbindung nach unten? Irgend jemand?«
Er blickte in ratlose Gesichter. Die anderen schienen ebenso überrascht zu sein wie er. Jürg faßte sich als erster. Er mußte nach unten in den Technik-Kontrollraum und das Experiment von Hand beenden. Hoffentlich sah dort jemand die Entwicklung und zog die richtigen Schlüsse daraus. Scheiß Routine. Draußen startete gerade der Frühling durch. Das System lief seit über einer Woche absolut stabil. Sie machten Dienst in ihren oberirdischen Büros, in denen sie freien Blick nach draußen hatten. Kaum einer der Mitarbeiter verbrachte seine Zeit noch tief unter der Erde in der Kammer.
Jürg rannte zu den Fahrstühlen, deren Türen sich gerade öffneten. Ein Schwall von Technikern ergoß sich in den Eingangsraum. Es war Zeit für die allgemeine Frühstückspause.
»Ist noch jemand unten?«, rief er in die Gruppe.
»Ich glaub’ nicht«, antwortete jemand. »Harry«, er deutete auf einen in der Gruppe »hat Geburtstag und wir haben eine kleine Überraschung für ihn organisiert.«
»Wo ist Stefano?«
»Der hat heute frei.«
»Eine Notbesetzung wird doch wenigstens unten sein?« Er sah einige Gesichter, die erröteten. Eine Antwort bekam er nicht.
»Wir reden später darüber«, schnappte er nach einem Moment der Fassungslosigkeit. »Wir haben soeben die Verbindung in die Kammer verloren. Anscheinend wartet dort auch eine Überraschung, und nicht nur auf Harry. Ich gehe jetzt runter.«
Er zögerte einen Moment und wandte sich dann zum Treppenhaus. Der Fahrstuhl erschien ihm zu riskant, wenn dort unten jeden Moment etwas hochgehen konnte. »Seien Sie froh, wenn Doktor Lies davon nichts erfährt! Ach ja, und falls einer von Ihnen es schafft, von hier oben die Notabschaltung zu initiieren, bevor ich es von unten mache, gebe ich eine Kiste Moët aus.«
Jürg ließ eine Reihe entgeisterter Gesichter hinter sich zurück, als er in das Not-Treppenhaus hechtete, das wie ein Schlot in die Tiefe führte. Wer weiß, was passieren konnte, wenn in der Detektorkammer dort unten etwas schieflief. Die Energie des Strahles kam der eines vollbeladenen, fahrenden Güterzuges gleich. Sein Magen rebellierte bei der Vorstellung, dass unten in der Halle vielleicht gerade eine Feder gespannt wurde, die diesen virtuellen Güterzug in die Apparaturen donnern lassen würde.
Schon nach der Hälfte der Strecke kam er völlig außer Atem. Er fühlte sich eindeutig zu unsportlich für 100 Meter Höhenunterschied und nahm sich vor, sofort mit Ausdauertraining anzufangen, sobald diese Geschichte überstanden war. Schwitzend und keuchend kam er nach einigen Minuten unten in der Kaverne an.
Tatsächlich schien er der einzige hier unten zu sein. In der großen Halle mit all den Pumpen, Kühlanlagen und heliumgekühlten Magneten befand sich kein Mensch. Er eilte mit letzter Kraft an die Kontrollen eines der Hauptrechner und löste die Notabschaltung manuell aus. Dann verließ das Universum endgültig den Bereich, in dem das Standardmodell Gültigkeit besaß. Mit seinem Ende kam der Lichtblitz. Er explodierte einfach in seinem Gehirn und brannte es aus.
Kapitel 3. Mike (06.05.2016)
Das matschig graue Licht, das durch die Fenster des Verlagsbüros drang, verkündete den baldigen Morgen und die Gebäude änderten ihre Farbe von schwarz zu verschiedenen Grau- und Rosatönen. Wenn die Sonne sich von unten dem Horizont näherte, fingen sie an, in leuchtendem Orange und Gelb zu erstrahlen. Das Laub der Bäume wurde erst bräunlich rot und dann später grün leuchten. Jetzt kurz vor Sonnenaufgang wurden alle Farben neu geboren.
Es hatte sich gelohnt, die Nacht durchzuarbeiten. Mike Peters saß am Freitagmorgen allein in der Redaktion und platzte fast vor Stolz. Die Recherche brachte endlich Ergebnisse. Er hatte ein Phantom aufgespürt! Vor ihm auf dem Bildschirm erschien eine E-Mail mit Registrierungsinformationen. Registrierungen in einem Hotel. Einem besonderen Hotel, das offiziell nicht existierte und ‘Die Kolonie’ hieß.
Dort stand der Name: ‘W. Stein’. Er folgte seinen Spuren seit über einer Woche. Nun ja, nicht er allein, sondern zusammen mit Sébastien Giroud, einem engen Freund von der Uni. Dieser arbeitete jetzt in der IT der Générale Parisienne Assurances (GPA), Frankreichs größter Krankenversicherung. Er ließ regelmäßig verlauten, dass die Netzwerkadministration, die er dort machen mußte, zwar gut bezahlt wurde, ihn aber zu Tode langweilte. Daher kümmerte er sich mit Freude in einem Teil seiner Freizeit auch um Mikes Projekte, die er wesentlich spannender fand. Zusammen bildeten sie ein gutes Team und hatten ‘W. Stein’ jetzt aufgespürt.
Ein anonymer Tipgeber wies ihn vor einigen Wochen per Mail darauf hin, dass an der Geschichte ‘Wissenschaftler begeht Selbstmord und sein Professor verschwindet spurlos’ mehr dran sein könnte als das, was die Pariser Polizei in ihren spärlichen Untersuchungsberichten herausrückte. Der Professor untersuchte laut Mikes Quelle eine große Sache, die die Welt der Wissenschaft ordentlich durcheinanderwirbeln würde. Da die Mail interne Informationen aus dem Fachbereich des Professors enthielt, die die Polizei offensichtlich nicht besaß, konnten die beiden seine Spur aufzunehmen und ihr ein Stück voraus sein.
Investigative Arbeit gehörte normalerweise nicht zu seinem Tätigkeitsbereich. Sie bereitete ihm aber viel Spaß und er empfand die Herausforderung als willkommene Abwechslung vom täglichen Sichten von Pressemitteilungen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Ein Wissenschaftler von Weltruf, der einfach so von der Bildfläche verschwindet, verlockt natürlich zu wildesten Spekulationen. Er lehnte es ab, auf der Basis von Mutmaßungen einen Artikel zu verfassen. Das entsprach auch der Politik der Verlagsleitung, die um die Seriosität des ‘Magazine de la Science’ fürchtete.
Sébastien folgte Kreditkartendaten und checkte Passagierlisten. Mike redete mit Hotlines und besuchte Leute im ganzen Land. Als Redakteur des führenden Wissenschaftsmagazins Frankreichs hatte er seine Freiheiten. Außerdem gingen viele Leute, die ihre Informationen mit ihm teilten, in dieselben Kneipen und Clubs wie er. Er hatte sich gut vernetzt und wo seine Beziehungen nicht hinreichten, ließ er seinen Charme spielen. Und wo auch das nicht reichte, sprang Sébastien ein und hackte sich in fremde Systeme, bis sie zusammen das nächste Puzzlestück aufspürten. Jetzt – ganz langsam – ergaben die Teile ein stimmiges Bild.
Schnell fanden sie heraus, dass es sich nicht um eine Entführung handelte. Der Professor lebte noch und war wohl aus freien Stücken untergetaucht. Sie rekonstruierten seine letzten Tage und folgten seinen Spuren durch Frankreich, in die USA und wieder zurück, bis sie sich am Ende eines Flugtickets nach Santiago de Chile zunächst verloren. Sébastiens Einsatz verdankten sie es, dass ihre Nachforschungen an dieser Stelle nicht endeten. Mit der Geduld einer Katze, die einen Vogel belauert, suchte er in der näheren und weiteren Umgebung der chilenischen Hauptstadt nach Objekten und Einrichtungen, die die Möglichkeit besaßen, einem Wissenschaftler von Weltrang Zuflucht zu gewähren. Wovor auch immer.
Über die Facebook-Freunde von Alberto Anvar, eines Wissenschaftlers der Universidad de Chile, der wiederum mit Professor Stein befreundet war, fand er einige Hinweise auf die ‘Kolonie’. Der Name erinnerte zwar an ein schlimmes Kapitel der jüngeren chilenischen Geschichte. Offiziell handelte es sich aber nur um ein Hotel. Ein Hotel in einem schwer zugänglichen Flußtal in den Anden ohne jegliche Sehenswürdigkeit weit und breit. Ein Hotel fernab aller Straßen und ohne Internet.
Ein kurzer Check über die gängigen Satelliten-Karten zeigte Mike, dass sich an diesem Ort unmöglich nur ein Hotel befinden konnte. Auf einer natürlichen Halbinsel zwischen den beiden Armen eines kleinen, gewundenen Flüßchens befanden sich eine ganze Reihe größerer Gebäude und ein weitläufiges, parkähnliches Grundstück mit einigen Bungalows zog sich die Hänge hinauf. Die Auflösung der Aufnahmen lag an der untersten Grenze dessen, was man für solches Kartenmaterial verwendete. Dennoch konnte man mit etwas Fantasie sogar technische Anlagen sowie Absperrungen und Zäune erahnen.
Die Sicherheitsvorkehrungen ließen auf etwas Größeres schließen, militärisch möglicherweise. Die Unmöglichkeit, auf anderen Wegen herauszufinden, was sich dort wirklich befand, ebenso. Auch die Verbindungen nach außen mußte Sébastien mit der Lupe suchen. Schließlich fand er eine Art Treuhänder oder Steuerberater in Santiago, der in regelmäßiger Verbindung mit dieser Anlage stand. Auf einer seiner Festplatten entdeckte Sébastien schließlich die entscheidenden Informationen. Demnach handelte es sich um eine Art wissenschaftlicher Stiftung mit unklarem Zweck und unbekannten Eigentümern. Neben anderen Unterlagen lud Sébastien auch eine Liste der Besucher der letzten Monate herunter und genau die lag jetzt vor ihm.
Marie Bouesnard, seine Assistentin, traf gerade ein und kam mit Café au lait und Croissant herein. »Hallo Michel, Du siehst aus wie eine Katze, die einen Vogel gefangen und gefressen hat. Dann hat sich die Nachtschicht wohl gelohnt.«
Mike sah sie gequält an. »Nenn mich nicht immer Michel. Du weißt, dass ich das nicht mag.«
»Ja, Michel.« Mike verdrehte die Augen, aber Marie konnte sich das herausnehmen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Dafür arbeitete sie zu gut und außerdem waren sie auch privat befreundet. Sie kümmerte sich um das Team in der Zeit, in der er seinen Spuren folgte. Sie hielt ihm den Rücken frei und delegierte die Recherche an die Redaktionspraktikanten, arme Studenten, die hier für einen Hungerlohn und die Aussicht, vielleicht irgendwann einmal fest eingestellt zu werden, die Zuarbeiten für die Redakteure machten.
Er liebte diese Zustände nicht, aber er hatte sie nicht gemacht und er wußte genügend um die Finanzen des Verlags, um zu verstehen, dass es heutzutage nicht mehr anders ging, wenn man ein Printmagazin am Leben halten wollte.
»Ja, ich hatte Erfolg. Ich kenne jetzt den Aufenthaltsort von Professor Stein.« Er nahm genußvoll einen Schluck von seinem Milchkaffee. Seine Hitze und die leichte Karamelnote im Abgang regten seine Sinne an und verscheuchten die Müdigkeit für eine Weile. »Und ich bin ihm buchstäblich ans Ende der Welt gefolgt.«
»Heißt das, ich kann jetzt wieder meiner normalen Arbeit nachgehen?« Marie sammelte systematisch die Kaffeebecher ein, die im ganzen Zimmer herumstanden. Mike hatte die Angewohnheit, sie zu vergessen, wenn er konzentriert arbeitete. Er holte sich dann einfach einen neuen Kaffee und die alten Becher standen irgendwo herum und ihr Inhalt wurde kalt.
»Noch nicht ganz. Ich muß den Professor zunächst besuchen und seine Version der Geschichte erfahren. Das könnte sogar der schwierigere Teil der Geschichte werden.«
Die Betreiber des Hotels, das offiziell nicht existierte, schirmten es streng nach außen ab. Seine Abgelegenheit schützte es zusätzlich. Dort hinein- und vor allem gesund wieder herauszukommen, würde noch einiges an Vorbereitung erfordern. Das sagte er ihr aber nicht. Sie würde sich Sorgen machen. Zu Recht.
Marie war ein kleines, drahtiges Persönchen. Ihre grünen Augen harmonierten gut zu der Stupsnase in ihrem Gesicht, um die sich ein paar einsame Sommersprossen tummelten, die sie ebenso regelmäßig wie erfolglos zu überpudern versuchte. Die Haare trug sie braun gefärbt mit einzelnen, blonden Strähnchen. Alles in allem verbrachte sie sicherlich jeden Tag einige Zeit damit, sich für die Welt da draußen zurechtzumachen. Der Aufwand, den sie trieb, lohnte sich, denn die meisten Männer ließen sich von ihr problemlos um den Finger wickeln. Eine Fähigkeit, die sie als Mikes Assistentin geschickt einzusetzen wußte.
»Du mußt aber sehr bald wieder mit Deiner normalen Arbeit fortfahren. Am besten gestern!« Sie goß mittlerweile die mehr oder weniger spärlichen Inhalte der Becher zusammen und stapelte danach die leeren Becher alle säuberlich ineinander. »Ich weiß mir zwar zu helfen. Aber auf ewig kann ich Dir die Chefetage nicht vom Leibe halten, wenn Du nicht bald Ergebnisse lieferst.«
»Ich werde im Verlauf des Wochenendes hoffentlich in Erfahrung bringen können, wie ich zu Professor Stein und wieder zurückkomme. Sollte ich bis Sonntag noch keinen Plan haben, werde ich in den nächsten Wochen business-as-usual machen. Versprochen.«
Marie verließ den Raum und er rief ihr noch scherzhaft hinterher: »Ich hoffe, dass Du damit nicht den Automaten neu bestückst. Zumindest würde das erklären, warum sein Kaffee so schmeckt, wie er eben schmeckt.«
Er lächelte in sich hinein und nippte weiter an seinem Getränk, während er die Nachrichten durchsah, die jetzt von den Agenturen hereintröpfelten. Die Welt geriet zwar immer mehr aus den Fugen, aber sie ließ sich genug Zeit damit, dass einen die Entwicklungen nicht überrollten. Er konnte dabei froh sein, dass nicht schon wieder ein neues Attentat die Schlagzeilen beherrschte. So drangen genügend wissenschaftliche Nachrichten an die Oberfläche, damit seine Redaktion ihre Arbeit machen konnte.
Ein Kongreß von Physikern in Paris wurde verschoben, weil gleich mehrere der Hauptredner sich krank gemeldet hatten. Eine halbwissenschaftliche Fanseite berichtete von einer neuen Variante der M-Theorie, die angeblich alle Naturkräfte inklusive der Gravitation widerspruchsfrei unter einem Dach vereinigte. Er hatte zwar davon schon gehört, aber die mathematischen Details überstiegen seinen Horizont deutlich. Außerdem erschien ihm die Quelle nicht seriös genug. Sollte etwas an dieser Theorie dran sein, würde sie nicht auf einer Webseite veröffentlicht werden, die in einem Atemzug über den angeblichen Beweis referierte, dass Mikrowellen krebserregend seien und Massenimpfungen futuristisches Teufelszeug zur Kontrolle der Bevölkerung.
Im südlichen Jura hatte es ein leichtes Erdbeben gegeben. Das Epizentrum lag an der französischen Grenze in der Nähe von Genf. Das Jahrestreffen der Seniorexperten Chemie der Gesellschaft Deutscher Chemiker würde übernächste Woche stattfinden. Einer seiner Kontakte, ‘Lobélia’ (nach eigenen Angaben ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des MIT), hatte sich gemeldet und um ein Gespräch gebeten. Bei allem handelte es sich um nichts Aufregendes und es würde Marie sicher nicht überfordern.
Gegen Mittag machte er Schluß. Er würde das Wochenende sowieso hier verbringen. Da konnte er sich unbesorgt den Rest des Freitags freinehmen. Auf dem Weg nach Hause wäre er auf dem Platz vor dem Hôtel de Ville beinahe in eine Gruppe Touristen gerannt, weil ihm dauernd die Augen zufielen. Sie schossen eifrig Selfies vor der Fassade und nahmen ihn kichernd als Lokalkolorit zur Kenntnis. Dieses Nachtleben bekam ihm nicht mehr so gut, wie früher, fand Mike. Warum konnten sich seine Quellen bloß nicht an die offiziellen Bürozeiten halten, fragte er sich schläfrig, während er die Treppen zu seinem Appartement im vierten Stock hinaufstapfte.
Zu Hause schaltete er als erstes das Radio an. Etwas anspruchslose, ruhige Musik wäre jetzt gut. Er machte sich eine Dose Cassoulet auf. Während der Eintopf auf dem Herd stand, räumte er die Spülmaschine aus, füllte die Waschmaschine mit seinen Anziehsachen und schlüpfte in seinen bequemen, schwarzen Trainingsanzug. Er aß mit Genuß. Französische Fertiggerichte sind generell hochwertiger als deutsche und er wußte, in welchem Supermarkt es die besten davon gab.
Danach zog es ihn mit einem Espresso aufs Sofa. Kaum saß er aber dort, so lag er auch schon und schlief sofort ein. Unruhige Träume quälten ihn. Gegen die Reise, die ihm jetzt bevorstand, war das Dschungelcamp ein Kinderspiel.
Stundenlang lief er durch nächtliche Wälder. Professor Stein befand sich irgendwo vor ihm, aber jedes Mal, wenn er glaubte, ihn zu fassen zu bekommen, entschwand dieser wieder zwischen den Büschen und das Dickicht schien undurchdringlich zu sein. Er mußte ihn als erster erreichen, denn er war nicht der einzige Jäger im Dschungel. Hinter sich hörte er Schritte und laute Geräusche, so als ob etwas sehr Schweres durch die Büsche brach. Endlos schien sich diese Jagd hinzuziehen. Über Stock und Stein, durch flache Wasserläufe, über kleine Lichtungen und einen Berg hinauf.
Endlich wachte er auf, ohne den Professor erreicht zu haben. Er hatte sein T-Shirt unter der Trainingsjacke durchgeschwitzt. Das Abenteuer, das ihm bevorstand, ängstigte ihn weitaus mehr, als er anderen gegenüber zugegeben hätte. Selbst Sébastien gegenüber mochte er diese Schwäche nicht eingestehen. Immerhin hatten sie gemeinsam einige Nächte Arbeit in das Projekt gesteckt.
Jetzt, wo sie wußten, wo sich der Professor befand, mußte er ihn auch befragen. Mike hatte einige Ideen, wie er das Risiko für sich minimieren konnte. Unterm Strich blieb es aber ein gewagtes Spiel, sich so weit auf unbekanntes Terrain zu wagen. Außerdem würde er am Schluß improvisieren müssen, denn er konnte erst vor Ort herausfinden, auf welchem Wege er am risikolosesten auf das Gelände kam, um den Professor zu finden.
Trotz allem schien ihn der Schlaf regeneriert zu haben. Er fühlte sich etwas wacher als vorhin auf dem Heimweg. Er schaltete seinen Kaffeevollautomaten wieder ein, setzte sich mit einem Milchkaffee ans Notebook und loggte sich in der Redaktion ein. Die meisten Mails fand er bereits bearbeitet vor. Was würde er nur ohne Marie machen, fragte er sich rhetorisch und lächelte.
Ein Memo hatte sie ihm hinterlassen: ‘Cher Michel, eben hat noch jemand angerufen, der sich Lobélia nannte. Er sagt, er kennt Dich. Es schien ihm wichtig zu sein und er bestand darauf, Dich persönlich zu sprechen. Ich habe ihm gesagt, daß Du am Wochenende arbeitest. Er will es dann nochmal versuchen. LG Marie. P.S.: Irgendwas war komisch (außer der unterdrückten Nummer). Er klang irgendwie nervös. So, als ob sein Chi nicht im Gleichklang wäre.’
Er runzelte die Stirn. Er haßte seinen richtigen Vornamen seit seiner Schulzeit und versuchte immer wieder, ihn unter Verschluß zu halten und durch das einfachere ‘Mike’ zu ersetzen. Leider gelang ihm das nicht bei jedem. Seine Physiklehrerin am Lycée hatte ihn seinerzeit sehr unfair behandelt. Jedenfalls empfand er das so. Ihr genäseltes ‘Michel’ klang ihm heute noch in den Ohren, wenn er seine Erinnerungen Revue passieren ließ. Wenn ihn jemand unvermutet so anredete, bekam er jedes Mal eine Gänsehaut.
Eine Mail von seinem anonymen Kontakt lag noch im Eingangskorb. Eigenartig, dass er sich gerade heute meldete. In den letzten zwei Wochen hatte er nichts von sich hören lassen.
‘Sehr geehrter Herr Peters, ich würde mich freuen, wenn Sie mich gelegentlich über die Fortschritte bei Ihren Nachforschungen auf dem Laufenden halten würden. Wir machen uns hier alle große Sorgen um Professor Stein. Mit freundlichen Grüßen S.M.’ Im Absenderfeld stand ein Einmalpostfach bei einem großen Anbieter. Keine Chance, etwas über seine Identität herauszubekommen.
Mike überlegte kurz und antwortete dann: ‘Sehr geehrte(r) S.M., Ihre Nachfrage ehrt mich. Derzeit sind meine Fortschritte leider nur marginal. Allerdings verstehen Sie sicher auch mein Interesse, zu wissen, wer sich da so große Sorgen um seinen Kollegen(?) macht. Ich könnte Sie einfacher auf dem Laufenden halten, wenn ich wüßte, mit wem ich rede. Mit freundlichen Grüßen M.P.’
Er versuchte noch, die restlichen Mails zu Ende zu bearbeiten, aber nach einigen Minuten verschwammen die Buchstaben vor seinen Augen. Seine Konzentration ließ jetzt genauso schnell nach, wie er sie wiedergewonnen glaubte. Allerdings fühlte sein Körper sich noch nicht müde.
Mike entschloß sich, auszugehen, um ein wenig auf andere Gedanken zu kommen. Es gab einige Kneipen im Marais, dem Stadtviertel, in dem er lebte, in denen er vielleicht Freunde treffen würde. Essen gehen mit Sébastien. Entspannt reden bei einem schönen Glas Rotwein in lauschiger Atmosphäre, das wäre jetzt was. Und falls er später in den Bars niemanden treffen würde, gab es noch einen Tanzclub in der Nähe der Rue des Archives. Dort konnte er immer prima abschalten.
Mike brauchte sich keine Sorgen darum zu machen, dass es ihm dabei an Unterhaltung und Ansprechpartnern mangeln würde. Er war hochgewachsen, wenn auch nicht allzu schlank. Er fand keine Zeit für ein regelmäßiges Training im Studio und er aß viel zu gerne und nicht immer regelmäßig. Das hinterließ Spuren auf seinen Hüften.
Die blaugrünen Augen in seinem jungenhaften Gesicht strahlten aber große Herzlichkeit aus in Verbindung mit einer gewissen kindlichen Unschuld. Sein wilder, brauner Haarschopf, den er ebenso regelmäßig wie erfolglos mit Gel in Form zu bringen versuchte, unterstrich das perfekt. Er besaß ein freundliches Wesen und seine Manieren stammten aus der diplomatischen Schule seiner Mutter. So flogen ihm die Herzen beider Geschlechter zu, sobald man mehr als einige Worte mit ihm gewechselt hatte.
Außerdem hatte er sich bestens vernetzt und kannte eine Menge Leute. Er bevorzugte dabei privat allerdings Männer. Die kurzen Affairen, die er in seiner Studienzeit mit Frauen hatte, ließen ihn immer mit dem Gefühl zurück, dass dabei eine wichtige Komponente fehlte. Diese fand er in den Clubs des vierten Arrondissements.
Mike duschte ausgiebig, schnitt seinen Bart ganz kurz und zog sich frische Kleidung an. Kurzärmelig, Jeans und schwarze Sambas wählte er für einen lauen Abend wie heute. Er gelte seine Haare neu, legte ein leichtes Parfüm auf und warf sich noch einen dünnen Pullover um die Schultern. Dann marschierte er beschwingt die Treppen hinunter. Gerade ging er zur Haustür hinaus, da klingelte sein Handy.
Kapitel 4. Maurice (06.05.2016)
Den Beat der Musik hörte man selbst hier unten. Kleine Lautsprecher unter der Decke verbreiteten ihn. Kaum zu erkennen, weil sie mit Tarnnetzen verhängt war. Leise wummerten die Bässe, nach denen sich oben auf der Tanzfläche rhythmisch zuckende Leiber verrenkten.
Maurice Belloumi stand allein hier unten. So zeitig am Abend gab es nur wenig Gesellschaft. Zu früh, um Spaß zu haben. Er lehnte lässig an einer Backsteinmauer und beobachtete die leere Szene. In einigen Stunden würde es hier unten genauso voll werden wie oben. Schwitzende Körper streifen durchs Halbdunkel – taxierende Blicke – ein Markt für frisches Fleisch. Paare und Gruppen finden sich. Wechseln einige Worte. Dann verschwinden sie in einer der Kabinen, deren Türen jetzt alle offenstanden. Maurice kannte das von ungezählten Malen davor. Es lief jedes Mal gleich ab.
Aber das alles würde erst später passieren. Die Luft roch noch unverbraucht, wenn auch nicht angenehm. Nach verschüttetem Bier und kaltem Rauch. Ein Geruch, so penetrant, dass selbst die dicken Mauern ihn auszuatmen schienen. Auch wenn die Clubs in Paris auf behördliche Anordnung schon lange extra Zonen für Raucher ausweisen mußten, steckte der Geruch aus früheren Zeiten noch tief im Gemäuer. Keine Reinigung konnte ihm beikommen. Man würde das Haus abreißen müssen, um ihn zu beseitigen.
‘Bald kommen weitere Noten dazu’, dachte sich Maurice. Schweiß. Parfüm. Gummi. Leder. Halbnackte Männerkörper. Geilheit. Auch die hatte eine spezielle Note, die seine von Kindheit an überempfindliche Nase zielsicher zwischen all den anderen Gerüchen herausfiltern konnte.
Er stand schweigend da. Genoß die Ruhe und kaute einen Kaugummi. Die Daumen in die Taschen seiner Lederjeans gehakt. Ein schwacher, kalter Luftzug drang durch eine geöffnete Kellertüre. Ihn fröstelte kurz und die Nippel unter seiner Lederweste richteten sich auf. Er sah sehr männlich aus, wie er dastand, und er wußte um seine Wirkung auf andere. Sein Körper war mittelgroß mit breiten Schultern. Die Folgen regelmäßigen Sports. Seine Gesichtszüge sahen nicht ebenmäßig aus, aber interessant. Klare braune Augen, volle Lippen, eine etwas zu große, arabische Nase, leicht abstehende Ohren, kurze braune Haare und Sechstagebart.
Eine Narbe an der linken Schläfe, die unter dem kurzen Haar bei diesem Licht nicht zu erkennen war, von einem Kampf, als sie zu einem Spiel von Saint Germain abkommandiert waren. Trainierte Arme mit sehnigen Unterarmen. Nicht zu muskulös, aber ein angenehmer Anblick. Die Ranken eines Tribals wanden sich um seinen Oberarm über die linke Schulter in Richtung Hals. Der leicht braune Teint seines algerischen Vaters kam hier unten leider nicht zur Geltung, aber bei Tageslicht schauten sich die Frauen nach ihm um, wenn er wieder im Arrondissement Streife ging.
Das interessierte ihn wenig. Er stand auf Männer. Richtige Männer, nicht die Zerrbilder aus den Lifestyle-Shows der privaten Fernsehsender. Kräftige Kerle, die auch mal nach Mann riechen durften und nicht nur nach After Shave. Die Art Männer, wie sie sich hier in einigen Stunden tummeln würden. Darauf wartete er. Für sie hatte er sich zurechtgemacht …
Betriebsames Leben herrschte auf dem kleinen Festplatz. Das Städtchen nutzte ihn sonst als Parkfläche. Heute standen hier aber keine Autos, deren Besitzer in der nahegelegenen Shopping-Meile einkaufen wollten. Der Platz war vielmehr gefüllt mit Motorrädern jeglicher Bauart und ihren Besitzern.
Stolz präsentierten sie ihre blankgeputzten Maschinen und nicht nur das Chrom der Verkleidungen blinkte und blitzte, auch die Besitzer trugen Festkleidung. Man sah schwere Lederkutten mit großformatigen Aufnähern ihrer Clubs, protzige Armbanduhren und schwere Stulpen mit spitzen Nieten von waffenscheinpflichtiger Länge.
Die Sonne schien mit einer für dieses Frühjahrswochenende ungewöhnlichen Kraft, so daß sich einige Besucher ihrer Schutzkleidung entledigt hatten und sich in engen Tank Tops in mehr oder weniger vorteilhaften Größen der Menge zeigten. Großformatige Werbetafeln und Infostände an den Zugängen wiesen auf das Ereignis hin, das hier gefeiert wurde:
Das jährliche Treffen zum Auftakt der Motorradsaison schlug seit einigen Jahren voll ein. Hunderte Teilnehmer und eine ähnliche Anzahl staunender Besucher sorgten für eine zum Teil drangvolle Enge zwischen den Standplätzen der Maschinen. Von Aprilia und BMW über Harley und Honda bis hin zu Triumph und Yamaha fand sich ein weitgespannter Bogen von mehr oder weniger exklusiven Marken, deren meist männliche Fahrer in der Menge badeten und mit ihren Nachbarn anspruchsvollen Smalltalk über Tuning und luftwiderstandsenkendes Zubehör führten.
Zur erfolgreichen Senkung des Luftwiderstandes hätte man bei vielen Maschinen zunächst bei den Fahrern ansetzen müssen, aber das tat ihrer Lebensfreude keinen Abbruch. Alle freuten sich auf den großen Korso, der in wenigen Stunden von hier aus zu seiner Runde durch die nähere Umgebung starten würde.
Mitten in dieser pulsierenden Menge standen zwei hochgewachsene Männer bei ihren Maschinen. Ohne Zweifel feierten sie mit. Dennoch unterschieden sie sich von ihrer Umgebung. Ihre Maschinen fuhren zwar ebenso schnell wie die ihrer Nachbarn, dennoch wirkten sie im Vergleich eher schlicht. Auch die Lederkombis hatten sicher eine Stange Geld gekostet, beeindruckten aber eher durch schlichtes Schwarz und körperbetonten Schnitt als durch auffällig bunte Streifen, Aufnäher und glänzende Accessoires. Die Sturzhelme standen auf den Tanks ihrer Motorräder. Trotz der wärmenden Sonne hatten sie ihre Reißverschlüsse um keinen einzigen Zentimeter geöffnet und auch ihre Handschuhe trugen sie noch. Lange Stulpenhandschuhe der eine und enge Policegloves der andere.
Ihre ganze Erscheinung wirkte stilvoll, understated und stimmig. In einem schwulen Club hätten die beiden zweifellos eine Menge Fans gefunden. Hier stachen sie aus der Menge heraus, eben dadurch, daß sie nicht herausstachen. Für jemanden, der diese Veranstaltung besuchte, schien es, als wäre es um sie herum ein wenig dunkler. Ihre Nachbarn, die sich lautstark untereinander über ihre PS und die neuesten Modelle unterhielten, blickten durch sie hindurch und es roch hier sogar weniger stark nach verschüttetem Bier, gebratenen Hähnchen und Zigarettenrauch als um sie herum. Den beiden schien das egal zu sein. Vielleicht hatten sie diese Wirkung sogar beabsichtigt, denn sie besprachen Privates.
»Du willst es also wirklich durchziehen?« fragte der Mann mit den Stulpen. »Na dann Prost!«
Die beiden stießen mit einem Bier an, das sie zuvor von einem Imbißwagen in der Nähe geholt hatten.
»Klar doch. Ein paar Bewerber habe ich schon, die mitmachen wollen. Ein altes Militärgelände haben wir auch und einige Jungs mit militärischer Vorbildung. Ich bin per Zufall auf sie gestoßen, als ich mich vor einem größeren Club im Umland mit den Türstehern unterhalten habe. Zusammen mit ihnen kann ich das Unternehmen etwas größer aufziehen. Sie können nämlich… aber das spielt jetzt keine Rolle.«
»Ein altes Militärgelände? Doch nicht etwa…?« Die Gesichtsfarbe des Mannes mit den Stulpen wurde einen Ton dunkler, als würde sich gerade eine kleine Wolke vor die Sonne schieben.
»Genau dort! Wir werden sozusagen Nachbarn.«
»Ob ich das gut finde, muß ich mir aber noch schwer überlegen.«
»Das schaffst Du!« dröhnte der Mann mit den Policegloves und schlug seinem Gegenüber krachend auf die Schulter.
Die beiden wurden durch diese lautstarke Aktion für einige Sekunden in der Menge sichtbar. Ein über und über tätowierter Endfünfziger blickte zu ihnen herüber. Seine schwere Kutte – etwas anderes trug er nicht über seinem wuchtigen Oberkörper – spannte an unpassenden Stellen, aber das schien ihm egal zu sein. Er lachte laut auf und prostete ihnen zu. Die beiden prosteten zurück. Danach senkte sich die Dunkelheit der Nichtachtung wieder auf sie und die Nachbarn wandten sich ihren eigenen Geschäften zu.
»Eigentlich bin ich extra so weit aufs Land gezogen, damit ich dort meine Ruhe habe. Damit ist es dann jetzt wohl vorbei. Wie ich Dich kenne, hast Du schon alles bis ins kleinste Detail geplant.« sagte der Mann mit den Stulpenhandschuhen.
»Das habe ich tatsächlich. Meine Pläne erfahren aber nur Mitglieder. Willst Du Mitglied werden?«
»Danke, nein.« Wieder schien ein Schatten auf sein Gesicht zu fallen. »Du weißt doch, daß Deine Geschäfte nichts für mich sind. Ich bin mit der Art und Weise zufrieden, wie ich existiere. Außerdem hätte ich Probleme mit eurem Aufnahmeritual.«
»Schade. Du würdest zu uns passen. Du bist verschwiegen und fällst nicht gleich um, wenn man Dich etwas härter anpackt. Für Dich gäbe es einen großen Kreis von Fans. Aber Du hast recht. Man muß es wirklich wollen und selbst das ist keine Garantie, daß alles gutgeht. Läuft das Projekt aber so an, wie ich mir das vorstelle, werden die Kunden bei unseren Mitgliedern Schlange stehen.«
»Viel Erfolg. Das Gelände ist groß genug, wenn ich mich recht erinnere. Ich schulde Dir etwas und helfe natürlich gern, wo ich kann. Ich habe aber einen Beruf, den ich gerne mache und der mich fordert. Und an den Wochenenden brauche ich manchmal einfach nur meine Ruhe. Da ist kein Platz, meine Rolle in einer Gruppe zu finden.«
»Ich gebe Dir jederzeit eine Zelle. Davon gibt es in der Anlage genügend und dort hast Du alle Ruhe, die Du brauchst. Mußt es nur sagen.« Wieder dieses dröhnende Lachen, das die Dunkelheit für einige Sekunden hob. Sie stießen noch einmal an. »Ehe die ersten Kunden kommen, müssen wir aber die Anlage noch herrichten. Dazu kann ich wirklich jede Unterstützung brauchen.«
»Wenn es nur um diese Art Hilfe geht… hm… Jemand muß schließlich die elektrischen Anlagen durchsehen. Der Himmel weiß, in was für einem Zustand die sind. Aber mehr mache ich nicht!«
»Schon gut. Du kriegst so lange einen Sonderstatus. Mach Dir keine Sorgen. Ich regele das. Und ich sorge dafür, daß die anderen Dich in Ruhe arbeiten lassen.«
»Das wäre mir sehr lieb. Ich würde mich auch freuen, wenn Deine Leute später auf ihrem Gelände bleiben. Sonst muß ich einen elektrischen Zaun um mein Grundstück ziehen.«
»Du weißt schon, daß das zwecklos wäre? Wenn einer der Insassen ausbricht, während er… egal, jedenfalls hält ihn dann auch Dein Zaun nicht ab.«
»Dann sorge dafür, daß das nicht passiert, bitte. Es gefällt mir gut in meinem Haus und ich würde nur sehr ungern umziehen.«
»Wie sicher die Zellen werden, liegt ein Stück weit auch an Dir. Jedenfalls, wenn Du uns hilfst. Ich habe im übrigen noch ein anderes, größeres Projekt am Kochen. Pascal verhandelt derzeit mit einem Lieferanten. Danach ist es spruchreif. So, und jetzt muß ich los. Ich will das Teil hier«, er deutete dabei auf sein Motorrad, »heute mal richtig ausfahren.«
»Fahr doch später einfach im Korso mit.«
»Guter Witz. Falls Du wirklich deswegen hier bist, wirst Du ohne mich auskommen müssen. Später dann… ich habe so ein Gefühl, daß nach meiner Ausfahrt in einem Verlies ein kleiner, williger Sklave auf mich wartet.«
»Dann laß ihn mal nicht zu lange warten. Sonst bricht er Dir aus.«
»Alles im Griff.« lachte der Mann mit den Policehandschuhen. »Ich habe das genau berechnet. Er wird übrigens mein Patient Null und das erste Mitglied. Er ist ein Naturtalent.«
Er stieg auf seine Maschine, setzte den Sturzhelm auf, und startete den Motor. Der tiefe, satte Klang ließ auf eine Menge Kubik unter dem Tank schließen. Sein Freund beobachtete, wie er sich langsam seinen Weg durch die Menschen bahnte. Man schien ihn nicht wahrzunehmen, aber dennoch teilten sich die Massen vor ihm. Erst, als er das Ende des Festplatzes erreicht hatte, hörte man ein kurzes, schrilles Aufheulen.
Der Mann mit den Stulpen trank ebenfalls sein Bier aus. Die Unterhaltung schien ihn stärker erregt zu haben, als er es sich im Gespräch hatte anmerken lassen. Mehrmals schüttelte er heftig den Kopf, als müsse er sich selbst von etwas überzeugen. Dann stellte er seinen Becher auf den Boden, stieg auf, startete den Motor und verließ ebenfalls das Treffen.
»Kanntest Du die beiden?« fragte der tätowierte Endfünfziger seinen Kumpan.
»Welche beiden meinste?«
»Na die beiden, die hier bis eben gestanden haben.«
»Bist Du besoffen? Da war niemand!«
Kapitel 1. Paolo
Ein kleines Zimmer in einer Stadtwohnung. Auf den ersten Blick sah es wohnlich aus, beinahe gemütlich. Ein Bett, ein Tisch, zwei kleine Sessel, ein Kleiderschrank, eine dunkel gemusterte Tapete und eine Decke mit Naturholztäfelung. Auf den zweiten Blick sah man Schaukelhaken in der Decke, von denen Ketten aus Eisen herunterhingen. Auch das billige Regal paßte nicht ins Bild. Im untersten Bord standen verschiedene Schuhe und Stiefel. In den Böden darüber befanden sich eine Reihe Utensilien aus Leder und Gummi sowie Flaschen verschiedener Größe mit einschlägigem Inhalt. Ganz oben lagen eine Schirmmütze aus Leder und ein schwarzer Sturzhelm neben einem Paar Handschuhe.
Gut, auch das fällt für viele von uns unter den Status ‘gemütlich’, so auch für den Bewohner dieser Kammer. Er hieß Paolo Costa und lag gerade nackt auf seinem Bett. Die Augenlider hatte er halb geöffnet. Darunter erblickte man aber nur das Weiße, so daß er etwas weggetreten aussah. Seine Hände zitterten und die Finger der einen Hand bewegten sich, als würde er Geld zählen. Auf der Stirn standen kleine Schweißperlen und er atmete flach und schnell.
Ob er nun Fieber hatte oder nur schlecht träumte, das ließ sich auf den ersten Blick nicht feststellen. Jedenfalls gewann er allmählich die Kontrolle über seinen Körper zurück. Einige Stunden lag er nun schon hilflos hier, aber was auch immer ihn in diesen Zustand versetzt hatte, schien jetzt seine Wirkung zu verlieren.
Nur seine Gedanken schweiften noch durch die Gegend. Er befand sich in den umliegenden Straßen, lief über Bürgersteige, schwebte durch Wände und betrat Zimmer. Ziellos ging er umher und überall sah er sich um. Es wirkte, als würde er etwas oder jemanden suchen. Er begegnete unterwegs vielen Menschen. Er konnte sie sehen, aber sie blickten durch ihn hindurch. Schließlich befand er sich nicht körperlich vor Ort.
Wenn sie ihn aber sehen könnten, würden sich viele nach ihm umdrehen, auch ohne, daß er Kontakt aufnahm. Das wußte er. Die wenigen Menschen, die ihn bisher zu Gesicht bekommen hatten, hielten ihn für einen gutaussehenden jungen Mann, der auf seinen Körper achtgab und ihn in Form hielt. Davon zeugten die definierten Muskeln, die sich unter der makellosen, tief gebräunten Haut abzeichneten.
Die pechschwarzen Haare trug er zu einem Flat Top geschoren. In Verbindung mit seinen regelmäßigen Gesichtszügen und dem markanten Kinn wirkte das beinahe militärisch, so militärisch, wie ein nackter Menn eben aussehen kann. Nur seine Körpergröße harmonierte nicht mit seiner mediterranen Erscheinung. Er maß Einsneunzig und paßte daher nur geradeso in das Bett, auf dem er lag.
Paolo fühlte, wie seine Gedanken sich allmählich wieder ordneten. Das Adrenalin, das bis eben durch sein Blut pulsierte, verlor seine Wirkung. Er wanderte weiter mit seinen Gedanken durch die Stadt. Er spazierte durch abendliche Parkanlagen. Dort, wo das Licht der tiefstehenden Sonne nicht mehr hin schien, ging er auf schmalen Trampelpfaden durch die Büsche. Von Zeit zu Zeit tauchte ein Mann aus den Schatten auf. Sie standen dort unentschlossen, als würden sie auf jemanden warten. Paolo kannte diese Gegend von seinen eigenen Ausflügen gut. Hier trafen sich Männer mit anderen Männern für schnellen Sex. Früher hatte er an solchen Orten gewartet. Heute taten das andere.
Paolo machte sich einen Spaß daraus, Kontakt zu einem jungen Parkbesucher aufzunehmen. Er schmiegte seinen Geist eng an dessen Körper. Der Mann wußte nicht, wie ihm geschah, denn er konnte ja nicht sehen, wer sich da mit ihm beschäftigte.
‘Schließ die Augen!’ befahl ihm Paolo. ‘Mach Deine Hose auf!’ Ohne Widerstand gehorchte ihm der junge Mann…
Die Dunkelheit brach herein und ein kalter Wind wehte vom Land auf das Meer. Hier an der Westküste der Insel wirkte die Landschaft am unwirtlichsten. Schroffe Granitklippen fielen steil ab an einen Strand, der größtenteils aus Felsblöcken bestand. Die Uferlinie befand sich derzeit weit weg, denn es herrschte Ebbe.
Über viele hundert Meter fiel der Strand flach ab. Steine unterschiedlichster Größe stapelten sich wild durcheinander, bewachsen mit Muscheln und Tang. Ein rutschiger Untergrund, auf dem sich selbst bei Tageslicht schon mancher Tourist den Knöchel verstaucht hatte. Vereinzelt lagen Felsblöcke von gigantischen Ausmaßen herum. Einige von ihnen waren so hoch, daß sie auch bei Flut noch aus dem Wasser ragten und sich die Dünung an ihnen brach, die unablässig vom Atlantik in den Ärmelkanal hereinrollte.
Diese Dünung toste jetzt in einiger Entfernung. Dort traf Welle auf Welle die derzeitige Küstenlinie und entlud ihre Energie in spritzenden, weißen Schaumkronen an dem Felssockel, der seit hunderten Millionen Jahren im Untergrund der Landmasse gelegen hatte, die heute Bretagne heißt. Das Meer legte ihn Stück für Stück frei und setzte ihn der Kraft der Elemente aus, die seitdem unablässig an ihm nagten. In der Abenddämmerung wirkte es ein wenig, wie das ‘Land, das nicht sein darf’ aus dem bekannten Kinderbuch.
Jede einzelne Welle, die sich hier brach, führte zu keiner Veränderung, außer, daß eine Schar von Strandflöhen hektisch floh oder ein Krebs sich hinterher wieder in einer Spalte zwischen zwei Steinen verkroch. Dennoch – sobald es wieder Tag wurde und die nächste Ebbe die verborgene Landschaft erneut freilegte – fanden sich selbst große Felsblöcke auf wundersame Weise an andere Stellen versetzt. Fast, als hätten Riesen aus grauer Vorzeit damit Kegeln gespielt, sobald kein Menschenauge mehr auf dieser unwirklichen Szene ruhte.
Wenn ein Sturm über die Insel zog, was in ihrer exponierten Lage häufiger als anderswo der Fall war, veränderte sich sogar die Küstenlinie. Das weiche Wasser bewegte Steine, die so groß waren wie Kathedralen und Jahr für Jahr fraß es sich einige Zentimeter und manchmal auch einen ganzen Meter tiefer ins Land hinein.
Außer dem Geräusch der Brandung konnte der aufmerksame Lauscher hier draußen in den Pausen auch die Schreie der Möwen hören. Sie jagten zu dieser Tageszeit noch nach allem, was das Meer ihnen freiwillig oder unfreiwillig gab. Der Wind, der mal gleichmäßig stark und manchmal böig wehte, steuerte zur Geräuschkulisse ein Pusten und Zischen bei, solange nicht in der Höhe eine stürmische Böe vorüberzog, die für kurze Zeit mit ihrem Heulen alles übertönte.
Richtig aufdrehen konnte der Wind aber nur, sobald er eine aufnahmebereite Ohrmuschel zum Bespielen fand. Erwischte er sie im richtigen Winkel, so zuckten seine Opfer unter dem Ansturm dumpfen Brausens zusammen, das sich auf ihre Sinne legte und die restliche Welt für einige Sekunden ausblendete.
In der Nähe der Wasserlinie bildete eine Gruppe mittelhoher Felsen eine Art verbogenen Halbkreis, der die Szenerie zum Lande hin gegen neugierige Blicke abschirmte. Sie ragten schwarz auf vor dem Himmel, dessen helles Gelb zeigte, daß die Sonne soeben untergegangen war. Ihre Strahlen reichten nicht mehr bis auf den Boden, ließen aber einen Schwarm hoher Wolken, die im Zenit standen, in leuchtendem Orange strahlen.
Auf einmal mischte sich ein weiterer Ton unter die Geräusche der Umgebung. Es klang wie ein Hilferuf und kam aus dem Innern des Halbkreises. Dort lag ein Mann regungslos auf dem Boden. Sein Alter ließ sich in der Dämmerung nicht genau bestimmen, aber seine Stimme klang jung. Er bewegte seinen Kopf. Seine Arme und Beine lagen aber so schlaff da, als wären sie auf dem Boden festgebunden. Nach einer Weile hörte er auf zu rufen und lag ganz still da.
Seine Ruhe dauerte nur kurz, denn die Ebbe hatte ihren Tiefpunkt überschritten und das Wasser begann erneut zu steigen. Bald schon umspülte es die Füße des Mannes. Das löste einen neuerlichen Schub von Stöhnen und Rufen aus. Er schien sich wirklich nicht bewegen zu können, denn obwohl die Situation für ihn langsam gefährlich wurde, lag er hilflos im steigenden Wasser und außer seinem Stöhnen, das der Wind aufs Meer hinaustrug, war nichts mehr zu hören. Er hatte sich heiser geschrien.
Plötzlich materialisierte sich ein Schatten neben ihm. Er tauchte aus dem Nichts vor einem der Felsen auf und beugte sich über die am Boden liegende Gestalt. Übernatürlich war diese Erscheinung aber keineswegs, denn sie trug ganz profane Gummistiefel. Auch das nun folgende Gespräch drehte sich um eher weltliche Dinge.
»Gibst Du uns jetzt Deine Unterlagen? Das ist Deine letzte Chance.«
Der Schatten besaß eine männliche Stimme und ein leichter Beiklang in seinen französischen Worten verriet, daß er sich normalerweise auf bretonisch unterhielt.
»Werden sie mich dann hier herausholen?«
»Äh … ja. Wo befinden sich nun die Unterlagen?«
»Ich… ich… habe alles auf einem Stick gespeichert. Er befindet sich in meinem Haus. Ich habe ihn hinter den Fernseher im Wohnzimmer geklebt. Und jetzt helfen Sie mir hier heraus. Bitte!«
»In Ordnung. Ich komme wieder, sobald ich nachgesehen habe.« Die Gestalt wandte sich zum Gehen.
»Hey, halt! Bis dahin bin ich doch ertrunken! Bitte helfen Sie mir. Ich kann mich doch nicht bewegen!«
»Das war der Sinn der Aktion. Wir können Sie nicht freilassen. Jetzt nicht mehr. Können Sie sich das nicht denken?«
»Ich schwöre auf alles, was mir heilig… laufen Sie doch nicht weg! Lassen Sie mich hier nicht verrecken!«
Der Schatten mit den Gummistiefeln verschwand wieder hinter den Felsen und ließ den Mann allein. Mittlerweile lag sein Körper komplett im Wasser und er mußte den Kopf heben, damit die Wellen ihn nicht überspülten. Man hörte ihn für kurze Zeit leise vor sich hinweinen. Dann erhob er noch einmal seine Stimme.
»MÖRDER!« schrie er.
Dann begann er, heiser zu lachen. Nach Wahnsinn klang das. Nach Verzweiflung. Und Hohn.
Das Spiel der kleinen vor- und zurückplätschernden Wellen, die den Mann quälten, wurde von einer Reihe meterhoher Wellen abgelöst, die jetzt hereindrängten.
Kapitel 1. Ankunft
Die Enez-Vas legte weit draußen an der Rampe an. Eine Anzahl von Tagesbesuchern sprang aus der Fähre und eilte der Mole entgegen. Dort verteilten sie sich. Ein Grüppchen spazierte zügig an der Uferstraße entlang, um an deren Ende in eine kleine Straße einzubiegen, die einen Hügel hinaufführte. Dort stand eine alte, romanisch aussehende Kirche.
Angeführt wurde die Gruppe von einer resolut wirkenden Dame mit einem überdimensionalen Regenschirm, den sie trotzig in die steife Brise reckte. Die Kirche offenbarte sich erst auf den zweiten Blick als jüngeren Datums. Es gab zu viele Details, die nicht in die damalige Zeit paßten und auch der Erhaltungszustand war erheblich besser, als man es bei einer romanischen Kirche in dieser exponierten Lage erwarten konnte. Sehenswert mußte sie dennoch sein, denn die Dame mit dem Regenschirm begann einen längeren Vortrag.
Die restlichen Besucher verteilten sich auf die wenigen Restaurationen an der Mole und nach wenigen Minuten wirkte alles wieder, wie zu dem Zeitpunkt, bevor die Fähre angelegt hatte.
Springen wir jetzt noch einmal zurück an den Anfang und beobachten die Leute, wie sie die Fähre verlassen. Ganz zuletzt, als sich die meisten anderen Besucher bereits auf dem Weg zur Mole befanden, stiegen nämlich zwei Männer in den Dreißigern aus, denen man die Großstädter auf eine Seemeile gegen den Wind ansah.
Der eine war hochgewachsen, ohne schlaksig zu wirken. Sein Gesicht mit blaugrünen Augen strahlte einen jungenhaften Charme aus und den braunen Haarschopf hatte er am Morgen vielleicht einmal versucht, mit Gel in Form zu bringen. Nach einiger Zeit im frischen Wind der bretonischen Küste standen die Strähnen aber so wirr in alle Richtungen, daß sein Portrait für einen Augenblick an den Räuber Hotzenplotz erinnerte. Dann fielen aber der kurze, akkurat geschnittene Bart und sein freundlicher Blick ins Auge und die Assoziation verschwand so schnell, wie sie erschien.
Hinter sich her zog er einen überdimensionalen Rollkoffer, der ihm bis zur Hüfte reichte. Er mußte vollgepackt sein, denn auf der unebenen Betonrampe fiel ihm das Ziehen sichtlich schwer. Offensichtlich hatte er vor, etwas mehr Zeit auf der Insel zu verbringen.
Der andere Mann war kleiner und breiter gebaut. Unter seinem T-Shirt spannten sich wohldefinierte Muskeln. Ein tätowiertes Tribal wand sich um einen Oberarm und verschwand unter dem Ärmel des Shirts. Mit seiner dunklen Hautfarbe, den braunen Augen, der etwas zu langen Nase und den vollen Lippen würde es nicht befremden, ihn als Schauspieler in Filmen wie Casablanca zu sehen, oder in Uniform als Fremdenlegionär. Eine Narbe an der linken Schläfe verlieh ihm ein martialisches Aussehen und einige weitere Schrammen an Stirn und Jochbein waren erst frisch verheilt.
Ein mürrischer Zug um die Mundwinkel verstärkte den Eindruck, daß man sich mit diesem Mann besser nicht anlegte. In dem Augenblick, als einer der Fährleute seine Sporttasche greifen wollte, um sie ihm nachzureichen, riß er sie mit einer raschen Bewegung an sich und bedachte den Mann mit einem so finsteren Blick, daß der in der Bewegung erstarrte. Ungelenk wuchtete er die Tasche auf den Boden. Um ein Haar wäre er dabei in den Spalt zwischen Boot und Rampe getreten. Erst in letzter Sekunde fing er sich und sprang mit einem für den Bewegungsablauf überraschend weiten Satz über die Tasche. Kopfschüttelnd wandte sich der verhinderte Helfer ab und hing die Sperrleine wieder vor den Durchgang.
Einige von euch kennen die beiden Männer schon. Es handelt sich um Mike Peters und Maurice Belloumi aus Paris. Sie haben im vergangenen Jahr eine Menge gemeinsam erlebt. Das hat sie zusammengeschweißt und sie sind enge Freunde geworden. Die Frage, ob sie ein Liebespaar seien, würden beide allerdings unterschiedlich beantworten. Mike mit einem gedehnten ‘ja’ und Maurice mit der knurrigen Feststellung, daß er nicht schwul sei. Er habe nur Sex mit Männern.
An der bretonischen Kanalküste ist der Tidenhub besonders hoch. Je nach Mondphase, Jahreszeit und Wetterlage kann er bis über fünfzehn Meter betragen. Hier auf der Île erreicht er im Frühjahr und Herbst immerhin zehn Meter. Damit ist ein Anleger im herkömmlichen Sinne nicht machbar. Die Bretonen haben dieses Problem auf eine pfiffige Weise gelöst: Sie bauen eine lange, flach abfallende Rampe in das Meer, an der die Fähren dort halten, wo sie gerade aus dem Wasser kommt. Bei Springebbe ist das weit draußen, bei normaler Ebbe oder bei auf- und ablaufendem Wasser entsprechend näher am Hafen. Nur bei Flut legt das Boot direkt an der Kaimauer an.
Jetzt stand das Wasser tief und Mike und Maurice mußten einen längeren Weg mit ihrem Gepäck absolvieren, ehe sie festes Land erreichten. Sie passierten ein Häuschen, in dem man die Tickets für die Überfahrt kaufen konnte und das einen kleinen Unterstand bot, in dem man bei schlechtem Wetter warten konnte. Dort sammelten sich aber regelmäßig nur die Touristen. Die Insulaner verschmähten ihn aus Prinzip.
Einen Unterstand brauchte man jetzt auch nicht. Die Sonne schien und das gesamte Hafenbecken lag trocken da. Die Schiffe der Fischer lagen bunt und scheinbar willkürlich verstreut auf dem steinigen Boden der Bucht. Bei einigen hatten die Besitzer besondere Ankerstangen im Boden verankert und sie daran festgemacht, damit sie aufrecht standen. Viele Boote lagen aber auch einfach lässig auf der Seite, als hätte sie ein Sturm oder die Faust eines Riesen dorthin gewürfelt. Die nächste Flut würde es schon wieder richten.
»Wir hätten vor der Abfahrt in Roscoff besser in den Tidenkalender gesehen, in einem Café am Hafen noch in Ruhe einen Espresso getrunken und ein oder zwei Boote später genommen«, kommentierte Mike die mißliche Situation.
»Stell Dich nicht so an!«
Maurice spuckte ihm die Worte vor die Füße. Sein Gegenüber entschloß sich, nicht gegenanzureden und zog seinen Koffer verdrossen hinter seinem Freund her, der ihm bereits einige Schritte voraus ging.
»Ich bin dafür, wir nehmen uns ein Taxi.« Mike wirkte erschöpft und der Fahrer des Inseltaxis öffnete ihnen bereits mit seinem breitesten Lächeln die Heckklappen seines Kleintransporters.
»Ich bin dafür, Du hältst die Klappe.« Maurice marschierte stumm mit seiner Tasche am Taxi vorbei und machte Anstalten, den Weg zu ihrer Unterkunft zu Fuß zu gehen.
»So machen wir uns hier keine Freunde.«
»Ich brauch keine Freunde.«
Er hielt nach einigen Metern dennoch an und kam betont langsam zurückgeschlendert. Mike wuchtete mit einem Seufzer der Erleichterung seinen Koffer in den Wagen und nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Nach einigen Sekunden flog auch die Tasche in den Fond und Maurice rutschte hinter ihm auf die Sitze.
»Zur neuen Mühle bitte«, sagte Mike zu dem Fahrer, der ihn erwartungsvoll ansah. Dessen Gesicht zeigte Unverständnis.
»Zur neuen Mühle bitte!« Mike sprach betont langsam und deutlich, wie zu einem geistig Zurückgebliebenen.
»Pelec’h?«
Mike fühlte sich für einen Moment ziemlich hilflos. Es sah so aus, als könnte er sich auf französischem Boden nicht in Französisch verständigen. Da griff Maurice ein. Er knurrte einige Worte, die Mike nicht gleich verstand und schlagartig hellten sich die Züge ihres Fahrers auf.
»Ah, d’ar Milin Nevez. Laouen!« strahlte er Mike an, der jetzt genauso verständnislos guckte wie soeben der Fahrer. Das Auto setzte sich in Bewegung. Zuerst langsam, dann mit einer Beschleunigung, daß das Gepäck mit einem Schwung gegen die Türen flog und Mike dachte, sie müßten sich unter der Belastung öffnen. Am Ende der Mole bog der Wagen in Richtung Kirche ab, umschiffte lässig das Häufchen Touristen mit ihrer Stadtführerin und schlug dann, ohne zu bremsen, einen linken Haken.
Sie kannten die Strecke von ihrem letzten Besuch. Hier ging es zur Mairie, aber die ließen sie heute rechts liegen. Ihr Fahrer fuhr mit unvermindertem Tempo weiter durch die engen Straßen, bergauf und bergab, wich zwischendurch Treckern aus, die mit ähnlichem Tempo wie er durch die Straßen flitzten, und brachte es sogar fertig, im Vorbeifahren einige Worte mit Passanten zu wechseln. Mike erfuhr auf diese Weise, daß ihr Chauffeur Ivan hieß. Schließlich bog der auf eine Grünfläche ab, die unvermittelt hinter einer Häuserreihe erschien und bremste so scharf, daß Mike sich wünschte, er hätte den Sicherheitsgurt doch angelegt.
Vor ihnen lag zwischen zwei massiven Granitpfeilern ein breites Holztor, das schon bessere Zeiten gesehen hatte und nur mit einem Stück Wäscheleine dagegen gesichert war, daß es bei Sturm von selbst aufging. Daneben hing ein verwitterter Briefkasten, auf dem ‘Milin Nevez’ stand, was auf bretonisch ‘Neue Mühle’ bedeutet. Alte Koniferen bekränzten das Tor. Durch diesen Rahmen blickten sie auf ein Häuschen aus teilverputzten Granitsteinen, das auf einer kleinen Erhebung stand. Es lehnte sich an einen massiven Turm. Falls er einmal Windmühlenflügel getragen hatte, so sah man das jetzt nicht mehr. Man konnte das Ensemble auch für einen Neubau halten, so hell strahlte der Putz in der Sonne.
Ivan stieg aus, öffnete die Hecktüren und stellte Tasche und Koffer einfach ins Gras. »Douze!« sagte er zu Mike. Der gab ihm Fünfzehn und wurde mit einem Strahlen belohnt, als würde sich die Sonne in seinem Gesicht spiegeln. Wortlos stieg er in seinen Wagen und startete mit einer Beschleunigung, daß Erde und einige Grassoden durch die Gegend flogen.
»Was zur Hölle hast Du ihm gesagt?« fragte er seinen Freund, als sie ihr Gepäck zunächst aufs Grundstück gestellt hatten und um den Turm herumgingen. Auf der Rückseite des Gebäudes befand sich nämlich ein zweiter Eingang und dort sollte auch der Schlüssel hinterlegt sein.
»Daß ich dafür sorge, daß Yannik ihm morgen persönlich in den Arsch tritt, wenn er weiterhin so tut, als ob er nur Bretonisch kann.«
Mike war einen Moment sprachlos, entschloß sich dann aber, herzlich darüber zu lachen. »Okay, Freunde machen wir uns damit nicht, aber Respekt hast Du uns erkämpft.«
»Der ist mir zehnmal wichtiger.« Maurice deckte nacheinander die Jakobsmuscheln auf, die wie zu einem Hütchenspiel auf der Fensterbank neben der Türe lagen und tatsächlich befand sich unter der letzten ein kleines Schlüsselbund. Yannik vertrat auf der Insel das Gesetz. Maurice hatte in den letzten Monaten mehrfach mit ihm in einer Mordsache zusammengearbeitet. Sie kamen gut miteinander zurecht und hatten den Fall erfolgreich abgeschlossen.
Wer unsere Helden noch nicht kennt: Maurice arbeitet bei der Pariser Mordkommission und Mike ist Redakteur beim ‘Magazine de la Science’, einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift. Mike hat Maurice zweimal auf seinen Dienstausflügen während der Mordermittlung begleiten dürfen und die beiden haben beschlossen, auch einmal privat auf diese Insel zu fahren und sich gemeinsam zu erholen.
Das haben sie bitter nötig, denn die letzten Monate waren für beide sehr anstrengend. Schauen wir mal, wie gut es ihnen gelingt.
Warum ist es so, daß es nur unglücklicher Umstände bedarf, damit die Menschheit ihr volles Potential zur Selbstzerstörung freisetzt? Mike Gorden
Kain Waters zahlte einen hohen Preis für seinen PHD. Er hätte sich niemals vorstellen können, daß ein Dissertationsthema, das sich mit Wasser befaßte, derart staubtrocken sein konnte. Es ging um Kristallisationsformen von Eis. So wie der Kohlenstoff in verschiedenen Formen auftritt, etwa als häufiger und preiswerter Graphit ebenso, wie als seltener und teurer Diamant, so gab es auch verschiedene Formen festen Wassers. Nicht nur das leichte Eis I, das im Winter die Oberfläche der Gewässer bedeckte oder in Form von Schneeflocken herunterrieselte. Bei hohem Druck ließen sich auch mannigfaltige andere Modifikationen von Eis herstellen.
Genau wie Graphit und Diamant, so unterschieden sich auch diese stark in ihren Eigenschaften. Es gab Modifikationen mit deutlich höherer Dichte als Wasser. Es gab auch welche, die bei +50°C noch fest waren. Ihnen allen gemeinsam war, daß sie sich bei normalem Druck rasch wieder in normales Eis oder in Wasser zurück verwandelten.
So weit, so interessant. Kain war nun die meiste Zeit des Tages damit beschäftigt, Wasser in einer kühlbaren, hydraulischen Presse verschiedenen Variationen von Temperatur und Druck in wiederholten Wechseln auszusetzen und die entstehenden Eisformen zu charakterisieren. Das war auf Dauer ermüdend und etwas wirklich Neues herausgefunden hatte er damit auch noch nicht.
Heute war einer der weniger langweiligen Tage. Die alte hydraulische Presse wurde abgeholt und durch ein brandneues Modell ersetzt. Es handelte sich um eine Spende eines Unternehmens, die sein Professor eingeworben hatte. Dr. Mark Smith war in seinem Bereich einmal eine Koryphäe gewesen und in besseren Zeiten hatten die Sponsoren bei ihm Schlange gestanden. Heutzutage mußte er sich schon mehr nach der Decke strecken und so war er auf dieses Exemplar besonders stolz. Es handelte sich nämlich um einen experimentellen Prototyp, der durch ein neuartiges Verfahren einen besonders hohen Druck erzeugen konnte.
Die Kolben wurden hierzu nicht nur mechanisch gegeneinander bewegt, sondern dabei zusätzlich von kleinen Sprengkapseln beschleunigt. Dies ergab die Möglichkeit, für sehr kurze Zeit einen Druck aufzubauen, für den die Anlage eigentlich nicht konzipiert war. Diese trickreiche Umgehung der Naturgesetze ermöglichte es möglicherweise, weitere Modifikationen als die bisher bekannten siebzehn herzustellen und zu erforschen.
So stellte sich das jedenfalls Dr. Mark Smith vor, der mit breitem Kreuz und geschwellter Brust vor Kain stand, jeden Handschlag der Arbeiter beobachtete und mit einem scharfen Kommentar nicht hinter dem Berg hielt, wenn etwas seiner Meinung nach nicht richtig war. Kain kannte das schon und hielt sich bewußt im Hintergrund, wissend, daß er den Unmut der Arbeiter sonst später auszubaden hätte.
»Wie kann man nur so borniert sein?« schimpfte Smith gerade wieder. »Das sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock, daß die Teile nicht zusammen… oh, das paßt ja doch.«
Sein Eifer, zu helfen, war von nun an glücklicherweise gebremst. Kains Vorschlag, zu warten, bis die Arbeiter fertig und die Presse eingemessen war, stieß aber auf wenig Gegenliebe.
»Das können Sie noch nicht beurteilen, Waters. Diese Angelegenheit ist einfach zu wichtig, als daß man sie Amateuren überlassen darf.«
Für Dr. Smith waren alle anderen Amateure. Außer ihm natürlich. Hätte Kain seinerzeit eine Wahl gehabt, so wäre er auch gerne zu einem anderen Professor gegangen. Da seine Leistungen aber nur mittelmäßig waren, konnte er letztlich froh sein, überhaupt einen Platz gefunden zu haben.
Kains Problem lag nicht an mangelndem Fleiß. Davon brachte er mehr als genug mit. Ihm fehlte aber jener Funke der Inspiration, der es möglich machte, auf seinem Weg die versteckten Abkürzungen zu entdecken oder ein Problem auf originelle Art zu lösen und damit einem der Lehrer positiv im Gedächtnis zu bleiben.
Endlich ging auch dieser Tag vorbei und er konnte zurück in seine Wohngemeinschaft. Da er als Doktorand nicht übermäßig viel verdiente, war er froh, einigermaßen preiswert wohnen zu können, denn die Mieten in Downtown Chicago waren hoch. Seine Mitbewohner waren alle deutlich jünger als er und studierten noch. Doktoranden erhielten üblicherweise ein besser dotiertes Stipendium und andere Vergünstigungen und zogen aus den Studenten-WGs weg, sobald sie es sich irgendwie leisten konnten. Er mußte sich stattdessen mit Nebenjobs über Wasser halten, um überhaupt über die Runden zu kommen.
An seiner Zimmertür lehnten ein Eimer und der Wischmop. Stimmt, er war in dieser Woche mit Putzen dran. Mißmutig machte er sich daran, den Flur und das Treppenhaus zu wischen. Danach warf er sich eine leichte Jacke um die Schultern und ging nach draußen. Es war ein milder Frühlingsabend und er wollte nicht den ganzen Abend auf seiner Bude sitzen. Er kaufte einige Lebensmittel im Supermarkt um die Ecke ein. Später, als er wieder zuhause war, schrieb er Mails an seine Familie.
Es klopfte an der Zimmertür. Es war Elaine, eine seiner WG-Genossinnen. »Hey Kain, ich hab’ grad’ gesehen, daß Du diesen tollen Cranberry Joghurt gekauft hast. Meinst Du, daß ich mir morgen zum Frühstück einen davon nehmen dürfte?«
»Na klar, bedien’ Dich.« sagte Kain gutmütig. »Wollen wir übrigens zusammen frühstücken? Ich muß auch früh raus.«
Elaine sagte so spontan zu, daß man denken konnte, sie hätte selbst nach einem Vorwand gesucht. So saßen sie am nächsten Morgen zusammen in der WG-Küche und plauderten über den Sinn des Studiums. Auch Elaine hatte zu kämpfen. Nicht wegen ihrer Leistungen. Die waren ausgezeichnet. Aber ihr Studienfach Chemie war eine Männerdomäne. Professoren, die ihre Vorlesung mit »Guten Morgen, meine Herren.« begannen, waren da noch das kleinere Übel. Wenn es darum ging, Praktikumspartner zu finden, wurde sie immer als letzte gefragt. Positiv diskriminierend war, daß sie, wenn sie zwischen zwei Zensuren stand, grundsätzlich die bessere Note bekam, weil ‘sie als Frau es tatsächlich geschafft hatte, wissenschaftlich zu arbeiten’.
»Am liebsten hätte ich dem Prof in diesem Moment eine gescheuert.« lachte sie.
»Drück’ mir mal die Daumen, daß unsere neue Presse heute anspringt. ‘Experimenteller Prototyp’ klingt für mich so, als läge der Maschine noch ein Ikea-Inbusschlüssel bei, um zwischendurch selbst die Schrauben nachzuziehen.«
»Und diese Strichmännchenzeichnungen mit Fragezeichen überm Kopf.« kicherte Elaine. »Hoffentlich habt ihr wenigstens eine Hotline, die ihr anrufen könnt.«
Kain hoffte, daß dem so war und betrat das Labor heute mit einem gewissen Bangen. Aber zu seiner Überraschung stand die Presse blitzblank da und die Techniker schienen sogar hinterher geputzt zu haben. Dr. Smith war bereits vor Ort und spielte fleißig an den Kontrollen, als hätte er selbst sie zusammengebaut.
»Der Sprengantrieb macht einen Höllenlärm, aber es sieht so aus, als würde ich in den nächsten Wochen doch noch zu neuen Ergebnissen kommen.« sagte Smith leutselig. Der Druck, die wir erreichen werden, liegt deutlich über allem, was bisher technisch möglich war.«
Kain war skeptisch, wenn er solche Versprechungen hörte. Meist bedeutete das nur, daß man sich mit Mühe und Not den alten Werten nähern konnte, und das auch erst, nachdem man mit der Maschine einigermaßen vertraut war. Er sollte aber positiv enttäuscht werden. Die Presse schaffte in der Tat mühelos den Druckbereich, in dem er bisher gearbeitet hatte, und das sogar, ohne Sprengantrieb. So gelang es ihm in den nächsten Wochen, die meisten der 17 derzeit bekannten Modifikationen von Eis herzustellen und die Abhängigkeiten ihrer Struktur von Druck und Temperatur zu charakterisieren, um die Presse einzumessen und gleichzeitig zu eichen.
Dann war es endlich soweit. Sein Professor stand neben ihm. Beide trugen sie Schallschutzkopfhörer, als er zum ersten Mal auf den Knopf der Sprengzündung drückte. Der Knall war selbst durch die Isolierung ohrenbetäubend. Nach einem Sekundenbruchteil war alles vorbei und sie konnten sich die Aufzeichnung des Vorgangs ansehen. Der Druckmesser zeigte kurzzeitig einen Druck von 45 Kilobar an, ehe er wieder auf den Ausgangsdruck zurückfiel.
»Wow, wir betreten gerade Neuland!« sagte Dr. Smith begeistert, nachdem sie die Kopfhörer wieder abgenommen hatten. »Und sehen Sie sich die Spektren an. Das ist keine der Eismodifikationen, die wir bereits charakterisiert haben. Ich glaube, ich habe gerade Eis XVIII entdeckt.«
Kain fühlte eine Erregung in sich hochsteigen, die er noch niemals zuvor gespürt hatte. Jetzt endlich erhielten seine bisherigen Arbeiten einen tieferen Sinn. Jetzt waren sie die Speerspitze der Wissenschaft, der er schon immer angehören wollte.
»Ich überlasse Ihnen nun das Feld.« schnarrte sein Professor. »Charakterisieren Sie alles, was wir hier finden werden. Ich glaube, meine nächste Veröffentlichung wird großes Aufsehen erregen.«
Kain, der hoffte, daß er in der Veröffentlichung zumindest erwähnt werden würde, machte sich an die Arbeit und erweiterte in den kommenden Wochen mit systematischen Messungen das Zustandsdiagramm von Wasser in die Druckbereiche, die bisher technisch nicht zugänglich waren. Nachdem er auf die Idee kam, unter den Schallschutzkopfhörern noch Ohrenstöpsel zu tragen, war auch der Krach der Detonationen zu ertragen und die Arbeit fing an, ihm richtig Spaß zu machen. Er kam früher zur Arbeit und blieb länger. Elaine, mit der ihn mittlerweile mehr als nur Freundschaft verband, sah er kaum noch.
Ein- bis zweimal wöchentlich entdeckte er von nun an eine neue Modifikation, die Wasser in fester Form annehmen konnte. Bald befanden sie sich in der Numerierung jenseits der 25. Kain fand erstaunlich, daß einige der Kristallformen auch noch bei Temperaturen fest waren, bei denen Wasser bei normalem Druck bereits gekocht hätte.
Dann kam der Tag, an dem er Eis XXIX entdeckte. Es war ein Freitagnachmittag. Kain charakterisierte die Probe zunächst auf die übliche Weise. Die Modifikation entstand bei einem Druck über 100 Kilobar, war bei Raumtemperatur fest und besaß eine Dichte von 1,35. Das war die höchste Dichte aller bisher entdeckten Modifikationen. Erreicht wurde das durch ein Kristallgitter, das er als kubisch flächenzentriert identifizierte. Das entsprach der dichtest möglichen Packung von Atomen in einem Kristallgitter.
»Schauen Sie, wie kurz die Wasserstoffbrücken sind.« bemerkte sein Professor, den er hinzugerufen hatte, um ihm die Spektren zu zeigen. »Das sieht mir sehr stabil aus. Würde mich nicht wundern, wenn das das Ende der Fahnenstange ist und wir keine dichteren Modifikationen mehr finden.«
Mit einem »So, und nun muß ich meinen Flieger erreichen.« verließ er danach das Labor.
Wie stabil die neue Modifikation war, das zeigte sich erst, als Kain nach dem Auseinandernehmen der Apparatur die Reste des Versuches in ein halb volles Sammelgefäß kippte. Es klimperte leise wie Glas und er traute seinen Augen nicht, als die Flüssigkeit im Becher spontan zu gefrieren begann. Von unten nach oben!
Eine Hochdruck-Eismodifikation, die bei Normaldruck und Raumtemperatur stabil war, gab es nicht. Konnte es nicht geben. Kain rieb sich die Augen, aber das Phänomen war immer noch da. Mittlerweile war die ganze Flüssigkeit gefroren. Er faßte vorsichtig mit einem Finger auf die Oberfläche, die bis eben noch flüssig gewesen war. Sie war warm. Ziemlich warm sogar. Klar, beim Kristallisieren wurde ja Wärme frei.
Sein erster Instinkt war, die Entdeckung seinem Professor zu zeigen. Er rief ihn auf dem Handy an. Da war nur die Mailbox. Sollte er draufsprechen? Etwas in ihm zögerte und schließlich legte er wieder auf. Eine diffuse Angst stieg in ihm hoch. Das war ziemlich spooky. Plötzlich wurde ihm klar, wie gefährlich seine Entdeckung in den falschen Händen sein konnte. Was könnte man damit alles anstellen!
Seine Angst wuchs und er überlegte, wie er das Malheur am besten vertuschen konnte. Einfach wegschütten ging aus naheliegenden Gründen nicht. Er mußte dieses monströse Eis vorher schmelzen und die Modifikation dadurch vernichten. Mit zittrigen Händen stellte er den Becher auf eine Heizplatte und drehte den Schalter auf Maximum. Endlose Minuten verstrichen, ehe er sah, daß die Modifikation zu schmelzen begann. Nach einer Viertelstunde hatte er endlich wieder normales Wasser vor sich, das leicht vor sich hin dampfte. Er hielt ein Thermometer hinein. 88 Grad Celsius. Das war ein beängstigend hoher Schmelzpunkt. Einmal aufkochen lassen und dann schnell weg damit. Er zog sich einen Isolierhandschuh über, nahm den Becher von der Heizplatte und goß seinen Inhalt in den Ausguß.
Sheeran Merkator ging heute nicht zur Arbeit. Besser noch: Er durfte seine monatliche Stunde an der Oberfläche verbringen. Darauf freute er sich schon die ganze Woche. Seit die Menschen vor tausenden von Jahren diesen unwirtlichen Planeten kolonisiert hatten, lebten sie zum größten Teil in unterirdischen Höhlen unter vielen Metern dicken Gesteins. Es schützte sie vor der kosmischen Strahlung.
Auf der Oberfläche unter den Glaskuppeln konnte man auf Dauer nicht leben. Der Planet besaß keine Atmosphäre. Die harte Strahlung aus dem Weltraum drang ungeschwächt bis zum Boden durch, durchdrang die Glaskuppeln und zerstörte das Erbgut. Die Menschen konnten keine Kinder mehr bekommen und entwickelten Geschwülste im Körper, die sich vermehrten. So stand es in den medizinischen Datenbanken. Allerdings hatten die Wissenschaftler auch bewiesen, daß das Licht der Sonne eine positive Wirkung auf den Körper hatte, die man mit Kunstlicht nicht adäquat ersetzen konnte. Um beide Bedürfnisse – Schutz und Licht – unter einen Hut zu bringen, hatte man sich irgendwann auf diese eine Stunde pro Monat geeinigt.
Sheeran stieg zusammen mit einer Gruppe Menschen in den großen Fahrstuhl zur Oberfläche. Auch sie durften heute eine Stunde lang nach draußen. Wobei man ‘draußen’ als relativen Begriff auffassen mußte, denn sie bewegten sich nach wie vor unter einer Kuppel und atmeten die gleiche gefilterte Luft wie die anderen in der Tiefe.
Die Fahrt nach oben dauerte mehrere Minuten. Diese Aufzüge hatte man früher für den Transport von Lasten eingesetzt und sie fuhren viel langsamer als die Personenaufzüge unten in den Höhlen. Als sie oben ausstiegen, öffneten sich zeitgleich noch eine ganze Reihe anderer Aufzüge und spien ihre Passagiere in die Kuppel hinein. Die Kolonie besaß mittlerweile über eine Millionen Einwohner. Zwar gab es mehrere dieser Kuppeln, aber dennoch handelte es sich um eine logistische Meisterleistung, jedem Bewohner seine Stunde zukommen zu lassen. Es hieß, es gäbe Bestrebungen, die Zeit zwischen zwei Aufenthalten an der Oberfläche auf fünf oder sogar sechs Wochen zu verlängern, damit die Besucher in den Kuppeln etwas mehr Freiraum genießen konnten.
Sie traten aus dem Schatten des Aufzugganges. Das helle Licht blendete sie zuerst. Sie mußten ein Zeitfenster um die Mittagszeit erwischt haben, denn die gelbe Sonne stand beinahe im Zenit. Unten in den Höhlen liefen die Uhren nach einem strengen Tag-Nacht-Rhythmus, der mit der wirklichen Tageszeit, die an der Oberfläche herrschte, nichts zu tun hatte.
Sheeran blickte durch die Kuppel. Sie maß etwa hundert Meter im Durchmesser. Den oberen Bereich hatte man soweit technisch möglich verglast.
Die meisten Menschen strömten in die Mitte. Dort gab es einen kleinen Teich, eine Gruppe von Bäumen und eine Reihe von Sitzbänken, die binnen Sekunden besetzt wurden. Er lächelte und spazierte stattdessen langsam einen Rundweg entlang, der am Rand der Kuppel entlangführte. Hier drängten sich weniger Menschen und es gab in regelmäßigen Abständen große Fenster in der Wand, durch die man auf die Oberfläche schauen konnte. Die Belüftung sorgte für einen stetigen, warmen Luftzug, so daß hier niemand überflüssige Kleidung trug und die Sonnenstrahlen ihre belebende Wirkung auf der Haut entfalten konnten.
Er stand gerne hier. Die Kuppel befand sich in einer weiten Ebene, die rundherum am Horizont von einer Bergkette begrenzt wurde. Vor Millionen oder sogar Milliarden von Jahren – das ließ sich mangels Erosion im Vakuum nicht so genau feststellen – mußte hier ein größerer Asteroid eingeschlagen sein und hatte diesen Krater geformt, auf dessen Boden die Kolonie jetzt lag. Sheeran liebte den weiten Blick, diese Ebene, auf der das Auge sich ausruhen konnte, auch das eine Besonderheit, die es nur hier oben gab. Über der Ebene erstreckte sich trotz der hochstehenden Sonne ein prachtvoller Sternenhimmel. Ohne eine Atmosphäre, die das Sonnenlicht streute, sah man auch feine Details am Himmel.
Sheeran kannte es nicht anders. In einem kurzen Ausschnitt aus einem uralten Film hatte er einmal einen Himmel gesehen, der nicht schwarz war, sondern blau. Das konnte aber nicht ihr Planet sein. Es mußte sich um die mythische, alte Heimat handeln, von der aus ihre Vorfahren vor Jahrtausenden diese Kolonie gegründet hatten. Kurz nach ihrer Gründung riß der Kontakt zur Heimat plötzlich ab und sie hörten nie wieder von ihnen. So stand es in den Geschichtsbüchern und so hatte er es einst in der Schule gelernt.
In einiger Entfernung, es mochten ein oder zwei Kilometer sein, konnte er die nächste Kuppel erkennen. Die Kolonie hatte sich ausgebreitet, sie tat das noch immer, und mittlerweile sogar die umgebenden Berge untertunnelt. Wenn er die Augen zusammenkniff, konnte er auf der Bergkette eine Reihe von Parabolantennen erkennen. Von dort beobachteten vollautomatische Systeme die Sterne und hielten Ausschau nach anderen Himmelskörpern. Falls einer dem Planeten zu nahe kam und abzustürzen drohte, sollten sie die Bewohner warnen. In Sheerans Leben kam ein solches Ereignis glücklicherweise noch nicht vor.
»Bitte weitergehen! Andere wollen auch noch schauen«, wies ihn ein Wachmann zurecht. Sheeran verließ seinen Ausguck und spazierte weiter den Weg entlang. Nachdem er seine Runde beendet hatte, begab er sich zu den anderen in den mittleren Bereich. Die Bäume, die hier standen, spendeten etwas Schatten, ohne allzuviel Sonnenlicht zu verdecken. Es handelte sich um eine Züchtung, die besonders gut mit der Strahlung zurechtkam und während der langen Planetennacht kein Kunstlicht benötigte. Den Teich – in Wirklichkeit ein künstliches Bassin – hatte man wohl länger nicht nachgefüllt, wie ihm die Ränder oberhalb der Wasseroberfläche verrieten.
Geduldig reihte er sich in die Schlange an einer kleinen Quelle ein, wo es frisches Wasser gab. Die Quelle bestand zwar nur aus einem kurzen Stück Rohr, aus dem ein Wasserstrahl in eine Art Waschbecken floß. Dennoch handelte es sich um einen Luxus, den er unten in den Höhlen entbehren mußte. Dort gab es nur genau abgemessene Rationen Wasser, einem der knappsten Rohstoffe auf diesem unwirtlichen Planeten.
Gerade, als er an die Reihe kam und sich einen Becher aus dem flachen Becken schöpfte, begann es im Zufluß zu blubbern. Der Wasserstrahl wurde schwächer und trug dicke Luftblasen mit sich. Dann versiegte er ganz. Sheeran schüttelte den Kopf über die technische Störung und ging mit seinem halbvollen Becher weiter.
Viel zu früh ertönte das Signal, daß ihre Stunde zu Ende ging. Der Ton klang nicht allzu laut, grub sich aber binnen weniger Sekunden so ins Bewußtsein, daß er die meisten Besucher aus ihren Gedanken riß. Sie setzten sich in Bewegung wie die Eloi in Wells ‘Zeitmaschine’, wenn die Sirenen der Morlock sie riefen. Sheeran hatte diesen Roman vor einigen Wochen in den Archivdatenbanken gefunden, die alles Wissen enthielten, das seit Gründung der Kolonie gesammelt und überliefert wurde. Er schien älter zu sein als die Kolonie, denn die Menschen in dieser Geschichte lebten nicht in Kuppeln, sondern unter einem freien Himmel.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich und alle fuhren wieder hinunter. Dort erwartete sie bereits die nächste Gruppe Menschen, die ihre monatliche Stunde in der Sonne verbringen wollten. Das System funktionierte nur noch, wenn es penibel durchgetaktet wurde. Schließlich schien die Sonne auch nicht immer.
Er fühlte sich dennoch erholt, als er sein kleines Singleappartement betrat. Viel mehr als ein Bett, ein Tisch und eine Naßzelle paßten nicht hinein. Obwohl sich die Kolonie mittlerweile über dutzende von Kilometern unter der Oberfläche erstreckte, gab es für jede einzelne Person nur wenig Platz. Immerhin mußten sie alles mühsam aus dem Gestein schlagen und an die Oberfläche verbringen. In einigen Jahren würde er die Erlaubnis bekommen, eine Familie gründen zu dürfen. Dann bekäme er auch ein Anrecht auf eine größere Wohnung. Bis dahin mußte er sich bescheiden. Das Wohl der Gemeinschaft besaß immer Vorrang vor dem Wohl des Einzelnen. Mit dieser Maxime wuchsen die Kinder hier auf. Das Überleben aller hing davon ab.
Er öffnete einen Behälter mit Trinkwasser, setzte sich vor seinen Bildschirm und rief die allgemeinen Nachrichten auf. Viel geschah derzeit nicht. Im Osten der Kolonie würde in den nächsten Wochen ein neuer Sektor fertiggestellt werden und die Regierung suchte noch Bewerber für die dort liegenden Wohnungen.
Die Anzeigen klangen verlockend. Wenn man zugelassen wurde, bekam man eine größere Wohnung, als es dem eigenen Status entsprach. Dafür erwartete die Regierung aber auch persönlichen Einsatz. Meist öffneten sie die Sektoren aus Platzmangel nämlich bereits, bevor die Bautrupps die dortige Infrastruktur komplett fertiggestellt und getestet hatten. Sheeran hatte sich schon vor längerem die Meinung gebildet, daß diese Angebote zwar verlockend erschienen, aber die Realität dahinter einer Prüfung nicht standhielt. Deswegen bewarb er sich auch nie auf solch eine Wohnung.
Das Wasser besaß heute einen unangenehmen Beigeschmack. Das kam in den letzten Monaten häufiger vor. So trank er es lustlos und ohne Genuß. Natürlich wußte er, daß das Wasser in der Kolonie wieder und wieder recycelt wurde. Über eine solche Selbstverständlichkeit machte sich hier niemand Gedanken. Anscheinend arbeiteten die Recyclingsysteme aber derzeit nicht fehlerfrei.
Die Kolonie benötigte eine ausreichende Menge sauberen Wassers zum Überleben. Die Bautrupps gewannen es mühsam aus den Gesteinen, die bei der Errichtung neuer Sektoren als Abraum anfielen. Meist genügte die gewonnene Menge nicht, um die zusätzliche Bevölkerung des Sektors zu versorgen.
Auf einem Planeten ohne Atmosphäre ist es eine besondere Herausforderung, an genügend Wasser zu kommen. Das fehlende Wasser gewannen die Menschen an Stellen weit außerhalb der Kolonie, an denen es Gesteine mit einem höheren Wassergehalt gab. Seine Gewinnung benötigte viel Arbeit und enorme Energiemengen. Ein erheblicher Teil der in großen Solarkraftwerken auf den umliegenden Bergen gewonnenen Energie wurde dafür aufgewendet. Als Geologe hatte er die Aufgabe, neue Lagerstätten mit wasserreichen Gesteinen aufzufinden und auszubeuten. Dies gestaltete sich in den letzten Jahrhunderten immer schwieriger.
Die hieraus resultierenden Probleme stellten einen zentralen Teil seiner Ausbildung dar und er wußte, daß sie derzeit nur einen Mangel verwalten konnten. Auf ihrer Hälfte der Heimat gab es nur noch wenige ehemalige Vulkane, deren wasserführende Schichten die Kolonisten noch nicht völlig ausgebeutet hatten. Wobei es sich bei dem Begriff ‘wasserführend’ sowieso um einen Euphemismus handelte, denn es ging um maximal einige Promille Wassergehalt. Mehr konnten sie auf einer Welt ohne Atmosphäre nicht erwarten. Auf lange Sicht mußten sie darauf achten, daß die Bevölkerung ihrer Heimat nicht weiter anwuchs. Den Mangel an einem Schlüsselrohstoff wie Wasser konnte die Regierung bei ihren Planungen nicht außer acht lassen.
Er hütete sich aber, seine Überzeugung öffentlich auszusprechen. Das Leben auf diesem Planeten bereitete den Kolonisten auch so genügend Probleme, auch ohne daß er das Augenmerk der anderen Bewohner auf Sachverhalte richtete, die möglicherweise wahr waren, aber letztlich nur die Gemeinschaft der Kolonisten destabilisieren würden. Das Versprechen steten Wachstums, das die Regierung propagierte, stand seiner Meinung nach auf tönernen Füßen. Sie mußten sehr verzweifelt sein, wenn sie sich der Wahrheit nicht stellten.
Der einzige, mit dem er darüber reden konnte, war Jon Ry. Er unterrichtete Geologie und Mineralogie an der Hochschule. Auch Sheeran zählte seinerzeit zu seinen Schülern. Ihr Kontakt riß nach der Prüfung nicht ab und entwickelte sich im Lauf der Jahre zu einer echten Freundschaft. Sie schrieben sich regelmäßig, telefonierten und sahen sich auf den Fortbildungstagungen des Fachbereichs. Aus wissenschaftlichen Informationen zogen sie beide regelmäßig die gleichen Schlüsse. Gerade am letzten Sonntag hatten sie sich ausführlich über eben dieses Thema unterhalten. Jon hatte ihn dabei so bohrend ausgefragt, daß er hinterher darüber nachdachte, ob sein Freund nicht etwas im Schilde führte.
So überraschte es ihn auch nicht, daß er beim Öffnen des privaten Messengers eine Nachricht vorfand.
‘Hey, Shee, melde Dich mal, wenn Du Zeit für Deinen alten Lehrer findest.’
Die beiden pflegten einen persönlichen Gesprächston und duzten sich, als wären sie enge Verwandte. Jon hielt nichts davon, von allen mit ‘Herr Professor’ angeredet zu werden und gab sich auch sonst völlig uneitel.
Natürlich hatte Sheeran Zeit. ‘Was kann ich tun?’ tippte er.
Die Antwort kam so schnell, als hätte sein Jon vor dem Bildschirm gesessen und auf ihn gewartet.
‘Ich brauche Deine Hilfe. Genauer: Wir brauchen Deine Hilfe. Du weißt, daß ich Mitglied in einigen Gremien bin. Ich möchte Dich für den heutigen Abend zu einer Sitzung einladen. Wenn Du mich unterstützt, erreichen wir vielleicht mehr.’
Das genügte, um Sheeran neugierig zu machen. Die ‘Gremien’, von denen Jon gesprochen hatte, standen nämlich der Regierung nahe, die er in seinen Fachgebieten gelegentlich beriet. Die Kolonie besaß flache Hierarchien, Jon Ry galt als einer ihrer fähigsten Geologen und die Geologie stellte neben der Biologie und der Chemie eine der Haupt-Wissenschaften dar und wurde an jeder Hochschule gelehrt.
Sheeran ließ sich den Termin in seinen Kalender überspielen und wartete gespannt auf den Abend. Er nahm seinen Handrechner mit, weil der Termin neben einer genauen Wegbeschreibung auch gleich die Zugangsberechtigung für den Regierungsbezirk enthielt.
Die erste Kontrolle gab es bereits, als er aus der Vakuumbahn ausstieg und die Station verlassen wollte. Er hatte sich noch nie im Regierungsbezirk aufgehalten und fand das Procedere durchaus spannend, daß er seinen Handrechner vor das Display des Scanners halten mußte. Es klickte und die Türe vor ihm öffnete sich. Hinter ihm schoben sich die anderen weiter in Richtung des eigentlichen Ausgangs zur Orangerie, einer der größten Sehenswürdigkeiten, die die Kolonie zu bieten hatte.
Sein Weg führte in einem verglasten Tunnel gradewegs durch die Anlage, denn am anderen Ende schloß sich der Regierungsbezirk an. Die anderen Besucher mußten einem langen und verschlungenen Weg folgen, der sie an vielen exotischen Pflanzen, Bäumen und sogar einigen Tieren vorbei am Ende wieder zur Bahnstation zurückführte. Auch hier konnte man nicht einfach so hinfahren, sondern bekam einen vierteljährlichen Slot für den Besuch.
Die Orangerie befand sich nicht ganz so tief unter der Oberfläche wie die Wohnanlagen. Durch einige Schächte fiel sogar etwas Tageslicht hinein, wenn die Sonne passend stand. Die restliche Beleuchtung erledigten spezielle Strahler. Sie gaben nicht das übliche gelbe Licht ab, sondern ein bläulich-rötliches, was der Anlage eine besondere Atmosphäre verlieh. Hauptsächlich wuchsen hier Bäume, die je nach Zeit blühten oder verschiedene Früchte trugen. Am Boden wuchsen verschiedene Gewächse. Die meisten trugen ebenfalls Früchte lieferten andere, brauchbare Produkte. Pflanzen, die nur schön aussahen und keinen Nutzen brachten, gab es hier nicht.
Die Früchte – ebenso wie die Gemüse, die in nichtöffentlichen Anlagen in den Außenbereichen kultiviert wurden – aß man nicht. Sie dienten der Wiederaufbereitung des Atem-Kohlendioxids, wurden anschließend geerntet und zusammen mit den Produkten der agrochemischen Farmen zu den Konzentraten verarbeitet, die sie alle bekamen. Essen war nötig, damit man überlebte. Sheeran kannte es nicht anders und vermutlich würde er betreten wegsehen, falls ihm wirklich jemand einen Apfel oder eine Orange zum Essen anböte.
Hier unten in dem Gang zum Regierungsviertel erblickte er die Anlage nicht aus der Besucherperspektive, sondern sah auch einen Teil der Infrastruktur, die man zu ihrer Pflege benötigte. Aus allgegenwärtigen kleinen Schläuchen tropften Wasser und die Nährlösungen, die die Pflanzen zum Wachsen benötigten. Er fang das spannend und blieb mehrfach stehen, um sich etwas genauer zu betrachten.
Anscheinend bewegte er sich nicht schnell genug, denn plötzlich erinnerte ihn ein ‘Bitte weitergehen. Sie werden erwartet!’ aus einem der überall verteilten Lautsprecher an seinen Termin.
Am Ende der Orangerie befand sich eine weitere verschlossene Tür. Auch sie öffnete sich, als er den Handrechner vor den Scanner hielt. Auf der anderen Seite wartete bereits Jon auf ihn. Sie umarmten sich wortlos, dann führte er ihn durch die Gänge des Bezirks. Sheeran staunte, wie weitläufig sich hier alles anfühlte.
Nicht daß man hier mit dem Platz verschwenderisch umging, aber gegenüber der teilweise drangvollen Enge der zunehmend übervölkerten restlichen Bezirke, überkam ihn erneut das Gefühl, sich frei bewegen zu können, genauso wie er es am Morgen auf der Oberfläche erlebt hatte. Sie trafen auf dem Weg nur wenige Leute und ihn überkam ein leichtes Unwohlsein, als er bemerkte, daß man auf den Gängen tatsächlich aneinander vorbeigehen konnte, ohne sich dabei berühren zu müssen.
Dieses Kapitel ist einer Kurzgeschichte nachempfunden, die ich in den Siebzigern in einer Anthologie gelesen und leider wieder verloren habe.
Mein Name ist Warg Bolton und heute beginnt mein Dienst. Ich schwebe mit meinem Gepäck vor der Andockschleuse. Neben mir befindet sich mein Arbeitspartner Herb. Sein wirklicher Name ist für menschliche Zungen unaussprechlich. Wir zwei werden in den nächsten sechs Monaten das Schiff betreuen, auf das wir gerade zentimeterweise zusteuern. Durch eine verglaste Luke sehen wir seinen Namen vorbeiziehen: HARKONNEN.
Es handelt sich um einen Transporter. Sehr offensichtlich älterer Bauart. Wie sich hier draußen im Vakuum Rost bilden kann, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Außerdem sieht es so aus, als wären bei den letzten Reparaturen nicht mehr die passenden Ersatzteile verfügbar gewesen und man hätte sich mit dem beholfen, was gerade so herumlag. Windschnittig muß solch ein Schiff nicht sein. So ähneln dann manche Frachter gegen Ende ihres Lebens, das durchaus 100 Jahre dauern kann, mehr und mehr einem Haufen Altmetall, scheinbar nur noch von der eigenen, geringen Schwerkraft zusammengehalten und beim winzigsten äußeren Anstoß zum Auseinanderdriften bereit.
Die HARKONNEN transportiert eine besondere Fracht: Gefangene. Sie hat die Aufgabe, Verbrecher, die irgendwo in der Galaxis aufgegriffen wurden und gegen die ein galaktischer Haftbefehl vorliegt, zu ihren jeweiligen Heimatplaneten zurückzubringen, wo sie dann abgeurteilt wurden. Ich persönlich finde, daß der Name des Schiffes seine Funktion hervorragend widerspiegelt. Das Lesen antiker Literatur ist eines meiner wenigen Hobbys. Es hilft mir über die langen Stunden hinweg, in denen ich Wache auf der Brücke halten muß.
»Ich krieg kalte Füße!« Herb stammt von einer Welt im Orion-Sektor, die ein größtenteils tropisches Klima aufweist, noch wärmer als die Erde nach dem Klimawandel in den 2.100er Jahren. Deswegen friert er schnell. Vor allem bei der Vorstellung, daß ihn nur ein dünnes Schott von der Kälte des Weltraums trennt.
»Ich hab Dir schon immer gesagt, daß du Socken anziehen sollst«, frotzele ich zurück. Bei der Größe seiner vier mit Haftorganen besetzten Füße ist das eine lustige Vorstellung. Zumindest für mich.
»Du mich auch!«
Herb und ich kennen uns seit vielen Jahren und wenn wir zusammenarbeiten, kommen wir größtenteils gut miteinander aus. Das ist auch nötig, denn sechs Monate zusammengepfercht auf einem Schiff können sonst schnell zu einem Höllentrip werden. Die Gäste, die wir befördern, werden sicher keinen Beitrag zu unserer Unterhaltung leisten. Die meisten gehören Spezies an, die ich bisher vielleicht einmal in meinem Leben gesehen habe und deren Sprache, wenn sie denn überhaupt eine haben, ich nicht spreche. Sie zusammen zu einem Kaffeekränzchen aus ihren Zellen herauszuholen, wäre keine gute Idee. Abgesehen davon ist es strengstens verboten.
Mittlerweile befinden sich die beiden Schiffe fast auf Rumpfkontakt. Zuerst hören wir ein Knirschen von Metall auf Metall, danach das hohle Schnappen der Andruckklemmen, die die beiden Schleusen fest miteinander verbinden. Es hallt durch das große Schiff und kommt nach einem Sekundenbruchteil als Echo zu uns zurück. Danach dauert es noch einige Minuten, in denen Automaten die Verbindung auf Luftdichtigkeit testen. Schließlich öffnet sich die Schleusentür mit einem Quietschton, der uns beiden eine Gänsehaut bereitet. Wir schweben in die Dekontaminationskammer und warten, bis die wieder einsetzende Schiffsrotation uns mit Schwerkraft versorgt und wir auf den Boden sinken.
»Stelle merken und ölen«, knurrt Herb, während metallene Tentakel uns mit einer Reihe Chemikalien besprühen, die den Mikrobenaustausch zwischen den Schiffen auf ein Minimum beschränken sollen. Den penetranten Geruch nach Altherrenhaarwasser werde ich tagelang nicht mehr aus der Nase bekommen. Es gibt Dinge, die ändern sich nie. Diese Desinfektionslauge gehört dazu.
Endlich ist die Prozedur beendet und wir schleppen unser Gepäck in die Kombüse. Hier befindet sich auch der Aufenthaltsraum, in dem wir einen Teil unserer freien Zeit verbringen, gemeinsam essen, Filme gucken oder Nachrichten sehen. Wir müssen solange warten, bis die bisherigen Wachen ihre Quartiere geräumt haben und uns ihre Dienstgeschäfte übergeben. Das dauert meist nicht länger als einige Stunden. Viel zu sagen gibt es nicht.
Es mag verwunderlich sein, daß zwei Leute genügen, um einen Frachter von knapp fünfzig Metern Länge zu fliegen und in Schuß zu halten, aber eigentlich sind selbst wir noch zu viel. Alles ist vom Größten bis ins Kleinste computerisiert, ein Umstand, der bei der rustikalen Optik der Anlage verwundert, aber die Prozessoren liegen tief im Metall und alles ist mit allem vernetzt. Überall Sensoren, stecknadelkopfgroße Kameraaugen und kleine Lichtfinger, die emsig hin- und herschwenken. Programmfehler findet und eliminiert das System gleich selbst und sollte ein Eingriff an der Hardware nötig sein, gibt es ja Herb und mich, die Schrauber.
Lisa und Van holen uns ab. Sie haben den Frachter im letzten halben Jahr in Schuß gehalten. Die Begrüßung ist kurz und wenig herzlich. Die beiden wirken müde und sind in Gedanken bereits in dem zweimonatigen Urlaub, der ihnen bevorsteht. So tauschen wir nur ein paar Floskeln aus. Der obligatorische Gang durchs Schiff zieht sich.
Die Gefangenenzellen sind fast bis auf den letzten Platz gefüllt und wir müssen wissen, wen wir befördern. So arbeiten wir uns von Zelle zu Zelle vor. Lisa erzählt uns etwas zu den jeweiligen Gefangenen, was sie getan haben, Zielplanet und bei selteneren Spezies auch etwas zu Sprache und Lebensweise. Einen Universalübersetzer haben wir auf dem Schiff nicht. Zu teuer. Also müssen wir uns behelfen können, falls einmal eine Verständigung vonnöten sein sollte.
Die wenigsten der Insassen sind menschlich. Auch daran gewöhnt man sich. Entgegen dem, was man sich in der Frühgeschichte der Menschheit unter Science Fiction vorstellte, haben die allermeisten Aliens keinerlei Ähnlichkeit mit uns. Zu unwahrscheinlich ist es selbst bei der Vielzahl unterschiedlichster Sonnen und Planeten, die unsere Galaxis bevölkern, daß das Leben zweimal auch nur einen ähnlichen Weg genommen hätte.
Die Artenklassen der Säugetiere, Reptilien, Insekten, Vögel und Fische gibt es ausschließlich bei uns auf der Erde. Nirgendwo anders hat sich der Stammbaum des Lebens genauso aufgespalten. So gibt es drei-, fünf- und sechsbeinige Spezies, sofern sie denn Beine haben und keine Tentakel, Stalaktiten oder einen Hoverantrieb. Ebenso vielfältig ist die Chemie des Lebens, was zur Folge hat, daß für jedes Volk an Bord eigene Vorräte mitgeführt werden müssen.
Gemeinsam ist ihnen allen die Intelligenz und der Drang nach Erkenntnis. Mit der Zeit lernt man, über alles andere hinwegzusehen. Das sind nur Äußerlichkeiten. Nur wenige Außerirdische sind so kriegerisch wie die Menschheit. Je länger eine Spezies existiert, desto mehr verliert sich dieser kindische Drang, überall der Stärkste und Beste sein zu wollen.
Zum Glück verbietet sich aber eine Eroberung fremder Planeten allein aus dem simplen Grund, daß die meisten der theoretisch bewohnbaren Welten für uns ungeeignete Lebensbedingungen und eine Flora und Fauna bieten, die in allen Komponenten für uns giftig ist. Nur sehr wenige Planeten sind überhaupt für eine Kolonisation nutzbar, beispielsweise weil sich dort noch kein höheres Leben entwickelt hat. Auch dort herrschen aber Lebensbedingungen, die höchstens für eine Handvoll Spezies geeignet sind und die anschließende Terraformung dauert mindestens Jahrhunderte.
So hat sich über die Jahrtausende eher eine Art interstellarer Handelszivilisation entwickelt. Alles schränkt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Handel und Teilen von Wissen. Auch Abkommen über einen Gefangenenaustausch gibt es, denn Verbrecher kümmern territoriale Grenzen wenig. Bei jeder Spezies.
Ich gähne heimlich und tue so, als würde ich fleißig mitschreiben. Steht doch eh alles in der Datenbank des Schiffscomputers zum Nachlesen. Wir verlassen den Bereich für Sauerstoff-/Stickstoffatmer. Es gibt auch einige fremde Spezies, deren Stoffwechsel sich von unserem derartig unterscheidet, daß selbst freier Luftsauerstoff für sie giftig wäre. Für sie gibt es einen kleinen Extrabereich auf der HARKONNEN, in der auch Atmosphären mit Gasen vorgehalten werden, die auf erdähnlichen Planeten in freier Form nicht existieren. Wir legen die Schutzanzüge an und gehen hinein.
»Derzeit ist hier nur eine Einheit belegt«, erklärt Lisa und Van hakt wieder einen Punkt auf ihrer Liste ab. Mittlerweile bin ich mir sicher, daß sie auch nur so tut, als wäre sie aufmerksam. Wir treten vor die Zelle und blicken durch das Kraftfeld, das uns von den Insassen trennt.
Drin sitzen nebeneinander auf einer Pritsche zwei Wesen, die entfernt menschenähnlich aussehen. Zumindest besitzen sie zwei Arme und Beine an einem purpurn erscheinenden Körper, auch wenn diese geradezu grotesk lang und dünn erscheinen und in Büscheln fadenförmiger Ausläufer enden. Auf etwas, das ein Kopf sein könnte, sitzt ein großes Bündel ‘Knospen’ auf Stielen. Entfernt erinnert mich das Gebilde an die Facettenaugen mancher Insekten. Irgendwelche Körperöffnungen, die der Nahrungsaufnahme oder Kommunikation dienen könnten, entdecke ich nicht.
»Sie atmen Wasserstoff. Streng genommen sind sie pflanzlich. Die Fütterungsautomaten stellen ihnen eine Nährlösung, die sie mit den wurzelförmigen Händen und Füßen aufnehmen.«
»Wie kommunizieren sie?« frage ich.
»Sie sind Empathen oder Telepathen. Genau wissen wir das nicht. Wenn man sich hier längere Zeit aufhält, fängt man an, ihre Gefühle zu spüren und Sachen zu sehen, die nicht existieren können. Wir haben uns von ihnen möglichst ferngehalten. Ihr solltet das gleiche tun.«
Lisa klingt nervös, als sie das sagt. Anscheinend ist etwas vorgefallen, das sie zu dieser ungewöhnlich deutlichen Warnung veranlaßt.
Auf mich wirken sie gar nicht unheimlich. Eher sehen sie mit ihren dünnen Ärmchen schlaksig und zerbrechlich aus. Sie scheinen in engem Kontakt zueinander zu stehen. Ihre Gliedmaßen befinden sich in ständiger Bewegung, fast, als würden sie einander streicheln. Etwa die Hälfte ihrer Augenknospen sind einander zugewandt. Wenn ich sie länger ansehe spüre ich etwas in mir. Eine Art Echo. Wenn ich die Augen schließe, fühlt es sich freundlich an, nach Zärtlichkeit und gegenseitiger Zuneigung.
»Sind die beiden ein Liebespaar?« frage ich.
»Eher Bonnie und Clyde«, widerspricht Van. »Sie stehen auf der Fahndungsliste ihres Heimatplaneten ganz oben. Sie müssen etwas Furchtbares getan haben.«
Das ist schwer zu glauben, finde ich. Aber das entscheiden auch keine Leute wie wir. Wir führen nur Anordnungen aus und bringen sie von A nach B.
Die Führung ist beendet. Lisa und Van verabschieden sich und wir beziehen unsere Kajüten. Das Schiff ist groß, aber viel Platz gesteht man uns trotzdem nicht zu. Wir sind Inventar, keine Nutzlast. Treibstoff ist ungeachtet neuer, revolutionärer Antriebstechniken über all die Jahrtausende immer der begrenzende Faktor geblieben und die fliegenden Paläste und Städte, von denen unsere Vorfahren geträumt haben, bleiben Utopien.
Zwei Stunden geben wir uns. Dann treffen wir uns auf der Brücke. Die Gesellschaft erwartet einen Übergabebericht. Herb checkt als erstes die Reparaturlogs der vergangenen Monate. Das Ergebnis fällt nicht zu seiner Zufriedenheit aus. Ich habe nie gelernt, in seinen Gesichtszügen zu lesen, aber seine Körperbewegungen sind eindeutig, und die dumpfen, kehligen Flüche, die er in seiner Muttersprache ausstößt, muß ich dazu auch nicht verstehen.
»Wenn unsere sechs Monate durch sind, muß das Schiff ins Dock. Aber wir werden alle Mühe haben, es bis dahin zusammenzuhalten«, brummelt er danach wieder in Galaktischem Standard. »Ein paar Schotts müssen geschweißt werden, damit wir auch in ein paar Wochen noch genug Luft zum Atmen haben. Dafür waren unsere Vorgänger sich wohl zu fein. Ihr Menschen seid für solch grobe Arbeiten einfach nicht geeignet.«
Ich ignoriere den Seitenhieb. »Außerdem stimmts nicht, daß sie sie sich von den Gefangenen in der Wasserstoffsektion ferngehalten haben«, ergänze ich. »Die Schotts wurden mehrmals täglich geöffnet, seit Lisa und Van ihre Kapsel an Bord genommen haben. Was hältst Du überhaupt von ihnen? Ich muß sagen, unheimlich kommen sie mir nicht vor. Hast Du auch ihre Gefühle gespürt?«
»Nur wenig. Ich fands aber angenehm. Vielleicht verbreiten sie ja gute Laune auf dem Schiff. Dann wirds leichter, schon wieder ein halbes Jahr mit Dir zusammen durchzustehen.«
»Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, was sie Schlimmes getan haben können. Den beiden Frauen ging es vielleicht ähnlich und jetzt schämen sie sich dafür, das zuzugeben.«
»Das ist auch nicht unser Job. Wir müssen dafür sorgen, daß der Laden läuft. Schau in die Datenbank. Da wirds drinstehen. Und jetzt laß uns diesen Bericht schreiben.«
Ein leichtes Vibrieren geht durch den Schiffsrumpf. Ich kann es spüren, wenn ich die Hand auf die Wand neben mir lege. Unser Shuttle hat abgelegt und bringt Lisa und Van zu dem Erzfrachter, der sie zur nächsten Sternbasis mitnehmen wird. Jetzt sind wir allein mit unseren Gefangenen. Nein, wir sind allein.
Die Gefangenen werden wir in den nächsten Monaten im Idealfall gar nicht zu Gesicht bekommen. Ihre Zellen funktionieren völlig autark. Für Fütterung und Hygiene ist gesorgt und wenn der Zeitpunkt der Übergabe gekommen ist, werden sie einfach aus dem Verbund ausgeklinkt, an das andere Schiff angedockt und gegen eine neue leere oder volle Zelle ersetzt. Die Einheiten besitzen sogar einen kleinen Antrieb. So kann man sie für den unwahrscheinlichen Fall einer Havarie als Rettungskapseln einsetzen. Alles für die Nutzlast. Für uns ist solch ein System nicht vorgesehen, aber zum Glück liegt die letzte Havarie im Föderationsraum auch schon einige Jahre zurück.
Der Bericht ist schnell geschrieben. Danach kehrt Routine ein. Der Frachter lenkt sich selbst zum nächsten Übergabepunkt. Nur bei der Berechnung der Hyperraumsprünge sind Herbs Geschick und Intuition gefragt. Wir klotzen ordentlich ran und haben die meisten Schäden tatsächlich bald behoben. Herb schafft es sogar irgendwie, die quietschende Schleuse zu ölen. Mit seinen Tentakeln kommt er mühelos in Ritzen und Ecken, die ich nicht einmal sehe.
Die Stimmung zwischen uns ist besser als sonst. Genau wie unsere Vorgänger besuche ich regelmäßig die beiden besonderen Gefangenen im Wasserstofftrakt. Es ist entspannend, ihren fließenden Bewegungen zuzusehen. Wenn sich die feinen Ausläufer ihrer Hände berühren, ist es, als würden dabei kleine Funken fliegen. Vielleicht besitzen sie Bioelektrizität. Auch Herb scheint es als angenehm zu empfinden. Jedenfalls ist er oft mit dabei. Wir sind uns mittlerweile sicher, daß die beiden ein Liebespaar sind und daß sie uns empathisch daran teilhaben lassen. »Jedes Raumschiff sollte zwei von denen an Bord haben«, sagt er einmal.
Ich recherchiere in den Schiffsdatenbanken über unsere Gefangenen. Alle haben sie eine Vorgeschichte. Meist geht es um Mord und andere Gewalttaten. In einigen Fällen auch nur um schweren Betrug. Nur zu den beiden Gefangenen im Wasserstofftrakt findet sich nichts außer dieser absurd hohen Gefährlichkeitseinstufung.
»Ich werde eine Anfrage nach den fehlenden Daten funken«, sage ich zu Herb. »Vielleicht ist der Heimatplanet dieser Spezies ja gesprächiger.«
»Warg Bolton. Fettnäpfchen pflastern seinen Weg.« war nicht die Antwort, die ich hören wollte.
Natürlich hat er recht. Die Antwort besteht nur aus einem Satz.
‘Mischen Sie sich nicht in unsere inneren Angelegenheiten ein!’
Natürlich stachelt das meinen Ehrgeiz nur an. Herb verfolgt meine Anstrengungen mit seinen beiden Augenpaaren und einer Bewegung seines Kommunikationsmundes, die ich als spöttisches Grinsen interpretiere, aber wir beide haben gelernt, mit unseren Marotten zu leben. So durchforste ich in meinen freien Stunden die Wissensdatenbank der HARKONNEN nach Hinweisen auf diese mysteriöse Spezies. Leider ist die Vermittlung von Allgemeinwissen nicht Zweck der Speicherbänke.
Das meiste an vertiefendem Wissen hat mehr oder weniger mit dem Schiff und seinen Funktionen zu tun. Über unsere Insassen finde ich lediglich die Information, daß der Tag des Erstkontaktes nur wenige Jahrzehnte zurückliegt und daß die Föderation sich noch in Verhandlungen über einen Status quo befindet.
So sitze ich bei unseren Gefangenen und wünsche mir, daß eine Kommunikation möglich wäre. Die galaktische Standardschrift scheinen sie jedenfalls nicht zu beherrschen. Ich bin mehrfach mit beschrifteten Tafeln wie ein Nummerngirl vor dem Kraftfeld entlanggegangen, aber mehr als ein oder zwei ihrer Knospenaugen war ich ihnen nicht wert. Ich spüre ihre Gegenwart und vermute, daß sie meine auch spüren können. Das genügt aber nicht. Falls sie wirklich Telepathen sind, scheint das einen direkten Kontakt vorauszusetzen. Zu riskant.
Als ich frustriert in die Kombüse zurückkomme, begrüßt Herb mich mit dem Aufmerksamkeit heischenden Bewegungsspiel seiner Tentakelarme, das er immer durchführt, wenn er erregt ist oder einen seiner Alienpornos guckt.
»Du hast schon wieder die Heizung hochgedreht«, beschwere ich mich.
»Wie soll ich sonst arbeiten? Deine Kabine kannst Du gerne zu einer Kältekammer machen, aber hier habe ich auch ein Wörtchen mitzureden.«
»Dann arbeite ich ab sofort in Unterhosen«, drohe ich. Das wirkt. Seinen Körper durchläuft ein Zittern. Dann reicht er mit einem seiner Tentakel quer durch den Raum und dreht den Regler ein klein wenig zurück. Dann wendet er sich mir wieder zu.
»Wurde auch Zeit, daß Du hier erscheinst. Du verpaßt sonst das Schönste.«
»In dem Porno, den Du gerade guckst? Ist der Darstellerin ein Atombusen explodiert?«
»Sehr witzig. Das Schiff hat sich gemeldet. Sie ist der Meinung, daß wir an der nächsten Sternbasis Treibstoff aufnehmen sollten.«
»Hat sie auch eine Woche Urlaub für uns eingeplant?«
»Natürlich nicht. Aber Du hast eine Einkaufsliste erhalten. Anscheinend gibt es neueres Kartenmaterial für den Quadranten, in dem unsere nächsten Übergabepunkte liegen.«
»Detailliertere Karten? Sie betreffen nicht zufällig auch…«
»Doch.«
Am nächsten Tag erzähle ich unseren Gefangenen davon. Falls sie die Information begreifen, zeigen sie es mir nicht. Nur das Echo ihrer Gefühle in mir wird stärker. Mit jedem Tag, der vergeht, beginne ich, mich ihnen näher zu fühlen. Ich kann ihre Situation verstehen. Die beiden sind ganz allein in einer feindlichen Umwelt und fliegen einem ungewissen Schicksal entgegen. Das einzige, das sie haben, ist ihre Liebe zueinander. Tief in mir sehne ich mich auch nach solch einem absoluten Glück, wissend, daß meine eigene Spezies dafür nicht geschaffen ist.
Eine Warnung von Van trudelt in meinem Postfach ein. ‘Seid vorsichtig mit Bonnie und Clyde. Lisa wollte ausprobieren, ob sie Telepathen sind und hat sie angefaßt. Sie ist beinahe gestorben. Die beiden sind elektrischer als Zitteraale!’
Auf der Sternbasis tauschen wir zunächst einige Gefangenenzellen aus. Wir geben ihnen mehrere Zellen mit quallenartigen Wesen, die im Wasser leben. In dem, was auf ihrem Planeten Wasser ist. Es enthält große Mengen an Schwefelwasserstoff und Arsen. Dafür erhalten wir einige Individuen einer radialsymmetrischen Spezies, die aussehen wie eine Kreuzung aus Wagenrädern und Mühlsteinen. Sie bewegen sich, indem sie ihren Körper verformen und rollen. Ihre Stimmen klingen schrill und wenig harmonisch. Ich finde sie unangenehm und bin froh, daß ich mich nicht weiter mit ihnen befassen muß.
Später besorge ich die nötigen Daten für unser Schiff. In der restlichen verbleibenden Zeit, bis wir wieder starten, führe ich einige Videocalls zur Heimatbasis. Nele, meine Frau ist überrascht, daß ich mich so schnell schon melde. Ich erkläre die Situation. Sage ihr, daß sie mir fehlt, auch wenn das nur ein Teil der Wahrheit ist.
»Vielleicht ist das Dein letzter Einsatz im All«, sagt sie und strahlt mich an. »Eigentlich wollte ich bis Heiligabend warten, ehe ich es Dir erzähle. Du hast jetzt genügend Dienstjahre angesammelt. Vater sagt, er kann Dich in der Administration unterbringen. Dann müßtest Du viel seltener weg. Was meinst Du dazu?«
Ich verstehe ihre Freude, auch wenn ich ihren Traum nicht teile. Ich würde unseren nächsten Lebensabschnitt viel lieber auf der Koloniewelt Terra Nova verbringen. Die Terraformung ist dort schon weit fortgeschritten.
Das sage ich ihr aber nicht. Sie würde es nicht verstehen. Nele hat die Erde in ihrem ganzen Leben nie verlassen. Nicht einmal die Stadt, in der sie geboren wurde. Sie hat nicht mein Bedürfnis nach unverbrauchter Luft und freiem Himmel über uns. Sie würde auch nie verstehen, was ich daran finde.
Wir unterhalten uns noch eine Weile über Belanglosigkeiten. Schwiegervater hat uns eine größere Wohnung besorgt. Jetzt brauchen wir neue Möbel. Ich sage ihr, sie wird das schon machen. Dann verläßt sie kurz den Raum und kommt mit den beiden Kleinen zurück. Sie waren gerade eingeschlafen und blinzeln mit ihren Kuscheltieren müde in die Kamera.
Ich verteile einige Liebkosungen und beende dann das Gespräch. Ich ertrage diese Nähe jetzt nicht. Einen Anruf habe ich noch auf der Liste: Helena, eine Freundin aus dem Studium. Sie arbeitet jetzt am Institut für Astroethnologie und ich hoffe, daß sie die fehlenden Informationen über unsere pflanzlichen Gäste für mich besorgen kann. Ich schildere ihr mein Problem. Sie nickt verständnisvoll.
»Die neue Wasserstoffspezies sagst Du? Wir wissen tatsächlich nicht viel über sie. Mach Dir also keine großen Hoffnungen. Ich werde aber den Botschafter interviewen, der kürzlich von den Status-quo-Verhandlungen zurückgekommen ist. Das wollte ich sowieso tun. Vielleicht weiß er etwas. Ach ja, und schick mir Bilder der beiden.«
Einige Stunden später befinde ich mich wieder auf dem Schiff. Die Tanks sind voll. Ich bin im Besitz des Sticks für den Schiffscomputer. Da auf dieser Basis auch einige Menschen arbeiten, durfte ich sogar etwas frisches Gemüse aus ihren hydroponischen Gärten mitnehmen. Bei einem der Händler konnte ich weitere Lebensmittel einkaufen, die nicht auf dem Speiseplan stehen, den die Gesellschaft uns zubilligt. Als der Geruch von gebratenem Wasabufleisch durchs Schiff zieht, einem der wenigen Lebensmittel, das für uns beide gleichermaßen verdaulich ist, ist Herb sofort da.
»Wies aussieht, hast Du mit Deiner Zeit etwas nützliches angefangen«, begrüßt er mich.
»Hat ein kleines Vermögen gekostet. Genieße es.«
Er schaufelt das Fleisch mit den Tentakeln in atemberaubender Geschwindigkeit in seinen Eßmund. Ich mache mir Sorgen, daß er in seiner Gier die Spitzen der Tentakel abbeißt, denn der Mund trägt mehrere Reihen spitzer Zähne, aber ich weiß, daß er mir dankbar ist. Er überläßt mir dafür die weniger dreckigen Jobs. Besonders viele Karmapunkte sammle ich bei ihm mit einem neuen Porno. Ich drücke ihm den Chip nach dem Essen in die Hand und sehe, wie seine Augenpaare leuchten. Dann gehe ich auf die Brücke und installiere das Kartenupdate.
Es dauert eine Weile, bis das Schiff die neuen Daten in sein System konvertiert hat. Die Zeiten, in denen man Datenmengen noch in Byte messen konnte, sind lange vorbei. Es gibt lediglich verschiedene Abstufungen von ‘gigantisch groß’. Endlich erscheint die Arbeitsoberfläche wieder und ich zoome in den neuen Kartenausschnitt hinein.
Die Karten sind viel schärfer als das alte Material. Es handelt sich um einen Sternenstrom am Rande der Galaxis. In den letzten Jahrhunderten waren dort noch keine bewohnten Welten verzeichnet. Daher lag die Karte nur in geringer Auflösung vor. Das ist anders, seit wir Kontakt mit der Wasserstoffspezies haben. Gewohnt schnell und scharf baut sich das Bild auf, das die Photodrohnen in den letzten zehn Jahren akribisch aufgezeichnet haben. Einige Artefakte im Bildmaterial zeigen mir aber, daß die Drohnen besser noch einige Runden geflogen wären.
Schnell habe ich das fragliche Sonnensystem ausgemacht. Es ist mit einem purpurnen Sternchen markiert. Das steht für ‘Wasserstoffatmer, für Menschen ungeeignet’. Ich scrolle hinein und finde einen Stern vom K-Typ, der von nur einem inneren Planeten in Marsgröße umkreist wird. Der befindet sich am äußersten Rand der Zone, die der Computer als habitabel für dieses System ausweist. Ich zoome weiter hinein und die physikalischen Daten werden angezeigt:
Durchmesser 9,000 km Schwerkraft 0,7 g Planetares Magnetfeld ca. 200 µT Mittlere Oberflächentemperatur 281 K Ausgeprägter Vulkanismus Atmosphäre 30% Wasserstoff, 65% Kohlendioxid, 5% Methan und Edelgase Hydrosphäre (15% der Oberfläche) bestehend aus kleinen Meeren und Seen mit hohem Phosphatgehalt Satelliten: keine Intelligentes Leben: ja
Das Besondere an dieser Welt ist ihr starkes Magnetfeld, das weit über die Atmosphäre hinausreicht und verhindert, daß sie vom Sonnenwind einfach ins Weltall geblasen wird. Eine Unterscheidung in pflanzliches und tierisches Leben scheint im Verlauf der Entwicklung nicht stattgefunden zu haben. Alle Lebensformen auf der Oberfläche gewinnen ihre Energie mehr oder weniger aus Sonnenlicht und dichte purpurfarbene Wälder bedecken die Breiten in der Nähe des Äquators.
Der Treibhauseffekt durch das Kohlendioxid und Methan in der Atmosphäre hält die Temperatur beinahe auf Erdniveau, obwohl dieser Planet viel weniger Strahlung von seiner Sonne erhält. Für Menschen ist diese Welt geradezu atemberaubend fremdartig und ein Beweis, daß die Kraft der Evolution auch an sehr ungewöhnlichen Orten wirkt.
Mehr finde ich leider nicht. Informationen über Ethnologie und Kultur sind in solchen Karten üblicherweise nicht enthalten. Da muß ich auf Helena hoffen.
Mittlerweile haben wir den schmalen Spalt am Rande der Galaxis durchstoßen und befinden uns innerhalb des Sternenstroms, in dem der nächste Übergabepunkt liegt. In den kurzen Pausen zwischen unseren Hyperraumsprüngen können wir die Linse unserer Heimatgalaxis in ihrer ganzen Pracht überblicken. Sie wirkt viel heller, als ich es von der Erde gewohnt bin. Vielleicht ist aber auch nur alles andere viel dunkler. Der Sternenstrom ist im Vergleich zu dünn, als daß er optisch ins Gewicht fiele. Daher ist eine Hälfte des Himmels pechschwarz. Nur einige unserer Nachbargalaxien hängen in der Schwärze des Alls wie überdimensionale Traumfänger herum.
Auffällig ist, daß es hier gleich mehrere Planeten mit für Wasserstoffatmer geeigneten Lebensbedingungen zu geben scheint. In der gesamten restlichen Galaxie gibt es nur eine Handvoll. Der Strom hat eine andere Geschichte als die Milchstraße. Er ist der Rest eines größeren Sternhaufens oder einer Zwerggalaxie, die vor langer Zeit vom Schwerefeld unserer eigenen Galaxie eingefangen wurde.
In den nächsten Tagen bekommen wir wieder viel zu tun. Es gibt Streit im Gefangenenbereich. Die Wesen mit dem Aussehen von Mühlsteinen fühlen sich nicht angemessen behandelt. Ihre Zellen liegen ihnen im Trakt zu weit auseinander. Ihre hohen, pfeifenden Stimmen sind schon bei normaler Lautstärke für die meisten hörenden Spezies nur schwer erträglich. Jetzt, wo sie über ein Dutzend Zellen Entfernung miteinander kommunizieren, klingt es wie in einem Paviangehege bei der Fütterung. Bevor sie zu schreien beginnen, pumpen sie ihren Körper so sehr mit Luft auf, daß sie beinahe kugelförmig erscheinen. Wenn sie dann loslegen, erzeugen sie mühelos eine Lautstärke wie die Antriebsdüsen des Frachters beim Start von einem Planeten.
Wir halten uns von diesem Streit möglichst fern. Normalerweise regeln die Insassen der Zellen das untereinander. Als die Vitalwerte einiger besonders empfindlicher Gefangener aber bedrohlich absinken, müssen wir doch einschreiten. Wir starten eine Bäumchen-wechsel-Dich Runde und versetzen die Zelleinheiten solange gegeneinander, bis die Schreihälse sich ganz am Ende des Traktes befinden und die Türseiten mit den Kraftfeldern von den anderen weg nach außen weisen. Fast einen ganzen Tag dauert diese Aktion und wir befinden uns bereits tief in dem Sternenstrom, als sie endlich beendet ist.
Mittlerweile ist Helenas Antwort über Hyperfunk hereingekommen. Sie schickt eine Nachricht mit einer Reihe angehängter Dokumente.
‘Lieber Warg,
danke für die Bilder.
Ich habe mit dem Botschafter gesprochen. Dein Gespür für unangenehme Situationen war schon immer ausgezeichnet. Schön, daß Du mich daran teilhaben läßt.
Es gestaltete sich schon problematisch, überhaupt zu ihm vorzudringen. Seine Gesundheit ist sehr angegriffen, weil er sich monatelang nur in einem Schutzanzug aufhalten konnte. Die Enewah, so lautet der Name, mit dem die Wasserstoffatmer sich bezeichnen, bestehen nämlich darauf, daß die Verhandlungen auf ihrer Planetenoberfläche stattfinden. Raumfahrt haben sie keine entwickelt und scheinen auch kein Interesse daran zu haben. Allerdings haben sie einige unserer Frachter für ihre Zwecke umgebaut und nutzen sie, um Metalle zu importieren, die bei ihnen selten sind. Auf diese Art haben vermutlich auch Deine Gefangenen den Planeten verlassen.
Ihre Haltung uns gegenüber ist abweisend, ebenso wie die Haltung des Botschafters mir gegenüber. Da ihre empathischen Fähigkeiten nicht nur empfangender, sondern auch sendender Natur sind, haben sie den Botschafter daran ausgiebig teilhaben lassen. Diese unfreundliche Umgebung über viele Wochen hat sein Nervenkostüm stark in Mitleidenschaft gezogen. Entsprechend gestreßt hat er sich mir gegenüber verhalten. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung ist er reif für ein Sanatorium.
Über die Verhandlungen habe ich nichts erfahren, außer daß sie sich sehr in die Länge ziehen. Einiges funktioniert schon ganz gut, aber daß es zu funktionierenden Handelsbeziehungen auf der Basis von gegenseitigem Verständnis kommt, werden wir zwei wohl nicht mehr erleben. Dazu ist ihre Kultur zu fremdartig.
Ich erhielt lediglich eine Reihe Dokumente. Die Enewah haben einiges für uns in Galaktisches Standard übersetzt. Leider sind die Texte für uns deswegen noch nicht verständlich. Das Wichtigste scheint ihnen ein Buch-der-Familie zu sein, eine Art Doktrin, nach der sie leben. Wir werden einige Zeit benötigen, uns in die Denkweise hineinzuversetzen und den Inhalt zu verstehen. Aufschlußreicher finde ich eine Reihe Anmerkungen des Botschafters. In ihnen steht wohl das, was Du wissen willst. Ich habe sie Dir beigelegt. Viel Spaß damit.
Vielleicht läßt es sich einrichten, daß Du mich über das, was Du da planst, auf dem Laufenden hältst. Wenn Du aber in der Zukunft wieder einmal solch eine Aufgabe hast, suche Dir bitte jemand anderen. Danke.
Helena’
Es sieht so aus, als müßte ich mich bei ihr entschuldigen. Ich schreibe eine lange Nachricht, schicke sie aber nicht ab, weil mir nicht genügend passende Worte einfallen wollen. Diplomatie ist nicht meine Kernkompetenz. In den nächsten Stunden arbeite ich mich durch die Dokumente. Der Botschafter tut mir leid, wenn er beschreibt, wie schwierig es ist, sich jeden Tag wieder neu aufzuraffen und der Ablehnung mit freundlicher Entschlossenheit gegenüberzutreten. Das muß ihn aufgezehrt haben und steht in schroffem Gegensatz zu dem Verhalten, das unsere beiden Gefangenen zeigen.
Manchmal denke ich, er schreibt über ein völlig anderes Volk. Er erklärt, wie die Verhandlungen ablaufen. Die Enewah treten ihm gegenüber immer paarweise auf und stehen zu jedem Zeitpunkt miteinander in Körperkontakt. Es sind immer ein männliches und ein weibliches Exemplar. Die jüngeren Paare stehen nur in loser Verbindung. Die älteren scheinen an verschiedenen Körperteilen miteinander verwachsen zu sein und aus ihren unteren Körperregionen sprießen dann eine Art Schößlinge, die sich vermutlich später zu selbständigen Individuen entwickeln.
Der Botschafter fragt einmal nach, ob er richtig vermutet. Die Reaktion ist wie gewohnt schroff. Anscheinend sind die Enewah aber trotz ihrer generellen Unfreundlichkeit bemüht, etwas guten Willen zu zeigen, denn er erhält nach einigen Tagen eine Antwort auf seine Frage. Nach ihrer Darstellung trennen sich die ‘Schößlinge’ in ihrer Jugend von den Eltern ab, ein Vorgang, der als sehr schmerzvoll für beide Seiten beschrieben wird.
Sie bleiben nur kurz allein und verbinden sich schnellstmöglich mit einem Jugendlichen des anderen Geschlechts, mit dem sie bis an ihr Lebensende beisammenbleiben. Überzählige weibliche und männliche Exemplare, die keinen Partner finden und so die Reinheit-der-Familie gefährden, werden exekutiert. Das komme aber nur ganz selten vor, weil das Zahlenverhältnis zwischen den Geschlechtern sehr ausgewogen sei. Die Reinheit-der-Familie stehe über allem und niemand würde das Buch-der-Familie in Frage stellen.
Das letzte Dokument enthält eine Reihe von Bildern, die während der Verhandlungen aufgenommen wurden. Ich überfliege sie und erstarre innerlich. Tatsächlich treten die Enewah immer paarweise auf. Die beiden Geschlechter, die sich zu einer Partnerschaft zusammenfinden, sehen aber so grundverschieden aus, daß mir sofort klar ist, daß es sich bei unseren Gefangenen um Angehörige desselben Geschlechts handelt.
»Ja und?« ist Herbs Reaktion, als ich ihm das beim Frühstück erzähle. »Du willst mir doch nicht erzählen, daß sie zur Fahndung ausgeschrieben wurden, nur weil sie homosexuell sind?«
»So siehts aus. Und auf ihrem Planeten werden sie exekutiert werden.«
»Manchmal hasse ich meinen Job.«
Urplötzlich gellen Alarmsirenen los. Ein schwerer Schlag erschüttert das Schiff. Die Lampen erlöschen und die rote Notbeleuchtung geht an. Wir stürzen auf die Brücke und sehen die Bescherung. Vor der Fensterfront der Brücke schwebt träge ein Felsbrocken von mehreren Metern Durchmesser. Er hat wohl gerade nähere Bekanntschaft mit der Schiffshülle gemacht.
»Fuck, wie konnte das passieren?« Herb ist außer sich und seine Tentakel vollführen einen hypnotischen Wirbel vor meinen Augen. »Schau auf das Radar. Da sind noch mehr davon. Viel mehr!«
Ich vergleiche die Schiffskarte mit der Realität. Wir befinden uns in einem Asteroidenfeld, das zu einem Zwergstern gehört. Nur ist die Karte an dieser Stelle leer.
»Ich hatte schon beim Einlesen der Karte das Gefühl, daß sie nur mäßig genau ist und die Drohnen hauptsächlich die bewohnten Bereiche des Stroms abgeflogen sind.«
»Aber sie können doch nicht ein komplettes Sternsystem übersehen!« Herbs Stimme ist kurz vorm Überschnappen und erinnert mich für einige Sekunden an die Laute der Mühlsteine, die uns den letzten Tag in Atem gehalten haben.
»Sieht so aus, als können sie doch.«
Wir sichten den Schaden. Die Schilde der HARKONNEN haben unsere unmittelbare Zerstörung verhindert, aber die Gefahr ist noch lange nicht vorbei. Weitere Felsbrocken befinden sich im Anflug. Springen können wir nicht. Zu viel Bewegung um uns herum. Um hier korrekte Parameter zu berechnen, besitzt der Computer nicht genügend Leistung. Das einzige, was möglich ist, ist, in langsamer Fahrt aus den Asteroiden hinaus zu manövrieren. Ich lasse einen Kurs berechnen, der möglichst wenige weitere Kollisionen beinhaltet – ganz können wir es nicht verhindern – und beschleunige das Schiff auf langsame Fahrt.
»Sieht so aus, als wäre das neue Kartenmaterial verwanzt«, fluche ich. »Manchmal hasse ich es, recht zu haben.«
»Ich bereite mich schon mal auf die Reparaturen vor.« Herb hat sich in Rekordtempo abgeregt und wirkt jetzt gelassener, als ich mich fühle.
»Ich stoße dazu, sobald wir aus der Gefahrenzone sind.«
Das dauert einige Stunden. Mehrere, weitere Kollisionen müssen wir noch überstehen. Sie sind nicht mehr so schlimm wie die erste und die Schilde halten ihr stand. Wären die Felsbrocken so massiv, wie sie aussehen, stünde es jetzt schlecht um uns. Glücklicherweise bestehen die meisten der Geschosse zum größten Teil aus Wasser, Staub und Trockeneis und zerstieben beim Aufprall auf die Schilde zu einer schmutzigen Wolke, die uns die Sicht nimmt. Ohne das Radar wären wir heute aufgeschmissen.
Die Erschütterungen setzen uns aber dennoch schwer zu. Die Alarmlichter an den Andockringen für die Gefangenenzellen werden zahlreicher. Die Hecksektion mit den Lagerräumen dekomprimiert. Zum Glück halten die frisch geschweißten Schotte. Nach einer gefühlten Ewigkeit leert sich das Radar wieder. Wir scheinen genügend Abstand zu diesem Zwergstern gewonnen zu haben. Ich stoppe die Maschinen.
Die nächsten 24 Stunden arbeiten wir durch. Zunächst gilt es, die nicht dekomprimierten Bereiche auf Dichtigkeit durchzumessen. Danach stabilisieren wir die Zellen der Gefangenen. Einige hat es während der Katastrophe erwischt. Sie haben sich vom Schiff gelöst und trudeln irgendwo draußen zwischen den Felsen herum. Ihnen können wir nicht mehr helfen. Die meisten können wir aber retten. Sobald die Magnetklemmen, die sich gelöst haben, wieder Strom erhalten, sichern sie die Zellen und die roten Lämpchen auf der Brücke verschwinden eine nach der anderen. Die Wasserstoffsektion scheint sogar völlig unversehrt zu sein.
Als nächstes sitzen wir gemeinsam auf der Brücke und stellen Informationen zusammen für den Bericht an die Gesellschaft. Die Sonne, die sich nicht auf der Karte befindet, hat eine Menge Schaden angerichtet. Zum Glück stehen die Sterne hier draußen so dünn, daß eine Wiederholung dieses Unfalls extrem unwahrscheinlich ist. Nachdem wir in einigen Tagen die gröbsten Schäden beseitigt haben, können wir relativ gefahrlos weiterfliegen.
Herb darf als erster schlafen. Momentan ist es besser, wenn immer einer Wache hält. So sitze ich mit einem großen Becher synthetischen Kaffees auf der Brücke und behalte alles im Auge. Das Schiff scannt derweil systematisch die Umgebung und fügt sie unserem Kartenmaterial hinzu. Besser spät als nie. Nach einigen Stunden, ich bin gerade dabei, wegzunicken, blinkt plötzlich ein purpurnes Sternchen auf der Umgebungskarte auf. Mit einem Schlag bin ich wieder wach. Offensichtlich hat dieser Stern Planeten und einen von ihnen hat die Software gerade als geeignet für Wasserstoffatmer klassifiziert!
Ich weise den Computer an, die Parameter dieser Welt genauer zu analysieren. Es handelt sich nicht gerade um einen Zwilling des Heimatplaneten der Wasserstoffatmer aber die Ähnlichkeit ist groß genug, um… ich beginne, einen Plan zu schmieden. Nachdem auch meine Schlafphase vorüber ist und ich mir sicher bin, daß ich mir in meiner Müdigkeit nichts zusammengesponnen habe, rede ich mit Herb.
»Das läßt Dir keine Ruhe, was?« grinst er mich mit seinem zahnlosen Kommunikationsmund an.
»Gibs zu, daß sie unser Liebespaar so einfach um die Ecke bringen wollen für etwas, für das sie nichts können, paßt Dir auch nicht.«
»Klar paßt mir das nicht. Aber Du machst grad wieder den Job anderer Leute.«
»Nur, wenn Du es mitträgst.«
»Na los, mach schon. Frag sie.«
Ich lade ein Tablet mit den Daten des Planeten, seiner Schwerkraft, Masse, Atmosphäre und Temperatur. Hoffentlich funktioniert meine Idee und die beiden Enewah verstehen doch genügend Galaktisches Standard, damit ihnen unser Vorschlag klar wird. Dann schlüpfe ich in den Schutzanzug und betrete den Bereich unserer verliebten Gäste. »Hey!« rufe ich laut, in der Hoffnung, sie damit auf mich aufmerksam zu machen, und halte ihnen das Tablet durch eine Lücke im Kraftfeld entgegen.
Zuerst passiert nichts. Die beiden sitzen mir eng umschlungen gegenüber. Ich rufe noch einmal und plötzlich wenden sich einige ihrer Knospenaugen mir zu. Einer der beiden streckt mir zögernd einen seiner langen Arme entgegen und berührt das Tablet. In der Sekunde, in der er es nimmt, durchfährt mich ein heftiger, elektrischer Schlag. Gleichzeitig spüre ich aber die die Emotionen, die die beiden füreinander haben, so intensiv, fast, als wäre ich ein Teil davon, als würde ihre Freundlichkeit mich mit einschließen.
Ein wunderbares Gefühl ist das. Anscheinend verbessert körperlicher Kontakt den empathischen Empfang, auch wenn es nur durch den Umweg über einen Gegenstand ist. Dann, nach einigen viel zu kurzen Sekunden, bin ich wieder allein in meinem Kopf. Die beiden konzentrieren sich auf das Display, ohne ihren körperlichen Kontakt dabei auch nur für eine Sekunde zu unterbrechen.
Mir wird klar, daß das gerade übel hätte ausgehen können. Van hat mich vor der elektrischen Ladung der Enewah gewarnt und ich habe nicht daran gedacht. Mein ganzer Arm kribbelt und die Finger fühlen sich taub an. Nach einigen Sekunden wird es wieder besser. Vielleicht handelt es sich nur um eine Begleiterscheinung ihrer ungewöhnlichen Kommunikationsform. Lebensbedrohlich fühlt sich der Schlag jedenfalls nicht an.
Ich warte. Lange Zeit geschieht nichts. Dann befindet sich plötzlich eine neue Emotion im Raum. Der andere der beiden reicht mir das Display zurück. In dem Augenblick, in dem wir beide es halten, durchfährt mich erneut ihre Elektrizität, immer noch stark, aber nicht mehr so schmerzhaft, wie beim ersten Mal. Diesmal sehe ich auch Funken um das Tablet sprühen. Parallel zeigen mir die beiden wieder ihre Gefühle. Ich spüre jetzt Freude neben ihrer nie versiegenden Liebe zueinander. Überwältigende, große Freude.
Ich berichte Herb von meinem Erlebnis. »Hoffentlich ist das ihre Art, ‘ja’ zu sagen,«. knurrt er. »Dann laß uns mal loslegen.«
Wir setzen Kurs auf den Planeten und bereiten uns vor, die Kapsel in seiner Atmosphäre auszusetzen. Ihre Hilfstriebwerke werden für eine sichere Landung sorgen. Unten angekommen wird sich das Kraftfeld abbauen und die beiden freilassen. Die Nahrungsvorräte werden sie vermutlich nicht mehr brauchen, wenn sie erst unten sind, denn passend mineralhaltiges Wasser gibt es genügend.
Wir stehen beide am Andockring, als ich die Magnetklammern abschalte. Die Kapsel löst sich und schwebt durch eine Lücke in den Schilden dem Planeten entgegen. In dem Moment, als sie ganz dicht vor unseren Sichtluken vorbeifliegt, spüren wir zum letzten Mal eine Emotion, die uns unsere pflanzlichen Freunde senden. Sie breitet sich in unserem Innern aus und durchflutet uns mit … diesmal ist es eindeutig Dankbarkeit. Wieder dauert das Gefühl viel zu kurz an. Als es verebbt, bleibt nur die Leere, die ich seit einigen Wochen spüre, wenn ich mit mir allein bin. Kein schönes Gefühl. Ich hoffe, es wird auch wieder verschwinden.
»Mir scheint, sie verabschieden sich von uns«, sage ich. »Das ist wohl ihre Art Lebewohl zu sagen.«
Tief in Gedanken gehen wir beide auf die Brücke zurück. Ich füge die Wasserstoffatmer-Kapsel der Verlustmeldung hinzu. Unsere Freunde sind jetzt sicher. Niemand wird sie hier suchen. Dann bereiten wir uns auf den Rückflug zur nächsten Sternbasis vor.
»Weißte, was heute für ein Tag ist?« fragt mich Herb, als wir später beisammensitzen und einen Spielfilm gucken. »Keine Ahnung. Ich habe völlig das Zeitgefühl verloren.«
»Ich meine nicht den galaktischen Standardkalender. Auf der Erde ist jetzt der 24. Dezember. Für euch Menschen ist heute Heiligabend.«
»Du weißt Sachen«, sage ich verblüfft.
»Fremde Kulturen sind eines meiner Hobbys. Und … na ja, und so ganz fremd bist Du mir ja nicht.«
Ich erröte und denke, daß ich keine Ahnung habe, was für ein Feiertag jetzt möglicherweise auf Herbs Welt ist.
»Ich habe das Gefühl, daß uns der Kontakt zu den beiden Enewah verändert hat. Vielleicht sind wir Freunde geworden. Nach all den Jahren.«
»Ich glaube, wir kennen uns einfach besser. Du hast mir früher nie etwas mitgebracht.«
»By-the-way«, lenke ich ab, ehe die Situation zu gefühlsduselig wird, »ob unsere neuen Freunde dort draußen glücklich werden?«
»Wir werden es nie erfahren, aber ich bin mir sicher, daß wir das richtige getan haben.«
Aus dieser Kurzgeschichte sind der 600-Seiten Roman »Gefahr von der anderen Seite (Das Universum im Tautropfen)« und letztlich der gesamte Moíra-Zyklus entstanden. Es handelt sich um meine allererste Veröffentlichung.
Klappentext:
Mike Peters ist Redakteur in einem wissenschaftlichen Magazin. Er ist auf der Suche nach Walter Stein, einen Professor, der seit einiger Zeit spurlos verschwunden ist. Als er ihn findet, hat der eine unglaubliche Geschichte zu erzählen, die die Geschicke der Menschheit verändern wird.
Die Geschichte:
Der Wind war sanft. Er strich mit zarten Fingern über Walters Gesicht. Der entspannte sich in seinem Liegestuhl und blickte durch die geschlossenen Augen in Richtung der Sonne. Leuchtend gelbrot schienen ihre Strahlen durch seine Lider. Wenn er die Lider einen klitzekleinen Spalt öffnete, sah er im Gegenlicht kleine Objekte in einer Flüssigkeit schwimmen. Sie sahen aus wie Zellen im Lichtmikroskop. Walter wußte, daß sie eine Illusion waren. Schatten im Glaskörper seiner Augen. Aber sie schienen so real …
Walter entspannte sich. Für einen Moment war es so, als würde er in einer warmen Badewanne schwimmen. Der Schlaf streckte seine Finger nach seinem Geist aus und er verharrte einige Zeit in diesem Zustand.
Nicht lange genug, um wirklich Ruhe zu finden. Lianengleich fetzten plötzlich Arme aus der nebligen Dunkelheit unter ihm. Arme mit bezahnten Mündern. Sie schnappten nach seinen Beinen. Lautlos. Wollten ihn zu sich hinab ziehen. Ein kaltes, künstliches Licht lag über der Szene. Keine Sonne. Kein Mond. Hohe, zackige Strukturen ragten drohend hinter ihm auf. Schienen auf ihn herabzustürzen. Eine neblige Ebene lag vor ihm. Ein fremdes Wesen reckte ihm vieläugig die Hälse entgegen. Walter wußte, er gehörte nicht hierher. Er mußte fliehen. Er lief und lief, kam aber nicht von der Stelle. Dann fiel er plötzlich in die Dunkelheit hinein…
Er schreckte hoch. Ein dunkler Schatten schob sich vor die Sonne. Zu schnell für eine Wolke. Das Gefühl der Wärme auf seinem Gesicht war verschwunden. Irritiert öffnete er die Lider ganz und sah eine Gestalt vor sich stehen. »Walter Stein? Dr. Walter Stein?« sagte eine Stimme.
Walter beschirmte seine Augen mit einer Hand, um sein Gegenüber besser zu erkennen. »Ja. Was wollen Sie? Ist es schon Zeit zum Essen?«
»Entschuldigen Sie, aber ich gehöre nicht zum Stift«, sagte die Stimme, immer noch ein schwarzer Schatten vor der Sonne. »Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle? Mike Peters ist mein Name. Ich bin Journalist.«
»Was wollen Sie hier? Wie haben Sie mich gefunden?« Walter war alarmiert und stand noch durch seinen Wachtraum unter Adrenalin. Der Mann ging endlich aus der Sonne, so daß Walter ihn sah. Ein fremdes Gesicht, das er noch nie gesehen hatte. Blaue, klare Augen unter einer hohen Stirn musterten ihn. Ein kurzer, streng geschnittener Bart um ein kantiges Kinn vermittelte einen Eindruck von Sorgfalt, der in bemerkenswertem Widerspruch stand zu seiner Kleidung, die in bemitleidenswerten Zustand war.
»Es war nicht einfach, zu Ihnen vorzudringen«, sagte der Fremde trocken, als er Walters musternden Blick bemerkte. »Das wissen Sie sicher. Die Einrichtung hier mag keine Eindringlinge und ich mußte etwas Aufwand treiben, um Sie zu sehen, ohne gleich alle Leute aufzuschrecken.« Er hielt Walter die Hand entgegen. »Glauben Sie mir bitte, ich will Ihnen nicht schaden!«
Walter ergriff die Hand zögernd. Einen Moment überlegte er, den Knopf an seinem Pieper zu drücken, der den Sicherheitsdienst rief, aber etwas im Blick von Mike Peters hielt ihn davon ab. »Naja, wollten Sie mir schaden, hätten Sie das wohl bereits gekonnt.« meinte er schließlich und schüttelte die Hand des Fremden. »Setzen Sie sich«, sagte Walter und deutete mit einer einladenden Handbewegung auf einen Stuhl neben ihm. »Mike Peters ist also Ihr Name. Mögen Sie etwas trinken? Die bringen einem hier alles, was man will.«
Mike setzte sich. »Ich möchte gerne mit Ihnen alleine reden. Wer weiß, was die machen, wenn sie hier einen Fremden sehen. Vor allem einen, der so aussieht wie ich.« Mike klopfte sich etwas Erde aus der Jacke. »Da bin ich lieber vorsichtig.«
»Dann fangen wir doch nochmal von vorne an.« Walter sah sich seinen Gegenüber jetzt genauer an. Mike schien einige harte Tage hinter sich zu haben, denn bei aller Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge waren die Wangen ein wenig hohl und auch die Ringe um die Augen ließen darauf schließen, daß er sich nicht in bestem körperlichem Zustand befand. Die Kleidung tat ein Übriges. Man sah, daß sie einmal teuer gewesen sein mußte. Jetzt war sie allerdings verschlissen und schmutzig. »Ich wüßte gerne, warum Sie solch einen Aufwand treiben, um mich zu sehen. Ich bin nur ein alter Mann, der sich an das Ende der Welt zurückgezogen hat und hier seine Ruhe finden möchte.«
Mike lachte. »Netter Versuch. Ihre Geschichte will ich. Sie sind einer der renommiertesten Physiker unserer Zeit, aber Sie sind vor einem Jahr einfach verschwunden. Einer Ihrer Assistenten hat sich eine Kugel in den Mund gejagt. Es gab wilde Spekulationen damals. Von einem vertuschten Mord beispielsweise. Sie kennen ja die Gerüchteküche. Die meisten halten Sie aber für tot.«
»Nur Sie nicht, wie es scheint.« Walter fühlte sich für eine Sekunde zurück versetzt an den Moment, wo die Hände aus dem Nebel nach ihm griffen. Da waren sie nun, die Hände. Er fühlte, er mußte sich ihnen stellen, doch war er schon bereit dazu?
»Was ist damals wirklich passiert? Haben Sie Ihren Assistenten ermordet?«
»Er hat sich umgebracht. Wenn Sie die Fakten gründlich betrachtet haben, werden Sie das auch wissen.« Man ist nie bereit, dachte sich Walter. »Wenn Sie mich allerdings fragen, ob ich an den Ereignissen, die zu seinem Tod führten, beteiligt war, so ist das auch richtig.« Langsam ebbten die Wellen von Adrenalin wieder ab, die seinen Körper seit dem unsanften Erwachen geflutet hatten und er brachte seinen Liegestuhl in eine aufrechte Position. »Was erwarten Sie sich von unserem Gespräch?«
»Ich bin Wissenschaftsredakteur beim Scientific American. Ich habe Ihre Veröffentlichungen über die Jahre verfolgt und einige Ihrer Bücher rezensiert. Ich verstehe nicht bis ins letzte Detail, woran Sie arbeiten. Dazu muß man vermutlich Physik studieren und in Ihrem Bereich arbeiten. Ich glaubte aber ein Gespür dafür zu haben, wie Sie ticken. Sie sind nicht der Typ Fachidiot, der in seiner ökologischen Nische aufgeht. Sie denken fachübergreifend. Sie handeln politisch. Sie haben eine eigene Meinung. Sie engagieren sich. Sie wollen die Welt verbessern.«
»Das ehrt mich und es schmeichelt meiner Eitelkeit, danke.« antwortete Walter. »Ich wünschte nur, es wäre wirklich so.«
»Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel.« Mike grinste ihn an. »Ich bin ein Fan Ihrer Telekollegs. Sie verstehen es, Ihr Fachgebiet einem breiten Publikum zu erklären. Sie nehmen die Leute mit. Sie beschäftigen sich mit Wissenschaftsethik und scheuen auch philosophische Fragen nicht. Besonders fasziniert hat mich Ihr letzter Vortrag, der einige Monate vor Ihrem Verschwinden veröffentlicht wurde. Sie beschäftigen sich darin mit der Theorie, daß wir alle in einer virtuellen Realität leben.«
»Interessant, daß Sie davon reden«, sagte Walter und wirkte plötzlich abwesend, als wäre ein Schatten auf seinen Geist gefallen. »Diesen Vortrag habe ich mit großem Vergnügen gehalten. Es macht einen Riesenspaß, die Vorurteile anderer zu sezieren, die so etwas einfach als unmöglich abtun, nur, weil es nicht in ihr Weltbild paßt. Erschreckend, wie falsch ich damals lag… oder wie richtig…«
»Hat dieses Kolleg denn mit ihrem Verschwinden zu tun?«
»Nicht direkt. Aber damals fing es an, daß die Dinge aus dem Ruder liefen. Ich habe der NSA in früheren Jahren einige Male aus der Patsche geholfen.« Walter fing Mikes fragenden Blick auf und sprach sofort weiter. »Das ist nicht Teil dieser Geschichte und ist auch nicht von der Tragweite wie das, was nach dem Telekolleg passiert ist. Wenn wir beide in einem Jahr noch leben, dürfen Sie mich gerne weiter ausfragen. Ich vermute aber, daß Sie sich genau überlegen werden, ob Sie das, was ich Ihnen erzählen werde, wirklich veröffentlichen.«
Mike sah ihn fragend an, aber Walter fuhr fort: »Ihre Leser werden Sie nämlich für verrückt halten. Sie und mich. Was wir herausgefunden haben, würde ich selbst nicht glauben, wenn ich nicht die Originaldaten gesehen hätte.«
»Sie machen es ja richtig spannend.«
»Spannend ist nicht das Wort, das mir zuerst ins Gedächtnis kommt, wenn ich daran denke, warum ich hier bin. Aber sei’s drum. Wir waren bei der NSA. Ich habe dort eine recht hohe Sicherheitsfreigabe und erhalte Informationen, die mein Forschungsgebiet betreffen, als erster. Ich bin Astrophysiker. Ich habe die kosmische Hintergrundstrahlung im Mikrowellenbereich systematisch untersucht und einige Zusammenhänge zwischen deren Intensitätsverteilung und der Lage kosmischer Schwerkraftstrukturen aufgedeckt. Dies hat mir einen gewissen Ruf unter Kollegen eingebracht. Sie haben als wissenschaftlicher Journalist sicher bereits von der Anisotropie des kosmischen Hintergrundes gehört?«
Mike sah ihn fragend an. »Gehört ja, aber erklären sie es mir bitte sicherheitshalber mit Ihren Worten. Ich möchte sichergehen, daß mein Wissen kein Halbwissen ist.«
»Okay. Es gibt im Weltall eine schwache Hintergrundstrahlung im Mikrowellenbereich. Sie erreicht uns aus allen Richtungen des Universums völlig gleichmäßig und weist nur sehr geringe Fluktuationen auf. Die gängige Meinung dazu ist, daß es sich um eine Art Nachglimmen aus der Zeit handelt, als unser Universum sich nach dem Urknall und seiner ersten, beschleunigten Ausdehnung genügend abgekühlt hatte, um für Strahlung durchsichtig zu werden.
Diese Strahlung, die sehr kurzwellig war, wurde durch die weitere Ausdehnung des Universums bis in den Mikrowellenbereich gedehnt und so weit verdünnt, so daß sie heute nur noch mit empfindlichen Geräten meßbar ist. Ihre Wellenlänge entspricht einer Temperatur von etwa 3° Kelvin.«
Mike nickte. »Okay, soweit kann ich Ihnen folgen.«
»Ich habe mich in den letzten Jahren mit der Feinstruktur dieses Nachglimmen des Urknalls befaßt. Diese Mikrowellenstrahlung zeigt nämlich leichte Schwankungen in Temperatur und Intensität, die bislang auf den Einfluß der uns umgebenden Ansammlungen von Galaxien in Verbindung mit einer ‚klumpigen‘ Struktur der Materie nach dem Urknall zurückgeführt wurden. An dieser Erkenntnis bin ich nicht ganz unschuldig.
Als ich am Tag nach dem Telekolleg wieder in mein Büro kam, fand ich in meinen e-Mails Zugangsdaten für eine Datenbank. Sie war Teil eines ehemals militärischen Projektes, das der Suche nach extraterrestrischen Zivilisationen galt und mittlerweile eingestellt wurde. In dieser Datenbank fand ich Karten des Weltalls im Radio- und Mikrowellenbereich mit noch nie dagewesener Auflösung.«
Mike pfiff leise durch die Zähne. »Ich wußte, daß die Jungs bei der NSA mehr als eine Leiche im Keller haben.«
»Das verbuche ich mal als Untertreibung des Monats«, antwortete Walter ironisch. »Ich habe jedenfalls eine Weile gebraucht, um mich in die Daten einzuarbeiten. Die Mengen sind einfach unglaublich und beanspruchen die Festplatten eines mittleren Serverparks. Da ist es nicht ganz einfach, einen Überblick über das Ganze zu erhalten.
Ich will Sie nicht mit den Details langweilen. Jedenfalls habe ich in diesen Highrezz-Daten Muster gefunden, die ich nicht erklären konnte und die weitaus feiner und komplexer sind als das, was Sie je an Graphiken im Scientific American – oder was immer Sie sonst lesen – gesehen haben. Ich bin Physiker. Der mathematische Hintergrund der Auswertung dieser Daten überstieg meinen Horizont deutlich. Ich habe das Problem daher in meiner Arbeitsgruppe präsentiert und um Ideen und Anregungen gebeten.
Nun arbeiten nicht nur Physiker bei mir. Ein guter akademischer Ruf bringt gewisse Vorzüge mit sich. Ich konnte mir meine Mitarbeiter und Doktoranden aus einer Vielzahl von Bewerbern aussuchen und habe immer darauf geachtet, daß die Arbeitsgruppe interdisziplinär aufgebaut ist und ein wenig über den physikalischen Tellerrand hinausblickt.
Nicht alle konnten mit meinem speziellen Problem etwas anfangen. Einer meiner Mitarbeiter aber, ein junger Astroinformatiker namens Martin O‘Connor, bekam große Augen, als ich in der Sitzung einen Auszug der Daten präsentierte. Ich hatte ihn erst kurz vorher nach einem etwas kuriosen Bewerbungsgespräch in meine Arbeitsgruppe aufgenommen.
Seine Kenntnisse waren herausragend. Seine Gedankengänge waren aber sehr sprunghaft, so daß ich Mühe hatte, ihnen zu folgen. Er war sehr engagiert und er brannte für seine Wissenschaft, wirkte aber psychisch nicht gefestigt und tat sich im sozialen Umfeld schwer. Das habe ich um seiner fachlichen Qualitäten wegen in Kauf genommen. Es könnte aber seinen späteren Zusammenbruch erklären.
Wir trafen uns nach der Arbeitsgruppenbesprechung privat in meinem Büro und redeten über die Daten. O’Connor war wie ich skeptisch und meinte, wir müßten zunächst unbedingt ausschließen, daß es sich bei den Mustern um Artefakte handelte, ehe wir an eine Auswertung gehen.
Wir schafften aus Arbeitsgruppenmitteln einige Workstations an, mit deren Hilfe wir die Auswertung der Daten organisieren wollten. Wegen der immensen Datenmenge war das auch mit mehreren schnellen Rechnern kein Kinderspiel. Mit meinen Beziehungen bekam ich zur Auswertung Rechenzeit auf dem Haupt-Rechnerverbund des MIT und die ausgewerteten Daten liefen über das Intranet auf unseren Workstations zusammen.
Es verging Woche um Woche und ich hatte zunächst nicht den Eindruck, daß wir wirklich weiterkämen mit der Auswertung. Schließlich konnten wir aber zumindest mit einiger Sicherheit die üblichen Fehlerquellen in den Meßapparaturen und bei der Datenkompression ausschließen. Wir bekamen sogar noch einmal Meßzeit auf dem Teleskop des Original-Satelliten und konnten die Daten unserer Datenbank auf Konsistenz zu aktuellen Messungen überprüfen.
Im nächsten Schritt sahen wir uns einen Ausschnitt der Karte im Detail an und verglichen ihn mit den bisherigen Daten. Die neuen Bilder waren von beeindruckender Qualität und Schärfe. Wo sich in den alten Daten helle und dunkle Flecken befunden hatten, erschienen jetzt schärfere Formen, die von mehr oder weniger regelmäßigen Linienmustern umgeben waren.
„Es sieht fast aus, wie ein Interferenzmuster“, merkte O’Connor an. „Die Frage ist nur, was da womit interferiert.“
„Womit wir wieder bei der Frage nach Artefakten in den Daten wären“, folgerte ich. „Aber gehen wir spaßeshalber mal davon aus, daß es sich nicht um ein Artefakt handelt. Was für Optionen haben wir dann?“
„Irgendetwas muß sich in unserem Universum befinden, das diese Interferenzen hervorruft. Da wir gerade völlig im Dunklen tappen, könnte das von Gravitationsfeldern bis hin zu exotischen, noch nicht entdeckten Teilchen so ziemlich alles sein.“ meinte O’Connor vorsichtig.
„Wobei wir nicht das gesamte Universum einsehen können“; warf ich ein. Zum einen können wir maximal so viele Lichtjahre weit sehen, wie unser Universum in Jahren existiert. Zum anderen stellt die Mikrowellenstrahlung, die wir hier untersuchen, ja eine Art Ereignishorizont dar zu dem Moment, an dem nach den gängigen Theorien das Universum zum ersten Mal durchsichtig für Strahlung wurde.“
O’Connor sah aus, als hätte ihn gerade der Blitz getroffen. „Ereignishorizont“, sagte er gedehnt. „Ja, genau, ein HORIZONT! Das ist es, auf das wir blicken. Was ist, wenn sich das Interferenzmuster auf diesem Horizont befindet?“
„Jetzt sind wir an dem Punkt, wo wir die Fundamente unserer Wissenschaften hinter uns lassen.“ Ich versuchte spöttisch zu klingen, aber so ganz gelang mir das nicht. O’Connor wirkte wie hypnotisiert und fixierte einen imaginären Punkt im Raum, während er stockend hervorbrachte: „Ich weiß jetzt … wo ich … diese Art … Muster … schon mal … gesehen habe … nämlich auf einer … holographischen Platte!“
Bevor ich unterbrechen konnte, sprach er weiter. Jetzt geordneter und flüssig. „Jetzt weiß ich es. Es sieht genau wie ein Hologramm aus! Natürlich ist es ein Schwarzweißbild. Daher sind die Ringe nicht bunt. Wir haben also einen Horizont, auf dem sich ein holographisches Interferenzmuster befindet. Die Lösung ist doch ganz einfach: Lassen Sie uns das Hologramm entwickeln!“
Ich mußte lachen, denn die Situation war grotesk. Wir taten so, als redeten wir über eine Art ‚photographischer Platte‘, die Milliarden von Lichtjahren weit weg war. Dennoch hatte die Idee etwas Faszinierendes. „Wir haben nichts zu verlieren“, sagte ich schließlich. „O’Connor, Sie sind der Informatiker. Schaffen Sie das?“ „Das sind nur Daten,“ grinste er zurück. „Lediglich die Datei ist ein bißchen groß.“
Er überlegte einen Moment. „Die Daten umzuwandeln ist prinzipiell kein Problem. Es wird ein wenig dauern und evtl. müssen wir zunächst mit einer weniger hoch aufgelösten Version der Daten arbeiten. Nur, was werden wir am Ende sehen, wenn das Hologramm fertig ist?“
„Im einfachsten Falle sehen wir das Artefakt, das die Messungen verfälscht hat. So etwas wie eine Spinne vor dem Fernrohr vielleicht. Naja, etwas komplizierter wird es wohl sein.“ setzte ich hinzu. „Zumindest haben wir dann einen Ansatz, um unsere Daten neu zu überarbeiten.“
„Und wenn es kein Artefakt gibt? Wenn die Daten stimmen?“
„Dann werden wir etwas erblicken, das noch kein Mensch vor uns gesehen hat und ich habe keine Ahnung, was das sein könnte.“ antwortete ich. „Es könnte ein Blick in die Frühzeit unseres Universums sein oder etwas völlig anderes. Vielleicht entzieht es sich auch unserem Verständnis.“
O‘Connor ging gleich am nächsten Tag an die Arbeit. Er ging mit einer unglaublichen Konzentration zu Werke und vertiefte sich so in seine Welt von Formeln und Axiomen, daß er für Außenstehende kaum noch ansprechbar war. Selbst ich bekam mit der Zeit Probleme, seinen Gedankensprüngen zu folgen, wenn er mir Bericht erstattete.
Mit zunehmendem Fortschritt seiner Auswertungen wurde er schweigsamer und wirkte, als würde ihn etwas bedrücken. Meinen Fragen wich er von da an aus und sagte, die Daten ergäben noch kein klares Bild und er wolle sich vor mir nicht zum Affen machen. „Sie wissen, daß Sie mit dieser Arbeitsweise nicht in einem Team arbeiten können?“ fragte ich ihn einmal, als seine Aussagen wieder einmal besonders vage waren. „Ich bin Ihr Forschungsleiter und muß wissen, was in Ihrem Kopf vor sich geht. Ob Sie der Aufgabe gewachsen sind! Brauchen Sie Leute, die Ihnen Arbeit abnehmen?“
„Nein, das ist es nicht,“ antwortete O’Connor. „Es ist nur so, daß die Berechnungen länger dauern, als ich geplant habe und daß die Zwischenergebnisse keine Projektion auf das Endergebnis erlauben. Es sind irgendwie nur Ausschnittsvergrößerungen aus einem riesigen Gemälde. Sie sagen für sich wenig aus. Es ist etwa so, als betrachte man ein kleines Stück Haut aus Picassos ‚Guernica‘.
Diese Daten sind das umfangreichste, das ich je bearbeitet habe. Ich empfinde es als sehr frustrierend, daß wir Woche über Woche an Rechenzeit verbrauchen und noch immer keine Vorstellung davon haben, wie unser Ergebnis aussehen wird. Am Ende sitzen wir vielleicht da und haben nichts, weil ich mich in meinen Planungen irgendwo verrechnet habe und müssen dann von vorne anfangen. Ich habe Probleme damit, diese Unsicherheit auszuhalten.“
O’Connor sah mich dabei mit einem so gequälten Blick an, daß ich spontan Mitleid mit ihm hatte. „Okay, O’Connor, mit diesem Risiko werden Sie leben müssen,“ antwortete ich ihm nach einigem Nachdenken. „Das muß ich auch. Es mag sich in manchen Hochglanzfachzeitschriften anders lesen, aber die Wahrheit ist, daß die wirklich großen Entdeckungen immer auf der Basis von Fehlschlägen gemacht wurden.“
Mit diesem Gemeinplatz gab er sich zufrieden. Er besserte allerdings seine Stimmung nicht.«
»Die Idee mit dem Hologramm finde ich sehr spannend,« merkte Mike an. »Was haben die Daten denn nun ergeben? Irgendwie habe ich auch das Gefühl, daß der junge Mann seiner Aufgabe nicht ganz gewachsen ist.«
»Oh, er war der Aufgabe sehr wohl gewachsen – zumindest fachlich! Unglücklicherweise hat keiner von uns ernsthaft mit einem Ergebnis gerechnet, das unser Weltbild auf den Kopf stellen könnte. Nur das hat er letztlich nicht verkraftet. Er hat anschließend versucht, das mit sich selber auszumachen und zog sich völlig aus der Arbeitsgruppe zurück. Aber mit den Dämonen, die wir gesehen haben, kann man nicht kämpfen.«
»Jetzt spannen Sie mich aber auf die Folter.« Mike wirkte ungeduldig. »Was zur Hölle haben Sie denn nun gefunden?«
»Nur Geduld, junger Freund,« antwortete Walter. »Sie müssen auch den Weg verstehen, den wir genommen haben. Wenn ich Ihnen einfach das Ergebnis zeige, werden Sie es nicht wahrhaben wollen. Sie müssen wissen, wie wir dorthin gekommen sind!«
Mike wirkte sichtbar unbefriedigt und eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn. Er sah für einen Moment so aus, als wollte er widersprechen. Dann breitete sich aber Müdigkeit in seinem Gesicht aus und er entspannte sich. Die Ringe um seine Augen traten durch das Licht der jetzt tiefer stehenden Sonne deutlich hervor. »Das war respektlos. Ich bitte Sie um Entschuldigung. Bitte erzählen Sie weiter, so wie Sie es für richtig halten. Ich bin hier nicht die Hauptperson.«
Walter lächelte in sich hinein und fuhr fort. »O’Connor ging wieder an die Arbeit. Es dauerte noch einige weitere Wochen. Dann meinte er, er hätte jetzt etwas zusammengestellt, das wir uns ansehen sollten. Er bat mich, unseren 3D-Raum benutzen zu dürfen. Das ist ein umgebauter, kreisrunder Hörsaal, der an den Wänden rundherum mit Led Projektionswänden bestückt ist. Dort kann man Simulationen laufen lassen und steht sozusagen im Zentrum des Geschehens. Das war für uns die einzige Möglichkeit, die Ergebnisse in ihrer Gesamtheit zu betrachten.
O‘Connor schloß unsere Workstations an das Projektionssystem an und war den nächsten Tag damit beschäftigt, ein Interface zu programmieren, das die nötigen Datenmengen aus den Workstations verarbeiten und auf die Bildschirme leiten würde. Ich machte mir bereits Sorgen, daß wir den Raum wieder abgeben müßten, ohne etwas zu sehen zu bekommen, aber schließlich war er mit seiner Arbeit zufrieden.
Er bat mich in das Innere des 3D-Raums. Er stand an einem kleinen Tisch in der Mitte der Kuppel und hantierte an einer Workstation, die unter dem Tisch plaziert war. Der Raum war abgedunkelt. Nur auf dem Tisch glomm ein schwaches Licht. Gerade stark genug, daß wir unsere Gesichter sehen konnten. O‘Connor räusperte sich und begann mit seinem Vortrag:
„Ich bin sehr stolz darauf, an diesem Projekt mitarbeiten zu dürfen. Ich hätte nie gedacht, einmal Zugang zu solchen Daten zu bekommen. Mir ist allerdings nicht mehr ganz wohl bei der Sache. Seit einigen Tagen weiß ich, daß wir ein Ergebnis haben. Man erkennt allerdings auf einem Monitor nicht wirklich viel, weil die zugrundeliegenden Daten dreidimensional sind.
Alles sieht aber irgendwie verstörend aus und ich habe ein wenig Angst davor, daß es in dieser Projektion vielleicht genauso wirkt. Die Qualität der Rohdaten ist im Übrigen herausragend. Ich wußte nicht, daß es bereits Satelliten gibt, die Bilder mit solch hoher Auflösung liefern. Sie ist 100-1.000-fach höher als alles, das ich kenne.“
„Verstörend würde ich nicht als wissenschaftlichen Terminus bezeichnen,“ warf ich ein.
„Ich weiß. Vielleicht fällt uns ein besserer Terminus ein, wenn wir die Gesamtheit der Daten gesehen haben. Nun aber zu den Ergebnissen.“ Er tippte einige Anschläge auf seiner Workstation. An den Wänden glommen helle und dunkle Flecken vor einem grauen Hintergrund. „Dies ist ein Graustufenbild des kosmischen Mikrowellenhintergrundes, wie er sich bis heute darstellt. Vielleicht sehen Sie die Daten aber zum ersten Mal in drei Dimensionen mit sich selbst im Zentrum.“
Ich sah mich in der Simulation um und mit etwas Gewöhnungszeit konnte ich tatsächlich die Strukturen wiedererkennen, die ich aus zweidimensionalen Abbildungen in einschlägigen Fachzeitschriften gewöhnt war.
„Wenn Sie wollen, kann ich es Ihnen auch bunt machen. Das ändert aber den Inhalt nicht.“ Die Ironie war gespielt, denn ich merkte, daß seine Stimme zitterte. Er tippte weiter und die Wände veränderten sich. Die Konturen wurden schärfer und feiner aufgelöst. Es erschienen die (vielleicht holographischen) Linienmuster, die wir aus dem Datenauszug kannten. Wie sich zeigte, bedeckten sie das gesamte Bild. Ich war fasziniert und sah mich einige Minuten im Raum um. Auch wenn ich nahe an die Wände ging, blieb das Bild scharf. „Die Daten sind wirklich sehr, sehr gut“, sagte ich schließlich.
„Ich schalte gleich um in das, was ich aus den Daten berechnet habe. Wir sind auf jeden Fall auf der richtigen Spur. Sehen Sie es sich selbst an. Wir müssen uns jetzt ein Urteil bilden, um was es sich handelt. Ich bitte Sie nur, sich vorher zu setzen. Wie gesagt empfinde ich das, was ich vorab gesehen habe, als sehr beunruhigend.“
Ich folgte wortlos seiner Bitte. Er tippte wieder auf der Tastatur und das Schwarzweißbild auf den Wänden veränderte sich erneut. Die Wände schienen zu verschwinden und machten einem Panorama Platz. Was wir dort sahen, wirkte für menschliche Augen beängstigend fremd und auf schwer erfaßbare Weise verzerrt. Es war, als stünden wir in einer Art Dschungel, nur daß die ‚Pflanzen‘ unbeschreiblich waren. Irgendwie war alles verdreht und schien einer uns unbekannten Geometrie zu folgen. Das Panorama war so albtraumhaft fremd, daß ich kurz vor einer Panikattacke stand.
Ich habe noch nie in meinem Leben etwas Derartiges gesehen. Jedes kleine Detail war in sich auf bösartig wirkende Weise verdreht und entzog sich einer genauen Beschreibung. Sobald man glaubte, ein vertrautes Detail zu erkennen, zerfloß es wieder zu etwas Anderem. Es gab keinen Punkt, an dem das Auge sich hätte festhalten und ausruhen können. Letztlich ist meine Beschreibung deswegen auch müßig. Ich bin mir nicht mal sicher, ob O‘Connor das gleiche gesehen hat wie ich.« endete Walter seinen Bericht.
Die Sonne war in der Zwischenzeit ein Stück in Richtung Horizont gewandert. Die Bäume der weitläufigen Parkanlage schimmerten golden und die Strahlen der Sonne griffen wie gelbe Finger zwischen ihnen hindurch. Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und brachte Mike zum Frösteln.
»Das klingt furchtbar, aber was haben Sie denn da gesehen?«
»Etwas Schreckliches. Etwas außerhalb unseres Universums.«
»Wie kann das sein, wenn das Universum unendlich ist?«
»Ist es das wirklich? Das behauptet nicht mal die Urknalltheorie.« Walter fuhr fort: » Am einfachsten stellen Sie sich vielleicht vor, daß sämtliche Monstrositäten aus allen Gemälden von Dali gleichzeitig lebendig geworden sind. Das trifft es ein wenig.
Wir standen beide eine Weile wie versteinert in diesem unirdischen Panorama. O’Connor zitterte wie ich am ganzen Körper und schien kurz vor einem Zusammenbruch zu stehen. Erst als ich ihn anschrie und rüttelte reagierte er und schaltete die Projektoren ab. Wir saßen danach noch stundenlang in diesem Raum, beide wie ein Häufchen Elend, und suchten nach Wegen, uns dieses Bild irgendwie logisch zu erklären. Am Ende akzeptierten wir es als Realität.«
»Was für eine Realität zum Henker?« polterte es aus Mike Peters heraus. »Was bedeutet das? Hat sich da nicht jemand einfach einen schlechten Scherz erlaubt?«
»Wir haben die Daten mehrfach durchgerechnet. Mit anderen Programmen. Ich habe auch andere Kollegen hinzugezogen, die ähnlich verstört auf die Ergebnisse reagiert haben wie wir, aber keinen Fehler in der Auswertung finden konnten. Das Ergebnis war immer das gleiche: Bei dem Interferenzmuster auf dem Ereignishorizont handelt es sich zweifellos um ein Panorama. Und da es nicht von innerhalb unseres Universums kommen kann, muß es sich außerhalb befinden.
Sie haben sicher bereits von einer der zahlreichen Multiversumstheorien gehört. Ich persönlich glaube, wir haben den dreidimensionalen Aspekt von etwas vier- oder höherdimensionalem gesehen, von dem unser Universum nur ein verschwindend kleiner Teil ist.
O’Connor hat das ganze schlechter verkraftet als ich. Er war ja von Anfang an nicht in einer stabilen Verfassung und sein Zustand verschlechterte sich danach von Tag zu Tag. Einige Wochen später hat er sich … aber das wissen Sie ja schon. Ich habe überlegt, ob ich mit den Ergebnissen an die Öffentlichkeit gehe. Ich hab’s gelassen.
Was meine Kollegen mit ihrem neu gewonnenen Wissen gemacht haben, weiß ich nicht. Veröffentlichen können sie es nicht, ohne als Wahnsinnige dazustehen. Vielleicht machen sie es ähnlich wie ich. Mein komplettes Fachgebiet hat sich binnen einer kurzen Präsentation in Rauch aufgelöst. Oder in Interferenzen, wenn Sie wollen. Meine wissenschaftliche Arbeit ist beendet und ich bin zu alt, um mir ein neues Betätigungsfeld zu suchen.
Jetzt wissen Sie alles, Herr Peters. Entscheiden Sie selbst, ob Sie damit an die Öffentlichkeit gehen wollen. So ganz ohne Beweise dürften Sie aber Schwierigkeiten haben, ernstgenommen zu werden. Selbst wenn es Leute gibt, die Ihnen glauben würden, gäbe es letztlich nur eine weitere, neue Verschwörungstheorie auf dem Niveau eines Chemtrails. Wollen Sie das?
Und jetzt möchte ich mich ein wenig ausruhen. Sie glauben doch nicht, daß ich nach dem, was ich gesehen habe, noch eine Nacht ruhig schlafen konnte. Sehen Sie zu, was Sie mit Ihrem Wissen anfangen jetzt, wo Sie es haben.«
»Was haben Sie mit den Daten gemacht?« fragte Mike.
»Mit den Originaldaten mußte ich nichts machen. Sie sind bei der NSA sicher und auf Grund ihrer Größe gegen Kopieren geschützt. Die komprimierte Zusammenfassung des Panoramas auf unseren Workstations ist verschlüsselt und nur eine unauffällige Datei unter vielen. Ich habe ein paar Kopien gemacht für alle Fälle. Falls ich meine Meinung ändere, auch wenn ich mir das nicht vorstellen kann. Ich will diese Bilder nie wieder sehen. Es reicht mir, daß sie mich in meine Träume verfolgen.«
Mike horchte auf: »Meinen Sie, daß ich die Daten mal sehen dürfte – jetzt, wo Sie mir die ganze Geschichte erzählt haben?«
»Sie würden es den Rest ihres Lebens bereuen. Auch das verkleinerte Archiv liefert immer noch ein Panorama, das Ihnen in wenigen Sekunden die Gehirnwindungen verknotet. Ich empfehle Ihnen dringend, mir das einfach zu glauben und die Geschichte zu den Akten zu legen.«
»Ich bin nicht hier, um mich vor den Konsequenzen meiner Handlungen zu drücken,« antwortete Mike. »Ich MUSS das sehen. Falls Sie mich lassen. Ich bitte Sie sehr herzlich, mir das zu gestatten. Sie wollen ja nichts mehr damit anfangen und ich finde vielleicht einen Weg, diese Ergebnisse einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen.«
»Sie riskieren Ihre Gesundheit und vielleicht sogar Ihr Leben. Es gibt genügend Leute, die dafür töten werden, um diese Daten unter Verschluß zu halten. Ganz abgesehen von der Frage, ob die Menschheit für solch eine Art Wahrheit bereit ist.«
Mike sah Walter mit einem schwer beschreibbaren Blick an. »Sie können doch nicht von mir erwarten, daß ich jetzt alles auf sich beruhen lasse und wieder meiner Wege gehe?! Kommen Sie, geben Sie mir etwas. Irgendetwas. BITTE!«
Walter sah eine Verzweiflung in Mikes Augen, die ihn für einen Moment an O’Connor erinnerte. Schuldgefühle brodelten in ihm hoch. »Sie haben sicher einen Notizblock und einen Stift,« fragte er. Mike zog einen kleinen Block und einen Bleistift aus der Innentasche seiner Jacke und reichte ihm beides wortlos. Walter schrieb mit zittrigen Fingern einige Zeilen auf das Papier und reichte es Mike zurück.
»Das ist ein komprimierter Link auf ein Backup des Panoramas. Die Zugangsdaten stehen darunter. Benutzen Sie eine VR Brille. Dann sehen Sie in etwa das, was wir gesehen haben. Aber seien Sie vorsichtig. Ein Mensch mußte deswegen sterben. Sorgen Sie bitte dafür, daß es nicht noch mehr werden!«
Die Sonne war mittlerweile untergegangen. Es wurde kühl im Park. Mike Peters bedankte sich und verabschiedete sich höflich. Ihm fröstelte und er entfernte sich leise von Walters Liegestuhl. »Ach und noch eines,« rief ihm Walter hinterher. »Kommen Sie bitte nicht wieder!«
Den Anlaß dazu, dieses hier aufzuschreiben, gab mir ein Traum, den ich eines Nachts träumte. Ich werde diesen im Großen und Ganzen ein bißchen ausschmücken, aber die Grundidee wird doch mein Traum bleiben. Die Namen sind frei erfunden. Auch will ich als Zeitpunkt des Geschehens das vorige Jahrhundert wählen, denn heute könnte es wohl kaum so sein, wie ich es erzählen will. Meinen Lesern überlasse ich es nun selbst, herauszufinden, wie weit der Traum und wie weit die Dichtung gehen. Anna Wagner (1947)
Rundherum von dichtem Wald umgeben lag es da, das alte Eschlinger Gutshaus. In der ganzen Umgebung hieß es aber eigentlich ‘Die Burg’. Mit seinen dicken Mauern und dem großen, runden Turm, der sich an die eine Seite des Hauses anschloß, sah es wirklich aus wie eine kleine Festung.
Wer das Haus und seine Bewohner aus der Zeit vor ungefähr vier Jahren in Erinnerung hat, würde sie jetzt wohl kaum wiedererkennen. Damals hieß der Besitzer dieses Gutes noch Anton Eschlinger. Jeder kannte ihn als offenen, lebenslustigen und immer freundlichen Mann. Zusammen mit seiner Frau Martha führte er das Gut seit vielen Jahren. Aus ihrer Liebe war eine Tochter entsprungen, Ines, die im Laufe der Jahre zu einer schönen Frau heranreifte.
Doch das war lange vorbei. Schlimme Dinge waren zwischenzeitlich geschehen. Anton Eschlinger lebte nicht mehr und ihre Tochter hatte im Streit das Haus verlassen. Jetzt lebte Frau Martha Eschlinger allein und ganz zurückgezogen. Die Felder und Wiesen des Anwesens hatte sie den umliegenden Gütern in Pacht gegeben. Von ihrer Dienerschaft blieb nur die alte Bertha, die nun schon über 20 Jahre für das Gut arbeitete. Die großen Scheunen und Stallgebäude hinter dem Herrenhaus standen leer.
An einem schönen Herbstabend – draußen war es schon ziemlich dunkel – sagte Frau Martha:
»Bertha, sieh doch einmal nach, ob jemand draußen ist. Mir war eben, als ob es geklopft hätte.«
»Wer soll jetzt schon zu uns kommen, gnädige Frau«, meinte Bertha, die es schon gewohnt war, öfter nach draußen geschickt zu werden, obgleich niemals jemand da war. Auch, wenn sie die Frage vermutlich verneinen würde: Martha Eschlinger rechnete immer noch im Stillen damit, daß ihre Tochter Iris eines Tages zurückkommen würde.
Nun ging Bertha auch heute, um nach draußen zu sehen. Gerade wollte sie die Türe wieder schließen und mit einem »Niemand da, gnä’Frau« in die Stube zurückkehren, als sie ein ganz leises Wimmern hörte.
»Ist da jemand?«, fragte sie, doch niemand antwortete. So ging sie ins Haus zurück, um eine Laterne zu holen. Frau Martha, der es zu lange dauerte, bis Bertha zurückkam, ging schließlich selbst zur Tür, um zu sehen, wo sie bliebe. Jetzt kam auch Bertha mit einer Laterne zurück.
»Mir war, als ob draußen jemand weinte, gnä’Frau. Ich wollte gerade noch einmal nachsehen.«
»Iris!«, schrie Frau Martha, riß Bertha die Laterne aus der Hand und rannte hinaus. Die Alte schüttelte nur den Kopf und ging ihr langsam nach.
Einige Meter neben der Türe kniete Frau Martha bei einer scheinbar leblosen Gestalt.
»Bertha, hilf mir bitte. Ich schaffe das nicht allein.«
»Sehr wohl, gnä’Frau!«
Jede griff unter einen Arm. Gemeinsam zogen sie sie hoch, schleiften sie anschließend ins Haus und legten sie in der Wohnstube auf das Sofa.
Drinnen mußten sie dann aber erkennen, daß es sich nicht um Iris handelte. Vor ihnen lag ein fremdes Mädchen. Sie war schlank, besaß ein schmales, blasses Gesicht und blondes Haar. Die Augen hielt sie geschlossen und schien nur ohnmächtig zu sein, denn eine Verletzung sah man nicht an ihr. Bertha holte Wasser, und nachdem sie sie auf das Sofa gebettet hatten, legten sie ihr ein nasses Tuch auf die Stirn.
Das alte Hausmittel wirkte schnell. Das Mädchen schlug die Augen auf und sah sich verwundert um.
»Wo bin ich?«
»Sie befinden sich auf dem Eschlingerhof«, antwortete Frau Martha. »Wir haben Sie soeben vor unserer Türe gefunden.«
»Kann ich… bitte etwas Wasser bekommen? Ich habe schrecklichen Durst.«
Bertha holte ein weiteres Glas Wasser. Die Fremde trank einige Schlucke und gab ihr dann das Glas zurück.
»Das tat gut. Vielen, herzlichen Dank.«
»Fühlen Sie sich jetzt etwas besser?«, fragte Frau Martha. »Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, lasse ich Ihre Angehörigen benachrichtigen.«
»Bitte tun Sie das nicht!« Verstört sah das Mädchen sich im Zimmer um. Dann fügte sie leise hinzu: »Ich… ich kann nämlich nicht mehr zurück.«
»Wenn Sie wollen, können Sie übernacht bei uns bleiben, Fräulein…?«
»Geßler, Erna Geßler ist mein Name.«
»Gut«, sagte Frau Martha Eschlinger. Sie erkannte, daß das Mädchen viel zu müde und verängstigt war, um jetzt noch eine Unterhaltung zu führen. »Dann schlafen Sie heute nacht bei uns. Morgen früh sieht die Welt schon ganz anders aus.«
Das Mädchen wirkte nicht überzeugt. Sie ließ sich aber von ihrer Gastgeberin in eine Kammer führen, in der früher eines der Dienstmädchen gewohnt hatte. Bertha bezog das Bett, schlug es auf und Frau Martha sagte:
»Hier können Sie heute nacht schlafen, Fräulein Geßler. Morgen frühstücken wir zusammen und besprechen, was zu tun ist.«
Sie verließen die Kammer und Bertha schloß die Tür.
»Es ist schon spät und morgen könnte es viel zu tun geben, Bertha. Gehen Sie schon zu Bett. Ich werde noch ein wenig in der Stube sitzen.«
Bertha ging, nachdem sie einen Kerzenleuchter in der Stube angezündet hatte. Frau Martha saß noch eine ganze Weile in ihrem Sessel und ließ die letzten Stunden Revue passieren. Wer sie wohl sein mag? dachte sie bei sich. Meine Ines ist mitten in der Nacht von hier verschwunden und jetzt schickt mir das Schicksal dieses arme Mädchen ins Haus. Ob das wohl etwas zu bedeuten hat? Den Namen Geßler kenne ich nicht. Falls Ihre Eltern ein Gut besitzen, muß es weit weg liegen.
Doch sie fand auf ihre Fragen keine Antwort. Sie nahm sich den Kerzenleuchter und begab sich selbst zur Ruhe. Am nächsten Morgen erwachte sie zeitiger als sonst. Unruhige Träume, in denen Ihre Tochter um Hilfe rief und sie sie nicht erreichen konnte, weil ihre Füße wie in Treibsand zu stecken schienen, ließen sie mehrfach schweißgebadet hochschrecken. Beim Anziehen erinnerte sie sich wieder an die Ereignisse des gestrigen Abends. Sie hatte einen Gast im Hause, die ihre Hilfe brauchte und um die sie sich kümmern würde. Bei Ines hatte sie versagt, aber Fräulein Geßler konnte auf ihre Hilfe zählen.
Sie öffnete leise die Türe der Kammer, in der sie die Fremde untergebracht hatten, um zu sehen, wie es ihr ging. Das Mädchen schlief noch fest. Vorsichtig schloß sie die Türe wieder, um sie nicht zu stören. Als sie in die Küche kam, hatte Bertha schon Feuer gemacht und setzte soeben das Kaffeewasser auf.
Sie wünschte ihr einen Guten Morgen, was Bertha mit einem »Sie hätten doch noch im Bett bleiben sollen, gnädige Frau!« beantwortete.
»Ach Bertha, ich konnte nicht mehr schlafen und außerdem vergißt Du wohl, daß wir einen Gast haben.«
Darauf ging sie ins Wohnzimmer, um den Frühstückstisch zu decken. Sie war noch nicht ganz fertig, als die Türe aufging und das fremde Mädchen auf der Schwelle stand. Sie sah aus als hätte sie sich über längere Zeit zu wenig in der Sonne bewegt und auf ihrer Stirn befanden sich tiefe Falten, die jüngeren Datums zu sein schienen. Nach einem leisen »Guten Morgen« kam sie langsam auf Frau Martha zu und sagte:
»Ich möchte Ihnen danken, daß Sie mich in Ihr Haus aufgenommen haben, ohne mich zu kennen. Sie haben ein gutes Herz!«
»Ach was«, wehrte Frau Martha ab. »Das ist das Mindeste, was ich tun konnte.«
»Ich werde Ihre Güte nicht vergessen. Ich komme nun aber wieder allein zurecht und werde Ihre Gastfreundschaft nicht länger in Anspruch nehmen müssen.«
»Erst werden sie noch Kaffee mit mir trinken. Lassen Sie uns ein wenig plaudern. Ich habe so selten Gäste hier und freue mich über Ihren Besuch. Vielleicht mögen Sie mir ja auch Ihre Geschichte erzählen.«
Das Mädchen warf ihr einen dankbaren Blick zu, nahm auf dem angebotenen Stuhl Platz und ließ sich von Frau Martha einen Kaffee einschenken, den Bertha eben gebracht hatte.
Während des Frühstücks redeten sie nicht. Die Fremde aß nur wenig und trank eine Tasse Kaffee dazu. Schließlich trug Bertha das Geschirr wieder in die Küche. Frau Martha setzte sich näher an das Mädchen heran und lächelte freundlich.
»So, und nun erzählen Sie mir doch bitte, was Ihnen fehlt und dann wollen wir sehen, wie Ihnen zu helfen ist.«
Das Mädchen nickte stumm und in ihre Augen trat wieder der gequälte Ausdruck des vergangenen Abends. Frau Martha saß geduldig da.
»Lassen Sie sich ruhig Zeit. Wir haben schließlich Sonntag und ich habe heute nichts weiteres vor.«
»Sie sind sehr freundlich, Frau…?«
»Ich heiße Martha Eschlinger und bin hier die Gutsherrin.«
»Ich habe Ihren Namen noch nie gehört. Ich muß sehr weit gelaufen sein.«
»Von wo kommen Sie denn her?«
»Meine Eltern wohnen in Gernrode, einer kleinen Stadt am Rande des Harzes. Von dort bin ich auch gekommen.«
»Das erklärt, warum auch ich Ihren Namen nicht kenne. Wir hatten früher nur Kontakt zu den umliegenden Gütern.«
»Oh, so hochstehend bin ich nicht. Mein Vater ist nur Lehrer am dortigen Gymnasium.«
»Das ist ein ehrenwerter Beruf. Sie müssen sich dafür nicht schämen. Was ist Ihnen denn nun geschehen, daß Sie so verzweifelt sind.«
Erna Geßler blickte eine kurze Weile in ihren Schoß, als suchte sie dort etwas. Dann – nach einigen tiefen Atemzügen – hob sie den Blick und begann zu erzählen:
»Ich habe keine Geschwister und vermutlich hatten sich meine Eltern große Hoffnungen für meine Zukunft gemacht. Bis – ja bis – ich eines Tages den Mann kennenlernte, der mein Schicksal wurde.
Es geschah auf einer kleinen Feier, die ich mit meinen Eltern besuchte. Er war als Freund des Sohnes unserer Gastgeber gleichfalls dazu eingeladen worden. Vom ersten Augenblick, als ich ihn sah, wußte ich, daß mich alles zu ihm hinzog. Wenn er mich mit seinen dunklen, traurigen Augen ansah, überkam mich ein nie gekanntes Gefühl. Als ich dann am nächsten Abend in meinem Zimmer allein war, erkannte ich, daß ich mich in ihn verliebt hatte.
Ich verstand bis dahin noch nicht, was Liebe ist, doch jetzt hatte sie mich mit einer so ungeahnten Macht ergriffen, daß ich ihr erliegen mußte. Ich sah Rolf Gahlern dann öfters.«
Frau Martha zuckte bei der Erwähnung des Namens kurz zusammen, faßte sich aber sofort wieder und lauschte konzentriert Erna Geßlers Erzählung.
»Durch meine Freundin, welche die Schwester von Rolfs Freund war, kam ich fast jeden Tag mit ihm zusammen. Wir gingen des Abends regelmäßig zu viert in den Anlagen der Stadt spazieren und redeten über Gott und die Welt. Ich bemerkte, daß Rolf Gahlern mich wohl zur Kenntnis nahm und wenn ich etwas sagte, so ging er darauf ein und gab mir das Gefühl, daß das, was ich sagte, etwas Wichtiges sei.
Als ich eines Tages wieder zu unserem verabredeten Treffpunkt kam, geschah es, daß ich nur ihn allein antraf. Als wir uns begrüßt hatten, erklärte er mir, daß meine Freundin und sein Freund verhindert seien, zu kommen, und er auf mich gewartet habe, um mir Bescheid zu sagen. Als ich mich verabschieden wollte, um wieder heimzugehen, bat er mich: ›Bitte Fräulein Erna, bleiben Sie doch noch ein Weilchen. Es würde mich freuen, wenn wir uns auch einmal allein unterhalten könnten.‹
Nur zu gern blieb ich bei ihm, obwohl ich mich eines beklemmenden Gefühls nicht erwehren konnte, denn er hatte manchmal einen so traurigen Blick an sich, daß es mir durch Mark und Bein fuhr. Wir gingen noch ein Stück in den Park hinein und als wir zu einer Bank kamen, setzten wir uns. Bis jetzt hatten wir nur über belanglose Sachen geredet, doch als er meinen fragenden Blick sah, sagte er:
›Ja, und nun wollen Sie sicher wissen, was ich Ihnen zu sagen habe.‹
Ich weiß heute selbst nicht mehr, wie es gekommen ist. Wie Feuer glühte es in mir als er mich sagte, daß er mich auch liebe. Als er mich dann küßte, lag ich willenlos in seinen Armen und ich habe wohl seine Küsse auch erwidert. Schließlich fragte er mich, ob ich mit zu ihm kommen wolle.
Diesen milden, warmen Sommerabend werde ich nie vergessen. Rings um uns hörten wir niemanden mehr. Mittlerweile war es schon ein bißchen dämmrig geworden und die meisten Leute waren bereits heimgegangen. Ein feiner Duft lag in der Luft und der Wind spielte leise mit den Blättern der Bäume. Unter diesem Einfluß mag ich gestanden haben, als ich ja sagte. Hand in Hand gingen wir zu ihm. Mir fiel auf, daß er sich mehrmals umsah, ob uns auch niemand folgte. Als wir dann nebeneinander auf dem Sofa saßen und er mich weiter küßte, so zärtlich und innig und gleichzeitig fordernd, da muß mein Verstand ausgesetzt haben und ich wollte nur noch ihn.
Er führte mich in sein Schlafzimmer und ich folgte ihm wie willenlos. Wir liebten uns, als gäbe es kein Morgen. Ich hatte noch niemals erlebt, daß ein Mann so zärtlich sein kann und werde es wohl auch nie wieder. Er sorgte dafür, daß ich wie auf Wolken schwebte, bis es dann schließlich vorbei war.«
»Das muß Ihnen viel bedeutet haben«, sagte Frau Martha mitfühlend, »aber was ist denn aus dem Ruder gelaufen, daß Sie heute so unglücklich vor mir sitzen?«
»Wissen Sie, an diesem Abend fühlte ich zum ersten Mal, was Glück bedeutet. Wie eine Traumwandlerin ging ich anschließend an seiner Seite nach Hause. Als er sich dann vor unserer Türe von mir verabschiedete, bat er mich, doch meinen Eltern nichts von unserer Liebe zu erzählen. Obwohl ich mir nicht recht erklären konnte, warum, versprach ich es ihm trotzdem. Wir küßten uns noch einmal und dann lief ich ins Haus.
Eigentlich hätte ich nun glücklich sein müssen, da ich nun wußte, daß der Mann, dem mein Herz gehörte, mich auch liebte. Aber ich glaube, ich habe schon damals eine Ahnung gehabt, daß es nicht gut ausgehen würde. Ich schlich mich leise in mein Zimmer, damit mich niemand hören sollte, denn ich konnte meinen Eltern so nicht unter die Augen treten. Sie hätten mich sicherlich wegen meines langen Ausbleibens gefragt und ich hätte ihnen nicht antworten können. Als dann meine Mutter später noch einmal in mein Zimmer kam, stellte ich mich schlafend. Es war das erste Mal, daß ich schlafen gegangen bin, ohne vorher Gute Nacht gesagt zu haben.
Rolf und ich trafen uns noch einige Male privat und diese Tage gehörten zu den schönsten meines Lebens. Nach einer Woche verschwand er dann aber plötzlich und es hieß, er sei abgereist. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Einige Tage danach bekam ich einen Brief von ihm, in dem er mir mitteilte, daß ihn ein Telegramm schon in aller Frühe zu seiner Mutter gerufen habe, die ganz plötzlich schwer erkrankt sei. Im übrigen danke er mir für die wundervollen Tage, die ich ihm geschenkt habe. Ich solle ihm verzeihen, wenn er mir mit seiner Abreise wehgetan habe, aber es sei für uns beide so am besten gewesen, denn niemals hätte er sein ruheloses Leben an mein Leben binden können.
Ich kann es Dir nicht schreiben, hieß es unter anderem in seinem Brief, was es ist, das mich bis an mein Lebensende verfolgen wird. Es ist etwas Furchtbares geschehen, über das ich mit niemandem reden kann. Deswegen kann ich niemals wieder mit jemandem dauerhaft glücklich werden. Du hast mich das für eine kleine Weile vergessen lassen. Dafür danke ich Dir von Herzen. Ich hoffe, daß ich mit meinem unbedachten Handeln nicht auch noch Dein Leben zerstört habe. Ich bin nur meinem Herzen gefolgt und habe die Konsequenzen nicht bedacht. Bitte verzeih mir! Dein Rolf.
Man muß es mir wohl angesehen haben, was ich neuerlich durchmachte, denn meine Eltern waren plötzlich sehr besorgt um mich. Ich konnte es ihnen damals auch nicht erklären. Sie haben mich dankenswerterweise nicht bedrängt, weil sie wohl die Zusammenhänge ahnten. Auch ihnen war Rolfs plötzliche Abreise nicht verborgen geblieben. Erst als mir klar wurde, daß ich ein Kind bekommen würde, habe ich es ihnen gesagt.
Kein Wort des Vorwurfs hatten meine Eltern für mich, aber auch kein Wort des Verstehens. Die acht Tage, die ich dann noch in ihrem Hause war, sind mir zur großen Qual geworden. Ich wurde wortlos geduldet, aber nicht mehr beachtet. Deshalb wollte ich die Konsequenzen ziehen für die Scham, die ich ihnen bereitet habe. Vorletzte Nacht habe ich mich heimlich aus meinem Zuhause entfernt, um meinem verfehlten Leben ein Ende zu setzen. Doch als ich dann vor dem Wasser stand, dessen kühle Tiefe mich aufnehmen sollte, und es im Mondschein so schön glitzerte, war es mir, als ob eine leise Stimme mir zuraunte:
Willst Du der einen Sünde noch eine zweite hinzufügen?
Dann dachte ich an das junge Leben, das in mir zum Licht drängte, und da habe ich den Entschluß gefaßt, für sein Leben zu kämpfen. Ich bin die ganze Nacht gelaufen und den ganzen Tag auch noch, bis ich dann abends hier kraftlos zusammenbrach.«
Frau Martha ergriff Erna Geßlers Hand und nahm sie zwischen ihre, sagte aber kein Wort und wartete ab.
»Jetzt kennen Sie meine Geschichte. Danke, daß Sie mir zuhören und danke für alles, das Sie für mich getan haben. Sie verstehen jetzt aber sicher, warum ich gehen mußte, und warum ich auch hier nicht bleiben kann. Nach dem, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, werden Sie bestimmt auch nichts mehr mit mir zu tun haben wollen.«
Während Erna gesprochen hatte, hatte sie nicht auf Frau Martha geachtet, sondern wieder vor sich nieder auf ihren Schoß geblickt. Darum bemerkte sie die Änderung in Frau Marthas Verhalten nicht. Als sie sie jetzt ansah, fiel ihr aber die Veränderung in ihrem Gesichtsausdruck auf und sie fragte:
»Ist Ihnen nicht gut? Sie sehen so elend aus. Sicher habe ich Sie mit meiner Geschichte gelangweilt.«
Doch Frau Martha, die in der Zwischenzeit einen Entschluß gefaßt hatte, wehrte ab: »Ich fühle mich schon wieder besser. Sorgen Sie sich nicht um mich. Es ist nur wegen… doch das will ich Ihnen später erzählen. Jetzt habe ich zuerst einen Vorschlag und zugleich eine Bitte an Sie: Könnten Sie sich vorstellen, für eine Weile hier zu bleiben? Bringen Sie wieder ein bißchen Sonne in mein Haus. Sie würden mir mit Ihrem Bleiben eine große Freude bereiten.«
»Aber ich würde Ihnen doch sicher nur zur Last fallen. Das möchte ich nicht.«
»Der Gedanke ehrt Sie, aber wir werden Ihretwegen keine Not auszustehen haben. Es ist… Bertha und ich leben hier schon seit einiger Zeit ganz allein. Bertha ist nicht mehr die Jüngste und – sagen Sie es ihr bitte nicht – schafft unseren großen Haushalt nicht mehr allein. Sie sehen, daß meine Bitte also nicht ganz uneigennützig ist.«
Sie zwinkerte ihr dabei zu und versuchte so, sie zu einer Entscheidung zu ermutigen. Dennoch zögerte Erna eine Weile mit der Antwort. Dann ergriff sie aber die Hände der Frau, die ihr dieses Angebot gemacht hatte, und sagte:
»Danke, Frau Eschlinger, von ganzem Herzen danke! Unter dieser Bedingung bleibe ich sehr gern hier. Ich will mich gewiß auch nützlich machen und Ihnen keine Last sein!«
Zustimmung verwalten
Wir entschuldigen uns für diese lästige Schranke, sind aber gesetzlich verpflichtet, sie Dir anzuzeigen. Wenn Du zustimmst, können wir Daten wie das Surfverhalten oder eindeutige IDs auf dieser Website verarbeiten. Wenn Du Deine Zustimmung nicht erteilst oder zurückziehst, können bestimmte Merkmale und Funktionen beeinträchtigt werden, beispielsweise der Webshop oder das Benutzerlogin.
Funktional
Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.