Vögelchor

Wenn ich mir das vielfältige Gegurre draußen so anhöre, wünschte ich mir, es wären keine Tauben, sondern Stumme.

Wenn ich mir das vielfältige Gegurre draußen so anhöre, wünschte ich mir, es wären keine Tauben, sondern Stumme.

… dann stellt man sich dabei etwas wunderschönes vor. Ist es ja auch, solange es sich bei den fleißigen Sängern um Amseln und Nachtigallen handelt. Die können im Frühsommer morgens um vier den baldigen Sonnenaufgang begrüßen. Ich drehe mich auf die andere Seite, lächle und baue den Gesang in meine Träume ein.
Leider sind die Amseln seit einigen Wochen verstummt. Statt ihrer krächzen jetzt Krähen und Elstern. Wenn erstere morgens in Schwärmen gen Bürgerpark ziehen, erweckt ihr Klangteppich in mir die Vorstellung, daß ihnen die apokalyptischen Reiter auf dem Fuß folgen. Tun sie zum Glück nicht, wobei, wenn ich später die Nachrichten höre, bin ich geneigt zu glauben, daß die anderswo bereits genügend zu tun haben.
Noch später im Jahr mischt sich ein zartes gu-guu-guu, gu-guu in meine Träume. Meist wird es sofort beantwortet.
gu-guu-guu, gu-guu
gu-guu-guu, gu-guu
gu-guu-guu, gu-guu
gu-guu-guu, gu-guu.
In der Hoffnung, daß es bald ein Ende hat, zähle ich im Halbschlaf die Motive mit, die zusammen eine Strophe ergeben. Unglücklicherweise endet jede einzelne Taube nicht mit einem gu-guu, sondern hängt noch ein kurz abgehacktes gu’ hintenan, ehe sie verstummt. Nach längerem Hinhören und schon halb wach fällt mir auf, daß das allererste Motiv jeder Taube unvollständig ist. Das erste gu fehlt, so daß die Strophe letztlich nicht wie oben geschrieben lautet, sondern
guu-guu gu-guu gu’
guu-guu gu-guu gu’
guu-guu gu-guu gu’
guu-guu gu-guu gu’.
Würden alle brav nacheinander gurren und hätten alle Tauben die selbe Tonlage, wäre auch das erträglich. Leider tun sie das nicht und unglücklicherweise liegen auch die einzelnen Stimmlagen gern eine große oder kleine Sekunde auseinander. Eine – vermutlich der Sporan – liegt sogar einen Tritonus über einer der anderen Stimmen.
Für jeden, der auch nur ein bißchen musikalisch ist, ist dieses Clustersingen schwer auszuhalten. Die Krönung ist eine Taube, die nicht in der Lage ist, ihren Ton zu halten. Auch sie mischt ihr Liebeslied unter den Gesang der anderen. Das Klangbild der Population der hier in meinem Stadtteil ansässigen Findorffer Masttaube ähnelt also eher einer Kakophonie.

In diesem Jahr habe ich gelernt, daß Evolution auch im Sozialverhalten stattfindet. Der Taubenbestand im Stadtteil hat sich in zwei sprachliche Subpopulationen aufgespalten. Die zweite bereichert das klassische guu-guu gu-guu gu’ mit einer frischen Synkope.
guu-guu dum-ti-guu gu’
guu-guu dum-ti-guu gu’
guu-guu dum-ti-guu gu’
guu-guu dum-ti-guu gu’.
Seitdem ist mein Nachtschlaf bei offenem Fenster sehr unruhig geworden und ich freue mich geradezu auf den Winter.

Heute morgen wurde ich beim Spaziergang mit den Hunden Zeuge eines Konzerts der besonderen Art. Am Torfhafen saßen auf benachbarten Bäumen drei Täuberiche, die in gemeinsamem Rhythmus gurrten. Auf anderen Bäumen saßen ihre Kolleginnen und lauschten dem Konzert gebannt.
Eine Taube gurrte etwas tiefer, ähnlich wie ein Käuzchen. Vermutlich handelte es sich um den Tenor oder Baß. Ein weiteres Exemplar versuchte hörbar angestrengt und mit leicht schwankender Stimme, in einer höheren Tonlage zu gurren. In einem gemischten Chor wäre das wohl der Sopran.
Dies Arrangement erinnerte mich ein wenig an die Sänger, die am Vortag in der Saint Georges Chapel auf der Begräbnisfeier für Prinz Philip gesungen haben. Gut, jene haben ein wenig mehr brilliert. Die drei Tauben waren aber ebenfalls in der Lage, ihren Ton zu halten und unabhängig voneinander und dennoch im Chor zu gurren.
Ich fand, daß eine vierte Stimme fehlte und habe die Tonlage des Käuzchens verstärkt. Ja, ich kann so tief pfeifen und ich treffe auch durchaus meine Töne.
Eine der Zuhörertauben wußte meine Bemühungen zu würdigen, denn sie kam gleich angeflattert, saß auf dem Baum über mir und sah interessiert zu mir herunter.
Nach kurzer Zeit war das Musikstück beendet. Der Taubenchor verstummte synchron. Nur der Sopran sang allein noch eine Runde weiter, ging dabei aber seiner Tonsicherheit verlustig und klang zunehmend hysterisch. Schließlich erhob sich die musikalische Schar und zog mit großem Geflatter ihrer Wege. Danach wurde es wieder still und wir hörten nur das Geräusch der Autos auf der benachbarten Straße.
Zum Schluß erfuhr ich, wie Tauben applaudieren: Das Exemplar über mir machte nämlich ihr Geschäft, ehe sie mit den anderen weiterflog. Glücklicherweise verfehlte sie mich knapp.
Jetzt weiß ich, was eine Kakophonie ist.
Diese Spezies aus der Familie der Tauben hat sich unter stets guter Fütterung zu einer eigenen Unterart entwickelt. Der Rumpf ist sehr kräftig bei kleinem Kopf. Das Gefieder zeigt ein stumpfes Graublau, das auf Großstadtdächern eine ausgezeichnete Tarnung ermöglicht. Ihr Gewicht liegt deutlich höher als das ihrer Artgenossen und entspricht in etwa einem fetten Suppenhuhn.
Den Nestbau haben sie aus Gewichtsgründen in tiefere Gefilde verlegt, etwa auf starke Äste und in Nischen an Häusern. Dennoch überschätzen sie gelegentlich die Tragfähigkeit des Untergrundes. So kommt es während der Brutzeit häufiger zu Bruch von großen Ästen, der oft fälschlicherweise Sturmböen angelastet wird.
Wie die Hummeln sind sie aus physikalischen Gründen eigentlich nicht flugfähig, schaffen es aber dennoch, sich bei Gefahr irgendwie in die Lüfte zu erheben. Die Findorffer Masttaube ist ein Allesfresser und bei der Nahrungsaufnahme eher wahllos. Auch Erbrochenes verschmäht das possierliche Tierchen nicht. Die Nahrung verschluckt sie unzerkaut und schreckt dabei auch vor ganzen Brötchen nicht zurück.
Die Balz ist kurz und für das Weibchen schmerzhaft, weil das Männchen einfach aus dem Fluge auf ihr landet und sie so fest an den Boden preßt, daß sie sich der Paarung nicht entziehen kann. Das Gelege besteht aus ein bis zwei Eiern, die als Anpassung an das Gewicht der brütenden Muttertaube mit einer besonders dicken und belastbaren Schale ausgestattet sind. Man hat sogar schon einzelne Querstreben in den Eierschalen gefunden. Die Nestlinge wachsen besonders schnell heran, damit sie nicht von den Elterntieren erdrückt werden.
Das Photo zeigt ein Exemplar dieser Art beim Sondieren einer Fütterungsstelle. Unmittelbar nach der Aufnahme brach das Holzgitter entzwei. Die Taube versuchte danach noch, auf dem Dach des Futterhäuschens zu landen, riß im Anflug aber die gesamte Konstruktion zu Boden.
Wie ihr domestizierter Vetter, die Brieftaube, ist sie auf menschliche Zuwendung angewiesen und könnte in der freien Natur nicht aus eigener Kraft überleben. Da in deutschen Großstädten aber eine Reihe hauptberuflicher Taubenflüsterer unterwegs sind, gilt ihr Bestand als nicht gefährdet.